Johann Georg Hamann, Über die Auslegung der Heiligen Schrift: „Gott ein Schriftsteller! – Die Eingebung dieses Buches ist eine eben so große Erniedrigung und Herablassung Gottes wie die Schöpfung durch den Vater und die Menschwerdung des Sohnes. Die Demut des Herzens ist daher die einzige Gemütsverfassung, die zur Lesung der Bibel gehört und die unentbehrlichste Vorbereitung dafür.“

Über die Auslegung der Heiligen Schrift

Von Johann Georg Hamann

Gott ein Schriftsteller! – Die Eingebung dieses Buches ist eine eben so große Erniedrigung und Herablassung Gottes wie die Schöpfung durch den Vater und die Menschwerdung des Sohnes. Die Demut des Herzens ist daher die einzige Gemütsverfassung, die zur Lesung der Bibel gehört und die unentbehrlichste Vorbereitung dafür.

Der Schöpfer ist geleugnet, der Erlöser gekreuzigt und der Geist der Weisheit gelästert worden. Das Wort dieses Geistes ist ein ebenso großes Werk wie die Schöpfung und ein ebenso großes Geheimnis, wie es die Erlösung der Menschen ist – ja dies Wort ist der Schlüssel zu den Werken der ersteren und den Geheimnissen der letzteren. Der Gipfel der Atheisterei und die größte Zauberei des Unglaubens ist daher die Blindheit, Gott in der Offenbarung zu erkennen, und der Frevel, dieses Gnadenmittel zu verschmähen.

Ein Tier ist nicht fähig, die Fabeln eines Äsop, eines Phädrus und la Fontaine zu lesen. Aber wenn es fähig sein sollte, sie zu lesen, so würde es nicht imstande sein, so tierische Urteile über den Sinn der Erzählungen und die Angemessenheit derselben zu fällen, wie es der Mensch tat, der das Buch Gottes kritisiert und über es philosophiert hat.

Wir liegen alle in einem so sumpfigen Gefängnis, wie es das war, in dem sich Jeremia befand. Alte Lumpen dienten als Seile, um ihn herauszuziehen; ihnen sollte er seine Rettung zu danken haben. Nicht das Aussehen derselben, sondern die Dienste, die sie ihm taten, und der Gebrauch, den er davon machte, erlösten ihn aus der Lebensgefahr (Jer. 38, 11-13).

Unser Erlöser gebrauchte einen Teig, den er aus seinem Speichel und dem Staub der Erde zubereitete, als Augensalbe, um einen Blindgeborenen sehend zu machen (Joh. 9, 6).

Und wer kann ohne das Zittern der Ehrfurcht die Geschichte Davids am Hofe des Königs zu Gath lesen, wie er seine Gebärde verstellte, einen Unsinnigen spielte und die Pforten des Tores bewachte, seinen Bart begeiferte, ohne in dem Urteil Achis die Denkungsart eines ungläubigen Witzlings und Sophisten unserer Zeit wiederschallen zu hören (1. Sam. 21, 13-15).

Welcher Mensch würde sich unterstehen, wie Paulus von der Torheit Gottes, von der Schwäche Gottes zu reden (1. Kor. 1, 25). Niemand als der Geist, der die Tiefen der Gottheit erforscht, hätte uns diese Prophezeiungen entdecken können, deren Erfüllung zu unserer Zeit stärker als je eintrifft – die Prophezeiungen, daß nicht viele Weise nach dem Fleisch, viele Mächtige, viele Edle zum Himmelreich berufen sind und daß der große Gott seine Weisheit und Macht eben dadurch offenbaren wollte, daß er die törichten Dinge der Welt erwählte, um die Weisen zuschanden zu machen, daß Gott die schwachen Dinge der Welt erwählte, um die Mächtigen zuschanden zu machen, die niedrigen und verächtlichen Dinge erwählte, ja Dinge erwählte, die nichts sind, um Dinge, die sind, die sich ihres Daseins rühmen können, zu Nichts zu bringen.

Quelle: Klassiker des Protestantismus, Bd. 7: Das Zeitalter der Aufklärung, hrsg. v. Wolfgang Philipp, Bremen: Schünemann (Sammlung Dieterich), 1963, S. 200-202.

Hier der Text als pdf.

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