Manfred Seitz, Das Martyrium – Verhängnis oder Verheißung?: „Die Märtyrer leuchten. Sie sind gerade in ihrer absoluten Preisgegebenheit und Ohnmacht vollmächtige Zeugen des lebendigen Gottes. Daher ist bei der Frage nach der Vollmacht der Kirche ihre Stellung zum Leiden von beson­derer Wichtigkeit.“

Das Martyrium – Verhängnis oder Verheißung?

Von Manfred Seitz

I.

Der Hebräerbrief enthält eine Aufforderung, die zu den bekannte­sten Worten des Neuen Testamentes gehört: „Gedenket an eure Leh­rer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach“ (13,7). Auf diese Mahnung beruft man sich häufig, wenn von einem verstorbenen Lehrer der Kirche die Rede ist. Der Apostel des Hebräerbriefes hat sie jedoch vermutlich weiter gefaßt. Er bezog sie – vielleicht sogar in erster Linie – auf diejenigen Christen, die ihr werbendes Zeugnis für Christus mit dem Tode besiegelt haben. Er meinte die Märtyrer.

In der urchristlichen Gemeinde war der Märtyrer unter allen Um­ständen ein Zeuge. Nicht jeder beliebige Christ, der seines Glaubens wegen starb, erhielt hier diesen ehrenden Namen. Er blieb für die vorbehalten, deren Verkündigungsamt sich in der Hingabe des Le­bens vollendete. Erst später wurden auch Laien, die für ihren Glau­ben starben, als Märtyrer bezeichnet. Märtyrer im christlichen Sinn heißen seitdem alle, die für ihr Zeugnis von Jesus und für ihren Glauben an ihn getötet werden. Ihr Ende sollen wir anschauen und ihrem Glauben folgen. An sie soll die Kirche gedenken.

II.

Dieses Gedächtnis ist bei uns weithin unterblieben. Während die römischen Christen und die Kirche des Ostens in einer dauernden und inneren Beziehung zu ihren Märtyrern stehen, haben wir nur ein sehr undeutliches Verhältnis zu ihnen gefunden.

Wir wissen zwar, daß es seit Stephanus eine große Zahl von Blut­zeugen in der Kirche gegeben hat, die ihr Bekenntnis zu Christus mit dem Tode bezahlten. Aber im allgemeinen sah man in unserer Kirche im Märtyrertum ein Zeichen der Standhaftigkeit, vor dem man Ehr­furcht hatte, das man jedoch nur nachlässig zu Herzen nahm. Und was die Jahre und Jahrhunderte der Verfolgung betraf, so empfand man sie vielfach als eine barbarische und durch Fanatismus verblen­dete Zeit, die endgültig der Vergangenheit angehört. Friedrich Schlei­ermacher hielt das Martyrium für überholt. Im Jahre 1833 sagte er: „Jetzt liegen die Zeiten der Verfolgung um des Evangeliums willen hinter uns.“

Der plötzliche Durchbruch eines neuen Martyriums auf den Mis­sionsfeldern im 19. Jahrhundert und durch die Machtergreifung der Bolschewiken in Rußland und der Nationalsozialisten in Deutschland wirkte darum fürs erste wie ein Schock, der Leib und Seele lähmte. Dieses Erschrecken verband sich nach dem ersten Weltkrieg mit dem Namen des Dorpater Universitätspredigers Traugott Hahn und nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Namen Dietrich Bonhoeffers. Aber schon bei ihm trat die Tatsache seines Zeugentodes hinter den Proble­men, die seine Theologie hinterließ, zurück. Der Gedanke des Marty­riums kam nicht zum Tragen.

