Philipp Melanchthon, Unterricht der Visitatoren (1528): „Das dritte Stück christlichen Lebens ist: gute Werke tun, wie Keuschheit, den Nächsten lie­ben, ihm helfen, nicht lügen noch betrügen, nicht stehlen, nicht totschlagen, nicht rachgierig sein, nicht mit eigner Gewalt sich rächen usw. Darum sollen abermals die zehn Gebote fleißig gepredigt werden, denn darin sind alle guten Werke verfaßt, und heißen nicht allein darum gute Werke, daß sie dem Nächsten zugut geschehen, sondern auch, weil sie Gott geboten hat, weshalb sie Gott auch Wohlgefallen.“

Unterricht der Visitatoren (1528)

Von Philipp Melanchthon

Die Reformation hatte in Kursachsen die Gemeinden ergriffen, ohne daß von oben her etwas dazu getan war. An eine Neuordnung des kirchlichen Lebens konnte erst gedacht werden, nachdem die politischen und sozialen Wirren überwunden waren. Die Bestandsaufnahme sollte durch die Visitation erfolgen. Gottes­dienst, Unterricht, Verwaltung und Schule sollten in geregelte Bahnen kommen. Melanchthon nahm an der Visitation teil, setzte auch die Artikel für die Prüfung der Geistlichen auf. Auf Grund seiner Erfahrungen schrieb er nach beendigter Rundreise in Jena den »Unterricht« nieder. Die Abfassung erfolgte in wenigen Tagen. Luther und Bugenhagen sahen die Schrift durch, änderten einiges; dann gab Luther den »Unter­richt der Visitatoren an die Pfarrherren im Kurfürstentum zu Sachsen« mit seiner Vorrede heraus. Er betonte darin, daß die Anweisungen für die Pfarrer nicht als neues Kirchengesetz, sondern nur als »Zeug­nis und Bekenntnis unseres Glaubens« verstanden werden sollten.

Von den 18 Abschnitten dieser Schrift behandeln 1–13 die Lehre, 14 den Türkenkrieg, 15 den Gottesdienst, 16–17 Kirchenzucht und Kirchenordnung. Der 18. Abschnitt ist der Schule gewidmet.

Der »Unterricht« zeigt deutlich, aus welcher Lage heraus er geschrieben wurde. Er ist für den Übergang vom alten Kirchenwesen zum neuen maßgebend. Melanchthon hat diese Schrift viel einfacher gehalten als seine Übrigen. Wie er an Justus Jonas schreibt, wollte er sich dem Verständnis derer anpassen, für die diese Artikel bestimmt waren. Zwischen den »Loci« und dem »Unterricht« liegt aber auch eine gewisse Entwicklung, auf die der Verfasser Luther selbst aufmerksam machte. Luther hatte aber nichts daran aus­zusetzen. Dieser Schrift wurde eine weitreichende Wirkung zuteil. Sie beeinflußte verschiedene Kirchenord­nungen, insbesondere Bugenhagens Kirchenordnungen, die in Norddeutschland maßgebend wurden, und wurde für die Durchführung der Reformation unentbehrlich.

Der Originaltext findet sich in Lietzmanns Kleinen Texten, H. 87 (1912), und in Melanchthons Werken, Band I (1951), S. 215–271.

Von der Lehre

Wir finden an der Lehre unter anderem vornehmlich diesen Fehler, daß zwar einige vom Glauben, durch den wir gerecht werden sollen, predigen, doch nicht genug gezeigt wird, wie man zu dem Glauben kommen soll, und fast alle ein Stück christlicher Lehre unterlassen, ohne welches auch niemand verstehen kann, was Glauben ist oder heißt. Denn Christus spricht Luk. 24 [47]: »daß man predigen soll in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden.«

Aber wie viele predigen jetzt allein von der Vergebung der Sünde und sagen nichts oder we­nig von der Buße, wo doch ohne Buße keine Vergebung der Sünde ist! Es kann auch Verge­bung der Sünde nicht verstanden werden ohne Buße. Und so man Vergebung der Sünde pre­digt ohne Buße, folgt, daß die Leute wähnen, sie haben schon Vergebung der Sünde erlangt, und werden dadurch sicher und furchtlos, welches denn größrer Irrtum und Sünde ist, denn alle Irrtümer vor dieser Zeit gewesen sind, und fürwahr zu besorgen ist, wie Christus spricht Matth. 12 [45]: »daß das Letzte ärger werde denn das Erste.«

