„Wir wollen Frieden für den Ort“ – eindrücklicher offener Brief von Nuray Sarigül, Mutter der in Illerkirchberg getöteten Ece: „Wir sind Deutsche mit türkischen Wurzeln. Wo ist der Unterschied? Die Suche ist vergeblich – es gibt keinen. Wir sind alles Menschen mit Liebe im Herzen, was uns letztendlich alle verbindet. Wir sind nur kurz zu Besuch in unserer wunderbaren Welt, in der wir mit Liebe und gegenseitigem Verständnis zusammenleben sollten. Kein Groll und keine Wut sind es wert, unseren gemeinsamen Frieden zu opfern.“

„Wir wollen Frieden für den Ort“ Nuray Sarigül, Mutter von Ece Sarigül

Liebe Illerkirchbergerinnen und Illerkirchberger,

am 5.12.22 haben wir unsere Tochter Ece durch eine heimtückische Tat auf ihrem morgendlichen Schulweg zum Bus verloren. Gleichzeitig wurde ein zweites befreundetes Kind und Mädchen durch den gleichen Täter schwer verletzt. Wir sind sehr dankbar, dass die Freundin unserer verstorbenen Tochter diesen furchtbaren Überfall überlebt hat. Auch möchten wir uns hiermit an Sie alle, insbesondere an die Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde Illerkirchberg, wenden.

Unser Schmerz ist nicht zu beschreiben. Unser Herz sagt uns: Menschen, egal welchen Alters, welcher Hautfarbe, Herkunft und Religion leiden mit uns. Besonders für eine Mutter und einen Vater bedeutet ein solcher Schicksalsschlag unbeschreibliches Leid und anschließende Leere. Unser Kind musste uns in ihrem jungen Alter verlassen, obwohl sie noch am Anfang ihres wunderschönen Lebens war – sie wollte leben. Wir wollten sehen, wie sie erwachsen wird, glücklich ihren Weg geht und unser Wunsch war es, dass wir alle Miteinander glücklich alt und älter werden. Wir fühlen uns leer.

Was nicht leer ist, ist die Liebe in unseren Herzen, welche uns am Leben hält, und wir versuchen nach vorne zu schauen. Wir möchten und müssen unserer Verantwortung gegenüber unseren Familien, unserem verstorbenen Kind, ihrer schwerverletzten Freundin, unserem gesellschaftlichen Leben in der Gemeinde Illerkirchberg und letztendlich auch uns selbst gerecht werden.

Alle Menschen in unserem Ort, egal in welchem Alter, Herkunft und Überzeugung, insbesondere aber unsere Kinder und Jugendlichen sollen sicher und glücklich sein dürfen. Für deren Zukunft sind wir alle miteinander verantwortlich. Unbeschreiblich viel Anteilnahme erleben wir seither. Menschen, auch Fremde, von überall haben uns geschrieben, sind zu uns gekommen, wir haben uns umarmt, geweint, in allen Sprachen getrauert und uns an den Händen gehalten. Diese Begegnungen aus der gesamten Region, aber insbesondere von unserer Gemeinde Illerkirchberg, haben uns in diesen furchtbaren Momenten aufgefangen, uns Mut gemacht und wir haben auch Halt bekommen – vielleicht bekommen wir irgendwann auch Kraft. Niemand von uns hat diese Form von Trauer verdient.

Wir sind Deutsche mit türkischen Wurzeln. Wo ist der Unterschied? Die Suche ist vergeblich – es gibt keinen. Wir sind alles Menschen mit Liebe im Herzen, was uns letztendlich alle verbindet. Wir sind nur kurz zu Besuch in unserer wunderbaren Welt, in der wir mit Liebe und gegenseitigem Verständnis zusammenleben sollten. Kein Groll und keine Wut sind es wert, unseren gemeinsamen Frieden zu opfern.

Bitte lassen Sie uns zusammenstehen! Wir möchten alle bitten, unsere Situation für politische Atmosphären nicht zu missbrauchen. Der Tatort soll Trauerstelle und ein Ort für Begegnungen sein. Kundgebungen und politische Parolen bitten wir an dieser Stelle zu unterlassen. Uns ist es ungemein wichtig, dass alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, welcher Religion und mit welcher Ethnie auch immer, nicht pauschal verurteilt werden. Einen Generalverdacht gegenüber bestimmten Volksgruppen und Gemeinschaften dürfen wir nicht zulassen. Dies sollte unsere allergrößte Pflicht als Gesellschaft sein. Darum möchten wir Sie alle inständig zum Wohle von uns allen bitten.

Von Herzen danken wir den Hilfskräften vor Ort und in der Klinik, dem unermüdlichen Einsatz aller Polizeikräfte, die sowohl am Unglückstag, an der Bestattung, aber auch zum Schutze unserer Privatsphäre immer für uns alle da waren und immer noch sind. Den respektvollen und würdevollen Umgang in dieser außerordentlichen Situation zwischen allen Polizeikräften und unserer Familie und der Gemeinde möchten wir mit ganz besonderem Dank betonen.

Wir danken unseren ebenfalls seelisch verletzten Eltern und Angehörigen, dem Alevitischen Kulturverein Ulm sowie der DITIB Ulm für deren Gebete in beiden Gotteshäusern, der würdevollen Anteilnahme, deren fürsorglichen Betreuung und Seelsorge und letztendlich bei der Bestattung unseres Kindes. Des Weiteren danken wir herzlich einem regionalen Bestattungsunternehmen für die kulturübergreifende Unterstützung auf dem Friedhof in Oberkirchberg. Unseren beiden Pfarrern danken wir im Besonderen für die würdige und vorbehaltlose Trauerveranstaltung in der Kirche St. Sebastian mit anteilnehmenden Worten und Gebeten verschiedener Religionen und Konfessionen. Beide Pfarrer haben, gemeinsam mit Herrn Bürgermeister Markus Häußler, nicht gezögert, unserem Herzenswunsch, dass unser Kind bei uns in Oberkirchberg bestattet werden darf, gerecht zu werden. Vielen herzlichen Dank.

Ebenso danken wir für die zahllosen Bekundungen, insbesondere aus der Bevölkerung aus verschiedenen Kommunen, aus der Politik, allen Mitmenschen in unserer Nachbarschaft, den Schulen und Vereinen im Ort, aber auch überregional. In dieser schlimmen Situation sind wir überwältigt von so viel Nächstenliebe. Worte reichen nicht aus, um diesen Dank widerzugeben.

Als Familie Sarigül möchten wir hiermit ganz besonders zum Ausdruck bringen, dass wir uns keinen besseren Ort zum Leben vorstellen können und sehr dankbar sind, unser Kind bei uns in Oberkirchberg haben zu dürfen. Was uns bleibt, ist die tiefe Sehnsucht nach Frieden in unserer Heimat und Gemeinde. Bitte lassen Sie uns zusammenstehen – Hand in Hand!

Unser Engel Ece. In unserem Herzen lebst Du weiter – Du bist überall.

Wir grüßen Sie alle von Herzen.

Danke Nuray & Mesut Sarigül

Hier der Brief als pdf.

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