Karl Barth, How my mind has changed, 1928-1958 (Wie sich meine Ansichten zwischen 1928 und 1958 geändert haben): „Eine schmerzliche Veränderung, die in die vergangenen zehn Jahre fällt, besteht darin, daß ich eine ganze Anzahl von Nebenmännern, Mitarbeitern und Freunden, die ich 1928 noch hatte, seither verloren habe: nicht durch den Tod, aber dadurch, daß sie und ich allmählich oder plötzlich nicht mehr aus einem Geist und in einem Sinn miteinander arbeiten konnten, daß wir sehr bestimmt auf verschiedene Wege gerieten, auf denen gehend wir uns heute im besten Falle nur noch von ferne grüßen können.“

How my mind has changed, 1928-1958[1]

Von Karl Barth

„The Cristian Century” hat mit größtem Nachdruck den Wunsch ausgesprochen, daß die Beiträge zu diesem Thema möglichst persönlich und „autobiographisch” gehalten werden möchten. Warum sollte ich diesem Wunsch nicht entsprechen? Habe ich mich nicht oft genug mit mehr oder weniger Glück bemüht, wissenschaftlich, systematisch streng und überzeugend zu schreiben — auch wohl erbaulich, auch wohl erwecklich, auch wohl polemisch? Warum nicht auch einmal „autobiographisch”, da ich eben Weihnachtsferien und also etwas Zeit für ein solches Parergon habe? Nur daß ich freilich niemandem, der mich in jenen anderen Sprachen nicht verstanden hat, versprechen kann, daß er mich nun in dieser Sprache verstehen wird!

Über die Veränderung in my thinking about religion in den letzten zehn Jahren soll ich Auskunft geben? Nun, mein Denken hat sich jedenfalls darin nicht verändert, daß sein Gegenstand, seine Quelle und sein Maßstab, soweit das in meiner Absicht liegen kann, nach wie vor gerade nicht die sogen. Religion, sondern das die christliche Kirche, Theologie, Predigt und Mission begründende, erhaltende und weiterführende Wort Gottes ist, das in der heiligen Schrift zum Menschen: zu dem Menschen aller Zeiten, Länder, Lebensbedingungen und Altersstufen redet, das Wort Gottes, das Gottes Geheimnis in seinem Verhältnis zum Menschen und nicht, wie es die Vokabel „Religion” zu sagen scheint, das Geheimnis des Menschen in seinem Verhältnis zu Gott ist. In dieser Sache müssen mich auch meine amerikanischen Leser und Freunde gänzlich unverändert finden und werden sie mich, wie ich hoffe, bis an mein Lebensende unerbittlich unverändert finden. — Aber was man heute von mir zu hören, und zwar „autobiographisch” zu hören wünscht, das ist etwas über die mir widerfahrene Veränderung.

Nun, dann muß ich wohl das Selbstverständlichste, das ich mit allen, die hier Beiträge liefern, gemeinsam habe, zuerst nennen, weil es „autobiographisch” bestimmt das Wichtigste ist: ich bin seit 1928 zehn Jahre älter geworden — älter um die Jahre, die zwischen meinem 42. und 52. Lebensjahr liegen. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dies im Leben der meisten Menschen — so war es jedenfalls in meinem Leben — ungefähr dies bedeutet: Man war als Zweiundvierzigjähriger hinsichtlich der Hauptlinien seines Denkens und Handelns im großen und ganzen mit sich selbst ins Reine gekommen. Man hatte sich den Zeitgenossen, soweit sie sich dafür interessierten, bekannt und, soweit es möglich war, verständlich gemacht. Man war in ihren Augen im guten oder bösen eine bestimmte Figur geworden. War man nun „ein gemachter Mann”? Nein, nun fing das Leben merkwürdigerweise eigentlich erst an. Denn nun kam ja erst die innere und äußere Prüfung und Bewährung der bezogenen Stellung: in der nun erst möglichen Begründung ihrer Voraussetzungen, in der nun erst möglichen Entfaltung ihrer Konsequenzen, in der nun erst scharf und grundsätzlich werdenden Auseinandersetzung mit anderen Möglichkeiten und Figuren, in der nun erst drückend werdenden Übernahme von allerlei praktischen Verantwortlichkeiten. Denn unterdessen sah man die Reihen der älteren Zeitgenossen, die man vorher noch gewissermaßen schützend vor sich hatte, sich lichten — meine letzten noch lebenden theologischen Lehrer sind in diesen zehn Jahren gestorben und im letzten Herbst meine Mutter — und schon hörte man hinter sich die Schritte und Schrittlein von vielen Jüngeren — schon sehe ich mich selber als Vater von zwei Theologen und immerhin als Großvater von zwei kleinen Damen, die auch schon allerhand zu sagen haben — und das alles bedeutet: man gehört jetzt zu der Generation, die für den Charakter und das Schicksal unserer Zeit vorläufig verantwortlich zu zeichnen, die jedenfalls die Sache — der auf diesem, der auf jenem Gebiet und jeder in seinem Kreise — vorläufig zu machen hat. Insofern fing erst jetzt das eigentliche Leben an. Ich kann mich denn auch nicht erinnern, in den früheren Jahrzehnten meines Lebens so bewußt und doch auch — obwohl es sehr schwere Jahre waren — so gerne gelebt zu haben. Man hat alle Hände voll zu tun, man wirkt ungewollt auch als Beispiel und Vorbild und weiß also nur zu gut, wozu man da ist. Man weiß, daß es jetzt ums Ganze geht. Daß das Alter nähergerückt ist und damit doch auch das, was nach dem Alter — und vielleicht doch plötzlich schon vorher — da sein wird, kann, solange man seine Zeit und Aufgabe noch hat, doch nur dies bedeuten, daß man alle Konturen der Dinge und Menschen viel schärfer sieht, die Probleme und Nöte der eigenen Haltung und Leistung wie die der Umwelt viel lebhafter empfindet, daß man zu besonnener Eile, zu einer gewissen milden, aber zähen Nachdrücklichkeit der Arbeit und der Rede aufgerufen ist. Es wird und ist jetzt alles sehr ernst. Es muß sich jetzt entscheiden, ob man, indem man dieses kurze Leben geschenkt bekam, einen Auftrag hatte, ob man ihn in und trotz seiner eigenen großen Dummheit und Verkehrtheit verstanden und ob man ihn in und trotz seiner eigenen großen Untreue als Beweis der freien Gnade Gottes dankbar entgegengenommen hat. — Dies ist meine Veränderung 1928-1938, sofern sie durch die natürliche Veränderung meines Lebensalters bedingt ist. Sie hat sich sehr unmerklich vollzogen; aber nun sie vollzogen ist, scheint sie mir sehr radikal und scheint sie mir sogar wichtiger als alles andere zu sein. — Aber ich möchte nun auf einige Besonderheiten zu reden kommen.

Wenn ich auf meine Aufzeichnungen aus diesen letzten zehn Jahren blicke, so fällt mir äußerlich vor allem dies auf, daß ich eigentlich erst in dieser Zeit in etwas größerem Maßstabe etwas von der Welt oder doch von Europa gesehen habe. Bis 1928 war meine persönliche Bekanntschaft auf die Schweiz, auf größere Teile von Deutschland und auf Holland beschränkt. Erst 1929 sah ich Italien und dann in den folgenden Jahren nur einmal, zum Teil öfter: England und Schottland, Dänemark, Frankreich, Österreich (damals noch frei!), die Tschechoslowakei, Ungarn und Siebenbürgen. Ich weiß heute nicht mehr, wie es kam daß ich vorher meinte, in meinem Studierzimmer und in dessen nächster Umgebung so viel zu lernen und zu tun zu haben, um nach der Ferne keinen Drang zu empfinden. Es mußte wohl so sein. Jedenfalls weiß ich heute auch das nicht mehr: wie ich sein könnte, ohne daß alle jene fernen Orte, ihre Geschichte und ihre Gegenwart und ihre Menschen mehr oder weniger deutlich zu mir gesprochen haben, ohne vor allem Frankreich und England jetzt irgendwie ebenso wie die Schweiz und Deutschland in mir zu haben, ohne auch bei meiner theologischen Arbeit dauernd in der einen Kirche an die vielen Kirchen denken zu müssen, in denen ich so viel Echo und Mitarbeit finden durfte und damit auch gewisse Mitverantwortlichkeiten zu übernehmen hatte. So habe ich in diesen zehn Jahren gewissermaßen auf eigene Faust meine „ökumenische Bewegung” vollzogen und bin froh darüber, es getan zu haben. Ich sehe erst jetzt an anderen, daß es einen Unterschied der Haltung, der Aufmerksamkeit und des Einsatzes ausmacht, ob man das tut oder — in irgendeinem Nationalismus bzw. Provinzialismus befangen — nicht tut. Daß ich es tat, hat jedenfalls für mich nicht bedeutet, daß ich an dem einen Notwendigen, wie ich es vorher in meiner Klause kennengelernt hatte, irgendetwas abzustreichen oder abzuschwächen für nötig befunden hätte. Es bedeutete aber für mich den Ernst und die Freude der Verpflichtung, es als das für alle Kirchen in der einen Kirche eine Notwendige verstehen und, soweit das meine Aufgabe sein kann, vertreten zu lernen. — Es ist mir nicht verborgen, daß der Radius meiner persönlichen Bekanntschaft mit dem übrigen Globus nach modernen und besonders wohl auch amerikanischen Begriffen ein höchst bescheidener ist. Warum ich trotz freundlicher Einladungen noch nie nach Amerika gekommen bin? Ich habe vorläufig ernstliche Gründe, die mich zurückhalten, aber ich habe innerhalb der mir gewährten viertausend Worte nicht den Raum, sie hier zu erklären. Ich bin ja auch noch nie nach Japan und nach Neu-Seeland gefahren, obwohl ich auch dort und anderwärts Freunde habe, die meine Bücher lesen und die mich durch ihre Briefe und Mitteilungen, manchmal auch durch ihre Besuche über das, was dort ist und geschieht, auf dem laufenden halten. Wer weiß, was noch auf mich warten mag? Aber ich habe mich bis jetzt durch die Regel leiten lassen, nur bei einer gewissen mir erkennbaren und einleuchtenden Notwendigkeit auf Reisen zu gehen und werde es auch wohl weiter so halten. Wer mich zu sehen und zu hören wünscht, muß mir sehr deutlich machen können, was er dabei für Absichten hat. Für den Augenblick finde ich es schon sehr schön und nützlich, wenigstens so weit, wie geschehen, über meinen engeren Lebenskreis hinausgekommen zu sein.

