Timothy Keller über Ehe und Nicht-Ehe: „In unserer Kultur sind Freiheit, Autonomie und Erfüllung des Individuums die höchsten Werte, und jeder nachdenkliche Mensch weiß im Innersten genau, dass jede Beziehung, die das Wort „Liebe“ wert ist, den Verlust von allen dreien bedeutet.“

Über Ehe und Nicht-Ehe

Von Timothy und Kathy Keller

Manche Menschen in unserer Kultur erwarten schlicht zu viel von einem Ehepartner. Sie sehen die Ehe nicht als den Versuch zweier fehlerhafter Menschen, in einer herzlosen Welt ein Stück Geborgenheit zu schaffen, wie der amerikanische Kulturkritiker Christopher Lasch es beschreibt – eine Insel der Stabilität, der Liebe und des Trostes. Stattdessen suchen sie jemanden, der sie so annimmt, wie sie sind, sie ergänzt und ihre sexuellen und emotionalen Wünsche erfüllt. Da braucht es dann tatsächlich eine Frau, die „eine Romanschriftstellerin und Astronautin ist, gerne auch mit Model-Erfahrung“, oder den entsprechenden Mann. Eine Ehe, die nicht auf Selbstverleugnung, sondern auf Selbstverwirklichung basiert, erfordert den absolut pflegeleichten Partner, der alle meine Bedürfnisse erfüllt und selber fast keine Ansprüche stellt. Kurz: Viele unserer Zeitgenossen stellen viel zu hohe Ansprüche an den Ehepartner.

Andere wiederum stellen keine zu hohen Ansprüche, sondern haben eine massive Angst vor dem Heiraten. Tierney glaubt, dass (jedenfalls unter seinen New Yorker Freunden) diese Gruppe noch größer ist. Noch häufiger als die, die sich den perfekten Partner erträumen, sind die, die (auch wenn sie das vielleicht nicht zugeben) eigentlich gar keinen wollen. In unserer Kultur sind Freiheit, Autonomie und Erfüllung des Individuums die höchsten Werte, und jeder nachdenkliche Mensch weiß im Innersten genau, dass jede Beziehung, die das Wort „Liebe“ wert ist, den Verlust von allen dreien bedeutet. Wir sagen vielleicht: „Ich möchte jemand, der mich so annimmt, wie ich bin“, aber wir wissen doch genau, dass wir nicht perfekt sind und jede Menge Ecken und Kanten haben, an denen wir eigentlich anders werden müssten und wo jeder, der uns genauer kennenlernt, uns ändern wollen wird. Und wir wissen auch, dass der andere ebenfalls Bedürfnisse hat – tiefe Bedürfnisse. Und Fehler und Macken. Das tut weh, und so ziehen wir uns lieber zurück. Aber es ist nicht leicht, vor den anderen (und sich selber) zuzugeben, dass man gar nicht heiraten will, und so flüchten wir uns in die Mäkelitis. Problem erkannt, Gefahr gebannt…

Quelle: Timothy Keller/Kathy Keller, Ehe: Gottes Idee für das größte Versprechen des Lebens, Gießen; Brunnen Verlag, 2020.

Hier der Text als pdf.

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