Darum haben wir die Pfarrer unterrichtet und ermahnt, daß sie, wie sie schuldig sind, das Evangelium ganz predigen, und nicht ein Stück ohne das andere. Denn Gott spricht 5. Mos. 4 [2]: »Man soll nichts zu seinem Worte hinzu oder davon tun.« Und die jetzigen Prediger schelten den Papst, er habe viel Zusätze zu der Schrift getan; was denn leider allzu wahr ist! Diese aber, die die Buße nicht predigen, reißen ein großes Stück von der Schrift, und sagen jeweils von Fleischessen und dergleichen geringen Stücken, wiewohl sie um der Tyrannei willen auch nicht zu verschweigen sind zu rechter Zeit, um zu verteidigen die christliche Freiheit; was ist aber das anderes, als wie Christus spricht Matt. 23 [24]: »Eine Fliege seigen und ein Kamel verschlingen«!

Also haben wir sie ermahnt, daß sie fleißig und oft die Leute zur Buße ermahnen, Reue und Leid über die Sünde zu haben und zu erschrecken vor Gottes Gericht, daß sie auch nicht das größte und nötigste Stück der Buße unterlassen. Denn beide, Johannes und Christus, strafen die Pharisäer um ihre heilige Heuchelei härter als gemeine Sünder. Also sollen die Prediger an dem gemeinen Mann die grobe Sünde strafen; aber wo falsche Heiligkeit ist, viel härter zur Buße ermahnen.

Denn obwohl etliche meinen, man soll nichts lehren vor dem Glauben, sondern lehren, daß die Buße aus und nach dem Glauben folge, damit die Widersacher nicht sagen können, man widerrufe unsre vorige Lehre, so ist doch einzusehen, weil Buße und Gesetz auch zu dem gemeinen Glauben gehören (denn man muß ja zuvor glauben, daß ein Gott sei, der da drohe, gebiete und schrecke usw.), so sei es für den gemeinen groben Mann nötig, daß man solche Stücke des Glaubens lasse bleiben unter dem Namen Buße, Gebot, Gesetz, Furcht usw., damit sie desto unterschiedlicher den Glauben Christi verstehen, welchen die Apostel justificantem fidem nennen, das ist, der da gerecht macht und Sünde vertilgt, welches der Glaube von dem Gebot und Buße nicht tut, und doch der gemeine Mann über dem Wort »Glauben« irre wird und Fragen aufbringt, die keinen Nutzen haben.

Von den zehn Geboten

Darum sollen sie die zehn Gebote oft und fleißig predigen und sie auslegen und anzeigen, nicht allein die Gebote, sondern auch wie Gott strafen wird, die sie nicht halten, wie auch Gott solche oft zeitlich gestraft hat. Denn solche Exempel sind geschrieben, daß man sie den Leuten vorhalte, wie die Engel zu Abraham sprachen, da sie zu ihm sagten, 1. Mos. 18, wie Gott Sodom strafen wollte und mit höllischem Feuer verbrennen. Denn sie wußten, er würde es seinen Nachkommen sagen, daß sie Gott lernten fürchten.

So sollten sie auch etliche besondere Laster, wie Ehebruch, Sauferei, Neid und Haß, strafen und anzeigen, wie Gott dieselben gestraft habe. Damit zeigt er an, daß er ohne Zweifel nach diesem Leben viel härter strafen wird, wenn sie sich hier nicht bessern.

Also sollen die Leute zur Gottesfurcht, zur Buße und Reue gereizt und ermahnt und das sichere und furchtlose Leben gestraft werden. Darum sagt auch Paulus Röm. 2: »Durch das Gesetz kommt nur Erkenntnis der Sünde.« Denn Sünde erkennen ist nichts anderes als wahrhaftige Reue.