Eine schmerzliche Veränderung, die in die vergangenen zehn Jahre fällt, besteht darin, daß ich eine ganze Anzahl von Nebenmännern, Mitarbeitern und Freunden, die ich 1928 noch hatte, seither verloren habe: nicht durch den Tod, aber dadurch, daß sie und ich allmählich oder plötzlich nicht mehr aus einem Geist und in einem Sinn miteinander arbeiten konnten, daß wir sehr bestimmt auf verschiedene Wege gerieten, auf denen gehend wir uns heute im besten Falle nur noch von ferne grüßen können. Ich kann mich nicht beklagen, weil ich genug alte Freunde behalten und auch neue, z. T. sehr gute Freunde in derselben Zeit finden durfte. Es ist mir aber in diesem Jahrzehnt sehr deutlich vor Augen gestellt worden, daß meiner Lebensarbeit eine gewisse sammelnde Kraft zu fehlen, ja daß ihr geradezu eine gewissermaßen explosive oder jedenfalls zentrifugale Wirkung eigen zu sein scheint. Man hatte sich in dem Jahrzehnt nach dem Weltkrieg in dem, was man meinte, wollte und wirkte, in gewissen gemeinsamen Gegensätzen und auch in gewissen allgemeinen Positionen gefunden und geglaubt, sich gegenseitig Vertrauen und Unterstützung schenken zu dürfen. Aber als die Sonne höher stieg — das geschah in dem Jahrzehnt, auf das wir hier zurückblicken —, da lösten sich die Gemeinschaften, die keine gewesen waren, in Dunst auf … . Hier sah ich unter den Jüngeren einen still zurückbleiben, dort einen lärmend, ich weiß nicht wohin, enteilen. Und dabei mußte es wohl auch so sein, daß ich meinerseits mehr oder weniger lebhafte Beschwerden zu hören bekam: als ob ich dem ursprünglich gemeinsamen Ansatz nicht treu geblieben sei und also nicht gehalten habe, was ich einst versprochen — während ich doch nur auf dem damals angetretenen Weg, wie es bei einem Weg so sein muß, weiter gegangen zu sein, die Gründe, den Sinn, die Konsequenzen jenes einst gemeinsamen Ansatzes besser ans Licht gestellt zu haben meine. Wer hat nun recht? Es hätte wohl keinen Sinn, darüber streiten zu wollen. Wenn einige 1928 noch der Meinung sein konnten, daß man es in der sogen. „dialektischen Theologie” („Barthianisme!”) mit einer „Schule” zu tun habe, zu der man als Anhänger oder Gegner summarisch Stellung beziehen könne, kann es heute keinen der verantwortlich Mitredenden erspart bleiben, die auf diesem Felde unterdessen in ihrer Verschiedenheit sichtbar gewordenen Möglichkeiten als solche zu prüfen, sich also von meinen ehemaligen Nebenmännern und von mir je einzeln nach seiner eigenen Entscheidung fragen zu lassen. Es ist uns gewiß allen leid, daß wir es unseren Zeitgenossen — und besonders unseren auf möglichst einfache und rasche Information bedachten amerikanischen Zeitgenossen — nicht leichter machen können.

Indem ich mir nun darüber Rechenschaft zu geben suche, inwiefern ich selbst in meiner Arbeit mich in diesen zehn Jahren tatsächlich verändert habe, so erscheint es mir möglich, die Sache auf die Formel zu bringen: ich war etwa zu gleichen Teilen — in Wirklichkeit natürlich gleichzeitig — mit der Vertiefung und mit der Anwendung der zuvor in den Hauptzügen gewonnenen Erkenntnis beschäftigt.

Die Vertiefung war diese: Ich hatte mich in diesen Jahren von den letzten Resten einer philosophischen bzw. anthropologischen (in Amerika sagt man wohl: „humanistischen” oder „naturalistischen”) Begründung und Erklärung der christlichen Lehre zu lösen. Das eigentliche Dokument dieses Abschieds ist nicht etwa die vielgelesene kleine Schrift „Nein!” gegen Brunner von 1934, sondern das 1931 erschienene Buch über den Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, das ich von allen meinen Büchern mit der größten Liebe geschrieben zu haben meine und das in Amerika wohl gar nicht und auch in Europa von allen meinen Büchern am wenigsten gelesen worden ist. Das positive Neue war dieses: ich hatte in diesen Jahren zu lernen, daß die christliche Lehre ausschließlich und folgerichtig und in allen ihren Aussagen direkt oder indirekt Lehre von Jesus Christus als von dem uns gesagten lebendigen Wort Gottes sein muß, um ihren Namen zu verdienen und um die christliche Kirche in der Welt zu erbauen, wie sie als christliche Kirche erbaut sein will. Blicke ich von da aus zurück auf meine früheren Stadien, so kann ich mich jetzt wohl fragen, wie es möglich war, daß ich das nicht schon viel früher gelernt und entsprechend gesagt habe. Wie ist doch der Mensch so langsam, gerade wenn es um die wichtigsten Dinge geht! Man wird, um den Sinn und die Tragweite der damit eingetretenen Veränderung zu sehen und zu verstehen, die beiden 1932 und 1938 erschienenen ersten Bände meiner „Kirchlichen Dogmatik” einigermaßen studieren müssen. (Ihr wollt nicht soviel lesen? Ich mute es niemandem zu, das zu tun; doch kann ich nicht sagen, daß ich es richtig finde, wenn Leute über etwas reden, das sie nicht ordentlich studiert haben.) Meine neue Aufgabe war, alles vorher Gesagte noch einmal ganz anders, nämlich jetzt als eine Theologie der Gnade Gottes in Jesus Christus durchzudenken und auszusprechen. Ich kann nicht verschweigen, daß ich in der Bearbeitung dieser Aufgabe — ich möchte sie als christologische Konzentration bezeichnen — zu einer in erhöhtem Sinne kritischen Auseinandersetzung mit der kirchlichen Tradition, auch mit den Reformatoren, auch mit Calvin geführt worden bin. Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich in dieser Konzentration alles viel klarer, unzweideutiger, einfacher und bekenntnismäßiger und zugleich doch auch viel freier, aufgeschlossener und umfassender sagen konnte als vorher, wo ich — weniger durch die kirchliche Tradition als durch die Eierschalen einer philosophischen Systematik — mindestens teilweise gehemmt war. — Ich weiß, daß diese Veränderung vielen gar nicht gefallen hat. Man hat mir vorgeworfen, ich hätte mich nun gänzlich hinter eine „chinesische Mauer” zurückgezogen und sei infolgedessen „äußerst uninteressant” (dieses Urteil kam aus Amerika!) geworden. Zu dieser letzten Feststellung kann ich kaum etwas sagen, wohl aber muß ich sagen, daß die Sache mit der chinesischen Mauer, jedenfalls von mir aus gesehen, sehr rätselhaft ist. Denn merkwürdigerweise war es so, daß ich gerade in diesem Jahrzehnt und also im Zuge dieser Veränderung Zeit und Lust gefunden habe, mich viel mehr als früher auch mit der allgemeinen Geistesgeschichte zu beschäftigen, auf zwei Italienreisen das klassische Altertum zu mir reden zu lassen, wie es das vorher nie getan hatte, ein neues Verhältnis z. B. zu Goethe zu gewinnen, zahlreiche Romane — darunter viele von den ausgezeichneten Hervorbringungen der neueren englischen Kriminal-Romanliteratur — zu lesen, ein schlechter, aber passionierter Reiter zu werden usw.! Nie zuvor meine ich so fröhlich in der wirklichen Welt gelebt zu haben wie gerade in der Zeit, die für meine Theologie jene vielen so mönchisch erscheinende Konzentration mit sich brachte. Ich weiß nicht, welche Diagnose die Psychologen mir daraufhin zuwenden werden. Und ich muß fast fürchten, daß ernste Christen es daraufhin in Zweifel ziehen werden, ob meine Veränderung in dieser Zeit tatsächlich in einer „Vertiefung” bestanden habe. Aber wie dem auch sei und wie man es auch deuten möge: die Gefahr einer abstrakten Weltverneinung, der mich einige offenbar verfallen sehen, ist heute wohl weniger als je meine Sorge, sondern ich muß es als Tatsache registrieren, daß ich in diesen letzten zehn Jahren zugleich sehr viel kirchlicher und sehr viel weltlicher geworden bin.

