Helmuth Plessner über das Lächeln in seiner Philosophischen Anthropologie: „Durch seine Distanziertheit gewinnt das Lächeln Bedeutung als Mittel und Ausdruck der Kommunikation. Man gibt sich lächelnd zu verste­hen: gemeinsames Wissen um etwas, Gemeinsamkeit überhaupt, auch in der Form des Getrenntseins wie Triumph und Niederlage, Überle­genheit, Verlegenheit, Demut. Das Lächeln reagiert auf die Situation und bestätigt zugleich sich selbst und dem anderen, dass man die Situa­tion begreift und insofern ihre Bindung wieder gelockert hat.“

Das Lächeln

Von Helmuth Plessner

An Vieldeutigkeit alle anderen mimischen Bewegungen des Men­schen übertreffend, scheint das Lächeln seine Ausnahmestellung dar­in zu haben, daß eine Verbindung zwischen Ausdrucksform und Anlaß, die für die Gebärden starker Affekte und für Lachen und Weinen gilt, bei ihm nicht nachweisbar ist. Angenommen, diese Feststellung bewahrheitet sich, ließe sich der Mangel geradezu als ein Vorzug auf­fassen, da dem Menschen im Lächeln ein Ausdruck zu Gebote stün­de, der zu den verschiedensten und selbst gegensätzlichen Regungen seines Inneren paßt. Auf den ersten Blick ist es so. Die Situationen, die Stimmungen, in denen Lächeln auftritt, haben nichts miteinander gemein. Das erste Lächeln des Säuglings und das letzte Lächeln nach dem Todeskampf scheinen die Ausdrucksbewegung sogar dem sinn­gebenden Bewußtsein zu entziehen und an die Grenzen bewußten Lebens zu verweisen. Zugleich spiegelt es in unzählbaren Brechungen und Nuancen die Zustände und Haltungen menschlichen Daseins. Die Klugheit lächelt und die Dummheit, der Stolz und die Beschei­denheit, die Überlegenheit und die Verlegenheit. Wir kennen das freundliche, das abweisende und das zurückhaltende, das spottende und mitleidige, das verzeihende und das verachtende Lächeln. Es kann Überraschung, Einsicht und Wiedererkennen, Unverständnis und Einverständnis, sinnliches Behagen, Zufriedenheit, aber auch Leid und Bitterkeit ausdrücken. Sieg und Niederlage empfangen glei­chermaßen sein Siegel. Das umeinander Wissen der Auguren und die verhaltene Tiefe des Buddha, die stereotype Maske archaischer Figu­ren, die Rätselhaftigkeit der Gioconda, die süße Erlöstheit der Inconnue de la Seine, die Skepsis des alten Voltaire und der Weitblick des alten Rembrandt haben aus diesem seltsamen Lichte ihr unverwech­selbares Leuchten.

I

Was ist sein Wesen? Um beim Eindruck zu bleiben, zweifellos eine Erheiterung und Auflichtung des Gesichts, eine Auflockerung, die freundlichen Anblick und Gelöstheit mit sich bringt. Die Erfahrung der Porträtisten und Photographen hat daraus ihren Nutzen gezogen. Allzuleicht scheint nämlich das ausdruckslose Gesicht, wird es im Bil­de festgehalten, den Eindruck der Gespanntheit zu machen, die erst im freundlichen Lächeln zur Entspanntheit sich befreit. Die leichte Ver­tiefung der Falten um Augen und Mund bringt mit der Verstärkung des Reliefs, der Lichter und Schatten, eine Verdeutlichung und Verleben­digung der Züge ins Bild, eine größere Wärme und Nähe, welche das nie ganz ruhende Mienenspiel im täglichen Leben nur in seltenen Fäl­len entbehrt. Zu dieser Erfahrung paßt eine mehrfach geäußerte, wie­wohl bisher noch unbewiesene und wohl auch sehr schwer korrekt beweisbare Vermutung der Physiologen: daß nämlich das Lächeln, ab­gesehen von den in ihm sich auslebenden Ausdruckstendenzen, die »leichteste« mimische Bewegungsform darstellt, in die das Gesicht »von selbst« übergeht, wenn die gewöhnlichen Hemmungen wegfal­len. Es ließe sich denken, daß die durchschnittliche Gespanntheit der mimischen Muskulaturen im Widerschein der Affekte und der Fixie­rung an die wechselnden Verrichtungen des täglichen Lebens nur einer Enthemmung bedarf, um in Lächeln und nicht, wie man erwarten soll­te, in Ausdruckslosigkeit überzugehen. Das Lächeln beim Säugling und nach beendetem Todeskampf könnte diese Theorie bestätigen.

