Albrecht Goes, Die Kunst des Krankenbesuchs: „Willig, mit anderen zusammen unter die Gewalt eines Psalms zu treten, und willig doch auch, dem Schweigen den Raum zu überlassen, in den das Geheimnis ganz unmittelbar einzudringen weiß: innig und groß.“

Die Kunst des Krankenbesuchs

Von Albrecht Goes

Das ist nicht in der Elementarschule zu lernen: die Kunst, einen Krankenbesuch zu machen, einen, der zählt. Zu wissen, wieviel mitzubringen ist und wieviel Zurückbleiben muß, ehe man eintritt durch diese Tür. Nicht auf den Zehenspitzen zu kommen, und doch auch lärmend nicht, gesammelten Wesens. Nicht mit lauter guten Nachrichten – was verschweigt er mir? denkt sonst der Kranke – und doch auch nicht mit Hiobsposten. Wahr – aber mit dem Vorzeichen der Lindigkeit, liebend und nicht verzehrend, zuversichtlich und nicht forsch; nicht von der Krankheit redend und sie doch nicht übersehend, wissend also. Nicht mit einem Säckchen „Weisheit am Wege“ bepackt, und doch wahrhaftig nicht ohne Weisheit. Dem Sein mehr vertrauend als allem Tun. Welchem Sein? Dem eigenen? Ja, auch dem eigenen – getrost in dem Glauben, daß im Ernst durch diesen Besuch etwas Gutes gewirkt werden kann. Bereit: das soll heißen vorbereitet, und fähig zugleich, alle Vorbereitung wieder dranzugeben. Willig, mit anderen zusammen unter die Gewalt eines Psalms zu treten, und willig doch auch, dem Schweigen den Raum zu überlassen, in den das Geheimnis ganz unmittelbar einzudringen weiß: innig und groß.

Quelle: Albrecht Goes, Dunkle Tür, angelehnt. Gedanken an der Grenze des Lebens, Eschbach: Verlag am Eschbach, 1997, S. 137.

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