Die Anwendung, die ich zu machen hatte, hängt mit dem Namen Hitler aufs engste zusammen. Ich saß 1928 um diese Zeit an diesem gleichen Schreibtisch in einem kleinen mir gehörigen Hause in Münster in Westfalen: ein preußischer Professor und, nach sieben Jahren, die ich damals in Deutschland zugebracht, beinahe schon im Begriff, so etwas wie ein „guter Deutscher” zu werden. Wieder sieben Jahre später aber, 1935, war ich, inzwischen von Münster nach Bonn übergesiedelt, mitten aus meiner dortigen schönen Unterrichtsarbeit heraus abgesetzt und entlassen und befinde mich heute wie ein aus dem Sturme vorläufig geretteter Schiffer — ich hätte es mir damals nicht träumen lassen — hier in meiner Vaterstadt Basel. Zwischen damals und heute kam es nun allerdings zu einer erheblichen Veränderung meiner Haltung und Betätigung: nicht hinsichtlich des Sinnes und der Richtung meiner Erkenntnisse, wohl aber hinsichtlich ihrer Anwendung. Und diese Veränderung verdanke ich dem „Führer”! — Was geschah? Es geschah zunächst — das muß man sich bei dem Ganzen vor Augen halten — eine riesenhafte Offenbarung der menschlichen Lüge und Brutalität auf der einen und der menschlichen Dummheit und Angst auf der anderen Seite. Und es geschah sodann dies, daß die deutsche Kirche, der ich als Mitglied und Lehrer angehörte, im Sommer des Jahres 1933 angesichts des Erfolgs des Nationalsozialismus und unter der suggestiven Macht seiner Ideen hinsichtlich ihrer Lehre und Ordnung in die größte Gefahr geriet, einer aus Christentum und Deutschtum wunderlich gemischten neuen Häresie, der Herrschaft der sogen. „Deutschen Christen”, zu verfallen. Es geschah weiter dies, daß ich die Vertreter der anderen (liberalen, pietistischen, konfessionellen, biblizistischen) theologischen Schulen und Richtungen in Deutschland, die vorher auf Ethik, Heiligung, christliches Leben, praktische Entscheidung usw. im Gegensatz zu mir so großes Gewicht gelegt hatten, jene Häresie z.T. offen bejahen, z.T. ihr gegenüber eine merkwürdig neutrale und tolerante Haltung einnehmen sah. Und es geschah weiter, daß ich, da so viele zustimmten und niemand ernsthaft protestierte, selber nicht gut schweigen konnte, sondern es unternehmen mußte, der gefährdeten Kirche das Nötige zuzurufen. Das war nun wohl das, was man in Amerika eine experience nennt und als solche so hoch schätzt. Aber wie war es mit dieser experience? Ich hatte doch in jenem ersten Heft „Theologische Existenz heute” im Juni 1933 nichts Neues zu sagen, sondern nur eben das, was zu sagen ich mich immer bemüht hatte: Daß wir neben Gott keine anderen Götter haben können, daß der Heilige Geist der Schrift genügt, um die Kirche in alle Wahrheit zu leiten, daß die Gnade Jesu Christi genügt zur Vergebung unserer Sünden und zur Ordnung unseres Lebens. Nur daß ich eben dies nun auf einmal in einer Situation zu sagen hatte, in der eben dies nicht mehr den Charakter einer akademischen Theorie haben konnte, sondern, ohne daß ich es wollte und dazu machte, den Charakter eines Aufrufs, einer Herausforderung, einer Kampfparole, eines Bekenntnisses bekommen mußte. Nicht ich habe mich verändert: es veränderte sich aber gewaltig der Raum und die Resonanz des Raumes, in dem ich zu reden hatte. Die konsequente Wiederholung jener Lehre wurde gerade in ihrer gleichzeitig vollzogenen Vertiefung in diesem neuen Raum von selbst zur Praxis, zur Entscheidung, zur Handlung. So stand ich eines Tages zu meiner eigenen Überraschung zunächst mitten in der Kirchenpolitik, in der Mitarbeit an den Beratungen und Entschließungen der seit 1934 sich sammelnden „Bekennenden Kirche”. Ich habe diese Mitarbeit freiwillig (und nicht immer nach den Wünschen meiner deutschen Freunde) auch von der Schweiz aus fortgesetzt und gedenke es fernerhin zu tun. Um was ging und geht es? Sehr einfach darum, daran festzuhalten und das ganz neu zu verstehen und zu praktizieren: daß Gott über allen Göttern ist und daß die Kirche in Volk und Gesellschaft und gegenüber dem Staat auf alle Fälle ihre eigene, durch die heilige Schrift bestimmte Aufgabe, Verkündigung und Ordnung hat. Aber es konnte nicht anders sein — obwohl viele in der Bekennenden Kirche dies bis heute nicht einsehen und wahrhaben wollen —, als daß eben dies im Raume des Nationalsozialismus nicht nur eine „religiöse”, nicht nur eine kirchenpolitische, sondern ipso facto auch eine politische Entscheidung bedeutet: die Entscheidung gegen einen Staat, der als totalitärer Staat eine andere Aufgabe, Verkündigung und Ordnung als seine eigene, einen anderen Gott als sich selbst nicht anerkennen kann und der darum, je mehr er sich entfaltete, um so mehr auch zur Unterdrückung der Kirche als solcher, um so mehr auch zur Beseitigung alles menschlichen Rechtes und aller menschlichen Freiheit auf allen Gebieten übergehen mußte. Hinter der in die Kirche eingedrungenen Häresie stand von Anfang an und trat dann bald heraus als der viel gefährlichere Gegner: der anfangs auch von so vielen Christen als Befreier und Erretter begrüßte Hitler, der Nationalsozialismus selbst und als solcher. Es trug der theologisch-kirchliche Konflikt den politischen in sich, und es mußte so kommen, daß er tatsächlich mehr und mehr als politischer Konflikt offenbar wur­de. Weil ich mir das selbst und anderen nicht verbergen, weil ich meine Vorlesung in Bonn nicht gut mit dem Hitlergruß beginnen, und weil ich einen unbedingten Eid auf den Führer, wie ich ihn als Beamter schwören sollte, nicht gut schwören konnte, darum habe ich meine Stellung im Dienst dieses Staates verlieren und Deutschland verlassen müssen. Unter­dessen hat sich das antichristliche und damit antihumane Wesen des Nationalsozialismus noch viel deutlicher offenbart, gleichzeitig aber auch sein Einfluß und seine Macht im übrigen Europa unheimlich verstärkt. Die Lüge und Brutalität, aber auch die Dummheit und die Angst wachsen und sind längst über die Grenzen Deutschlands hinausgewachsen. Und Europa versteht die Gefahr nicht, in der es steht. Warum nicht? Weil es das erste Gebot nicht versteht, weil es nicht sieht, daß der Nationalsozialismus die bewußte, prinzipielle und systematische Übertretung eben des ersten Gebotes bedeutet. Und weil es nicht sieht, daß diese Übertretung als Sünde gegen Gott das Verderben der Völker nach sich zieht. So kam es von selbst, daß ich auch in der Schweiz um der Erhaltung der echten Kirche und des rechten Staates willen in meinem Gegensatz zum Nationalsozialismus verharren mußte, weshalb ich denn auch in Deutschland als eine Art „Staatsfeind Nr. 1” gelten und alle meine Schriften auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt sehen muß. Ein Brief, den ich während der tschechoslowakischen Krisis an den Prager Professor Hromadka gerichtet und in welchem ich geschrieben hatte, daß an der böhmischen Grenze nicht nur die Freiheit Europas, sondern auch die der christlichen Kirche zu verteidigen sei, hat mir Äußerungen des Zornes oder auch der ängstlichen Zurückhaltung aus vielen Ländern und natürlich besonders auch aus Deutschland eingetragen. Ich hoffe, daß wir nicht zu spät und nicht zu schmerzlich aus dem Schlaf erwachen müssen, dem sich mit vielen anderen auch die christlichen Kreise in den europäischen Ländern immer noch hingeben zu dürfen meinen. Man hat sich über die „Veränderung” meiner Haltung, auch sofern sie in diesen Zusammenhang gehört, sehr verwundert: zuerst darüber, daß ich kirchenpolitisch, dann noch viel mehr darüber, daß ich nun auch noch direkt politisch zu werden begann. Daß es mir früher und jetzt nicht immer gelungen ist, mich für alle verständlich auszudrücken, das ist ein Stück von der Schuld, die ich, wenn ich mich von so viel Ärger und Verwirrung umgeben sehe, gewiß vor allem mir selber zuzuschreiben habe. Ich möchte aber doch gern sagen dürfen, daß, wer mich wirklich vorher gekannt hat, sich auch jetzt so sehr nicht verwundern dürfte. Ich denke, daß die Majestät Gottes, der eschatologische Charakter der ganzen christlichen Botschaft, die Predigt des reinen Evangeliums als die alleinige Aufgabe der christlichen Kirche die Gedanken sind, die nach wie vor den Mittelpunkt meiner theologischen Lehre bilden. Es existierte aber der abstrakte transzendente Gott, der sich des wirklichen Menschen nicht annimmt: „Gott ist alles, der Mensch ist nichts!” Es existierte eine abstrakt eschatologische Erwartung ohne Gegenwartsbedeutung und es existierte die ebenso abstrakt nur mit diesem transzendenten Gott beschäftigte, von Staat und Gesellschaft durch einen Abgrund getrennte Kirche nicht in meinem Kopf, sondern nur in den Köpfen mancher meiner Leser, und besonders solcher, die Rezensionen und ganze Bücher über mich geschrieben haben. Ich habe insbesondere jene verhängnisvolle lutherische Lehre, nach welcher dem Leben des Staates eine von der Verkündigung des Evangeliums unabhängige, von ihr nicht zu berührende Eigengesetzlichkeit zukommen würde, nie gutgeheißen. Handelt es sich bei der bei mir vorgefallenen „Veränderung” um etwas anderes als darum, daß die praktische Relevanz, der Kampf- und Bekenntnischarakter einer theologischen Lehre, die eben jenen Mittelpunkt hatte und noch hat, vielen oder den meisten erst jetzt, auf dem Hintergrund der eben durch den Nationalsozialismus gestalteten Zeit sichtbar geworden ist? Ich habe nicht nur zum Vergnügen einen leeren Bogen gespannt, wie ich es nach vieler Meinung zu tun schien, ich habe nun offenbar auch einen Pfeil auf der Sehne gehabt und habe geschossen. Es wäre gut, wenn einige im Blick auf das, was jetzt geschehen ist, endlich verstehen würden, wie es schon vorher gemeint war! Bin ich nun plötzlich ein Aktivist, ein gläubiger Demokrat, eine Art Kreuzzugs­prediger geworden? Und war ich etwa vorher ein entscheidungs- und talentloser Quietist? Was soll das alles? Matth. 11, 16-19! Hitler wird gewiß irgendeinmal (vielleicht schon bald) nicht mehr da sein, und dann wird auch meine Stellung und Funktion den gewissen grellen Widerspruchsund Widerstandscharakter, den sie heute haben muß, nicht mehr oder jedenfalls so wie heute, nicht mehr haben müssen. Werde ich dann meinen freundlichen und unfreundlichen Beurteilern irgendeine andere Überraschung bereiten müssen? Oder wird es mir dann möglich sein, ihnen nachträglich auch das einleuchtender zu machen, was ihnen hinsichtlich dessen, was ich gestern tat und heute tue, so unverständlich erscheint? Ich weiß es nicht. Ich bin so oder so der Hoffnung, daß es mir auch morgen, unter vielleicht nochmals sehr veränderten Umständen, gegeben sein möchte, unbeweglich aber auch beweglich, beweglich aber auch unbeweglich zu sein. Aber ich bin froh, zur Vorlage eines Zukunftsbildes (1938-48) hier nicht aufgefordert zu sein. Die „autobiographische Antwort” auf die gestellte Frage meine ich gegeben und also das gewünschte Parergon geleistet zu haben.

1938-1948

Wenn der Mensch sich zwischen dem 52. und dem 62. Lebensjahr bewegt, wie ich es in diesen Jahren getan habe, dann hat er allen Anlaß, Augen und Ohren noch einmal mit besonderer Aufmerksamkeit aufzutun, seine Zeit und Kraft noch einmal besonders gut anzuwenden, seine Ziele noch einmal mit besonderer Genauigkeit ins Auge zu fassen. Jung ist man ja in diesen Jahren entschieden nicht mehr. Aber noch sind die Forderungen des Lebens und des Berufs ungefähr dieselben, wie sie auch an die Jüngeren gestellt werden: stark genug, um dem Altersübel der rückschauenden Selbstbetrachtung wenigstens teilweise den Riegel zu schieben. Gerade wenn man nicht mehr eben jung ist, wird ja die Notwendigkeit dringlicher, zu gewissen Abschlüssen zu kommen: mit sich selbst, mit den Mitmenschen, mit seinen eigenen Aufgaben — und gerade darum noch einmal ganz neu offen zu werden.

Einige vermeidliche Torheiten sollten jetzt noch abgelegt, einige unnötige Zerwürfnisse sollten jetzt noch liquidiert werden. Einige Spannungen und Krämpfe, in denen man vielleicht gelebt, sollten sich jetzt noch lösen und einige bescheidene Ernten sollten jetzt noch in die Scheunen gebracht werden dürfen. Denn die Sonne hat ihren Zenith überschritten, der Abend naht und so gilt es, „zu wirken, solange es Tag ist”.

Gott weiß, ob und wie ich diesem Gebot in dieser ihm so besonders angemessenen Zeit meines Lebens nachgekommen bin. Gehört habe ich es, und so sind diese zehn Jahre für mich jedenfalls innerlich eher noch reicher und bewegter geworden als die vorangehenden. Natürlich: man merkt überhaupt mehr von seinen Grenzen. Aber die große Inanspruchnahme von außen, die diese Zeit für mich mit sich brachte, sorgte von selbst dafür, daß ich nicht allzuviel über das alles trauern konnte. Und was ich eben zuletzt nannte: daß man in diesem Alter seiner eigenen Grenzen deutlicher bewußt wird, das gehörte sicher auch zu den guten Veränderungen meines Daseins in diesen zehn Jahren. Es hat z. B. mit sich gebracht, daß ich zu meinem eigenen Erstaunen und zu dem derer, die mich früher kannten, unverkennbar milder, um nicht zu sagen: friedfertiger geworden bin, bereitwilliger zu der Einsicht, daß man sich schließlich auch mit seinen Widersachern im selben Boot befindet, bereitwilliger auch dazu, mich gelegentlich zu Unrecht angreifen zu lassen, ohne zur Verteidigung zu schreiten und so auch unlustiger zu Angriffen gegen andere. Das Jasagen wurde mir überhaupt wichtiger als das freilich auch wichtige Neinsagen und in der Theologie die Botschaft von Gottes Gnade dringlicher als die freilich auch nicht zu unterdrückende Botschaft von Gottes Gesetz, Zorn, Anklage und Gericht. Schwächeerscheinungen? Vielleicht! Aber einerseits kann ich, wenn es durchaus sein muß, auch heute noch um mich schlagen. Und andererseits meine ich zu bemerken, daß ich in dieser anderen, vielleicht mit meinem Lebensalter zusammenhängenden Form eher mehr als weniger geschafft habe und ausrichten konnte, als in der Kampflust früherer Jahre.