Wie immer es sich damit verhalten mag, so ist es gewiß im Wesen des Eindrucks, den das Lächeln auf den Lächelnden und seine Umwelt macht, und seiner leichten Hervorrufbarkeit begründet, daß die Zivilisierung des Umgangs sich gerade dieser vieldeutigen Gebärde bedient. Sie liegt in der gemäßigten Zone zwischenmenschlicher Temperatur. Verbindlich-unverbindlich hält sie höflichen Abstand zur eigenen Re­gung und zum anderen, durch den sie geweckt ist und an den sie sich wendet. Die Auflichtung teilt sich dem anderen mit und wird ihm mit­geteilt, ohne ihn direkt auf eine Reaktion festzulegen. Ob stilisierte Geste oder unwillkürlicher Ausdruck, meidet das Lächeln die Extreme der affektgeladenen Grimasse und der explosiven Katastrophenreak­tion des Lachens und Weinens. In den Zügen des Schreckens, der Angst, der Wut, der Gier, des Hasses und der Freude malen sich die Erregungen unverkennbar. In den Explosionen des Lachens und Wei­nens malt sich zwar nicht die Erregung, aber manifestiert sich der Ver­lust der Selbstbeherrschung als Bruch zwischen der Person und ihrem Körper. So oder so tritt der Erregte seiner Umwelt gegenüber, zwingt sie zum Eingehen auf ihn, zur Abwehr, zu Mitleid und Mitfreude, zum Mitlachen und Mitweinen. Die malende Gebärde des Affekts, die ex­plosiven Reaktionen des Lachens und Weinens schaffen für das Mitein­andersein eine unausweichliche Lage, wie sie für gewöhnlich solcher Lage entstammen und auf sie antworten. Ein Witz, eine Beleidigung, Streit und Zank, Konflikte, Zwischenfälle, Unfälle, außergewöhnliche Begegnungen rufen derartige Lagen hervor.

Sicher ist das Lächeln von beiden Ausdrucksformen unterschieden. Ihm fehlt die Explosivität. Es ist lautlos und gedämpft, ein Ausdruck im Diminutiv. Ihm fehlt gewiß auch die grobe Affektladung. In seiner Gebärde kann eine starke Erregung nicht ausgedrückt werden. Aber man muß sich hüten, daraus den Schluß zu ziehen, daß Lächeln die Ausdrucksform nur schwacher Erregungen sein könnte. Mit dem Klagesschen Begriff der Antriebsform der Gefühle läßt sich die Schwierigkeit beheben. Das Gefühl der Seligkeit, der seligen Entrücktheit z. B., kann uns völlig ausfüllen, doch bleibt seine Antriebsform schwach, genauer gesagt, es besitzt keine oder nur wenig ausgeprägt motorische Impulswerte. Eine jähe Freude dagegen will uns »zerspringen« lassen, wir springen, tanzen, jubeln; ihr motorischer Impulswert ist groß. Die Intensität eines Gefühls variiert unabhängig von seiner Antriebsform. Ein schwaches Gefühl kann eine starke, d. h. ausgesprochene, ein star­kes Gefühl eine schwache, unausgesprochene Antriebsform haben. Der Satz, daß dem Lächeln die grobe Affekthandlung fehlt, bedarf mithin einer zusätzlichen Erläuterung. Lächeln kann kein Ausdruck von Affekten mit ausgesprochener Antriebsform sein. Die Gedämpftheit der Ausdrucksform sagt also nichts über die Stärke oder Ausgesprochenheit der sich in ihr manifestierenden Erregung. Es gibt auch hier eine Angleichung der Gebärde an das Gefühl oder, umfassende! gesagt, an die seelische Bewegung. Die Zartheit, der diminutivische Charakter des Lächelns korrespondiert mit der Zartheit der Empfindung, Stimmung, Erregung oder wie immer man den jeweiligen Zu­stand des Erlebens glaubt benennen zu müssen. Ein triumphierendes, ein seliges, ein friedliches Lächeln ist seinem Gefühl nicht weniger adä­quat als ein süffisant-maliziöses, ein ironisches, ein bitteres Lächeln. Über die Größe, Stärke, Fülle und Echtheit des Gefühls ist damit nichts gesagt. Es braucht nicht darum schwächer, kleiner, oberfläch­licher oder gar unecht zu sein, weil es sich in zarten Gebärden äußert. Es kann in reinster und kräftigster Entfaltung lebendig sein und erfüllt sich doch in dieser und keiner anderen Ausdrucksform.