Das ist um so merkwürdiger, als das Leiden in Gestalt der Kir­chenverfolgung in der DDR erneut an unsere Türe klopft. Auch wenn man in bezug darauf unter dem Martyrium nicht nur das Blut­zeugnis, sondern jede Drangsal um Christi willen versteht, können wir diesen Geschehnissen gegenüber keine Zuschauerhaltung einneh­men. Vieles, was wir von dort hören, müßte auf uns und unsere Kir­che schlechthin alarmierend wirken. Die Art dagegen, wie man bei uns im Westen zum Teil darauf reagiert, zeigt sehr deutlich, daß man sich mit dem Wesen des Martyriums noch nicht auseinandergesetzt hat. Wir leben in einer dem Martyrium entfremdeten Kirche.

Eine Kirche wird dem Martyrium entfremdet, wenn sie von den öffentlichen Mächten anerkannt bzw. geduldet wird oder wenn in ihr Unklarheit hinsichtlich ihres Auftrages herrscht. Unsere Kirche ist ei­nerseits von einer unterdrückten Einrichtung zu einer privilegierten Größe aufgestiegen, deren Wort bei Entscheidungen des öffentlichen Lebens gehört wird. Andererseits gleicht sie, was ihren Auftrag be­trifft, einer Philosophenschule und einem Sprechsaal der Meinungen. Unter der Vielzahl ihrer Stimmen ist die Frage nach der Bedeutung von Verfolgung und Leiden für ihr geistliches Leben fast ganz ver­stummt. Eine plötzlich oder langsam hereinbrechende Unterbindung ihrer gegenwärtigen Möglichkeiten würde infolgedessen wie ein schweres Unglück wirken. Einer repräsentierenden Kirche ist der Ge­danke, daß der moderne Mensch ihren gutgemeinten Dienst mit Feu­er und Schwert oder mit noch hinterhältigeren Mitteln quittieren könnte, im Grunde fremd. Ihr muß das Gedächtnis an die Märtyrer entbehrlich und das Martyrium als reines Verhängnis erscheinen.

III.

Im Neuen Testament hingegen ist das Martyrium nicht Verhäng­nis, sondern Verheißung. Es wird als beinahe selbstverständliche Begleiterscheinung der Verkündigung und des Bekenntnisses verstanden. In seinen Sendeworten weist Jesus ohne Umschweife darauf hin: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Mt. 10,16). Nicht Herdentrieb, sondern Wagemut und Leidensbereit­schaft wird von den Jüngern erwartet. Kein Staatsgesetz wird sie schützen, keine öffentliche Meinung sie tragen, keine Waffe für sie eintreten. Wenn sie wirklich Christus folgen, wird es nicht windstill um sie sein, denn er geht voran — zu den Wölfen. Darüber läßt der Herr seine Kirche nicht im Unklaren.

Er sagt ihr das aber nicht, um sie zu erschrecken. Sie soll gerade in dieser Situation seiner Fürsorge gewiß sein. Er will sie im Martyrium besonders begnadigen. Darum fügt er zu den Sendeworten die großen Segensworte: „Wenn sie euch überantworten werden, so sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch in der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, son­dern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet“ (Mt. 10,19 f.). Und die Segensworte münden in eine Seligpreisung: „Wer aber bis an das Ende beharret, der wird selig“ (Mt. 10,22). Diese Verheißungen waren in allen Verfolgungszeiten ein Licht der Kirche. Ihre Erfül­lung wurde nicht nur immer wieder erfahren, sondern stärkte die Leidenden auch in ihrer Treue zum Glauben.

In Jesu Sende- und Segenswort und in seiner Seligpreisung der Be­harrenden treten uns die Grundzüge einer Theologie des Martyriums im Neuen Testament entgegen.

