Martin Luther über den Beruf des Christen. Aus der Auslegung von Johannes 21,19b-24 (1521): „Daher kommt’s, dass eine fromme Magd, wenn sie nach ihrem Befehl hingeht und nach ihrem Amt den Hof kehrt oder Mist hinaus bringt, oder ein Knecht, der in gleicher Mei­nung pflügt und fährt, auf der richtigen Straße stracks auf den Himmel zugehen, während ein anderer, der nach Santiago wallfahrtet oder zur Kirche geht, aber sein Amt und Werk liegen lässt, stracks zur Hölle geht.“

Über den Beruf des Christen. Aus der Auslegung von Johannes 21,19b-24 (1521)[1]

Von Martin Luther

1. [306,17-307,12] Ohne Rücksicht auf die Beispiele und das Leben der Heiligen soll jeder [Christ] darauf achtgeben, was ihm befohlen [aufgetragen] ist, und seines Berufes wahrnehmen. Oh, das ist eine so nötige, heilsame Lehre! Es ist ein sehr allgemeiner Irrtum, dass wir die Werke der Heiligen hochachten und wie sie gelebt haben; hernach wollen wir meinen, es [das Leben der Heiligen] köstlich [nachahmenswert] gewesen. Das befördern und betreiben die unnützen Schwätzer, die das Leben der lieben Heili­gen predigen und dem Volk zum Exempel [Vorbild] nicht richtig vortragen. Dagegen handelt und redet hier [in Joh 21,19-24] Christus. Petrus ist ein Beispiel solcher unbe­sonnenen Verdreher; als ihm Christus befohlen hat [Joh 21,19b], er sollte für sich selbst ihm nachfolgen, da wendet sich Petrus um und blickt auf einen anderen, kümmert sich darum, wo der hingehe, den Jesus lieb hat [Joh 21,20]. So machen es auch diese Men­schen, die das liegen lassen, was ihnen befohlen [aufgetragen] ist und sehen auf Wan­del [Leben] und Werk der anderen, die Gott lieb hat, das sind seine Heiligen. Darum rückt ihn Christus zurecht und spricht [vgl. Joh 21,22]: „Was geht es dich an, wo der [andere] hingeht? Folge du mir, laß mich mit ihm machen. Wie, wenn ich ihn so wollte bleiben lassen? Wolltest du deswegen auch bleiben? Meinst du, ich wolle eben das von dir haben, was ich von ihm habe? Nein, so nicht! Achte du auf das Deine und was ich dir sage, jener wird das Seine auch mit Recht finden. Ich will mancherlei Diener haben, es sollen aber nicht alle dasselbe Werk [zu tun] haben“.

2. [307,13-308,5] Sieh, man findet so viele Leute, die allerlei tun, nur nicht was ihnen befohlen [aufgetragen] ist. Mancher hört, dass etliche Heilige auf Wallfahrt gegangen sind, dessentwegen sie gelobt werden; so macht sich nun der törichte Mensch auf, lässt Weib und Kind, die ihm von Gott befohlen [anvertraut] sind, sitzen, zieht zu S. Jakob [nach Santiago de Compostela] oder hierhin und dahin, sieht [aber] nicht darauf, wie sein Beruf und Befehl [Auftrag] ein ganz anderer ist als des Heiligen, dem er nachfolgt. So tun sie es auch mit dem Stiften [z. B. von Altarbildern], dem Fasten, der Kleidung, der Feier [von Heiligenfesten], der Pfafferei, der Möncherei, der Nonnerei; damit sehen sie rein von sich weg hin zu den Jüngern, die Christus lieb hat [vgl. Joh 21,20], und dem Befehl und Beruf der Nachfolge Christi kehren sie den Rücken; hinterher sprechen sie, es sei von ihnen recht getan, sie seien doch den Heiligen nachgefolgt. Darum achte darauf, welche richtige Straße der Weg Gottes führt: erstens, er [wer den richtigen Weg Gottes geht] kann nicht leiden [akzeptieren] Menschenlehre und -weg oder -gebot; zweitens: er kann nicht leiden selbst gesuchte oder gewählte Werke; drittens: er kann auch nicht leiden das Vorbild der Heiligen, sondern dahin ist er ausgerichtet, wie ihn Gott führe, was er von ihm haben will, wie der Prophet Psalm 25 [V. 12] sagt: Gott lehrt sie den Weg, den er gewählt hat. Ebenso [Ps 25,9]: Er wird die Sanfmütigen seine Wege lehren etc.