Daneben ist denn nützlich, daß man vom Glauben predige, also, daß wer Reue und Leid um seine Sünde habe, daß derselbe glauben soll, ihm werden seine Sünden nicht um unseres Verdienstes, sondern um Gottes willen vergeben werden. Wo dann das reuige und erschro­ckene Gewissen davon Friede, Trost und Freude empfängt, daß es hört, uns sei die Sünde vergeben um Christi willen, das heißt der Glaube, der uns vor Gott gerecht macht, und sollen die Leute fleißig vermahnen, daß dieser Glaube nicht könne sein ohne ernstliche und wahr­haftige Reue und Schrecken vor Gott, wie geschrieben ist Ps. 111 [10] und Sirach 1 [16]: »Der Weisheit Anfang ist Gott fürchten«; und Jesajas Kap. 66 [2]: Auf welchen siehet Gott, denn allein auf ein erschrocken und reuig Herz!

Solches soll oft gesagt werden, daß die Leute nicht in falschen Wahn kommen und meinen, sie haben Glauben, so sie doch noch weit davon [entfernt] sind, und soll angezeigt werden, daß allein diejenigen in dem Glauben sein können, die wahrhaftige Reue und Leid tragen über ihre Sünde. Das andere, wo keine Reue ist, ist ein gemalter Glaube; denn rechter Glaube soll Trost und Freude bringen an Gott, solcher Trost und Freude wird aber nicht gefühlt, wo nicht Reue und Schrecken ist, wie Christus Matth. 11 [5] sagt: »Den Armen wird das Evangelium gepredigt.«

Diese zwei sind die ersten Stücke des christlichen Lebens, Buße oder Reue und Leid, und Glauben, dadurch wir Vergebung der Sünden erlangen und gerecht werden vor Gott, und soll in uns beides wachsen und zunehmen.

Das dritte Stück christlichen Lebens ist: gute Werke tun, wie Keuschheit, den Nächsten lie­ben, ihm helfen, nicht lügen noch betrügen, nicht stehlen, nicht totschlagen, nicht rachgierig sein, nicht mit eigner Gewalt sich rächen usw. Darum sollen abermals die zehn Gebote fleißig gepredigt werden, denn darin sind alle guten Werke verfaßt, und heißen nicht allein darum gute Werke, daß sie dem Nächsten zugut geschehen, sondern auch, weil sie Gott geboten hat, weshalb sie Gott auch Wohlgefallen. Gott hat auch kein Wohlgefallen an denen, die sie nicht tun, wie Micha 6 [10] steht: »O Mensch, ich will dir zeigen, was gut ist und was Gott von dir fordert; nämlich das Gericht tun, ja tun, was recht ist, Lust haben, dem Nächsten Gutes zu tun, und in Furcht vor Gott handeln.«

Das erste Gebot Gottes lehrt, Gott fürchten; denn Gott droht denen, die ihn nicht achten. Es lehrt auch, Gott glauben und trauen; denn Gott sagt, er wolle denen Gutes tun, die ihn lieben, das ist, die sich zu ihm des Guten versehen, wie Jes. 64 und 1. Kor. 2 [9] steht, »das kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gestiegen ist, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

Das andere Gebot lehrt, daß man Gottes Namen nicht mißbrauche. Das ist aber Gottes Namen recht brauchen, ihn anrufen in allen Nöten in leiblichen oder geistigen, wie er geboten hat Ps. 50 [15]: »Rufe mich an in der Zeit der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.« Und Gott sagt im selben Psalm, daß das der rechte Dienst sei, mit dem man ihm dienen könne: ihn anrufen und bitten, daß er helfe, dabei auch ihm danksagen für seine Guttat; denn Gott spricht daselbst: »So sollst du mich preisen.« Item[1] [23]: »Wer Dank opfert, der preiset mich, und das ist der Weg, daß ich ihm zeige das Heil Gottes.«

Es sollen auch die Pfarrer und Prediger die Leute vermahnen zu beten; denn das ist die Erfüllung dieses Gebots; beten, das ist, Gott um Hilfe anrufen in allen Anfechtungen. Sie sollen die Leute unterrichten, was beten sei und wie man beten soll.

