Blaise Pascal, Die Wette (Pensées): „So ist unsere Darlegung, bei gleicher Chance für Gewinn und Verlust, von unendlicher Überzeugungskraft, wenn Endliches in einem Spiel zu wagen und das Unendliche zu gewinnen ist. – Das ist einleuchtend; und falls Menschen irgendeine Wahrheit einsehen können, diese gehört dazu. – »Zugegeben, das räume ich ein. Aber gibt es weiter kein Mittel, hinter das Spiel zu schauen?« – Doch die Schrift und das Übrige, usw.“

Die Wette

Von Blaise Pascal

Eines der Fragmente aus den posthum edierten Pensées, der Materialsammlung für eine Apologie des Christentums in der Spannung von Vernunftwahrheiten und Christusglaube, ist die Wette.

Unendlich – Nichts. Unsere Seele ist in den Körper gestoßen, wo sie Zahl, Zeit, räumliche Ausdehnungen vorfindet; sie denkt darüber nach und nennt das Natur, Notwendigkeit, und sie kann nichts anderes glauben.

Die Eins, dem Unendlichen hinzugefügt, vermehrt es um nichts, nicht mehr als ein Fuß einen unendlichen Maßstab; das Endliche vernichtet sich in Gegenwart des Unendlichen, es wird ein reines Nichts. So unser Geist vor Gott, so unsere Ge­rechtigkeit vor der göttlichen Gerechtigkeit. Zwischen unserer Gerechtigkeit und der Gottes ist das Mißverhältnis nicht so groß wie zwischen der Eins und dem Unendlichen. Die Gerechtigkeit Gottes muß über alle Maßen groß sein wie seine Barmherzigkeit; nun, die Gerechtigkeit, die den Verdammten wird, ist weniger über alle Maßen groß, und sie sollte uns weniger befremden als die Barmherzig­keit gegen die Erlösten.

Wir wissen, daß es ein Unendliches gibt, aber wir sind unwissend über sein We­sen; da wir etwa wissen, daß es falsch ist, daß die Zahlen endlich sind, ist es folglich wahr, daß es ein Unendliches der Zahl gibt, aber wir wissen nicht, was dies ist. Es ist falsch, daß sie gerade ist, es ist falsch, daß sie ungerade ist, denn sie ändert sich nicht, wenn wir die eins hinzufügen; trotzdem ist sie eine Zahl, und jede Zahl ist gerade oder ungerade. Was natürlich nur für endliche Zahlen gilt.

Also kann man sehr wohl begreifen, daß es einen Gott gibt, ohne zu wissen, was er ist.

Gibt es dann keinerlei wesenhafte Wahrheit, wenn wir so viele wahre Dinge se­hen, die keineswegs Die Wahrheit selbst sind?

Nun, wir kennen das Dasein und das Wesen des Endlichen, weil wir wie dieses endlich und ausgedehnt sind. Wir kennen das Dasein des Unendlichen, aber wir wissen nicht, was es ist, weil es ausgedehnt ist wie wir, aber keine Grenzen hat wie wir. Aber wir kennen weder das Dasein noch das Wesen Gottes, weil er weder Ausdehnung noch Grenzen hat.

Durch den Glauben aber wissen wir von seinem Dasein; und in der Seligkeit wer­den wir sein Wesen kennen. Nun, ich zeigte bereits, daß man sehr wohl das Dasein eines Dinges kennen könne, ohne sein Wesen zu kennen.

Sprechen wir nunmehr in der Art der Einsichten, die unserer Natur möglich sind. Wenn es einen Gott gibt, ist er unendlich unbegreifbar; da er weder Teile noch Grenzen hat, besteht zwischen ihm und uns keine Gemeinsamkeit. Also sind wir unfähig zu wissen, was er ist, noch ob er ist. Und wer würde, da das so ist, wagen, diese Frage lösen zu wollen? Wir, die wir keine Gemeinsamkeit mit ihm haben, je­denfalls nicht.