Wir nannten sie lautlos und gedämpft, einen Ausdruck im Diminutiv. Dieses Wort ist gefährlich, da es der Suggestion nachzugeben scheint, die von den Bezeichnungen des Lächelns in einigen Sprachen ausgeht. Lächeln, sourire (subridere), glimlachen benennen es vom Lachen her, als ob es seine anklingende Anfangsform oder seine verkleinerte An­deutung wäre, und auch da, wo das Lächeln einen Namen mit eigener Stammform hat (z. B. smile), gehen die Bezeichnungen für Lachen und Lächeln ineinander über. Natürlich ist das nicht aus der Luft gegriffen. Sehr oft entwickelt sich das Lachen aus einem Lächeln oder klingt dar­in aus. Oft begnügt man sich mit einem Lächeln, wo ein Lachen am Platz wäre. Ein alter, ein fader Witz, billige Komik können uns mehr nicht entlocken. Aber auch die Gebärden selbst, abgesehen davon, daß die eine als Anfangs- oder Endphase der anderen auftritt, haben Ge­meinsamkeiten, weshalb es nicht auffällt, wenn ein Lächeln das Lachen vertritt oder (wie man dann sagt) sich nicht zum Lachen entfaltet. Der Funke glimmt, solange als er nicht zur vollen Flamme entfacht ist. Lächeln kann Anfangs- und Endphase des Lachens sein, es kann auch Lachen ver­treten. Eine Vertretung in umgekehrte Richtung freilich ist unmöglich, und diese Unumkehrbarkeit läßt sich wiederum am ein­fachsten durch die Auffassung des Lächelns als eines verkürzten, verkleinerten, keimhaften Lachens begreifen. Das Entwickelte, Aus­führliche, Große kann nun einmal das Unentwickelte, Skizzenhafte, Kleinere nicht vertreten oder andeuten. Nur etwas, das noch Raum und Durchblick läßt, vermag dies von sich aus und bietet sich von selbst als Ersatz an. So verhält sich denn das Lächeln zum Lachen wie das Liebeln zum Lieben: es hat etwas davon, es tut so als ob, es ist seine Vollform in der Verkürzung und Andeutung.

Die flüchtige Ähnlichkeit der Gebärde genügt der Sprache jedenfalls, an dieser Analogie und – sit venia verbo – mikrologischen Deutung des Lächelns festzuhalten. In Wirklichkeit verhält es sich anders. Wir können unerörtert lassen (was tatsächlich auch noch nicht untersucht ist), ob Lächeln ein stets wiederkehrendes Anfangsstadium des Lachens sein muß. Schwerer als diese mimische Frage wiegt die Einsicht, daß Lächeln von sich aus nicht zum Lachen hinstrebt. Es tritt oft (aber keineswegs immer) an seine Stelle, es wechselt auch wohl mit ihm ab, aber es hat sein eigenes unverwechselbares Wesen, seine spezifische Angemessenheit, es ist eine Ausdrucksform sui generis. Zur Malice, zur Ironie, zum Humor, vor allem wenn er sich verschmitzt gibt, paßt allenfalls ein sehr zurückhaltendes Lachen, besser die Lautlosigkeit des Lächelns. Für andere Regungen wie Mitleid, Melancholie, Verzei­hung, Scham, Einverständnis, Güte wäre Lachen nicht weniger deplaciert. Hier zeigt sich manchmal eine merkwürdige Diskrepanz zwischen Feingefühl und Nuancierungsvermögen der Mimik. Zarter besaitete Naturen, Menschen von größerer Distinktion (es sind nicht immer Leute von reicherem Wissen oder, sofern es das noch gibt, guter Erziehung) werden in entsprechenden Lagen eher lächeln als lachen. Scharfe Grenzen bestehen jedoch nur für die sublimen Regungen der Entrücktheit, der Abgeschiedenheit, der Verschwiegenheit und Verinnerlichung und weiterhin überall da, wo der Akzent auf das Sublime, Zarte und Feine der Regung fallen soll. Es gibt ein gutmütiges Lachen und ein gutmütiges Lächeln. Soweit sie Gebärden der Gutmütigkeit sein wollen, unterscheidet sich das Hoho des Ersten nicht von dem andeutenden Schweigen des Zweiten. Aber dieses »sagt« mehr. Es wahrt Abstand im Ausdruck zum Ausdruck.

