Johannes Harder über Christoph Blumhardt: „Blumhardts letzte Jahre vergehen in der Stille, ohne sich in Stillschweigen aufzulösen. Seine große Zuver­sicht zum ungehinderten Weltregiment Gottes, dem auch alle Katastrophen und Rückfälle dienen müßten, hat ihn bis zu seinem Tode (1919) keinen Augen­blick verlassen.“

Christoph Blumhardt (1842-1919), auch der Jüngere genannt

Von Johannes Harder

Sohn des Joh. Chr. Blumhardt, seit 1869 Gehilfe des Vaters in Bad Boll, geht von dessen Ein­sichten und Erfahrungen aus. Er versteht sie jedoch als einen neuen Anfang von Weltwirkung und ver­kündigt die Hinkehr zur leidenden Menschheit mit einschneidenden Folgen. Das Reich Gottes wird als bedingungslose Herrschaft Gottes über alle Menschen verstanden. „Das Reich Gottes ist eine Weltensache, eine Kreaturensache.“ Diese Schau setzt Gottes un­eingeschränkte Liebe zur Welt voraus, weil auch alle Gerichte nur Rettung wollen. Gott ist ein Gott für die Welt, und das eröffnet die Sicht einer „großen Erlösung“, bei der es nicht mehr bloß „selig zu ster­ben“ gilt. „Ihr Menschen seid Gottes!“ ist der Kern­satz der Anthropologie Blumhardts. Von daher ist Blumhardts Kritik an der allzu konventikelhaften Seinsart des offiz. kirchl. Christentums zu verstehen, das sich mit Ge­walt und Staat verbunden und von den Armen und Bedrängten abgewandt hat. In der Welt aber sei das Seufzen der Unerlösten. Ihnen gilt es zu verkündigen, daß „Jesus der Trotz gegen Sünde, Armut und Elend“ sei. Gottes Sache müsse fortschrittl. verstanden, der Mensch müsse die Fortsetzung Jesu werden. „Redet nicht von Jesus — seid es!“

In den Jahren 1896-1906 erfolgt Blumhardts Durchbruch zur Welt, der „eine Liebe, die auch die Feinde liebt, zu bekunden sei, eine Liebe, die niemand und nichts verwirft“. „Es muß alles geliebt werden.“ Damit wird ein „Glaube an die Menschheit“ vertreten. Denn Gottes Ziel sei ein „irdisches, bei dem es sich darum handelt, daß auf Erden die Zustände gerecht und gut werden“. 1899 schließt sich Blumhardt der Sozialdemo­kratie an. Der äußere Anlaß ist die „Zuchthausvor­lage“ (bekannt als „Gesetz zum Schutz des gewerblichen Arbeitsverhältnisses“), die schon die bloße Aufforderung zur Arbeitseinstellung mit Zuchthaus bedrohte. Im gleichen Jahr wird er zus. mit vier anderen Vertretern der SPD in den Landtag gewählt. Das Konsistorium beantwortete diesen Schritt mit der Aufforderung, auf Titel und Rang eines Pfarrers zu verzichten. Blumhardt nahm diese Entscheidung an, nicht ohne den Mangel an Freiheit innerhalb der Kirche zu be­dauern. Er erklärte, damit die menschl. Gesellschaft an ihrem „untersten Ende bei den Elenden und Verlorenen“ anzufassen. Blumhardt nimmt seinen Auftrag durchaus ernst, beteiligt sich regelmäßig an allen Fraktionssitzungen wie in der Justizgesetzgebungskommission, wo er für die Landwirtschaft (gegen die Getreidezölle und für ihre Selbst­hilfe durch Genossenschaften) spricht, in Volks­schulfragen für den simultanen Charakter der Schule eintritt, das Recht auf geistl. Ortsschulaufsicht be­streitet usw. Bei alledem spart er mit seinem christl. Zeugnis nicht, ohne die Politik als Missionsgelegenheit zu mißbrauchen. 1906 entzieht er sich, enttäuscht, einer Wiederwahl; die Politik sei kein Boden für die Sache des Reiches Gottes. Doch wird die Stellung­nahme zu politischen Ereignissen dadurch nicht aufgegeben: er protestiert weiter gegen den „Industrie- und Militärgeist“ wie gegen die bestehende „Herren­moral- und -politik“, gegen die Kolonialpolitik. Immer wieder aber wird bei beliebiger Kritik der öffentlichen Verhältnisse auf den Menschen, den einzelnen ver­wiesen, der mit Geiz, Hochmut, Gewaltgeist und Selbstsucht die Ursache für die heillose Entwicklung in der Welt sei. Blumhardts letzte Jahre vergehen in der Stille, ohne sich in Stillschweigen aufzulösen. Seine große Zuver­sicht zum ungehinderten Weltregiment Gottes, dem auch alle Katastrophen und Rückfälle dienen müßten, hat ihn bis zu seinem Tode (1919) keinen Augen­blick verlassen. Er ist wirksam geworden in Theologen wie K. Barth, H. Kutter, L. Ragaz, E. Thurneysen u. a.

Lit.: K. Barth. Die prot. Theol. im 19. Jh. (1947). — E. Jäckh, Blumhardt, Vater und Sohn, und ihre Botschaft (1925). — R. Lejeune, 4 Bd. Predigten und Andachten (1928). — L. Ragaz, Der Kampf um das Reich Gottes in Blumhardt Vater und Sohn (1922). — E. Thurneysen, Christoph Blum­hardt (1926).

Friedrich Karrenberg (Hrsg.), Evangelisches Soziallexikon, Stuttgart: Kreuz-Verlag, 41963, Sp. 203f.

Hier der Text als pdf.

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