1. Unbeirrte Nachfolge führt ins Leiden. – Die Christen der er­sten Zeit rechneten von vornherein damit, daß der Glaube unter Be­drohung gelebt werden muß. Sie wußten es nicht nur aus der Weisung Jesu, sondern sahen sich auch beständig vor diese Tatsache ge­stellt. Was sie in der Öffentlichkeit zu sagen hatten, rührte an deren heiligste Gefühle, an die Allgewalt des Staates, an die Sünden der Mächtigen und an die leichtfertige oder fromme Einstellung der Mas­sen. Wer daran rührt, wird verfolgt und zum Schweigen gebracht. Oft genügte auch schon das andere Verhalten der Christen in be­stimmten Lebensentscheidungen oder ihre andere Einstellung zu be­stimmten Lebensfragen, um sie verächtlich zu machen. So kam es, daß die Apostel den Gegensatz der Umwelt zur Gemeinde Jesu fast als normale Lage betrachteten. Vielfach verfaßten sie ihre Schriften und Briefe auch unter dem unmittelbaren Eindruck von Martyrien. Die Offenbarung des Johannes stellt wohl als Ganzes eine Trost­schrift für eine Märtyrerkirche dar. In ihr wird Christus der „getreue Zeuge“ (1,5 und 3,14), sozusagen der „Erzmärtyrer“ genannt. Aus diesen Zeugnissen geht eine völlig nüchterne Einschätzung der Stel­lung des Christen in der Welt hervor. Diese Einschätzung verliert nichts von ihrer Gültigkeit, wenn die Kirche, wie es heute ist, Frieden mit der Welt geschlossen hat. Wo das Bekenntnis zu Christus nur ein einziges Mal wirklich und zur richtigen Stunde ausgesprochen wird, ist die alte, urchristliche Situation wieder da: Wie Schafe unter den Wölfen! So kann das Leiden geradezu ein Kriterium echter Verkün­digung und Nachfolge sein.

2. Die Leidenden werden in geheimnisvoller Weise von Christus gehalten. — Die Standhaftigkeit der Märtyrer wirft die Frage nach der Kraft auf. Woher haben schwache Menschen das Vermögen, bis ans Ende zu beharren? Diese Frage entsteht aber auch, wenn außer­halb des Glaubens an Jesus für eine Überzeugung gelitten und gestor­ben wird. Ein Mensch kann so erfüllt von seiner Sendung sein, daß er dafür willig stirbt. Von daher hat man auch das christliche Marty­rium zu deuten versucht und in ihm eine heldische und mutige Le­benshingabe für eine persönliche Überzeugung gesehen.

Diese Deutung geht am Wesen des Zeugentodes nach biblischem Verständnis vorbei. Auch die Märtyrer selbst hätten sie zurückgewie­sen; denn die Furcht vor der Verleugnung begleitete viele von ihnen bis zuletzt. Keiner konnte sich seines Standhaltens gewiß sein. Ihre Stärke beruhte vielmehr auf Gottes Kraft und war die Furchtlosig­keit der Gottesfürchtigen. Nicht sie hielten die Treue, sondern Chri­stus in ihnen. In geheimnisvoller Weise wurden sie von ihm unter­stützt und gehalten. Er war die Macht der Ohnmächtigen.

Das trat schon auf ihrem Todesweg in den Christenprozessen der Verfolgungszeit zutage. Die frühe Gemeinde muß von der Art und Weise, wie die vor Rathäuser und Schulen Geschleppten dort Zeugnis von ihrem Glauben ablegten, einen tiefen Eindruck erhalten haben. Das konnte nicht ihr eigenes Wort, sondern nur das in ihnen wohnen­de Wort Christi, der Heilige Geist gewesen sein. Derselbe Geist war es auch, der als Mut, Geduld und Tapferkeit im Leiden nach außen sichtbar wurde. Deshalb konnte die Offenbarung sagen: „Sie haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeug­nisses“ (12,11); oder m. a. W., in der Gemeinschaft Jesu haben sie ge­litten, geendet und gesiegt. Er war ihre Stärke und wird es sein, wo einer für ihn leidet.

Das echte Martyrium ist nie eine Leistung des Menschen, sondern Gnade. Gnade ist es einfach deshalb, weil die Furchtbarkeit des Lei­dens den Jünger überfordert, wenn er nicht von seinem Herrn ge­stärkt, getragen und gehalten wird. Im Martyrium ist Christus in den Schwachen mächtig.