Von dem rechten christlichen Gebet

Erstlich sollen sie lehren, daß Gott geboten hat zu beten; darum, wie es große Sünde ist, totzuschlagen, also ist’s auch Sünde, nichts von Gott zu bitten oder zu begehren. Dieses Gebot sollte billig uns reizen zu bitten, weil Gott nicht allein so gütig ist, daß er helfen will denen, die bitten, sondern auch gebietet zu bitten, Luk. 18 [1] und an viel andern Orten, welches die Pfarrer den Leuten vorhalten sollen. Wenn ein Fürst wäre, der nicht allein gäbe, was man von ihm begehrt, sondern geböte jedermann zu bitten, was jedem vonnöten wäre, den würde man für einen gnädigen Herrn halten und viel von ihm bitten. Denn je mehr wir bitten, je lieber gibt Gott, wie er Luk. 7 [47] sagt von Magdalena: »Darum wird ihr viel vergeben, denn sie sich sehr viel Guts zu mir versiehet.«

Zum andern sollen sie auch anzeigen, daß Gott auch zugesagt hat, uns zu hören, Matth. 7 [7] und Luk. 11 [9]: »Bittet, so wird euch gegeben.« Auf solche Zusage sollen wir uns verlassen und nicht zweifeln, Gott hört unsre Bitte, wie Christus spricht Markus 11: »Darum sage ich euch: alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, daß ihr’s empfangen werdet, so wird’s euch werden.«

Es soll uns auch nicht abschrecken, daß wir Sünder sind, denn er erhört uns nicht um unsers Verdienstes, sondern um seiner Zusage willen. So steht Micha 7 [20]: »Du würdest dem Jakob treu und dem Abraham gütig sein, wie du denn unsern Vätern vor Zeiten geschworen hast.«

Doch ist des Sünders und Heuchlers Gebet nicht erhört, der nicht Reue hat um seine Sünde und Heuchelei; denn von denselben ist gesprochen im 18. Psalm [42]: »Sie rufen – aber da ist kein Helfer – zum Herrn, aber er antwortet nicht.«

Aber die, die Reue tragen und glauben, daß ihnen Gott um Christi willen vergebe, die sollen sich durch ihre geschehene Sünde und Heuchelei nicht lassen abschrecken; denn Gott will nicht Verzweiflung haben, sondern er will, daß wir glauben, er erhöre uns und werde uns helfen. Darum sollen die Pfarrherrn die Leute also unterrichten: daß zum Gebet Glauben gehört, daß uns Gott erhören wolle, wie Jakobus spricht Kap. 1 [6]: »Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer da zweifelt, der ist gleich wie eine Woge des Meeres, die vom Winde getrieben und bewegt wird. Solcher Mensch gedenke nur nicht, daß er etwas vom Herrn empfangen werde.«

Das ist nicht gebetet, so einer viel Pater noster oder Psalmen spricht und in den Wind schlägt, achtet’s nicht groß, versieht sich auch nicht, daß Gott höre, wartet auch nicht auf Gottes Hilfe. Ja, ein solcher hat gar keinen Gott, und es geht ihm, wie der 115. [6] Psalm spricht, sein Gott hat Ohren und hört nicht, das ist, er dichtet sich einen Gott, der doch nicht hört.

Zum dritten sollen sie die Leute unterweisen, daß man von Gott etwas Zeitliches oder Ewiges begehre; ja, sie sollen sie vermahnen, daß jeder Gott seine Not vorhalte; einen drückt Armut, den andern Krankheit, den dritten Sünde, den vierten Unglaube oder andere Gebrechen. Viele suchen darum Hilfe, einer bei St. Antonius, der andere bei St. Sebastian[2] usw. Was es auch ist, es soll Hilfe allein bei Gott gesucht werden.

Und ob Gott schon mit der Hilfe verzieht, sollen wir darum nicht ablassen zu bitten, wie wir lernen Luk. 18 [5]. Denn Gott übt so unsern Glauben. Ob Gott auch gar nicht gäbe, was wir begehren, sollen wir dennoch, nicht zweifeln, er habe unsere Bitte erhört, sollen wissen, ob er schon das nicht gibt, wird er anderes geben, besseres. Solches sollen wir ihm anheim stellen und ihm nicht Zeit noch Maß bestimmen. Wie lange ließ er Abraham und die anderen Väter warten, ehe ihnen das verheißene Land gegeben war; der Exempel findet man genug in der Schrift.