3. [308,6-13] Da kannst du sprechen: Wie aber, wenn ich nicht berufen bin, was soll ich denn tun? – Antwort: [3.1] Wie ist das möglich, dass du nicht berufen seist? Du wirst je­denfalls in einem Stand [Lebensstand] sein; du bist jedenfalls ein Ehemann oder Ehe­frau oder Kind oder Tochter oder Knecht oder Magd. Nimm für dich zum Beispiel den überaus geringen Stand vor, du bist ein Ehemann. Meinst du, du hättest nicht genug in diesem Stand zu tun? Du hast doch zu sorgen für dein Weib, Kinder, Gesinde und Gü­ter, so dass alles geschehe im Gehorsam Gottes und du niemandem Unrecht tust? Ja, wenn du vier Köpfe und zehn Hände hättest, so wärest du ihm dennoch zu wenig [es bliebe dir in deinem Beruf noch genug zu tun], dass du weder wallfahren oder irgendein heiliges Werk dir vornehmen dürftest. – [3.2] Item: Bist du ein Sohn oder eine Tochter, meinst du [etwa], du habest genug mit dir zu tun, dass du züchtig [anständig], keusch und mit Maßhalten dein Jugendalter lebst, deinen Eltern gehorsam bist, niemandem mit Worten oder Taten zu nahe tretest? Ja, weil man aus der Weise [Lebensweise] heraus­gekommen ist, solchen Befehl [Auftrag] und Beruf zu achten, so geht man hin und betet Rosenkränze und tut dergleichen, die keineswegs zu dem Beruf dienen, und niemand denkt daran, dass er seines Standes wahrnehme. – [3.3] Item: Bist du eine Magd oder ein Knecht, meinst du [etwa], dass du müßig gehen werdest [sinnlos, wertlos leben wirst], wenn du deinem Stand und Befehl gemäß treu mit allem Fleiß deinem Herrn oder seiner Frau dienen und deine Jugend im Zaum führen sollst? – [3.4] Item: Bist du ein Fürst, Herr [Herrscher], geistlich oder weltlich, wer hat mehr zu tun als du, damit deine Untertanen recht handeln, Friede sei, niemandem Unrecht geschehe? Was meinst du, woher das Sprichwort komme: Ein Fürst oder Herrscher ist Wildbret [etwas sehr Selte­nes] im Himmel? Allein daher [kommt es], dass sie ihr Amt [Pflicht, Auftrag] unterlassen; sie wollen weit [ungezügelt, maßlos] regieren und können sich selbst nicht regieren; danach kommen sie dann und wollen es mit Messehören, Stiften, Rosenkränzen, vie­lerlei Gebeten, Ablaß wieder gutmachen, als wäre Gott ein Trödelhändler oder ein Kind, das sich mit einem Pfennig narren lässt. So tun auch jetzt die Bischöfe und geistlichen Prälaten, die eigentlich die Schafe Christi weiden und Christus nachfolgen, auch des­wegen den Tod erleiden sollten; sie beten ihre sieben Stundengebete und lassen Mes­se halten, lassen sich fromme Leute nennen. Aber kommt einer von diesen Bischöfen in den Himmel, so muß ein anderer Himmel geschaffen werden. Bloß Brennstoff für das Höllenfeuer sind jetzt alle Bischöfe, darum dass keiner auch nur eine Haarbreite seines Amtes pflegt.

4. [309,14-310,13] Sieh an, wie nun niemand ohne Befehl und Beruf ist, so ist auch niemand ohne Werk [Aufgabe], wenn er recht handeln will. Es hat nun jeder darauf zu achten, dass er in seinem Stande bleibe, auf sich selbst sehe, seinen Befehl [Auftrag] wahrnehme und darin Gott diene und sein Gebot halte, dann wird er so viel zu tun er­halten, dass ihm stets die Zeit zu kurz, der Raum zu eng, die Kräfte zu wenig sein wer­den. Denn der böse Geist ficht solche Wege [Lebensauffassungen] grauenhaft an und macht sie dem Menschen sauer, so dass er ganz mühsam dabei bleibt. Bringt er ihn aber dazu, dass er seinen Beruf vernachlässigt und fahren lässt, so ficht er ihn nicht mehr so hart an, er hat ihn von der Landstraße [dem rechten Weg] abgebracht, er lässt ihn zuweilen einen Rasen [Wiesenweg] oder ein Holzweglein finden, das heißt ein un­gewohnt gutes Werk tun, so meint dann der Tor, er sei auf rechtem Wege und denkt an große Verdienste im Himmel, kommt je länger desto weiter von der Straße ab, bis er in den allerschändlichsten Wahn gerät, dass er meint, es sei Gott um die Werke zu tun, wie König Saul meinte [1Sam 15,9ff]. Oh nein, lieber Mensch, es ist Gott nicht um die Werke zu tun, sondern um den Gehorsam, wie dasselbe Buch – 1Sam 15 [V. 22] – sagt: Gott will nicht Opfer, sondern Gehorsam haben. Daher kommt’s, dass eine fromme [rechtschaffene] Magd, wenn sie nach ihrem Befehl [Auftrag] hingeht und nach ihrem Amt [Beruf] den Hof kehrt oder Mist hinaus bringt, oder ein Knecht, der in gleicher Mei­nung [Einstellung] pflügt und [den Pferdewagen] fährt, auf der richtigen Straße stracks auf den Himmel zu gehen [im Einklang mit Gott leben], während ein anderer, der nach Santiago wallfahrtet oder zu Kirche geht, aber sein Amt und Werk liegen lässt, stracks zur Hölle geht [in die Gottesferne gerät].