Ich habe einige besondere Gründe, Gott dankbar zu sein. Einmal die Tatsache, daß ich immer noch ein im ganzen gesunder Mann sein durfte. Auch eine vorübergehende Erkrankung (für medizinische Leser: Hernia Spigelii), die zu einer Operation führte, steht mir eigentlich nur als eine interessante Erfahrung und erwünschte Erholung in Erinnerung. Ich weiß, daß es nicht allen so leicht gemacht ist, und werde mich nie darüber beklagen dürfen, daß ich nicht lange genug bei zureichenden Kräften sein durfte. Dazu kommt, daß ich eine eher wachsende als abnehmende Schar von treuen, teilnehmenden und anregenden alten und jungen Freunden um mich sehe und daß ich insbesondere in meinen erwachsenen Söhnen — was auch nicht Jedem Vater geschenkt ist — meine besten Kameraden habe. Und auch das war eine gute Sache, daß die Zahl meiner Enkel in dieser Zeit von zwei auf acht angewachsen ist. Dazu kommt, daß etwas in mir, was gewiß nicht meine Tugend, sondern ein reines Natur-Geschenk ist, so unruhig blieb, daß es mich wenigstens bis jetzt immer wieder aufrief, Erkenntnisse zu gewinnen, gewisse Linien zu halten, entschlossen Stellung zu nehmen und Parteinahmen zu vollziehen, das mir aber auch gebot, in dem allen nur unterwegs zu sein und also die Freiheit nicht preiszugeben, mich weiterführen und dabei auch überraschen zu lassen: ohne die Angst, dabei je und je auch anderen überraschend zu werden. Ich will gewiß nicht verhehlen, daß mir diese Unruhe auch viel Mühe gemacht hat und noch macht. Ich habe andere, die ich längst in irgend einem Hafen angekommen und geborgen sah, darum gelegentlich aufrichtig beneiden können. Wiederum könnte ich nicht ableugnen, daß diese Unruhe mir und meiner Arbeit gerade in diesem Jahrzehnt aufs höchste zugute gekommen ist. Daß dieses Jahrzehnt mich gerade das in besonderer Weise lernen ließ: zu bemerken, wieviel Lob der Mensch ganz einfach Gott seinem Schöpfer schuldig ist, das halte ich für einen Gewinn, um deswillen ich den naheliegenden Wunsch, noch jünger sein zu dürfen, ohne ihn unterdrücken zu können, doch gerne zurückstelle.

Ich komme zur äußeren Gestalt meines Lebens in diesen zehn Jahren. — Die sieben ersten dieser Jahre waren dadurch charakterisiert, daß ich sie — nachdem mich das vorangehende Jahrzehnt durch viele Länder geführt hatte — mit Ausnahme einiger letzter Fahrten nach Frankreich, Holland und Dänemark im Jahr 1939 — ganz und gar nur in meinem schweizerischen Vaterland zugebracht habe. Ich habe meine Heimat in dieser Zeit mit Vorträgen und auf Konferenzen aller Art und auch sonst fleißig durchzogen und besser kennengelernt als je zuvor. Aber seine Grenzen waren auch die meinigen; denn jenseits seiner Grenzen wäre es mir damals, als Hitler und Mussolini uns von allen Seiten umgaben, sicher schlecht ergangen. Das große Unheil, das man 1938 erst kommen sehen mußte, war ja im Jahr darauf über Europa und die Welt hereingebrochen. Die aufgelaufene Rechnung mußte bezahlt werden und leider sind wir in anderer Weise auch noch 1948, indem jene Gefahr längst hinter uns liegt, noch immer damit beschäftigt. Für meine nächstliegende und wichtigste Pflicht hielt ich die: an meinem Teil dafür zu sorgen, daß wenigstens an einer Stelle inmitten des irrsinnig gewordenen Europas, nämlich auf unserer schweizerischen Insel und speziell in dieser unserer Grenzstadt Basel — von der aus man zugleich in das triumphierende und später so schwer leidende Deutschland und in das unterdrückte und später sich erhebende Frankreich hinübersah — ordentlich und „als wäre nichts geschehen” Theologie getrieben werde. Und ich war wie nie zuvor froh, gerade durch diese auf alle Fälle haltbare, dauernde und verheißungsvolle Sache in Anspruch genommen zu sein. Aber es war klar, daß das nicht bedeuten konnte, daß ich mich dem ganzen bedrängenden Zeitgeschehen fernhalten durfte. Wie hat man die Bewegungen auf den Kriegsschauplätzen und, so weit sie erkennbar waren, im Inneren der anderen Länder auch hier begleitet! Wie hat man gebangt und gehofft und gewartet! Und wie hat man in unserer Schweiz selbst alle Hände voll zu tun gehabt!

Ich bin in diesen Jahren schweizerischer geworden als ich es Je gewesen war und von mir selbst erwartet hätte. Es war ja klar, daß unsere Bedrohung und auch unsere Versuchung durch die uns umgebende Welt der Diktatoren in all diesen Jahren nicht gering sein konnte. Und auch bei uns waren nicht alle und war nicht alles bereit zu dem inneren und äußeren Widerstand, der zu leisten war. Wir hatten ja nicht nur für uns selbst zu viel zu verlieren — wir hatten auch für ein künftiges Europa zu viel zu hüten und zu bewahren, als daß man auch nur einen Augenblick hätte zweifeln dürfen: dieser Widerstand mußte geleistet werden. Die Situation war einfach, aber auch schwer — schwer, aber auch einfach und klar (man denkt heute oft fast mit einer gewissen Sehnsucht daran zurück!): wir hatten uns, in uns selbst zusammen­gerollt wie ein Igel, in jedem Sinn, unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu behaupten. Es galt einfach geduldig und mutig zu sein und immer wieder zu werden. So fand man mich in dieser Zeit als Mitglied einer Art Geheimorganisation für die innere Abwehr im Fall einer Invasion. So war ich als Mitglied eines „Hilfswerks für die Bekennende Kirche in Deutschland” einer der Mitarbeiter des rührigen Pfarrers Paul Vogt, der die ausländischen, insbesondere die jüdischen Flüchtlinge mit einer unendlichen und doch in vielen Fällen erfolgreichen Mühe betreut hat. So habe ich aber auch auf eigene Faust gegen Hitler und für die schweizerische Freiheit geredet und geschrieben, so gut ich es vermochte und so weit mir die Polizei und Zensur unserer vorsichtigen Regierung dazu den Atem ließen. So bin ich aber mit 54 Jahren auch noch ziemlich regelrecht Soldat geworden — kein allzu tüchtiger und gefährlicher Kämpfer wahrscheinlich, aber immerhin bewaffneter und exerzierter Soldat, und habe als solcher am Rhein, auf dem Jura und anderswo Wache gestanden und nach Hitlers höllischen Scharen Ausschau gehalten. Die Sache hatte den schönen Nebenerfolg, daß ich mit den Männern meines Volkes, mit denen ich da Tag und Nacht zusammenlebte, in eine schlichte Nähe kam, wie ich sie so noch nie gefunden hatte. Und gerne, sehr gerne habe ich diesen meinen Kameraden, von denen 95 Prozent keine Kirchgänger waren, gelegentlich auch gepredigt und dabei noch einmal ganz neu gelernt, wie eine wirklich auf den Mann gezielte Predigt eigentlich beschaffen sein müßte. „Bewachungskompanie V”! Es gibt wenig Erinnerungen in meinem Leben, die ich so ungern missen möchte wie diese. — So viel von jenen Jahren der Einschließung und der Defensive.

Dann ist der Krieg zu Ende und ist die Türe zur übrigen Welt wieder aufgegangen. Sie bedeutet für mich vor allem die Türe nach Deutschland, wo ich ja früher so lange, so gerne und so beteiligt gelebt, wo ich so viele liebe Freunde und auch so viel zähe Gegner zurückgelassen hatte. Deutschland, mit dem ich mich in der Zeit der nötigen Abwehr gegen alles, was von dort kam, nur um so intimer beschäftigt hatte.

Ich hatte schon während des letzten Kriegsjahres einen neuen Kurs genommen und reiste in den ersten Monaten des Jahres 1945 mit einem Vortrag durch die ganze Schweiz, in welchem ich zunächst meinen Landsleuten klar zu machen versuchte, daß angesichts der unvermeidlich, nahenden deutschen Niederlage die Frage brennender werde als alle anderen: wie wir unseren unglücklichen Nachbarn nun vielleicht erst recht gute und hilfreiche Freunde werden und sein könnten? Ich rechnete dabei damit, daß auch die siegreichen Völker und ihre Regierungen nach so viel Versicherungen ihres höheren Rechtes eine in diesem Sinn vernünftige Politik Deutschland gegenüber wählen und befolgen würden. In dieser Erwartung habe ich mich allerdings gründlich getäuscht. Unerwartet traf mich aber auch die Tatsache, daß die meisten Deutschen (bis hin zu den deutschen Flüchtlingen hier in der Schweiz) diesen Vortrag und alles, was ich nachher weiter im selben Sinn gesagt und geschrieben habe, gerade nicht als das Wort eines Freundes verstehen wollten, sondern mit mehr oder weniger heftigen Gebärden ablehnten. Der Grund war der, daß ich beiläufig die Meinung vertreten hatte, der ich noch heute bin: die innere Remedur des deutschen Wesens dürfe sich nicht nur auf die krasse Verderbnis der Hitlerzeit erstrecken, sondern müsse bis auf deren Wurzeln in der Zeit Bismarcks, ja Friedrichs des Großen zurückgehen. Über diesen Ratschlag wollten und wollen in allem Elend der deutschen Nachkriegszeit nun doch nur die wenigsten mit sich reden lassen. Immerhin ist der nötige Wechsel in der Gesinnung den geschlagenen Deutschen gegenüber hier in der Schweiz, für den ich damals eintreten wollte, tatsächlich in weitem Umfang eingetreten.

Daß es freilich nicht so leicht ist, den Deutschen — und der Menschheit überhaupt — tatsächlich zu helfen, mußte ich dann auch weiterhin erkennen. So z. B. als ich im Frühling und Sommer 1945 mit der „Bewegung Freies Deutschland” in nahe Berührung trat, in der ich übrigens auch zum ersten Mal bemerkenswerte kommunistische Menschen und — in etwas weniger erfreulicher Weise — kommunistische Methoden aus der Nähe kennenlernte. Im Herbst desselben Jahres konnte ich unter der geschickten Betreuung einer amerikanischen Spezialorganisation eine ausgiebige erste Reise durch Deutschland unternehmen, auf der ich in Frankfurt a. Main der Rekonstituierung des „Bruderrates der Bekennenden Kirche” und nachher in Treysa an derjenigen der offiziellen „Evangelischen Kirche in Deutschland” teilgenommen habe. Ich fand diese Kirche — abgesehen davon, daß die „Deutschen Christen” von 1933 nun natürlich verschwunden oder untergetaucht oder (einige wenige) auch ehrlich bekehrt waren — zu meinem Erstaunen ungefähr in derselben Struktur, Gruppierung und herrschenden Tendenz wieder, in der ich sie 1933 in ihr Verderben hatte eilen sehen. Noch waren die nach vorwärts Drängenden, die zwischen 1933 und 1945 wirklich widerstanden hatten, die die Lehren dieser Zeit nun aber auch verwirklichen wollten (Niemöller einer der Besten unter ihnen!), vorhanden und am Werk, aber auch noch in derselben Minderheit abseits von den eigentlich herrschenden und entscheidenden Kreisen und Instanzen. Noch stieß ich auf das alte Interesse an dem formalen, ordnungsmäßigen Bestand der „Landeskirchen”: nicht eben verbessert durch das Interesse an allerlei neuen Wunderlichkeiten, an einem verstärkten Konfessionalismus und Klerikalismus vor allem, und daneben an einem in allen Spielarten florierenden Liturgismus. Noch fand ich das alles viel stärker als etwa die Frage nach der Erneuerung der christlichen Botschaft aus ihren Quellen und ihrer Anwendung auf die nun entstandene neue Lage. Noch schien die Sache der Kirche immer wieder die Sache irgendwelcher führenden Personen und Personenkreise und durchaus nicht die der Gemeinden zu sein. Von der einfachen Sorge um den besten Weg, dem schwer heimgesuchten deutschen Volk das Evangelium zu verkünden, habe ich gerade damals, als die Eindrücke des Geschehenen noch frisch und vieles noch offen war, was heute wieder verschlossen ist, nur wenig bemerkt. Ein neues Wort und ein neuer Glaube war offensichtlich wohl vielen treuen und entschiedenen Einzelnen da und dort, war der Kirche im ganzen aber nicht geschenkt worden: weder in den Bedrückungen des Hitlerregimes, noch in dem Grauen der Bombennächte, noch in der Demütigung der deutschen Niederlage. Entsprechendes galt und gilt wohl auch von den Kirchen der meisten anderen Länder. Mir wurde deutlicher, als es mir vorher war, daß die Menschheit — auch die christliche Menschheit und gerade sie! — ein zähes Leben hat und nicht so schnell zur Buße zu rufen ist.