3. Das Leiden in der Nachfolge führt zum Frieden. – Wer wegen des Evangeliums gefangen und getötet wird, gilt nach apostolischer Auffassung als Kämpfer. Er kämpft, wie es der Epheserbrief aus­drückt, „nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit Fürsten und Gewal­tigen“ (6,12), d. h. mit demselben übermenschlichen Gegner, mit dem Jesus letzten Endes gerungen hat. Darum werden die gemordeten Heiligen, wenn der Kampf hinter ihnen liegt, wie ihr Herr, im Frie­den Gottes sein. Im Bewußtsein dessen heißt es von Stephanus, der unter Steinwürfen sterbend für seine Bedränger betet: „Und als er das gesagt, entschlief er“ (Apg. 7,59). Die Märtyrer gehen heim, denn Christus hat sie zu wiederholten Malen seliggepriesen.

In späterer Zeit – die Ansätze zeigen sich freilich schon bald – wurden sie über Gebühr und mit manchen Entgleisungen verehrt. Man stellte ihr Sterben über das der anderen Christen, man schrieb ihm sühnende Bedeutung zu und hielt sie für himmlische Fürsprecher. Dazu erteilt das Neue Testament seine Berechtigung nicht. Es erlaubt auch nicht, daß man sich zum Martyrium drängt. Das kam in den er­sten Christenverfolgungen häufig vor. Man darf nicht mit eigener Kraft nach der Krone des Lebens greifen. Dazu ist das Sterben zu ernst.

Wenn aber die unbeirrte Nachfolge ins Leiden führt und die Lei­denden in geheimnisvoller Weise von Christus gehalten in seinem Frieden sterben, dann sind sie bei Gott. „Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Stuhl zu sitzen, wie ich überwunden habe und mich gesetzt mit meinem Vater auf seinen Stuhl“ schrieb der Märtyrertheologe der Apokalypse (3,21). Daran hielt die Ge­meinde Jesu unbedingt fest.

IV.

Im Laufe der Kirchengeschichte zeigte sich allerdings, daß man in den Zeiten, die der Kirche günstig waren, die biblischen Zeugnisse und Verheißungen für Verfolgte schnell vergaß. Oft mußten einer Kirche erst schwere Einschränkungen und Verhaftungen auferlegt werden, um sie wieder auf das dafür bestimmte Wort aufmerksam werden zu lassen.

Man hat den Eindruck, daß Gott in dieser Hinsicht gerade an der Christenheit des 20. Jahrhunderts arbeiten will und muß. Darauf deuten die Christenverfolgungen der letzten Jahrzehnte und der jüngsten Zeit. Sie suchten heim die Kirchen: in Armenien (1894-1916), in Assyrien (1895 bis 1933), in Sowjetrußland (1917-1936), in China (1925-1927), in Mexiko (1926-1938), in Rotspanien (1936-1938), in Rotchina und auf dem Balkan seit 1945 und in der DDR seit 1949. Da die christlichen Kirchen in Deutschland auch während des Dritten Reiches z. T. stark angefoch­ten wurden, stehen unsere Glaubensbrüder im Osten Deutschlands seit 1933 in einem nahezu ununterbrochenen Kirchenkampf.

In all diesen Ländern wurden den bedrängten Christen die Worte des Neuen Testaments über das Martyrium wieder leuchtend. Einer schrieb aus dem Gefängnis das Psalmwort: „Ich freue mich des We­ges deiner Zeugnisse wie über allerlei Reichtum.“ Er verstand seine Gefangenschaft nicht als Anlaß zur Resignation, sondern als Anlaß zur Freude; denn er erfuhr wie die Apostel, daß Gott dem Evange­lium neue Türen öffnet, wenn er seine Jünger auf den Christusweg stellt.