Wer also wird die Christen tadeln, wenn sie keinen Beweis ihres Glaubens erbrin­gen können, sie, die einen Glauben bekennen, den sie nicht beweisen können? Sie erklären, wenn sie ihn der Welt darlegen, daß er ein Ärgernis der Vernunft sei, stultitiam; und da beklagen Sie sich darüber, daß sie ihn nicht beweisen! Bewiesen sie ihn, so hielten sie nicht Wort: gerade da ihnen Beweise fehlen, fehlt ihnen nicht der Sinn. – »Zugegeben, das mag die entschuldigen, die ihn derart lehren, und sie von dem Vorwurf entlasten, keine Gründe aufzuführen, es entschuldigt nicht die, die ihn ohne Beweise annehmen.« – Prüfen wir das also, nehmen wir an: Gott ist oder er ist nicht. Wofür werden wir uns entscheiden? Die Vernunft kann hier nichts bestimmen: ein unendliches Chaos trennt uns. Am äußersten Rande dieser unendlichen Entfernung spielt man ein Spiel, wo Kreuz oder Schrift fallen werden. Worauf wollen Sie setzen. Aus Gründen der Vernunft können sie weder dies noch jenes tun, aus Gründen der Vernunft können sie weder dies noch jenes abtun. Zeihen Sie also nicht die des Irrtums, die eine Wahl getroffen, denn hier ist nichts zu wissen. – »Nein, aber ich werde sie tadeln gewählt zu haben, nicht diese Wahl, sondern eine Wahl, denn mögen auch beide, der, der Kreuz wählte und der andere, den gleichen Fehler begehen, so sind doch beide im Irrtum, richtig ist, überhaupt nicht auf eines zu setzen.«

Ja, aber man muß auf eines setzen, darin ist man nicht frei, Sie sind mit im Boot. Was werden Sie also wählen? Sehen wir also zu, da man wählen muß, wobei Sie am wenigsten wagen? Zwei Dinge haben Sie zu verlieren: Die Wahrheit und das höchste Gut; und zwei Dinge haben Sie einzubringen: Ihre Vernunft und Ihren Willen, Ihr Wissen und Ihre Seligkeit, und zweierlei haben Sie von Natur zu mei­den: den Irrtum und das Elend. Ihre Vernunft ist nicht mehr betroffen, wenn sie sich für das eine oder das andere entscheidet, da man sich mit Notwendigkeit ent­scheiden muß. Das ist ausgemacht, wie ist es dann mit Ihrer Seligkeit? Wägen wir Gewinn und Verlust für den Fall, daß wir auf Kreuz setzen, daß Gott ist. Schätzen wir diese beiden Möglichkeiten ab. Wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also, ohne zu zögern, darauf, daß er ist. – »Das ist wunderbar. Gewiß, ich muß setzen, aber vielleicht setze ich zu viel.« – Nun, sehen wir zu. Da die Wahrscheinlichkeit für Gewinn und Verlust gleich groß ist, könnte man den Einsatz noch wagen, wenn es nur zwei für ein Leben zu gewinnen gibt. Gibt es aber drei zu gewinnen, dann muß man, denn Sie sind ja ge­zwungen zu setzen, das Spiel annehmen; Sie würden unklug handeln, wenn Sie, da Sie einmal spielen müssen, Ihr Leben nicht einsetzen wollten, um es dreifach in einem Spiel zu gewinnen, wo die Chance für Gewinn und Verlust gleich groß ist. Es gibt aber eine Ewigkeit an Leben und Glück zu gewinnen; und da das so ist, würden Sie, wenn unter einer Unendlichkeit von Fällen nur ein Gewinn für Sie im Spiel läge, noch recht haben, eins gegen zwei zu setzen, und Sie würden falsch handeln, wenn Sie sich, da Sie notwendig spielen müssen, weigern wollten, wenn es unendliche und unendlich glückliche Leben zu gewinnen gibt, ein Leben für drei in einem Spiel zu wagen, wo es für Sie unter einer Unendlichkeit von Fällen einen Gewinn gibt. Es gibt aber hier unendlich viele, unendlich glückliche Leben zu ge­winnen, die Wahrscheinlichkeit des Gewinns steht einer endlichen Zahl der Wahrscheinlichkeit des Verlustes gegenüber, und was sie ins Spiel einbringen, ist endlich. Das hebt jede Teilung auf: Überall, wo das Unendliche ist und keine unendlich große Wahrscheinlichkeit des Verlustes der des Gewinns gegenüber­steht, gibt es nichts abzuwägen, muß man alles bringen. Und so, wenn man not­wendig setzen muß, hieße es, auf die Vernunft verzichten, wollte man das Leben lieber bewahren, statt es so dicht vor dem Erfahren des Verlustes, des Nichts, für den unendlichen Gewinn zu wagen.