Nun, ich ließ mich, wie es sich gehört, nicht abschrecken und bin dann noch mehrfach gründlich in Deutschland gewesen, so vor allem — begleitet von meiner getreuen Helferin Charlotte von Kirschbaum — in den Sommersemestern 1946 und 1947 als Gastprofessor an meiner alten Universität Bonn. Ich habe dort einen lebendigen und verheißungsvollen Kontakt mit der neuen, aus Kriegsdienst und Gefangenschaft zurückgekehrten theologischen Jugend Deutschlands finden und habe von dort aus in sehr vielen deutschen Städten (bis hin nach Berlin und Dresden) sprechen, alte Beziehungen aufnehmen und neue anknüpfen dürfen. Ich kann unmöglich daran zweifeln, daß das deutsche Volk und die Kirche in Deutschland noch ihre Zukunft und vielleicht einmal eine sehr besondere Zukunft haben werden. Ich frage mich aber, ob die Hilfe von außen dort nicht zunächst ihre sehr bestimmten Grenzen hat. Mir persönlich hat sich das Problem des deutschen Neuaufbaus als so groß und als von der Umwelt wie von den Deutschen selbst her so kompliziert dargestellt, daß ich mich vor die Alternative gestellt sah: entweder endgültig nach Deutschland zurückzukehren und die mir noch verbleibende Zeit und Kraft ganz und ausschließlich den deutschen Fragen und Aufgaben zuzuwenden oder nun doch wieder an meine eigentliche Arbeit, die Fortsetzung und vielleicht Vollendung der „Kirchlichen Dogmatik” zu gehen und meine direkte Mitwirkung an den Dingen in Deutschland, wie die allfällig auch in anderen Ländern geforderte, auf einzelne Gelegenheiten zu beschränken. Ich meinte mich für das zweite entscheiden zu sollen.

So hatte ich in diesem Jahr 1948 zunächst die Freiheit, eine Einladung der Reformierten Kirche in Ungarn anzunehmen, wo ich von früher her gute Freunde habe. Sie sind heute durch die politische Umwälzung und durch die Einbeziehung ihres Landes in den Ostblock in eine schwierige Lage geraten und wollten meine Meinung darüber hören, wie sie sich mit dem neuen kommunistischen Regime auseinanderzusetzen hätten. Meine eigentliche Aufgabe bestand freilich in Vorträgen und Aussprachen über das, was von der Natur und Aufgabe der Kirche immer und überall zu sagen ist. Eben dabei verständigte ich mich aber mit meinen dortigen Freunden darüber, daß ihre Situation und ihr besonderes Problem nicht einfach nach dem Vorbild des Verhältnisses der westeuropäischen Kirchen zum Nationalsozialismus behandelt werden dürfe, sondern vom Evangelium her und im Blick auf die besondere ungarische Vergangenheit und Geschichte selbständig zu beurteilen sei. Wir meinten zu sehen, daß der Protest gegen die offenkundigen Gefahren und Schäden des kommunistischen Systems für die Kirche nun gerade nicht die vordringlichste Aufgabe sei. Ich verstand und billigte die mir dort vorgetragene Ansicht, nach der eine mit größtem inneren und äußeren Ernst in Angriff zu nehmende Evangelisation des verirrten und verwirrten ungarischen Volkes die Frucht des Glaubens und der Buße sei, die zunächst gerade von der Kirche erwartet sei. Es war diese Stellungnahme, die man mir, nachdem meine Verhandlungen in Ungarn selbst einen durchaus friedlichen und freudigen Charakter gehabt hatten, in meiner Heimat und vielleicht auch anderswo überaus übelgenommen hat. Sie hat mir merkwürdigerweise gerade in den Wochen vor und nach der Amsterdamer Konferenz eine Fülle von Zeitungsangriffen eingetragen, in denen der Vorwurf, ich verkenne die neue Gestalt der totalitären Weltgefahr, bald von dem noch kräftigeren überholt wurde, daß ich mich nun „ganz eindeutig und unmißverständlich zum russischen Kommunismus und Bolschewismus bekannt habe.” Ich kann darüber nur lachen, bin aber allerdings der Meinung, daß der Kommunismus jedenfalls nur durch eine „bessere Gerechtigkeit” der westlichen Welt und nicht durch die allzu billigen Negationen, in denen sich die westliche Angst jetzt Luft macht, abzuwehren sein wird. Und ich halte allerdings dafür, daß der von den ungarischen Reformierten eingeschlagene positive Weg der Glorie vorzuziehen ist, die sie sich als Bannerträgerin des sogenannten „christlichen Abendlandes” allenfalls erwerben könnte. Zu diesem „christlichen Abendland” kann ich mich eben auch nicht bekennen, sondern denke, daß der christliche Ort über dem heutigen Gegensatz von Ost und West zu suchen ist. Wir werden ja sehen, wer auf die Länge recht behalten wird. Und im schlimmsten Fall werde ich es mir gefallen lassen, Unrecht gehabt zu haben, indem ich diesmal nun gerade nicht sofort zum Kampf aufrufen wollte!

Meine andere in diesem Jahr unternommene Fahrt in die Ferne war bedingt durch meine Teilnahme am World Council of Churches in Amsterdam. Ich habe mich früher nicht oder kaum an der „Ökumenischen Bewegung” beteiligt, hatte sogar allerhand gegen sie einzuwenden, wir mir denn alle „Bewegungen” als solche immer etwas suspekt waren und noch sind. Aber in diesem Fall muß ich wohl im gewöhnlichen Sinn der Worte bekennen: My mind has changed. Es kam dazu sehr einfach in der Weise, daß man mich eines Tages zu theologischer Mitarbeit aufforderte, und dann im besonderen für das Gelingen der Amsterdamer Konferenz in so hervorgehobener Art mitverantwortlich machte und daß ich diese Mitarbeit und Mitverantwortung bei näherem Zusehen nicht nur interessant, sondern auch wichtig finden mußte. Vor allem unter diesem Gesichtspunkt denke ich nun auch gern an Amsterdam zurück. Es war schon nötig und lohnend, seine eigene Arbeit einmal gewissermaßen in Klammer zu setzen und sich in der strengen und verpflichtenden Weise, wie es in Amsterdam geschehen ist, mit den Vertretern ganz anderer kirchlicher Bekenntnisse an einen Tisch zu setzen: nicht in der Absicht, ein neues Dogma zu formulieren, nicht in der Absicht, Kompromisse zu schließen, wohl aber in der bescheidenen, aber soliden Absicht, sich über das, worin man in der Christenheit einig und nicht einig ist, in Rede und Gegenrede klar zu werden. Das ist es, was sich in Amsterdam, jedenfalls in dem Bereich, den ich überblicken konnte, in der Sektion I, zugetragen hat, und daß ich da dabeisein und mittun konnte, dafür bin ich dankbar. Die Kommission für The Womens Work in the Church davon zu überzeugen, daß der Apostel Paulus über das Verhältnis von Mann und Frau auch noch einige andere beachtliche Worte gesagt hat außer dem, daß „in Christus weder Mann noch Frau” ist, ist mir freilich nicht gelungen, obwohl ich so freundlich wie möglich dafür zu werben gesucht habe. Und so scheint es, daß ich mir auch mit meiner Stellungnahme zu dem Problem der Nichtbeteiligung der römischen Kirche am World Council nicht nur Sympathien erworben habe. Ich meinerseits habe gegen den alten ökumenischen Stil, der sich besonders am Anfang über das Ganze ausbreiten wollte, meine alte Abneigung durchaus behalten. Ich meine ferner zu sehen, daß es zwischen der amerikanischen und unserer kontinentalen Art christlichen Denkens und Redens noch einmal zu Auseinandersetzungen kommen könnte, die wichtiger und vielleicht auch gefährlicher werden könnten als die zwischen den verschiedenen Kirchen. Aber wieviel anderes war einfach ermutigend: die Anwesenheit und Mitwirkung der „jungen Kirchen” und der „Jugend” überhaupt, die Einmütigkeit, in der diese Versammlung trotz deutlich vorhandener Differenzen aller Art (im Unterschied zu gewissen anderen Weltversammlungen) beraten und schließlich beschlossen hat, die von fast allen Seiten aufrichtige Bemühung um jenen christlichen Ort oberhalb des Ost-West-Konfliktes, der gute Tenor der Schlußbotschaft — dazu die vielen fruchtbaren oder doch belehrenden Begegnungen mit einzelnen und Gruppen, die so nun eben doch nur bei solchem Anlaß möglich waren. So bin ich froh, mich nicht verhärtet, sondern für diese neue Erfahrung offen gehalten zu haben. Zu einem eigentlichen Kirchenmann oder gar Kirchenführer eigne ich mich nicht und dazu wird mich auch niemand machen wollen. Aber in der freien Stellung eines ökumenischen „consultant”, die ich in Amsterdam haben durfte, will ich mich, soweit ich kann, gerne auch für die Zukunft bereit halten. — Kurz nach Amsterdam bin ich dann wieder — seit zehn Jahren zum ersten Mal — unter den französischen Theologen gewesen, in deren Mitte ich mich besonders wohl fühle, habe Port Royal gesehen, das Grab Napoleons aufgesucht und die Welt noch einmal vom Eiffelturm aus betrachtet. On revient toujours a ses premiers amours. Oder jedenfalls: souvent.