Das dritte Gebot lehrt, den Feiertag heiligen. Wiewohl nun Gott die äußerliche Feier uns, nicht geboten hat zu halten wie den Juden, daß man keine Handarbeit an demselben Tage tun sollte; dennoch sollen etliche Feiern gehalten werden, daß man Gottes Wort höre und lerne und die Leute gewisse Zeit haben, zusammenzukommen.

Das vierte Gebot lehrt, die Eltern ehren und ihnen gehorsam sein. Hier soll den jungen Leuten fleißig vorgehalten werden die Zusage, da Gott verheißt 2. Mos. 20 [12]: Wer seine Eltern ehrt, der soll lange leben, das ist, es soll ihm wohlgehen in seinem Leben; wer die Eltern unehrt und ihnen ungehorsam ist, der soll sein Unglück haben, wie der Cham verdammt ist von seinem Vater Noah, 1. Mos. 9 [25]. Denn sein Vater sprach: »Verflucht sei Kanaan und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern.« Wie es dem Absalom übel gangen ist, der seinen Vater verjagt hat; denn Absalom blieb endlich an einer Eiche hängen, wie man 2. Sam. 18 [9] liest; wie Jakob den Rüben verdammt, daß er ihm sein Weib beschlief, 1. Mos. 49 [4]. Denn sein Vater sprach: »Du sollst nicht der Oberste sein; denn du bist auf deines Vaters Lager gestiegen, daselbst hast du mein Bett besudelt mit dem Aufsteigen usw.«

Denn nützlich ist’s, die Leute zu lehren, daß alle Wohlfahrt und Unglück von Gott kommt; Wohlfahrt denen, die Gott fürchten und seine Gebote halten; Unglück denen, die Gott verach­ten. Ja, ob Gott schon den Frommen Unglück zuschickt, so hilft er ihnen doch, und tröstet sie auch oft leiblich, nicht allein mit geistigen Gütern, wie der 34. [20] Psalm spricht: »Der Gerechte muß viel leiden; aber der Herr hilft ihm aus dem allen.« Und der ganze 37. Psalm lehrt: »Erzürne dich nicht über die Bösen.« Und es ist ein großer Fehler, daß man die Leute nicht treibt, daß sie leibliche Güter von Gott erhoffen und begehren; denn in solchem sollte der Glaube geübt werden.

Es ist auch nicht not, daß man subtil disputiere von Verdiensten, ob solche Gott um unsrer Werke willen gebe; es ist genug, daß man sie unterrichte, daß Gott solche Werke fordere und Belohnung gebe, weil er’s verheißen hat, ohne unser Verdienst.

Das ist vonnöten zu lehren, daß uns Gott die Sünde verzeihe, ohne alle unsere Werke, um Christi willen. Denn Gott ist der Sünde so feind, daß keiner Kreatur Werk dafür genug tun kann; es hat allein der Sohn Gottes müssen dafür geopfert werden.

Über das aber schreien viele: gute Werke verdienen nichts. Viel besser wäre, man triebe die Leute, gute Werke zu tun, und ließe die scharfe Disputation fallen. Denn wahr ist’s, daß Gott Gutes gibt um seiner Verheißung, nicht um unsrer Werke willen, aber doch müssen gute Wer­ke, die Gott geboten hat, geschehen. Darum soll man den groben Leuten ernstlich vorhalten, wie hart Gott mit allerlei Unfall diejenigen, die ihre Eltern nicht ehren, straft; denn Gott läßt sie in Schande, in Armut, in Krankheit und andere Übel fallen.