5. [310,14-311,5] Darum müssen wir die Augen schließen, nicht die Werke ansehen, ob sie groß, klein, ehrenhaft, verächtlich, geistlich, leiblich sind, oder was sie auch für ein Ansehen und Namen auf Erden haben mögen, sondern auf den Befehl und Gehorsam, der darin liegt; ist er vorhanden, dann ist auch das Werk recht und wertvoll, ganz gott­gemäß, wenngleich es so gering wäre wie das Aufheben eines Strohhalms. Ist aber der Gehorsam und Befehl nicht gegeben, dann ist auch das Werk nicht recht und ist verurteilenswert und gewiß [zweifellos] vom Teufel, wenngleich es so groß wäre wie Aufer­wecken von Toten. Denn es gilt [s. o. 1Sam 15,22]: Gottes Augen sehen nicht auf die Werke, sondern auf Gehorsam in den Werken; darum will er auch, dass wir auf seinen Befehl und Ruf [! Stammwort zu Beruf] sehen sollen, davon sagt Paulus 1Kor 7,20: „Ein jeder bleibe in dem Beruf [in Luthers Bibelübersetzung seit 1522: Ruf], darin er berufen ist“. Und S. Petrus 1Petr 4,10: „Ihr sollt sein wie die treuen, guten Verwalter“ oder „Amts­leute der mancherlei Gnaden“, so dass „ein jeder dem anderen diene“ und es förderlich [nützlich] sei, was „er empfangen hat“. Sieh, S. Peter sagt, dass die Gnaden und Gaben Gottes nicht einerlei, sondern mancherlei sei. Und ein jeder soll seine wahrnehmen, sie ausüben und damit den anderen nützlich sein.

7. [311,5-13] Was für ein feines Wesen [gemeinschaftliches Leben] wäre dort, wo es so zuginge, dass jeder sich um das Seine kümmert und doch dem anderen damit diente und sie auf diese Weise gemeinsam auf der richtigen Straße miteinander gen Himmel führen. So schreibt auch S. Paulus Röm 12,4f und 1 Kor 12,12ff, dass der Leib viele Glieder hat, aber nicht alle Glieder ein und dasselbe Werk; weil auch wir viele Glieder einer christlichen Gemeinde sind, aber nicht alle dasselbe Werk haben, soll niemand des anderen Werk, sondern jeder sein eigenes wahrnehmen, und alle in einem einfäl­tigen [schlichten] Gehorsam, in vielerlei Befehl [Auftrag Gottes] und mannigfaltigen Werken einträchtig leben.

7. [311,14-312,5] Sagst du dann: Ja, soll man denn nicht dem Leben und Beispiel der lieben Heiligen nachfolgen? Warum predigt man sie denn? – Antwort: Man sollte sie so predigen, dass Gott dabei gelobt wird, damit wir angetrieben werden, auch für uns selbst auf Gottes Güte und Gnade zu vertrauen; deshalb sollen nicht ihre Werke, son­dern ihr Gehorsam [Gottvertrauen] dabei gezeigt werden. Aber jetzt lässt man den Glauben beiseite liegen und führt uns so tief in ihre Werke hinein, dass wir ganz den Gehorsam vergessen, wir sperren das Maul auf angesichts der Werke [der Wundertaten der Heiligen], wir verachten unseren eigenen Befehl und Beruf. Darum ist kein Zweifel, dass es allein des schlimmsten Teufels Betreiben sei, dass man den Gottesdienst ein­geschränkt hat auf Kirchbau, auf Stiften von Altären und Messen, auf priesterliche Le­sungen und Opfer und dergleichen, als wären alle anderen Werke vergebens oder hät­ten gar keinen Nutzen. Wie hätte der Teufel uns besser von dem rechten Wege wegfüh­ren können, als wenn er den Gottesdienst so eng einschränkt auf die Kirchen und die Werke, die darin geschehen?