Nichtsdestoweniger bin ich froh, mich nun wieder an meinem eigentlichen Ort, nämlich in meinem Studierzimmer in Basel zu befinden. Wichtiger als alles andere war mir ja doch die Bewegung, die ich auch in dieser Zeit hier zu vollziehen hatte. Vier weitere Bände meiner „Kirchlichen Dogmatik” konnten in diesen zehn Jahren im Zusammenhang mit meinen Vorlesungen an der Basler Universität fertiggestellt und veröffentlicht werden: die Lehre von Gott (II, 1 1940), die Lehre von der Praedestination (II, 2 1942), die Lehre von der Schöpfung (III, 1 1945), die Anthropologie (III, 2 1948). Da amerikanische Leser sich für Zahlen interessieren, will ich verraten, daß es sich um Bände von 782, 898, 488 und 800 großen Druckseiten handelt. Ich konnte mich auf keinem der genannten Gebiete einfach an eine gegebene Kirchenlehre und theologische Tradition anschließen, sondern mußte von der von mir für richtig gehaltenen Mitte (dem alt- und neutestamentlichen Zeugnis von der Person und dem Werk Jesu Christi) aus alles neu durchdenken und entfalten. So stand ich tatsächlich Jahr für Jahr vor neuen und sehr aufregenden Fragen und in Untersuchungen, in deren Verlauf und Zusammenhang ich einen weiten Weg zu gehen hatte. Ich staune nachträglich selbst, daß es mir äußerlich und innerlich möglich gemacht war, dieser so viel Sammlung erfordernden Arbeit durch alles hindurch nachzugehen. Und ich habe Anlaß, auch dafür dankbar zu sein, daß das so sein durfte. Hier, in der Fortbewegung auf diesem Erkenntnisweg ging es für mich um die wichtigste unter den „Veränderungen”, die ich in dieser Zeit durchgemacht habe. Eben darum halte ich mich für die Zukunft in dieser Richtung für mehr verpflichtet als in jeder anderen. Größte Gebiete des christlichen Bekenntnisses liegen ja noch unbearbeitet vor mir. Unübertreffliches zu produzieren bilde ich mir auch nicht ein. Doch halte ich es für keine Anmaßung, wenn ich meine, daß es nicht nur für mich, sondern auch für die Zeitgenossen in Kirche und Welt, denen ich mich verpflichtet weiß, richtig und wichtig sei, wenn irgendwo in aller Relativität auch das getan wird, was ich hier versuche, und wenn ich darum die Konferenzen, die Predigten, die Vortragsreisen usw. — nicht ausschließlich, aber in der Hauptsache und wo ich irgendwie entbehrlich bin, anderen überlasse, die nun eben dazu besser begabt und gerüstet sind, und denen ich dabei vielleicht mit meiner Arbeit indirekt hilfreich sein kann. Wobei es mir nicht verborgen ist, daß man in Amerika und anderswo schon beim Gedanken an so umfangreiche und dazu noch deutsch geschriebene Bücher ein wenig erschrocken ist.

Ich schließe mit einem Lieblingswort meines zweiten Sohnes, der jetzt in Borneo die eingeborenen Pfarrer in die Theologie einzuführen bemüht ist: „Ein jeder tut, was er kann”. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren getan, was ich konnte, und möchte es auch in Zukunft so halten dürfen.

1948-1958

Zum dritten Male — diesmal im Rückblick auf die Jahre seit 1948 — bin ich nun mit anderen Zeitgenossen von Christian Century aufgefordert, darüber zu berichten, was ich seither neu oder in neuer Weise erlebt, erfahren, gedacht und getan habe und insofern — kein anderer, aber anders derselbe gewesen bin, der ich immer war und wohl auch bleiben werde. Mehr als ein — von mancherlei Versuchung umgebenes und übrigens nicht strikte notwendiges — Parergon kann ein solcher Bericht nicht sein. Aber da er gewünscht wird, warum soll ich nicht versuchen ihn zu liefern? Sei es denn!

Einiges Persönliche zuerst: Es gibt heute unter dem Namen „Gerantologie” eine besondere Wissenschaft von den Möglichkeiten des alten Menschen. Ich bin nun notorisch ein alter Mensch geworden. Das Wichtigste, was mir von den Ergebnissen jener Wissenschaft Eindruck gemacht hat, ist dies, daß es am besten sei, sich über sein Alt- und Älterwerden nur die nötigsten, d. h. die praktisch ganz unvermeidlichen und also so wenig als möglich Gedanken zu machen, statt dessen ruhig fortzufahren, nun eben — Mensch zu sein. Die Jahre, in denen ich zu Pferd durch Feld und Wald zu eilen pflegte und auch die anderen, in denen ich noch jener bescheidenen soldatischen Leistungen fähig war, von denen ich in meinem letzten Bericht erzählte, liegen nun freilich weit zurück. Bergauf zu steigen, ist mir keine reine (vgl. Koh. 12, 5 a) Lust mehr. Auch mein Arbeitstempo am Schreibtisch ist merklich langsamer geworden. Ich darf aber im Blick auf die Beschwerden so vieler Gleichaltriger wahrhaftig dankbar sein für das Unverdiente, daß ich mich von keiner mir bewußten Krankheit angefochten finde, daß Luft, Wasser, sinnvolle Ernährung und mäßige Bewegung mir noch und noch dazu helfen, mich in angemessener Weise munter zu erhalten, und daß mir auch die treu gerauchte Pfeife nach wie vor nicht schlecht, sondern gut bekommt und darum von meinem weisen Arzt nicht verboten, sondern erlaubt ist. Den solidesten irdischen Beitrag zur Erhaltung dieses meines äußeren Zustandes meine ich freilich folgenden zwei unter sich zusammenhängenden Faktoren zu verdanken: einmal der „Kirchlichen Dogmatik”, die nach Fortsetzung und Vollendung ruft, mir also nicht erlaubt, den Kopf hängen und die Hände sinken zu lassen — und sodann die Einladung des Regierungsrats der Stadt Basel, mit meinem Unterricht an der Universität über die übliche Altersgrenze hinaus fortzufahren, mich also immer wieder von den Ansprüchen der studierenden Jugend beunruhigen und erfrischen zu lassen. Mit einem Wort: eben der „Mühe und Arbeit”, von der im 90. Psalm die Rede ist, habe ich wahrscheinlich den besten irdischen Motor zu verdanken, den ich jetzt mehr als je nötig habe. Wie lange das noch so sein kann, ist eine Frage für sich. Aber in diesen letzten zehn, durch meinen Übergang vom siebenten zum achten Dezennium gekennzeichneten Jahren war es so.

Bei zunehmendem Verständnis für die Geschichtlichkeit alles menschlichen Wesens und so auch meiner eigenen Existenz habe ich es gelernt, mir meiner Zusammenhänge und meinen näheren und ferneren Vorfahren aufmerksamer und liebevoller bewußt zu werden als früher und zugleich auch am Leben meiner Kinder und Kindeskinder immer wärmeren Anteil zu nehmen. Zu dem, was mich besonders freut, gehört die Tatsache, daß in diesem Jahrzehnt auch zwei meiner Söhne ins theologische Lehramt eingetreten sind: der eine im fernen Chikago mit dem Neuen, der andere im noch ferneren Djakarta mit dem Alten Testament be­schäftigt. Ihre anregende Gegenwart — sie wissen und können so vieles, was ich nun nie mehr lernen werde — fehlt mir. Doch tröstet mich die zwischen ihnen und mir stehende Einmütigkeit und der kühne Gedanke, daß die Sonne nun beständig auch mindestens einen von unserem Stamm wachend und im Dienst der schönsten aller Wissenschaften an der Arbeit findet. Mein jüngster Großsohn, in Indonesien geboren und eben von dort im Flugzeug zum Besuch hier eingetroffen, heißt Daniel. Er ist erst zwei Monate alt, erfreut mich aber bereits durch merkliche Anzeichen von Intelligenz, Musikalität und Frömmigkeit.

Ich komme zunächst zu den politischen Dingen. Meine Einstellung zu ihnen hat mir das Leben schon in früheren Zeiten nicht eben erleichtert. Sie hat mich in diesen zehn Jahren in weitere Schwierigkeiten verwickelt. Was geschah? Was habe ich getan? Was ist mir widerfahren?

Es war die Ost-West-Frage, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges uns alle, und so auch mich begleitet und beschattet hat. Eben in dieser Frage konnte und kann ich mit der großen Mehrheit der mich umgebenden Geister nicht einig gehen. Nicht, daß ich für den östlichen Kommunismus im Blick auf seine bisherige Selbstdarstellung irgendeine Zuneigung aufzubringen vermöchte; ich ziehe es entschieden vor, nicht in seinem Bereich leben zu müssen, und wünsche es auch keinem anderen, dazu gezwungen zu sein. Ich sehe aber nicht ein, daß es politisch oder gar noch christlich geboten oder erlaubt sein soll, solcher Abneigung und Ablehnung die Folgen zu geben, die man ihr im Westen seit fünfzehn Jahren in zunehmender Schärfe gegeben hat. Ich halte den prinzipiellen Antikommunismus für das noch größere Übel als den Kommunismus selber. Kann man übersehen, daß dieser das unwillkommene, aber in seiner ganzen Unart natürliche Ergebnis und Gegenspiel westlicher Entwicklungen ist? Spukt nicht gerade der totale, der gewiß unmenschliche Zwang, den wir ihm zum schwersten Vorwurf machen, in anderer Gestalt von jeher auch in unseren angeblich freien westlichen Gesellschafts- und Staatsordnungen? Und war es denn auf einmal etwas Neues und besonderen Entsetzens wert, daß der Kommunismus sich für eine alle Menschen und Völker beglückende und darum über die ganze Welt zu verbreitende Heilslehre hält? Gibt es nicht auch andere Syste­me dieser Art und Tendenz? Weiter: Konnte man den von ihm beherrschten Völkern und der durch ihn bedrohten Welt — konnte man auch nur einen einzigen der unter seinen Auswirkungen leidenden Menschen damit zu helfen meinen, daß man ein exklusives Feindverhältnis ihm gegenüber als die einzige Möglichkeit proklamierte und praktizieren wollte? Hatte man vergessen, daß es sich eben in diesem absoluten Feindverhältnis zu ihm, auf das nun im Westen jeder brave Mann zu verpflichten und alles und jedes auszurichten wäre, um eine typische Erfindung und Erbschaft unserer verflossenen Diktatoren handelt — daß nur der „Hitler in uns” ein prinzipieller Antikommunist sein kann? Weiter: Wer hat sich im Westen die Mühe genommen, die seit 1945 entstandene peinliche Lage auch einmal vom östlichen, speziell vom russischen Standpunkt aus durchzudenken? War man über den sowjetischen Beitrag zur Überwindung der nationalsozialistischen Gefahr nicht eben noch, und das mit gutem Grund, ziemlich froh gewesen? Waren es nicht die Führer des Westens, die dem Sowjetstaat einen bestimmenden Einfluß im östlichen Europa gegen Ende des Krieges in aller Form zugestanden und garantiert haben? War das gewiß übertriebene Sicherungsbedürfnis, aus dem heraus er das ihm Angebotene zu halten und zu befestigen suchte, nach allem, was seit 1914 vorgegangen war, so ganz unbegreiflich? Mit welchem Recht hat man nach 1945 alsbald von einem notwendigen roll back zu reden begonnen? War es unvermeidlich, darin, daß man sich auf der anderen Seite gegen solches roll back vorsah, ohne weiteres eine militärisch-offensive Bedrohung der übrigen Welt zu erblicken? Hatte man dem östlichen Partner gegenüber keine andere Wahl als die, ihn durch ein massives westliches Defensiv-Bündnis, durch seine Einkreisung mit Bombenstützpunkten, durch die Begründung der ihm wie eine geballte Faust unter die Nase gerückten Deutschen Bundesrepublik, durch deren Wiederbewaffnung, durch deren Ausrüstung mit Nukleargeschossen bis aufs Blut zu reizen — ihn so in der ihm seinerseits in gewiß nicht geringerem Maß eigenen Bosheit zu bestärken und zu den entsprechenden machtmäßigen Gegenmaßnahmen herauszufordern? Wußte der Westen schließlich keinen besseren Rat, als seine Zuversicht auf seine infamen A- und H-Bomben zu setzen, und geschah es ihm nicht recht, erfahren zu müssen, daß der andere auf diesem Gebiet auch nicht müßig und erfolglos geblieben war? Gab es ihm gegenüber keine bessere Diplomatie als die, die die Welt nun in diese, wie es scheint, ausgangslose Sackgasse hineinmanöveriert hat? Und weiter: Was war das für eine westliche Philosophie, politische Ethik — und leider auch Theologie, deren Weisheit darin bestand, den östlichen Kollektivmenschen in einen Engel der Finsternis, den westlichen „organisation man” aber in einen Engel des Lichtes umzudichten und mit Hilfe dieser Metaphysik und Mythologie (daß diese auch ein östliches Gegenstück hat, ist keine Entschuldigung!) dem absurden Wettlauf des „Kalten Krieges” die nötige höhere Weihe zu geben? War man der Güte der westlichen Sache und war man der Widerstandskraft des westlichen Menschen nicht sicherer als so, daß man diesen nur vor die sinnlose Alternative: Freiheit und Menschenwürde oder gegenseitige atomare Vernichtung! zu stellen wußte, und eben diese letztere für alle Fälle zum vornherein als ein Werk der wahren christlichen Nächstenliebe auszugeben wagte?!