Mit dem echten Lachen hat das Lächeln, von gewissen Äußerlichkeiten vielleicht abgesehen, nichts zu tun. Aber mit der Geste des Lachens steht es anders. Sie ist auch mit der explosiven Reaktion auf Komik und Witz nicht zu verwechseln. Als Geste bleibt sie der Verfügungsgewalt des Einzelnen unterworfen, der sich mit ihr der gesellschaftlichen Konvention anpaßt. Sie kann das Lächeln ebensogut ersetzen wie das Lächeln umgekehrt die Geste des Lachens, gewiß nicht überall und nur innerhalb der eben erwähnten Grenzen; aber der Stil spielt hier sicher eine erhebliche Rolle. Das maskenhafte Lächeln des Asiaten und das burschikose »Lachen« des Yankees, so verschieden sie auch sind, schaffen ein bestimmtes gesellschaftliches Klima. Daß sie es schaffen können, beruht jedoch auf der Erkenntnis von der weitgehenden (wenn auch nicht durchgängigen) Ersetzbarkeit des Lächelns durch du Geste des Lachens, welche die Distanziertheit des Lächelns, den Um­stand, daß es im Ausdruck zum Ausdruck Abstand wahrt, nachdrück­lich bestätigt. »An sich« ist Lächeln keine künstliche Geste, sondern eine natürliche Gebärde, zu bestimmten Regungen passend. Aber von gewissen Grenzfällen abgesehen, läßt sich die natürliche Ausdrucksge­bärde durch die künstliche Geste des freundlich jovialen, des fröh­lichen usw. »Lachens« ersetzen. Diese Ersetzbarkeit ist im ganzen Umkreis der mimischen Ausdrucksbewegung sonst unbekannt. Sie weist auf den eigentümlichen Charakter des Lächelns, den wir seine Distanziertheit, Verschwiegenheit, Verhaltenheit nannten: daß es im Ausdruck zum Ausdruck Abstand wahrt.

II

Nichts spricht deutlicher für die Sonderstellung des Lächelns unter den mimischen Aus­drucksformen als die mit seiner Lautlosigkeit, Ge­dämpftheit und Verhaltenheit gegebene Unmöglichkeit, scharf die Grenze anzugeben, in der seine natürliche Gebärde in andeutende Geste, die verhüllende Maske übergeht. Die leichte Auflockerung des Gesichts, in der sich offenbar alle Erregungen mit schwacher, unaus­gesprochener Antriebsform spiegeln, insofern sie dem Erregten das Ge­fühl der Lockerung vermitteln, bietet sich ihm selbst als Spielfeld dar. Sagten wir, daß Lächeln im Ausdruck zum Ausdruck Abstand wahrt, d. h. den Eindruck einer gewissen Distanz hervorruft, so erlebt das der Lächelnde selbst als »ein Verhältnis zu« seinem Ausdruck, zu seinem Gesicht. In den Affekten mit starker Antriebsform und in den explosi­ven Reaktionen des Lachens und Weinens sind wir ganz hingenommen und gehen unmittelbar im Ausdruck auf, allenfalls mit Anspannung darauf bedacht, uns nichts anmerken zu lassen und uns nicht bloßzu­stellen. Ist dagegen bei eventuell starker und ausgesprochener Regung die Antriebsform schwach, dann merken wir die sich ergebende, die sich von selbst einstellende Lockerung als ein spielendes Geschehen, dem wir auf alle möglichen Weisen übertreibend oder dämpfend, aber stets andeutend und zu verstehen gebend nachhelfen. Warum? Weil wir die Unausgesprochenheit der mimischen Motorik, die zur Schwäche der Antriebsform paßt, als inadäquat zur Qualität und Intensität der Regung selbst erleben. Lächeln entfaltet somit ein symbolisches Mie­nenspiel, das mit seinem Ausdruck spielt.

Erstes Ergebnis: ein Reichtum an motorischen Nuancen, die zu einer unübersehbaren Vielfalt von Regungen passen bzw. an sie angepaßt werden. Zweites Ergebnis: im Ausdruck ist die Grenze zwischen na­türlicher Gebärde und andeutender Geste fließend. Natur wird – Kunst. Die spontane Symbolik des Leibes wird zur Allegorie.

