Dorothee Sölle über Sympathie: „Sympathie bedeutet Mitfühlenkönnen und daher Zustimmung und Zuneigung zum anderen. Ohne Sympathie keine Koinonia (Gemeinschaft). Gerade diese humane Grundlage ist in der selbstverständlichen Nekrophilie, der Todessucht unserer Kultur bedroht. Wenn z. B. ein juri­stischer Begriff der „Sympathisanten“ gebildet werden muß, so erscheint die Sympathie als etwas, das kriminalisiert, wie wir es auch im Schul- und Berufsalltag kennen. Bedroht ist nicht das unverbindliche „Du bist mir sympathisch“, wohl aber die Fähigkeit des Mitempfin­dens, der Anteilhabe überhaupt.“

Sympathie

Von Dorothee Sölle

Sympathie bedeutet im gewöhnlichen Sprachgebrauch die meist nicht klar motivierte Zunei­gung zu jemandem (Gegenteil: Antipathie); im philosophisch-theologischen Sprachgebrauch das Miterleben von Gefühlen anderer, als wären es die eigenen (Gegenteil: Apathie, Gefühl­losigkeit). Die Fähigkeit zum Mit-Fühlen sprengt die Kultur der Apartheid und ihren natürlichen Solipsismus, der Reiche von Armen, Weiße von Farbigen, Männer von Frauen, Gesunde von Behinderten trennt. In der Erfahrung des Mitleidens und Mitfühlens ruft Gott den in sich selbst verschlossenen Menschen (Luthers homo incurvatus in se ipso) heraus aus dem Gefängnis des Ich und bindet ihn und sie ein in die Solidarität aller Kreaturen. Die Fähig­keit zum Mitleiden (sympathés: 1 Petr 3,8) ist das Einfallstor Gottes. „Wie, wenn ein Lamm durch eins der andren leidet, die andren es fühlen (merken), so fühlen es alle Israeliten, wenn einer von ihnen getötet wird, und empfinden Schmerz darüber; aber die Völker der Welt nicht also; sondern wenn einer von ihnen getötet wird, freuen sich alle über seinen Fall.“ So formu­liert das Judentum den Grundgedanken der Sympathie für das Volk Gottes. Der paulinische Satz „Wenn nun ein Glied leidet, so leiden alle mit“ (1 Kor 12,26) setzt dieses Mitgefühl vor­aus. Für die Philosophie der Stoa ist Sympathie der kosmische Zusammenhang aller Dinge. Nach Plotin sind die aus der Weltseele emanierten Seelen durch sympátheia miteinander verbunden. Das Mitbetroffensein eines jeden Teils im Kosmos durch das, was einem anderen Teil widerfährt, ist der phänomenale Grund wahrer, nicht solipsistischer Spiritualität. Als Teile nehmen wir Anteil. Als Glieder sind wir mit-leidend. Als Zusammengehörige sind wir auf den Leib bezogen, der von den Stoikern als ein großer Leib des Kosmos verstanden wur­de, der von Sympátheia zusammengehalten wird. Paulus nimmt dieses Bild auf und bezieht es auf den engeren Kreis der christlichen Gemeinde. Damit arbeitet er das Element des Lei­dens im „sympáschein“ heraus: Christen sind die, die um des Reiches Gottes willen leiden. Als Miterben Christi leiden sie auch mit Christus (Röm 8,16f, vgl. auch Hebr 10,34). Die Situation der Verfolgung der Freunde Jesu durch die Behörden des Imperium Romanum ist in diesem Denken vom Leib Christi her vorausgesetzt.

Sympathie bedeutet Mitfühlenkönnen und daher Zustimmung und Zuneigung zum anderen. Ohne Sympathie keine Koinonia (Gemeinschaft). Gerade diese humane Grundlage ist in der selbstverständlichen Nekrophilie, der Todessucht unserer Kultur bedroht. Wenn z. B. ein juri­stischer Begriff der „Sympathisanten“ gebildet werden muß, so erscheint die Sympathie als etwas, das kriminalisiert, wie wir es auch im Schul- und Berufsalltag kennen. Bedroht ist nicht das unverbindliche „Du bist mir sympathisch“, wohl aber die Fähigkeit des Mitempfin­dens, der Anteilhabe überhaupt. Die Grundsätze des „Misch dich nicht ein, was geht es dich an, man kann doch nichts ändern“ zerstören unsere Spiritualität von Grund auf und sind gera­de in ihrer herrschenden Normalität die brutale Verleugnung der jüdischen, stoischen, christli­chen und humanistischen Vorstellung vom Menschen als eines Wesens der Sympathie. Wenn der Mensch sich zunehmend zum Bild der Maschine geschaffen versteht, dann wird Sympa­thie zur individuellen Ausnahme. Das Geschenk, das die Griechen der Menschheit mit der Wortbildung sym-pathein gemacht haben, wird in der post-humanistischen Kultur alleinleben­der Singles weggeworfen. Leidvermeidung, Leidverdrängung und Mitleidlosigkeit werden zur Norm.

Darum ist die spirituelle Frage an die Gegenwart, wie wir von der selbstverständlich anerzo­genen Apathie zur Sympathie kommen. Die Fähigkeit, mitzuempfinden und mitzuleiden, ist der Beginn der Konversion zu Gott.

LITERATUR: K. Reinhardt, Kosmos und Sympathie (München 1926); M. Scheler, Wesen und Formen der Sympathie (Bonn 1922); D. Sölle, Sympathie. Theologisch-politische Traktate (Stuttgart 1978).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 1244-1246.

Hier der Text als pdf.

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