Eben in dieses ganze Narrenwerk — ich kann es nicht anders nennen — habe ich mich in all diesen Jahren in keiner Weise finden können. Ich denke, daß in dieser ganzen Sache aus lauter Angst vor dem Feuer in unverantwortlicher Weise mit dem Feuer gespielt worden ist. Ich denke, daß der Westen, der es besser wissen konnte, zu der gewiß gebotenen kritischen Auseinandersetzung mit der Macht und mit der Ideologie des kommunistischen Ostens bessere Wege suchen und finden mußte als die, die er bisher beschritten hat. Möglichkeiten zu einer würdig, umsichtig und fest geführten Ko-Existenz- und Neutralisierungspolitik waren ihm in diesen Jahren mehr als einmal geboten und er hätte dem Namen der „freien Welt”, dessen er sich rühmt, wenn er sie ergriffen hätte, mehr Ehre gemacht, wäre dann auch zu brauchbareren und verheißungsvolleren praktischen Ergebnissen gekommen als die, vor denen wir heute stehen. Ich denke, daß insbesondere die westliche Presse und Literatur, statt den Inhumanen ausgesprochen inhuman zu begegnen, eben die gepriesene Humanität des Westens durch ein ruhiges Sehen und Verstehen der östlichen Personen und Verhältnisse in ihrer dialektischen Wirklichkeit unter Beweis zu stellen gehabt hätte. Und ich denke vor allem, daß es Auftrag der christlichen Kirchen gewesen wäre, den politisch führenden Verantwortlichen und der öffentlichen Meinung durch ihr überlegenes Zeugnis vom Frieden und von der Hoffnung des Reiches Gottes zu Hilfe zu kommen. Sie haben der Sache des Evangeliums durch die weithin völlig unbesonnene Art, in der sie sie mit der eben so schlecht konzipierten wie ungeschickt geführten Sache des Westens identifiziert haben — Rom war darin nicht besser als Genf und Genf nicht besser als Rom! — einen Schaden zugefügt, der nach menschlichem Ermessen auch durch die besten ökumenischen und missionarischen Anstrengungen auf längste Zeit nicht wiedergutzumachen sein wird. Sie haben der östlichen Gottlosigkeit, statt sie praktisch zu widerlegen, neue, schwer zu überwindende Argumente geliefert. Indem ich die Dinge so gesehen habe und noch sehe, habe ich mich in diesen Jahren mehr als einmal bloßstellen müssen: in den selteneren Fällen, indem ich, wo die meisten geschwiegen haben, redete — öfters, indem ich, wo sie redeten, geschwiegen habe. Man hat mich deshalb, wenn man mich nicht gerade als Krypto-Kommunisten oder mindestens als fellow traveller verdächtigen wollte, entweder als einen politisch ahnungslosen Dilettanten oder — unter mißbilligendem Vergleich mit gewissen alttestamentlichen Propheten — als einen prinzipiellen Non-Konformi­sten hingestellt, der sich ein mutwilliges Vergnügen daraus mache, d’épater le bourgeois. Man hat mich hundertmal des flagranten Selbstwiderspruchs bezichtigt, der darin bestehe, daß ich mich weigere, was ich einst dem Nationalsozialismus gegenüber vorgebracht, nun auch dem Kommunismus gegenüber zu wiederholen. Man hat mich des schnöden Undanks gegenüber den Vorzügen und Wohltaten der „freien Welt” angeklagt. Man hat meine Äußerungen und besonders meine Nicht-Äußerungen als Dokumente gefährlicher Knochenerweichung und Verwirrung (erklärlich nur aus meinem hohen Alter!) an den Pranger gestellt. Ich bin in den führenden politischen und kirchlichen Kreisen Westdeutschlands noch unpopulärer geworden, als ich es dort auch in den besten Zeiten ohnehin war — mußte mir aber auch von einigen Sowjet-deutschen Amtsstellen bescheinigen lassen, ich vertrete Anschauungen ausgesprochen „antidemokratischen”, ja „antihumanistischen” Charakters. Besonders schlimm erging es mir in meiner schweizerischen Heimat, wo es merkwürdigerweise ganz auffallend viele kleine McCarthy’s gibt — wo im Jahr 1951 ein seither verstorbener führender Politiker einen förmlichen Feldzug gegen mich gestartet hat — und wo ich auch später (bes. zur Zeit der Ungarn-Krise und der dann wieder bei Anlaß der wunderlichen Diskussion über eine schweizerische Atom-Aufrüstung) unüberhörbar vernehmen mußte, daß ich als ein zweifelhafter Eidgenosse anzusprechen sei, daß ich jedenfalls die mäßigen Sympathien, die mir in der Hitlerzeit zugefallen waren, nun gänzlich verspielt habe. Und wer war es doch, der mich wegen meines Schweigens über Ungarn beschuldigt hat, im Unterschied zu dem bußfertigen J. P. Sartre ein Unbußfertiger zu sein und einem ebenso unbegreiflichen wie unchristlichen Ressentiment gegen — Amerika Raum zu geben? Oh, ich meine, die Nekrologe bereits zu lesen, in denen man dereinst zusammenfassend von mir sagen wird, daß ich mir zwar in der Erneuerung der Theologie und allenfalls im deutschen Kirchenkampf gewisse Verdienste erworben habe, in politischer Hinsicht aber ein bedenkliches Irrlicht gewesen sei!

Das ist es, was mir auf diesem Feld widerfahren ist: gewiß kein Martyrium, gewiß überhaupt nichts Schreckliches, über das mich zu beklagen ich Grund hätte, aber immerhin eine Anfechtung, die mich in diesem Jahrzehnt faktisch dauernd begleitet und auch beschäftigt hat, die darum hier zu beschreiben war. Je älter ich werde, desto mehr bestätigt sich mir die Einsicht, daß es — weil die Dinge früher oder später von selber in den richtigen Proportionen ans Licht zu kommen pflegen — ratsam ist, sich, wenn man in solcher Anfechtung ein gutes Gewissen hat, nicht allzu eifrig oder noch besser gar nicht verteidigen und rechtfertigen zu wollen. Ein Versuch dazu soll denn auch hier nicht gemacht werden. Ich schreibe dies an dem Tag der letzten Nachrichten von Nixons Besuch in Moskau und über die beabsichtigte Zusammenkunft zwischen Chrustschow und Eisenhower. Ich lese sie ohne Optimismus, immerhin aber auch ohne apriorische Skepsis im Blick auf das, was zwischen den östlichen und den westlichen Menschen und Völkern, Mächten und Ideologien noch möglich werden könnte. Wie, wenn die unselige Aera Dulles — Adenauer einmal zu ihrem Ende kommen sollte? Wie, wenn sich die deutschen Lutheraner eines Tages von ihren bösen Wegen bekehren würden? Wie, wenn vom Vatikan oder von Genf her eines Morgens statt unverbindlicher Allgemeinheiten ein prophetisch-apostolisches Buß- und Friedenswort zu vernehmen wäre? Man wagt es kaum, solches zu hoffen. Aber warum sollte es ausgeschlossen sein, daß solches oder ähnliches auch noch vor dem Ende und Neuanfang aller Dinge Ereignis werden könnte?

Ich mußte über diese Dinge notgedrungen etwas ausführlicher werden, als ich es wollte und als es ihrem Gewicht in meinem Leben entspricht. Mein eigentliches Interesse galt doch auch in dieser Zeit meiner nun einmal übernommenen und in bestimmtem Sinn angefaßten Aufgabe im spezifisch theologischen Bereich. Sie führte mich in der Ausarbeitung der „Kirchlichen Dogmatik” nach einer die Lehre von der Schöpfung abschließenden Teildarstellung der christlichen Ethik zu der in bisher drei Stücken entfalteten Lehre von der Versöhnung und damit in die lebendige Mitte aller Probleme theologischer Erkenntnis. Auch hier — und hier erst recht — war in möglichst treuem und beweglichem Merken auf das Zeugnis des Alten und des Neuen Testaments und in möglichst aufgeschlossener Auseinandersetzung mit der älteren und neueren Überlieferung sehr vieles neu und frisch durchzudenken und darzustellen. Noch ist das Ziel nicht erreicht, und ob ich es erreichen werde, steht dahin. Der höchste Berg auf dem zu durchschreitenden Weg dürfte nun aber hinter mir — und so auch hinter den Lesern liegen. Die Anstrengung, die mich die Sache kostet, ist nicht kleiner geworden. Sie erscheint mir aber darum als lohnend und ich finde mich darum immer wieder aufgerufen, sie fortzusetzen, weil so viel Menschen aufmerksam mit mir lernend an ihr teilnehmen wollen. Ich bin mir bewußt, daß ich es auch in dieser Hinsicht unverdient gut habe. Die Übersetzungen des Werks ins Englische und Französische sind in gutem Fortgang und mit der Übersetzung ins Japanische ist jedenfalls ein hoffnungsvoller Anfang gemacht. Wie es in diesen weiteren Bereichen — jeweils nach Überwindung des ersten Erstaunens und Befremdens — aufgenommen und sich auswirken wird, kann ich von ferne nicht übersehen. Ich verfolge aber seinen Lauf auch in anderer Hinsicht wie jenes Huhn, das das von ihm ausgebrütete Entlein auf einmal schwimmen sah. Die Zahl der ihm — in seiner Gesamtheit oder in bestimmter Auswahl — zugewendeten Aufsätze, Schriften, Dissertationen und ganzen Bücher wuchs und wächst zusehends und mit ihr die Fülle der Hypothesen über die Entwicklung und Struktur der in ihm vorgetragenen Theologie, aus denen ich oft mehr über mich selbst erfahre, als ich mir träumen ließ. Mehr noch als diese in ihrer Weise gewiß auch zu schätzende Art von Beachtung freut es mich, wenn ich doch immer wieder höre, daß die „Kirchliche Dogmatik” in nicht wenig Pfarrhäusern gelesen, studiert und (sei es denn: da und dort einfach als Nachschlagewerk!) für die Arbeit in Predigt, Unterricht und Seelsorge fruchtbar gemacht wird und so indirekt auch in die weitere Gemeinde kommt. Darüber, daß ihrer faktischen Auswirkung sowohl in der akademischen Wissenschaft wie in der kirchlichen Verkündigung sehr bestimmte Grenzen gesetzt sind und wohl auch gesetzt bleiben werden, glaube ich mich nicht zu täuschen. Man kann in beiden Bereichen sehr wohl an ihrer Anleitung und Aussage vorbeikommen: sei es, indem man ihre Existenz überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt — sei es, daß man auf ein bloßes Hörensagen hin oder nach einer flüchtigen Einsichtnahme mit ihr fertig ist, bevor man mit ihr angefangen hat — sei es, daß man sich dies und das an ihrer Haltung oder aus ihrem Inhalt Wohlgefallen läßt, um es, gerade dem Entscheidenden ausweichend, im Handkehrum mit Konzeptionen ganz anderer Art und Richtung zu vermengen und irgendwie zu trivialisieren. Indem ich Anlaß habe, für so viel ernste Aufmerksamkeit dankbar zu sein, kann, darf und will ich mich auch darüber nicht beschweren. Imperialistische Gelüste wären ja auf dem Feld der Theologie wirklich eine doppelt häßliche Sache.