In den Grimassen der Affekte mit starker Antriebsform wie Angst, Schrecken, Gier, Wut, Haß, jähe Freude malt »sich« die Erregung ab. In den Explosionen des Lachens und Weinens malt sich zwar nicht die auslösende Erregung, wohl aber der Bruch zwischen Leib und Person im Verlust ihrer Selbstbeherrschung. Im Lächeln schließlich malen wir unsere Regung, geben ihr Ausdruck im Spielfeld des Gesichts. Dies erklärt zugleich die Ungenauigkeit des Begriffs, der die unwill­kürliche Aufheiterung der Freundlichkeit, Sympathie, Zufriedenheit und des Behagens ebenso deckt wie die Gebärde des Spotts, der Süffi­sance, der Verachtung, der Schamhaftigkeit oder der Verlegenheit, die, jede für sich, ihre Ersatzform in einer entsprechend getönten Ge­ste des Lachens haben kann oder in ursprünglich sich einstellender Form in abgewandelter Mimik die Lockerung hindurchscheinen läßt.

Sein Spiel mit den Mienen der Lockerung bedient sich deshalb häufig der Asymmetrie, in der nicht nur der auflockernde, leichte, unbe­schwerte und schwebende Charakter der Regung, der Abstand des Er­regten zu sich und der Umwelt, sondern oft auch die Ambivalenz und Vieldeutigkeit der Sache, das Schiefe, Riskante einer Situation ange­deutet werden soll. Die »Sprache« der Mundwinkel, Augenbrauen, Lider geht sehr gern in diese Richtung; vom einseitig zugekniffenen Auge nicht zu reden. Sie gehört, streng genommen, nicht mehr zur Mimik des Lächelns als einfacher Aufhellung des Gesichts, schließt sich jedoch zum Zweck der Nuancierung des Ausdrucks häufig daran an, übertreibend oder dämpfend, stets ins Bedeuten hebend, den ande­ren zugewandt, doch nicht weniger: sich selbst.

Durch seine Distanziertheit gewinnt das Lächeln Bedeutung als Mittel und Ausdruck der Kommunikation. Man gibt sich lächelnd zu verste­hen: gemeinsames Wissen um etwas, Gemeinsamkeit überhaupt, auch in der Form des Getrenntseins wie Triumph und Niederlage, Überle­genheit, Verlegenheit, Demut. Das Lächeln reagiert auf die Situation und bestätigt zugleich sich selbst und dem anderen, daß man die Situa­tion begreift und insofern ihre Bindung wieder gelockert hat. Es wird durch Lagen ausgelöst, aber es bezieht sich zugleich auf sie, es akzen­tuiert sie, doch gedämpft. Dabei bleibt es den Beteiligten und der Nu­ancierung überlassen, ob die Dämpfung einen mildernden oder ver­schärfenden Sinn hat. Ein Zucken um die Mundwinkel kann verletzen, ein breites Haha und Hoho versöhnen. Als Reaktion auf und Zeichen von Begreifen und Nichtbegreifen irgendeiner Sache, als Symbol des Ich hab’s oder des Ich hab’s nicht bekundet das Lächeln nicht weniger die Begegnung mit einer Situation, als es entsprechende Ausdrucksfor­men der Scham, Bescheidenheit, Unschuld, des Erstaunens und der Verblüffung, des Wiedererkennens und des Zweifels usw. vermögen. Natürlich braucht die Gebärde nicht immer etwas zu besagen. Das irre und blöde Lächeln beruht vielleicht auf rein physiologischen Mecha­nismen, die nur noch einen ungewollten Ausdruckssinn mit sich füh­ren. Das Spiel der Gelöstheit auf dem Gesicht des Säuglings, der Adel friedlicher Heiterkeit in den Zügen des Toten sind ebensowenig ge­wollt. Doch künden sie.

