Ein Kapitän verlässt als letzter das sinkende Schiff. Hendrik Kurt Carlsen und der Untergang der Flying Enterprise 1952

Ein Kapitän verlässt als letzter das sinkende Schiff. Hendrik Kurt Carlsen und der Untergang der Flying Enterprise 1952

Der Kapitän verlässt als letzter das sinkende Schiff. Noch heißt es für Hendrik Kurt Carlsen hiergeblieben. Die Flying Enterprise, ein amerikanischen Stückgutfrachter, befindet sich auf der Fahrt von Hamburg nach New York, als sie 1951 am ersten Weihnachtstag westlich der Britischen Inseln in einen schweren Orkan gerät. Am frühen Morgen des 27. Dezembers wird durch eine Monsterwelle das Wetterdeck beschädigt und der Ruderschaft gebrochen. Die Ladung, unter anderem Roheisen, verrutscht, so dass die Flying Enterprise mit einer starken Schlagseite mit mehr als 50 Grad steuerungslos in der rauen See treibt. Am 28. Dezember wird ein Notruf abgesetzt. Vier Tage später werden die 48 Besatzungsmitgliedern und zehn Passagieren evakuiert und vom Frachtschiff Southland aufgenommen. Zurück auf der Flying Enterprise bleibt einzig Kapitän Carlsen, der das havarierte Schiff nicht aufgeben will.

Am 3. Januar 1952 erreicht der britische Hochseeschlepper Turmoil die Flying Enterprise. Bei Windstärke 9 und hohem Wellengang wird mehrmals versucht, eine Schleppverbindung mit dem Havaristen herzustellen, jedoch ohne Erfolg. So fordert Kapitän Parker von der Turmoil seinen Kollegen Carlsen auf, sein Schiff mit mittlerweile sechzig Grad Schlagseite zu verlassen, was dieser jedoch ablehnt. Erst als der Erste Offizier der Turmoil, Kenneth Dancy, durch ein waghalsiges Manöver auf das Heck des Havaristen übersetzt, gelingt es doch noch, die Flying Enterpreise abzuschleppen.

Nach fünf Tagen Schleppreise und nur etwa sechzig Meilen vor dem südenglischen Zielhafen Falmouth entfernt reißt schließlich die Schlepptrosse. Wegen des schlechter gewordenen Wetters kann keine neue Schleppverbindung hergestellt werden. Inzwischen hat die Flying Enterprise mehr als 65 Grad Schlagseite. So müssen Dancy und Kapitän Carlsen das Schiff durch einen Sprung in die See verlassen. Neun Minuten später werden beide vom Schlepper Turmoil an Bord gehievt. Schließlich sinkt am 10. Januar 1952 die Flying Enterprise am Eingang des Ärmelkanals etwa auf halbem Weg zwischen Falmouth und Saint-Pol-de-Léon und ruht fortan in 85 Meter Tiefe.

The Greatest Drama Man Against The Sea

Obwohl missglückt wird die Rettungsaktion zum großen Medienereignis. Mit seinem selbstlosen Durchhaltewille wird der dänischstämmige Kapitän Carlsen als Held mit einer Konfettiparade am 17. Januar 1952 in New York gefeiert wie weiland Charles Lindbergh nach seinem Transatlantikflug 1927. Dazu wurde von Larry Clinton und Herb Hendler eigens eine Hymne komponiert, die von Alan Hommes and His Orchestra eingespielt wurde:

The Skipper (Of the Flying Enterprise)[1]

On Twenty-Nine December, Fifty-One
It looked an if the skipper’s ship was done
And so he ordered off his crew
Declaring he would see it thru
To port or bottom!—home or Kingdom Come.

All hail to the Skippers
With faith beyond the skies
All hail to the skipper of
The Flying Enterprise.

The Slipper of the Flying Enterprise
Was not the kind of man who’d compromise
Adrift aboard his sinking ship
For fourteen days he held his grip
Tho hell was lashing at him from the skies.

All hail to the skippers. etc, etc.

Some skippers would have left the Enterprise
Let others claim it as a salvage prize
The ship was smashed, the cargo small
And others owned it—after all
But where a lubber quits—a hero tries.

All hail to the skippers. etc. etc.

When gales cut off his one last chance to win
The skipper still fought on thru thick and thin
His stricken ship was strong and tough
But strength alone was not enough
tho his heart stood fast—his ship gave in.

All hail to the skippers. etc. etc.

EPILOGUE (Optional)
They that go down to the sea in ships
That do business in great waters;
These see the works of the Lord
And His wonders in the deep. (cp. Psalm 107:24 KJV)

Carlsen verweigert sich jedoch einer weiteren Glorifizierung. In einem Interview sagt er: „Ich hatte einen Vertrag unterschrieben. Es war meine Pflicht, mein Schiff um die Welt zu führen. Es wäre moralisch falsch gewesen, von Bord zu gehen. Ich möchte nicht, dass der ehrliche Versuch eines Seemanns, sein Schiff zu retten, zu kommerziellen Zwecken benutzt wird.“ Folgerichtig lehnt er ein 250.000 $-Angebot für eine Exklusivgeschichte im British Daily Express wie auch eine Hollywood-Verfilmung seiner Lebensgeschichte für 500.000 $ ab. Stattdessen fährt er als Kapitän auf dem Nachfolgeschiff Flying Enterprise II weiterhin zur See.


[1] The Billbord, 19. Januar 1952, Seite 2.

Hier der Text als pdf.

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