Unter den Unternehmungen, die ich die theologischen Zeitgenossen in diesen Jahren wagen und durchführen sah, hat mich wie viele andere R. Bultmanns (freilich schon zuvor in Angriff genommene) „Entmythologisierung des Neuen Testamentes” am meisten beschäftigt: weniger um ihrer konkreten Problematik willen, als deshalb, weil sie sich mir als eine höchst eindrucksvolle Wiederaufnahme des Themas und der Methode der von Schleiermacher inspirierten Theologie darstellte und damit Anlaß gab, meinen vor vierzig Jahren in Abweichung von dieser Überlieferung gewonnenen Ausgangspunkt neuer Überlegung, Prüfung und Präzisierung zu unterziehen. Ich konnte Bultmann schließlich nicht folgen: seiner besonderen These nicht und erst recht nicht seinem grundsätzlichen Verfahren, in welchem ich die Theologie (trotz aller Versicherungen des Gegenteils) von neuem in die Gefangenschaft im ägyptischen oder babylonischen Land einer bestimmten Philosophie geraten sah. Im Umgang mit dem in Basel studierenden theologischen Nachwuchs schien es mir, als ob das eine Weile alles andere verschlingende Interesse an einer wie in alten Tagen „historisch-kritisch” zu sichernden „existentialen Interpretation” verhältnismäßig bald wieder im Abflauen begriffen sei. Doch kann das anderswo anders aussehen und ich würde mich nicht wundern, wenn die Sache in den Formen, in denen sie in allerlei Varianten von Bultmanns Schülern vertreten wird, noch eine beachtliche Zukunft haben sollte. Sicher ist, daß man Bultmann dankbar sein muß für die Warnung: daß die noch lange nicht durchgefochtene Befreiung der Theologie aus jener Gefangenschaft so leicht und einfach nicht zu haben sein wird, wie manche (unter ihnen wohl auch manche meiner Leser und Freunde) es sich gelegentlich vorgestellt haben mögen. — Merkwürdig war und ist es mir, die heute alttestamentliche Wissenschaft speziell in Sachen des alten und immer neuen Themas „Glaube und Geschichte” im ganzen auf viel besseren Wegen zu sehen, als die maßgebenden Neutestamentler, die sich zu meiner nicht geringen Verblüffung aufs neue, mit Schwertern und Stangen bewehrt, auf der Suche nach dem „historischen Jesus” begeben haben, an der ich mich nach wie vor lieber nicht beteiligen möchte.

Ein besonderes Wort erfordert das, was sich in diesem Jahrzehnt zwischen der römisch-katho­lischen Theologie und mir zugetragen hat. Den seltsamen Ruhm wird man mir, wie man auch sonst von mir denke, lassen müssen: daß seit der Reformation keine Gestalt evangelischer Theologie dort so viel kritische, aber doch auch positive und jedenfalls ernstliche Teilnahme gefunden hat, wie sie mir nun widerfährt. Kein Zweifel: die umfassendsten Darstellungen, die eindringendsten Analysen und auch die interessantesten Beurteilungen der „Kirchlichen Dogmatik” und meiner übrigen Arbeit kamen bis jetzt (abgesehen von wichtigen Ausnahmen wie dem Werk von Berkouwer und einer mir neulich vorgelegten Heidelberger Dissertation eines jungen Amerikaners) aus jenem Lager. Führend war in dieser Hinsicht das bekannte Buch meines Basler Freundes Hans Urs von Balthasar. Und siehe da: die Zustimmung hielt dort der Reserve und dem Widerspruch gegenüber bis jetzt mindestens die Waage. Ist es, um hier nur das auffallendste Beispiel zu nennen, nicht geschehen, daß ein in Rom sieben Jahre lang tüchtig genug ausgebildeter junger Luzerner in Paris mit einem Buch promoviert hat, in welchem man haarscharf nachgewiesen findet, daß zwischen der reformatorischen Lehre, so wie sie jetzt von mir ausgelegt und vorgetragen werde, und der recht verstandenen Lehre der römischen Kirche gerade in dem zentralen Punkt der Rechtfertigung kein wesentlicher Unterschied bestehe! Das Buch ist drüben bis jetzt von keiner offiziellen Stelle desavouiert, vielmehr von verschiedenen Prominenten ausdrücklich gelobt worden. Was soll man dazu sagen? Ist das Millennium angebrochen oder wartet es doch hinter der nächsten Ecke? Wie gerne möchte man es glauben! Aber die Ausrufung des hl. Laurentius von Brindisi (eines fanatisch antireformatorischen Kapuziners des 16. Jahrhunderts) zum doctor ecclesiae (— in einem Rang mit Athanasius, Augustin, Thomas usw.! ), die Millionenwallfahrt zum „heiligen Rock” von Trier und die milde, aber nun doch ein wenig arg substanzarme erste Enzyklika des neuen Papstes dürften leider darauf hinweisen, daß der Kurs der römischen Kirche als solcher von dem der theologischen Avantgarde, die mir so viel Mühe und Liebe zuwendet, noch nicht bestimmt oder auch nur mitbestimmt ist. Es bleibt aber doch die Feststellung, daß dort eine solche Avantgarde — und das bis jetzt immerhin unverboten — am Werk ist, und für uns andere, für mich zumal, die schöne Möglichkeit, nein: Notwendigkeit, mit ihr in Fühlung zu bleiben.

Im theologischen Unterricht in Basel ist mir neben der Vorlesung die direkte Zusammenarbeit mit den in immer neuen Generationen sich folgenden Studenten in zunehmendem Maß wichtig geworden. Ich kann wohl sagen, daß es mir ein Vergnügen ist, mich mit ihnen zu unterhalten, ihre Fragen und Einwürfe zu hören und zu beantworten, sie auf die Spuren zu leiten, die ich für die richtigen halte. Das geschieht im Seminar etwa im Studium von Texten von Luther oder Calvin, aber auch von Schleiermacher, Bultmann, Tillich und anderen großen Männern der Neuzeit oder von solchen aus dem katholischen Bereich — in den in deutscher, französischer und englischer Sprache gehaltenen Übungen an Hand von irgendwelchen Abschnitten aus den früheren Bänden der „Kirchlichen Dogmatik”. Und ich habe den Eindruck, daß die Studenten ihrerseits noch immer (obwohl der Altersunterschied zwischen ihnen und mir immer größer wird) gern und eifrig dabei sind. Auch das mag sich einmal ändern, aber bis jetzt ist es so.

Es wird die Leser von Christian Century besonders interessieren, zu hören, daß ich an den jüngeren und älteren Amerikanern, die nun schon ziemlich zahlreich für einige Semester oder auch Jahre nach Basel kamen, aufrichtige Freude hatte und noch habe. Sie haben sich — aus den verschiedensten Denominationen stammend — in dem so ganz anderen geistigen Klima, in das sie hier (nicht zuletzt auch bei mir) gerieten, fast alle mit Ernst und auch mit gutem Erfolg einzuleben gewußt und mehr als einer von ihnen ist dann auch als Basler Doktor ehrenvoll in seine Heimat zurückgekehrt und dort selber schon Dozent geworden. Unter dem mir zugeschriebenen anti-amerikanischen Komplex sollte doch wohl keiner von ihnen zu leiden gehabt haben! Ich denke übrigens, daß ich in dieser Form Gediegeneres und Nützlicheres auch für Amerika leisten kann, als wenn ich mich mit so vielen Europäern auf Reisen begäbe, um mich drüben da und dort vorübergehend persönlich sehen und hören zu lassen. Ganz abgesehen davon, daß ich mich dort durch meinen Sohn in Chicago aufs beste — authentisch und originell zugleich — vertreten weiß und daß, wer das will, mich dort ja nun auch, in korrektes Englisch übersetzt, in Ruhe lesen und studieren kann.

Im Blick auf meine Basler Tätigkeit wäre noch zu erwähnen, daß, wenn ich gelegentlich predige, das hiesige Gefängnis in diesen Jahren mein bevorzugter Ort geworden ist. Es dürfte wohl nur wenige Theologieprofessoren geben, deren Predigthörer man nur werden kann, wenn man sich zuvor einer gröblichen Übertretung der bürgerlichen Rechtsordnung schuldig gemacht hat.

Im Mai 1956 bin ich 70 Jahre alt geworden. Ich durfte eine ganze Fülle von Zeichen freundlichen Gedenkens aus der Nähe und aus der Ferne empfangen und habe sie vergnügt und dankbar gegen Gott und Menschen entgegengenommen: wie ich hoffe, unter mannhaftem Widerstand gegen die Versuchung, mich selbst als Jubilar und sonst allzu wichtig zu nehmen. Mir war denn auch 1956 tatsächlich noch bedeutsamer als das Jahr, in welchem vor 200 Jahren W. A. Mozart geboren wurde. Und sein Höhepunkt bestand für mich darin, daß ich eingeladen wurde, bei der in Basel veranstalteten Feier die Gedenkrede auf diesen Mann und sein Werk zu halten. Ich bin kein ästhetisch besonders begabter und gebildeter Mensch und überdies gewiß nicht geneigt, die Heilsgeschichte mit irgendeinem Stück Kunstgeschichte zu verwechseln und gleichzusetzen. Aber die goldenen Klänge und Weisen der Mozartschen Musik haben nun einmal — nicht als Evangelium, aber als Gleichnisse des im Evangelium von Gottes freier Gnade offenbarten Reiches — von jeher zu mir geredet und tun es mit größter Frische immer wieder. Ohne sie könnte ich mir, was mich persönlich wie in der Theologie, wie in der Politik bewegt, könnte ich mir auch das Lebensjahrzehnt, von dem ich hier einiges zu erzählen versuchte, nicht denken. Es gibt wohl auch nur wenige theologische Studierzimmer, in denen das Bild Calvins und das Mozarts auf gleicher Höhe nebeneinander zu sehen sind.

Quelle: Karl Barth, Der Götze wackelt. Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. v. Karl Kupisch, Berlin: K. Vogt, 1961, S. 181-209.


[1] Diese, nach drei Dezennien gegliederte Wiedergabe der persönlichen geistigen Entwicklung Barths von 1928-1958, ist auf Aufforderung von The Christian Century niedergeschrieben und dort in englischer Sprache veröffentlicht worden (13. u. 20.9.1939; 9.3.1949; 20.1.1960), die deutschen Wiedergaben in Ev. Th.1948/49, H. 8, 268-282; 1960, H. 3, 97-106.

Hier der Text als pdf.

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