8. [312,6-14] Hüte dich, paß auf dich auf: Christus will bei Petrus nicht dulden, dass er sich umsehe, auch nicht nach dem Jünger, den er doch lieb hatte [vgl. Joh 21,20-23]. Meinst du, es werde umsonst gerade der Jünger, den Christus lieb hatte, vor allen Apo­steln genannt? Es ist auch nicht umsonst geschehen, dass er ihn nicht bei seinem Na­men nennt; er hätte gut sagen können: „Petrus kehrte sich um und sah Johannes“ statt: „den Jesus lieb hatte“ etc. Aber er wollte diesem Laster [verkehrter Heiligenverehrung] entgegentreten und das Werk auch der Heiligen den Augen entziehen, damit ja unge­trübter reiner Gehorsam bliebe, damit niemand rühmen könnte oder sich entschuldigen könnte, er hätte das Exempel der Heiligen befolgt.

9. [312,15-24] Sieh, so lesen wir in der Schrift [2Sam 7,2ff], dass Gott nicht wollte von David, ihm eine Kirche zu bauen, obwohl David es vorhatte; denn es war kein Befehl [Auftrag an David] vorhergegangen. Aber von Salomon wollte er es haben, ihm gab er auch vorher einen Befehl dazu. Darum ist es alles zu Abgötterei geworden, dass man die Werke der Heiligen und nicht den Gehorsam zu Ansehen gebracht hat. Sie haben [beim Lesen des Alten Testamentes] darauf geschaut, wie Noah, Abraham, Isaak, Jakob auf Altären Gott geopfert haben [Gen 8,20; 12,8; 26,25; 28,18 u. ö.], da haben sie sich daran gemacht, es jenen Menschen gleich zu tun, und Abgötterei ist daraus gewor­den. Solche Menschen vergleicht die Schrift mit den Affen; das ist auch so ein Tier, das nur auf die Werke schaut und will das alles nachmachen, ist ihm aber keineswegs be­fohlen.

10. [312,24-313,9] Darum lasst uns die Worte Christi gut auffassen [Joh 21,22]: Folge du mir – du, du -, laß andere sich um ihre Sache kümmern, kümmere du dich um deine, die anderen werden mir wohl nachfolgen. Denn es ist nicht vergebens hier im Evange­lium hinzugefügt [Joh 21,20], dass der Jünger, auf den Petrus schaute, auch folgte, er folgte, ohne auf Petrus zu schauen. Es ist beinahe dieses ganze Evangelium [Joh 21,19b-24!] um dieser Worte und Lehre willen geschrieben; denn es lehret nicht viel vom Glauben, sondern von der Nachfolge und den Werken des Glaubens. Er [Christus] hat auch in der Person des Petrus alle geistlichen [kirchlichen] Prälaten in dieser Sache angesprochen und sie über ihr Amt [ihren Auftrag] belehrt; davon wäre das ganze Evangelium zu behandeln, aber sie wollen womöglich von uns nicht belehrt werden; darum müssen wir das unterlassen und bei unserer Sache bleiben.

Anmerkungen:

1. Dieser Text aus der sog. Weihnachtspostille behandelt das Thema beinahe in der Art eines Traktates. Das zeichnet ihn aus im Vergleich mit anderen Texten zum Stichwort „Beruf“, wo Luther nur die Akzente etwas anders setzt, aber nie das Thema so geschlos­sen behandelt wie hier. Luther schreibt in der Abgeschiedenheit seines kirchenpolitisch bedingten Aufenthaltes auf der Wartburg, wo er sich gewissermaßen in der Schutzhaft seines Landesherrn, der sächsischen Kurfürsten, Friedrichs des Weisen, befindet, nachdem der Kaiser auf dem Reichstag von Worms im Frühjahr 1521 über ihn die Reichsacht verhängt hatte in der Konsequenz der Exkommunikation des „Ketzers“ durch den Papst. In voller Entschiedenheit äußert Luther jetzt seine reformatorische Ansicht mit dem kritischen Blick auf die traditionelle kirchliche Praxis. Das gilt auch vom religiösen Verständnis des Berufes. Die Tradition hatte das Wort „Beruf“ auf einen ganz bestimmten religiösen Sinn eingeschränkt, und zwar auf den Stand des im Zölibat lebenden Klerus und auf den Stand der Mönche und Nonnen. Wer sich entschied, in einem dieser geistlichen Stände zu leben, hatte Gottes „Ruf“ erfahren; mit seiner Ent­scheidung war die Kirche durch eine „Berufung“, als Ereignis verstanden, bereichert worden.