Sein allegorischer Charakter, d. h. seine bewußte Symbolik und Fähig­keit, die natürliche Gebärde zur Gebärdensprache und Geste spielend zu verwenden, gibt dem Lächeln die Funktion beredten Schweigens. Es hat damit den gleichen Hintergrund wie die Sprache, es gibt zu verstehen, besagt und bedeutet, wiewohl in verhaltener, verhüllter, unausgesprochener Form. Darum kann es ebensogut nichtssagend und leer wie vielsagend und schließlich unerschöpflich, unergründlich sein und mehr ausdrücken, als alle Worte sagen können. Die Vieldeutigkeit des Schweigens und des Lächelns sind einander verwandt, äquivalent und im strengen Sinne äquivok. Unterbricht das Schweigen den Strom der Rede, um ihn unterirdisch weitergehen zu lassen oder abzubrechen und mit der Stille das Gesagte zu begrenzen, zu vertiefen, ins Unsagba­re zu heben oder ausklingen zu lassen, setzt es ihm, gleich der Pause im Spiel der Töne, Lichter auf, so leistet das Lächeln dasselbe. Es kündet auf seine Weise schweigend das Schweigen, das verbergende und behü­tende ebenso wie das gelöste, das allen Besitz und alles Wissen hinter sich gelassen und die Welt überwunden hat. Aber sein Künden bedarf nicht mehr einer Umwelt, an die es gerichtet ist. Auch das Lächeln der Andacht, Entrücktheit, Verzücktheit, Erlöstheit gibt nichts mehr »zu verstehen«. Es ist weltabgewandt, bedeutet nicht mehr, sondern läßt wie die lächelnden Gebärden einfacher Zustände die Lockerung aus­klingen. Nur seine Luzidität verrät seine Höhe, den Adel der Mensch­heit.

III

Die verwirrende Vieldeutigkeit des Lächelns, sein Auftreten bei Anläs­sen, die nichts miteinander gemeinsam haben, seine unübersehbare Mannigfaltigkeit in affektiver Tönung verleiht ihm eine Sonderstellung im Gebiet mimischen Ausdrucks. Wußte die Wissenschaft bisher kei­nen Rat mit ihr, zu einseitig festhaltend an dem schon durch die sprachliche Bezeichnung suggerierten Gedanken, Lächeln sei ein La­chen im Kleinen oder in statu nascendi, auch wohl durch Lachen in gewissen Grenzen ersetzbar, daher im Annex zu ihm zu studieren und gesonderter Behandlung nicht wert, so belehrt uns genauere Analyse doch eines Besseren. Lächeln ist eine Ausdrucksform sui generis, pas­send für und anzupassen an Regungen der verschie­densten Art und Stärke, doch schwach ausgeprägter Antriebsform. Als Gebärde der Auflockerung bei entsprechenden Anlässen von selber sich einstel­lend, bietet es Möglichkeiten, mit ihr zu spielen, zumal wenn das Mißverhältnis zwischen der Ausgesprochenheit von Art und Stär­ke der Regung und der Unausgesprochenheit ihrer Antriebsform dazu an­reizt, der Gebärde nachzuhelfen. So entfaltet sich Lächeln in vielen Lagen, will es etwas andeuten und zu verstehen geben, die flüchtige Regung festhalten oder von sich absetzen, zu einem bewußt symboli­schen Mienenspiel – mit seiner eigenen Gebärde. Unmerklich gleitet der Ausdruck aus natürlicher Gebärde in die gewollt bedeutende Geste und wandelt sich die spontane Symbolik zur sublimen Allegorie des beherrschten Leibes.

Nennen wir daher das Lächeln die Mimik des Geistes, so bedarf dieses Wort zugleich der Einschränkung und der Erweiterung. Nahe liegt es nämlich, um allein das Spiel mit der natürlichen Symbolik der Auflockerung als geistige, geistreiche Gebärde zu bezeichnen, die spontanen Formen aber des Behagens, der Freundlichkeit und Erheiterung, sowie die nicht weniger spontanen Gebärden der Seligkeit, Entrückung, An­dacht und des Friedens davon auszunehmen. Oder aber auf den Inhalt der Gebärde zu achten und dann die erst genannten Spontanformen als Äußerungen bloßer Stimmungen und vitaler Zustände davon auszu­schließen. Beide Auffassungen sind zu eng, da sie entweder nur den Charakter der Geste (die »Geist« in sich trägt) oder gewisse geistige Inhalte im Auge haben. Umgekehrt: weil Lächeln als natürliche Ge­bärde bereits im Ausdruck zum Ausdruck Abstand wahrt, drückt es die Distanziertheit des Menschen zu sich und seiner Umwelt aus, die wir seine Geistigkeit nennen, kraft deren er sich einer geistigen Welt verbunden weiß. Weil Lächeln eine Lockerung verrät, deren das Tier durch seinen Mangel an Distanz zum eigenen Leib und dem ihm ent­sprechenden Umfeld nicht teilhaftig werden kann, hat es für den Lä­chelnden jenen spielerischen Zug, der zum Spiel mit ihm, zum Mie­nenspiel verlockt; wird es zum Bedeutungsträger par excellence, zum Spiegel nicht nur sehr vieler und nuancierter Gefühle, sondern gerade zu der menschlichen Position. Wir meinen hiermit gewiß nicht, daß jedes Lächeln »im Grunde« ein Lächeln über sich selbst sei. Von dieser Überschätzung des Humors und der Ironie sind wir weit entfernt. Aber seine Reaktionsfähigkeit auf Regungen, deren Antriebsschwäche in keinem Verhältnis zu ihrer Art und Stärke steht, beweist, daß in jedem Lächeln, unabhängig von seiner Transponierung in die Geste oder Maske, abgesehen auch von dem Inhalt, den es hat, jene spezifi­sche Distanz zum Vorschein kommt, welche allen menschlichen Mo­nopolen, nicht zuletzt der Sprache, zugrunde liegt.