Es gehört aber zu den bedrückenden Tatsachen, die wir jetzt wie­der in greifbarer Weise erleben, daß die Erinnerung an Verfolgungs­zeiten sehr schnell verblaßten bzw. das Martyrium einer Kirche von den benachbarten Christen überhaupt nicht oder nur schwach zur Kenntnis genommen wird. Dieses Schicksal widerfuhr vielen be­drängten Kirchen. Es droht heute auch den Christen im Osten. Füh­len sich aber schwer angefochtene Glaubensgenossen von ihren Brü­dern vergessen oder verlassen, dann wächst ihre Einsamkeit ins Un­endliche. Aus diesem Grunde fordert das Neue Testament unermüd­lich dazu auf, den Menschen, die um Christi willen leiden, das Be­wußtsein zu geben, daß die Gemeinde liebend, hoffend und betend hinter ihnen steht. Um das tun zu können, muß man eine innere Be­ziehung zum Martyrium haben.

Eine innere Beziehung zum Martyrium gewinnt man, wenn man in ihm des Glaubens Not und des Glaubens Sieg erkennt. Dabei handelt es sich zwar um völlige Gegensätze, die sich im Grunde ausschließen, die aber zugleich das Wesen des Martyriums gültig beschreiben.

Die Not des Glaubens kann jeder sehen. Sie läßt sich, fast möchte man sagen, statistisch erfassen. – Äußerlich besteht sie darin, daß die geistliche Versorgung der Gemeinden eingeschränkt bzw. unter­bunden und das einzelne Gemeindeglied isoliert wird. Häufig ge­schieht das zum Zwecke einer politischen Bewirtschaftung der Seele. Die Isolierung kann bis zur Verhaftung und Ermordung gehen. Je­denfalls soll das gottesdienstliche und gemeinsame Leben der Christen zerschlagen werden. Die Einengung der Verkündigung, die Ohnmacht der Kirche und die persönliche Gefährdung der Bekenner wirken auf die Dauer wie ein lähmender Bann. – Innerlich besteht die Not des Glaubens darin, daß sich die Verfolgten von Gott verlassen, unter den Menschen vereinsamt und dämonischen Mächten preisgegeben fühlen. Gewöhnlich bringt das Martyrium über einzelne Menschen und ihre Familien eine solche Drangsal, daß auch die Herzen vieler Glaubenden erstarren und an Gottes Liebe zweifeln. Diese Zeiten bringen immer zugleich einen großen Abfall vom Glauben mit sich.

Wenn es gilt, um Christi willen zu leiden und zu sterben, lichten sich die Reihen. Dann stehen die Ausharrenden oft ganz allein. Sie kom­men sich nicht nur völlig vereinsamt, sondern auch dämonischen Mächten preisgegeben vor. Das ist vielleicht die schwerste Anfech­tung. Der Feind ist zynisch, überlegen, kalt. Er greift die Christen nicht als Gläubige, sondern als Saboteure und Spione an. Seine Geset­ze sind derart, daß man immer schuldig wird und die Schulderpres­sung ist satanisch. – Von Gott verlassen, unter den Menschen ver­einsamt und dämonischen Mächten preisgegeben, das ist die Not des Glaubens.

Kann man angesichts dieser Not noch von einem Sieg des Glaubens sprechen? Die Glaubensnot sieht man. Man kann sie jedenfalls ahnen. Den Sieg des Glaubens vermag ein unbeteiligter Zuschauer nicht zu erkennen. Nur ein Mensch, für den Christus das Licht geworden ist, nimmt ihn wahr. Denn darin besteht des Glaubens Sieg: der Unglau­be macht blind, der Glaube verleiht Augen. Das brachte ein russi­scher Maler in ungewöhnlicher Weise zum Ausdruck. Sein Bild stellt eine Erschießung von Christen dar; aber die Exekutoren haben keine Augen. Nur die geöffneten Augen des Glaubens sehen, daß alles, was es an Heldentaten und Standhaftigkeit im Leiden der Christen gibt, Wirkungen des Siegers Christus sind. Das Martyrium ist ein leuchten­des Beispiel von der lebendigen Wirksamkeit Jesu Christi in der Welt. Ihm geben wir die Ehre und nicht den Menschen, wenn wir die Märtyrer ehren. Träger des Sieges Christi sind sie auch deswegen, weil Gott das Sterben in der Nachfolge um Jesu willen rechtfertigt. Wenn es in der Offenbarung Kapitel 6 heißt, daß den Märtyrern ein weißes Kleid gegeben wird, dann bedeutet das: was sie gelitten ha­ben, so sinnlos es aussieht, ist nicht sinnlos, sondern wird von Gott gerechtfertigt. Der Metropolit Benjamin rief bei seiner Hinrichtung seinen Anklägern zu: „Lebt wohl ihr Toten; ich gehe ins Leben!“ Das ist der Sieg des Glaubens.