Denn es ist nutzlos zu sagen, es sei ungewiß, ob man gewinnen würde, und gewiß sei, daß man wage und daß die Unendlichkeit zwischen dem, dem man sich gewiß aussetzt, und dem, was man ungewiß gewinnen wird, das endliche Gut, das man sicher einbringt, dem Unendlichen, das ungewiß sei, angleiche. Das ist nicht rich­tig: jeder Spieler wagt mit Gewißheit, um ungewiß zu gewinnen, und trotzdem wagt er, ohne gegen die Vernunft zu verstoßen, sicher das Endliche, um unsicher Endliches zu gewinnen. Es besteht kein unendlicher Abstand zwischen der Gewißheit dessen, dem man sich aussetzt, und der Ungewißheit des Gewinns. Das ist falsch. Es gibt in Wirklichkeit Unendlichkeit zwischen der Gewißheit zu gewinnen und der Gewißheit zu verlieren. Aber die Ungewißheit des Gewinns ist gemäß der Ziffer der Wahrscheinlichkeit für Gewinn und Verlust der Gewißheit dessen, was man wagt, angemessen; und das ist der Grund, daß, wenn die Wahrscheinlichkeit auf beiden Seiten gleich ist, das Spiel gleich gegen gleich steht; also die Gewißheit dessen, dem man sich aussetzt, ist gleich der Ungewißheit des Gewinns: weit ent­fernt davon, unendlich zu sein. Und so ist unsere Darlegung, bei gleicher Chance für Gewinn und Verlust, von unendlicher Überzeugungskraft, wenn Endliches in einem Spiel zu wagen und das Unendliche zu gewinnen ist. – Das ist einleuchtend; und falls Menschen irgendeine Wahrheit einsehen können, diese gehört dazu. – »Zugegeben, das räume ich ein. Aber gibt es weiter kein Mittel, hinter das Spiel zu schauen?« – Doch die Schrift und das Übrige, usw.

»Gewiß, aber meine Hände sind gefesselt, und der Mund ist stumm; man zwingt mich zu setzen, und ich bin nicht frei; man läßt mich nicht aus, und ich bin aus sol­chem Stoff, daß ich nicht glauben kann. Was soll ich tun?«

Das ist wahr, Sie können nicht glauben. Aber lernen Sie wenigstens – da Ihre Ver­nunft Sie bis dahin bringt – daß Ihre Unfähigkeit zu glauben, und der Fehler, daß Sie es, trotzdem Sie davon wissen, nicht vermögen, nicht dem Mangel der Bewei­se, sondern Ihren Leidenschaften entstammen. Bemühen Sie sich also, sich nicht etwa durch eine Vermehrung der Gottesbeweise zu bekehren, sondern durch eine Verminderung der Leidenschaften. Sie möchten zum Glauben gelangen, und Sie kennen nicht den Weg dahin? Sie möchten vom Unglauben geheilt werden, und Sie bitten um die Arznei? Lernen Sie von denen, die in Ihrer Lage waren und die jetzt ihr ganzes Gut eingesetzt haben; das sind Menschen, die diesen Weg kennen, den Sie gehen möchten, die von dem Übel genesen sind, von dem Sie genesen möchten. Handeln Sie so, wie diese begonnen haben: nämlich alles zu tun, als ob Sie gläubig wären, Weihwasser zu benutzen und Messen lesen zu lassen usf. Ganz natürlich wird Sie das sogar glauben machen und verdummen. »Das aber fürchte ich ja grade.« – Und weshalb, was haben Sie zu verlieren? … Nun, was könnte Ihnen Schlimmes geschehen, wenn Sie diesen Entschluß fassen? Sie werden treu, rechtschaffen, demütig, dankbar, wohltätig, Freund, aufrichtig, wahrheitsliebend sein. Allerdings die verderblichen Vergnügungen, Ruhm, Genüsse werden Sie nicht haben, aber werden Sie nicht anderes dafür haben? Ich sage Ihnen, Sie wer­den dabei in diesem Leben gewinnen und mit jedem Schritt, den Sie auf diesem Wege tun, immer mehr die Gewißheit des Gewinnes und die Nichtigkeit des Ein­satzes erkennen, so daß Sie endlich begreifen, daß Sie auf eine unendlich sichere Sache setzten und daß Sie nichts dafür gegeben haben.

– »Oh, diese Rede reißt mich fort, entzückt mich, usw. usw.«

Wenn Ihnen meine Worte gefallen, stark dünken, wisset, sie schrieb ein Mensch, der vorher und nachher auf den Knien lag, um zu dem Wesen, das unendlich und ohne Teile ist, dem er alles überantwortete, zu beten, daß er auch Sie zu Ihrem eignen Nutzen und ihm zum Ruhme unterwerfen möge und daß sich so die Macht dieser Niedrigkeit verbünde.

Blaise Pascal, Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées), hrsg. v. E. Wasmuth, 19636, S. 120-126.

Hier der Text als pdf.

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