Lächeln ist Mimik des Geistes. Wir können auch sagen: Mimik der menschlichen Position. Wie aber steht es dann mit Lachen und Wei­nen? Steht das Urteil nicht in Widerspruch zu unserer eigenen These, daß Lachen und Weinen Monopole des Menschen sind, Ausdrucks­weisen seiner exzentrischen Position? Zunächst sind beide überhaupt keine mimischen Gebärden, sondern Katastrophenreaktionen an Grenzen menschlichen Verhaltens. Als Ausbrüche ziehen sie auch die Mimik in Mitleidenschaft, jedoch durch Verlust unserer Selbstbeherr­schung und damit auch unserer Herrschaft über den eigenen Körper. Dieser Verlust trifft den Menschen in Situationen, auf die er keine Ant­wort weiß, da sie durch ihre Mehrdeutigkeit oder Unvermitteltheit zugleich an sein Verständnis appellieren und ihn der Mittel berauben, ihrer Herr zu werden. Ein Wesen ohne Verständnis, ein ungeistiges Wesen könnte demnach seiner Inkongruenz mit der Situation nicht gewahr werden. Nur ein geistiges Wesen vermag auf solches Mißverhältnis entsprechend, d. h. in diesem Falle mit einem Bruch zwischen sich und seinem Leib zu reagieren.

Lachen und Weinen sind unbeherrschte und gebrochene Antworten auf Situationen, welche beherrschte, auf geordnetem Verhältnis der Person zu ihrem Leib beruhende und solches Verhältnis wahrende Antworten unmöglich machen, doch die Person zugleich zur Antwort zwingen. Wenn die Formel erlaubt ist: sinnvolle Fehlreaktionen mit Hilfe eines Bruchs zwischen Mensch und Körper. Die Distanziertheit der menschlichen Person wird als Bruch im Verlust ihrer Selbsbeherrschung sichtbar. Ein physischer Automatismus tritt an die Stelle arti­kulierter, von der Person selbst ausgehender Antworten. Ein Wesen ohne Distanz, ohne Exzentrum kann nicht objektivieren, nicht begrei­fen, kennt weder Sinn noch Unsinn und vermag darum weder zu la­chen noch zu weinen. Es vermag, da es nicht »über sich« steht, auch nicht, »unter sich« zu fallen. Nur wer Selbstbeherrschung besitzt, kann sie verlieren.

In ihrem Verlust wird die Distanziertheit, die Geistigkeit manifest. Ihr explosiver und desastreuser Ausdruck reißt auch die Mimik mit sich, läßt aber der Person gerade keine Freiheit zu ausdrückender Gebärde mehr. Sie ist das katastrophale Ende aller Mimik, wiewohl darin ein Zeugnis menschlicher Distanz und ein Monopol des Menschen. Im Lächeln dagegen bewahrt er seine Distanz zu sich und zur Welt und vermag sie, mit ihr spielend, zu zeigen. Lachend und weinend ist der Mensch das Opfer seines Geistes, lächelnd gibt er ihm Ausdruck.