V.

Im Martyrium wird eine Kirche gesegnet. Deshalb stellt es eine Verheißung für sie dar. Das kommt schon dadurch zum Ausdruck, daß die Märtyrer etwas über ihre Zeit und Gegenwart Hinausweisen­des haben. Ein russisches Sprichwort sagt: „Beim Zerpressen der Oli­ven gewinnt man Öl und das Öl leuchtet.“ Die Märtyrer leuchten. Sie sind gerade in ihrer absoluten Preisgegebenheit und Ohnmacht vollmächtige Zeugen des lebendigen Gottes. Daher ist bei der Frage nach der Vollmacht der Kirche ihre Stellung zum Leiden von beson­derer Wichtigkeit.

Über die Bedeutung des Leidens für das geistliche Leben der Kir­che hat Paulus, der unter Nero selbst Märtyrer wurde, das Tiefste ge­schrieben. Er sprach von einem Maß des Leidens, das der Gemeinde bestimmt sei und zu dessen Erfüllung er durch die an ihm geschehe­nen Mißhandlungen beitrage. Damit brachte er eine seelsorgerliche Weisheit zur Geltung, die es heute zu erneuern gilt: Damit die Ge­meinde Jesu auch wirklich Gemeinde bleibe und in ihrem geistlichen Leben nicht der Verflachung anheimfalle, braucht sie ein bestimmtes Maß an Leiden. Sonst wird sie von Christus losgerissen und zum Treibholz vieler Strömungen. Erst das Leiden verankert sie fest im Wort Gottes. Darum wird sie durch Leiden gesegnet und bei Christus bewahrt.

Neben der Vertiefung des geistlichen Lebens besteht der Segen des Martyriums auch in der Verminderung dessen, was Kirchen und Konfessionen trennt; zum Beispiel standen sich die griechisch-ortho­doxe und die evangelisch-lutherische Kirche in Rußland bis zum er­sten Weltkrieg als fremde Welten gegenüber. Im Martyrium wurde diese gegensätzliche Haltung grundlegend überwunden und das Tren­nende ganz klein. Der gemeinsame Besitz trat leuchtend hervor. Eine ähnliche Annäherung erfuhren die evangelische und katholische Kir­che in Deutschland durch ihr gemeinsames Geschick im Dritten Reich. Diesen Segen des Leidens sollten die Christen der großen Kon­fessionen nicht vergessen, sondern dankbar bewahren.

Dann werden wir auch die Jahre der Ruhe als Gnade und als Raum zur Vorbereitung auf schwerere Zeiten erkennen and nützen. Es geht ein besonderer Segen auf eine Kirche aus, die betend und sich an der Schrift orientierend um Klarheit über das Blutzeugnis ringt. Daher lasse Christus, der Herr, seine Jünger da, wo er war, also zu­nächst in Not und Kampf und dann bei dem gen Himmel Erhöhten. Er verleihe uns die Treue der Nachfolge, unbedingten Gehorsam und ein ungebeugtes Bekenntnis. Er versage unserer in öffentlichen Ehren stehenden Kirche die Ehre des Kreuzes nicht, damit sie seine Kirche bleibe.

Quelle: Wilhelm Andersen (Hrsg.), Vom Dienst der Theologie an Amt und Gemeinde, München: Claudius, 1965, S. 97-104.

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