2. Luther entwickelt hier und an anderen Stellen sein Verständnis vom Beruf unter dem Vorzeichen der reformatorischen Absage sowohl an den zölibatären Priesterstand als auch den Mönchsstand. Seine neue Auffassung vom Beruf basiert auf einer Gliederung der Gesellschaft in drei „Stände“, die in der antiken griechischen Ethik vorgegeben und von den Humanisten wiederbelebt worden war:

a) Der Hausstand ist umfassender als die Familie, weil er das Gesinde der Mägde, Knechte, Lehrlinge, Gesellen etc. einschließt. Das produktive Wirtschaftsleben blieb noch lange in der vorindustriellen Neuzeit getragen von dem Hausstand der Bauern, der Handwerker und der Kaufleute. Von diesem Stand ist deshalb immer wieder so ausführlich die Rede.

b) Zum Stand weltlicher Herrschaft gehören alle, die eine Herrschaft ausüben und am weltlichen Rechtsleben beteiligt sind, also nicht nur die Fürsten, sondern auch die Stadtmagistrate. Hierher gehört auch der Berufsstand der Juristen, der zur Zeit Luthers kräftig wuchs. Luther kommt in diesem Zusammenhang auf die Bischöfe zu sprechen, weil sie außer ihrer kirchlichen Herrschaft auch weltliche Herrschaft aus­übten; an den Reichstagen nahmen deshalb auch die Bischöfe mit vollem Stimm­recht teil. Diese Kombination von kirchlicher und kirchlicher Herrschaft zog scharfe reformatorische Kritik auf sich.

c) Ein dritter Stand wird in diesem Text nicht ausdrücklich angesprochen; zu ihm gehö­ren alle, die in „Kirche und Schule“ tätig sind als Pfarrer oder Lehrer. Durch die Re­formation werden die Pfarrer in einen bürgerlichen Beruf versetzt, ebenso die Lehrer; sie unterstehen nun als eigener Berufsstand dem weltlichen Recht.

3. Die Angehörigen aller dieser weltlichen Stände werden von Luther als Christen ange­sprochen. Sie können sich sagen, daß jeder, wenn er seinen Beruf ernst nimmt, darin einen Auftrag Gottes erfüllt. Jeder soll auf seine eigene Verantwortung blicken, was er selbst mit seinen Fähigkeiten (oder Gaben) zu tun hat und was in seinem Berufsfeld (oder Stand) von ihm als Tätigkeit gefordert ist. In allen Berufsfeldern ist nach Gottes Willen zu fragen, der in allem Nächstenliebe fordert, weil alles dem Frieden und der Ge­rechtigkeit dienen soll. Wo das geschieht, wird Gott gedient, geschieht „Gottesdienst“ im weitesten Sinn. Der kirchliche Gottesdienst behält seine Aufgabe, weil dort die Frage nach dem Menschsein im Sinne Gottes gestellt und beantwortet wird. Dem Menschen soll die Gottesgewißheit und das Grundvertrauen vermittelt werden, weil er das nicht durch sein Berufsleben für sich gewinnen kann, zumal auch Schuld und Leid dem Men­schen nicht erspart bleiben.

Für die sprachliche Modernisierung des Textes und für die Anmerkungen zeichnet verantwortlich Professor em. Dr. Reinhard Schwarz.


[1] Der Text ist sprachlich modernisiert. In eckiger Klammer sind absatzweise Seiten und Zeilen der Gesamtausgabe von Luthers Werken, abgekürzt WA, genannt; zusätzlich sind die Absätze nummeriert. In einigen Fällen ist in eckiger Klammer eingefügt das sinngemäß heute übliche Wort oder das zu ergänzende Wort. Der Text ist der erste Teil der Auslegung von Johannes 21,19b-24, Evangelium für den 27. Dez., Tag des Apostels Johannes, innerhalb der sog. Weihnachtspostille, von Luther verfasst während des Aufenthaltes auf der Wartburg 1521/22; WA 10 I 1, 306,17-313,9.

Hier der Text als pdf.

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