In seiner lehrreichen Auseinandersetzung mit den Auffassungen Duchennes, Spencers und Dumas’ vom Mechanismus des Lächelns kommt Buytendijk[1], wiewohl am üblichen Gedanken festhaltend, Lä­cheln sei Einleitung des Lachens, Ausdruck der Freude[2], zu dem treff­lichen Satz, seine Paradoxie bestünde in der Spannung einer Muskel­gruppe, welche Spannung als Entspannung einer aktiven Ruhehaltung erlebt werde. Diese bilde zugleich die Vorbedingung für die Entwick­lung einer ausdrucksfähigen Innerlichkeit, somit für die Erscheinung des Lächelns als echter Ausdrucksbewegung. Hiermit ist physiolo­gisch fixiert, was wir Abstand im Ausdruck zum Ausdruck nannten. Sicher trifft auch seine Zeichnung der Genese etwas Richtiges, die erais Entwicklung aus einer puren Reaktion auf ein passiv erlebtes ambiva­lentes Lustgefühl, den Kitzel, zu einem aktiven Lächeln, einem Suchen nach expansivem Gefühl — wir sprechen von Lockerung – sieht. Das Lächeln wird dann Ausdruck einer Vorwegnahme und zugleich Reak­tion auf eine sinnlich bestimmte Empfindung, die sensorische Verle­genheit. Freilich scheint mir die Entfaltung des ausdrücklichen Lä­chelns hier zu stark an ein sinnliches Anfangsstadium gebunden und seiner Emanzipationsfähigkeit zu wenig Rechnung getragen. Selbst wenn das erste Lächeln des Kleinkindes Reaktion auf kitzelnde Reize wäre, brauchte seine weitere Ausbildung zum Ausdruck der Locke­rung nicht an Verlegenheit und strukturell verwandte »Freuden« ge­bunden oder darauf bezogen zu sein. Hier macht sich auch für die Entwicklungspsychologie des Phänomens die einseitige Auffassung als Einleitung des Lachens und als Ausdruck der Freude störend bemerk­bar. Wie für die Genese des Lachens und Weinens hat auch für die Genese des Lächelns der methodische Grundsatz zu gelten, daß man erst den vollentwickelten Ausdruck in seinem vollen Sinn verstanden haben muß, will man seine Keimformen richtig taxieren.

Nur dann wird die Gefahr der Überbestimmung ebenso wie der Un­terbestimmung eines Ausdrucksphänomens vermieden. Das Diffuse in den kindlichen Reaktionen kann erst zum Ansatz eines Studiums ge­macht werden, wenn ihre entwickelten Endstadien bekannt sind, so aufschlußreich auch der erinnernde Rückblick auf ihre Keimformen bleibt. Die Formel: Lächeln ist Ausdruck des Geistes, scheint das Phä­nomen viel zu hoch und einseitig im Hinblick auf gewisse Formen des Lächelns beim Erwachsenen zu nehmen, für die einfachen Freuden des sinnlichen Wohlseins und Behagens und für die entsprechenden Ge­bärden des Kleinkindes dagegen verfehlt. Nimmt man sie freilich in verengter Bedeutung, als Gebärdensprache und Sinnbezüge andeuten­des Gebaren, dann fällt das sinnlich-reaktive und vitale Lächeln aus dem Bereich der Formel. Jedoch auch das »nicht mehr« andeutende und zu verstehen gebende Lächeln des Friedens, des Erlöstseins und der Entrückung, das sich bisweilen auf dem Antlitz der Toten malt, gehört dann nicht mehr dazu.

Wird Lächeln Ausdruck, dann drückt es in jeder Form die Menschlich­keit des Menschen aus. Nicht nur so wie jede Expression bei ihm, auch die ungehemmteste der starken Affekte, noch etwas Menschliches durchscheinen läßt, nicht wie Lachen und Weinen, die als Monopole in spezifischen Formen eines Verlusts seiner Selbstbeherrschung zum Vorschein kommen, sondern in aktiver Ruhehaltung und beherrsch­tem Abstand. Noch in den Modifikationen der Verlegenheit, Scham, Trauer, Bitterkeit, Verzweiflung kündet Lächeln ein Darüberstehen. Das Menschliche des Menschen zeigt sich nicht zufällig in leisen und gehaltenen Gebärden, sein Adel in Lockerung und Spiel; wie eine Ah­nung im Anfang, wie ein Siegel im Ende. Überall, wo es aufscheint, verschönt sein zartes Leuchten, als trage es einer Göttin Kuß auf seiner Stirn.

Quelle: Günther Busch/J. Hellmut Freund (Hrsg.), Gedanke und Gewissen. Essays aus 100 Jahren S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1986, S. 452-464.


[1] Alg. Theorie der menselijke houding en beweging.

[2] Ibid., S. 347f.

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