Hier soll man auch lehren, wie die Eltern schuldig sind, ihre Kinder zur Gottesfurcht zu erziehen, sie Gottes Wort lehren und lernen zu lassen. So spricht Salomo in seinen Sprüchen Kap. 22 [15]: »Torheit ist des Kindes Herzen angeboren; die Rute der Strafe nimmt sie weg.« Wie auch Paulus Eph. 6 [4] sagt: »Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.« Davon ist das Exempel Eli, den Gott nach Anzeige des ersten Teils Samuels 2. Kap. [29 ff.] gestraft und vom Priestertum gestoßen hat, weil er seine Kinder nicht mit Ernst erzogen hat. Es ist die Jugend nie frevler gewesen denn jetzt; wie wir sehen, wie wenig sie gehorchen, wie wenig sie die Eltern achten-, darum ohne Zweifel viel Plagen, Krieg, Aufruhr und andere Übel in die Welt kommen.

In dieses Gebot gehört auch, daß man das Alter ehre. Item, daß man die Priesterschaft, die mit Gottes Wort uns dient, ehre; denn sie ist eine Dienerin des Wortes Gottes, und wir haben Gottes Wort durch sie, wie Paulus schreibt 1. Tim. 5 [17]: »Die Ältesten, die wohl vorstehen, die halte man zwiefacher Ehren wert, sonderlich die da arbeiten im Wort und in der Lehre.«

Item, daß man der Obrigkeit gehorsam sei. Nun hat Paulus Röm. 13 drei Stücke aufgezählt, die der Obrigkeit gehören; das erste: Schoß[3], darin wir alle Auflagen an Geld und Arbeit des Leibes ihnen geben sollen.

Das andere: Furcht, das ist, daß wir uns herzlich fürchten vor der Obrigkeit, daß, wenn schon die Obrigkeit unsern Ungehorsam nicht strafen kann, wir wissen, daß denselben dennoch Gott strafen wird, der die Obrigkeit eingesetzt hat und erhält. Darum auch alle Anführer sind ge­straft worden, wie Paulus spricht Röm. 13: »Wer sich wider die Obrigkeit setzt, der wider­strebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.« So sagt auch Salomo in den Sprüchen 24 [21]: »Mein Kind, fürchte den Herrn und den König, und menge dich nicht unter die Aufrührerischen; denn ihr Unfall wird plötzlich entstehen, und wer weiß, wann beider Unglück kommt!«

Es ist auch nützlich, den Leuten Exempel vorzutragen, da Gott die Aufrührerischen gestraft hat, als Dotan und Abiram, wie im 4. Buch Mos. 16. Kap. steht, die sich wider Mose setzten; denn die Erde zerriß unter ihnen und tat ihren Mund auf und verschlang sie mit ihren Häusern, mit allen Menschen, die bei Korah waren, mit aller ihrer Habe, und sie fuhren hinunter leben­dig in die Hölle, mit allem, was sie hatten, und die Erde deckte sie zu, dazu fuhr das Feuer aus und fraß die zweihundertundfünfzig Männer, die das Rauchwerk opferten.

Abimelech, da er sich wider des Gideon neunundsechzig Söhne setzte, ward endlich, wie im Buch der Richter 9 und 2. Sam. 11 steht, von einem Turm vor Thebez, von einem Weibe mit einem Mühlstein auf seinen Kopf getroffen, daß ihm der Schädel davon zerbrach.

Siba, der Israel von David brachte, wie man liest im andern Teil Samuelis 20, wurde danach sein Kopf abgehauen.

Absalom, der sich wider seinen Vater David auflehnte, hing zuletzt an einer Eiche, wie auch Samuelis 18 steht.

Zambri oder Simbri, der einen Bund wider seinen Herrn, König Ella zu Israel, machte und ihn erschlug, war nicht länger König als sieben Tage; denn König Ambri zu Israel belagerte ihn zu Thirza, und als Zambri sah, daß die Stadt sollte gewonnen werden, ging er in den Palast und verbrannte sich mit dem Haus des Königs, wie 1. Kön. 16 steht.

Wir sehen auch deutlich, daß Gott keinen Frevel ungestraft läßt, denn Mord bleibt nimmer ungerächt, wie auch Christus spricht Matth. 26 [52]: »Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen«, das ist, wer aus eignem Vornehmen, ohne der Obrigkeit Befehl, das Schwert nimmt, der wird gestraft. Dergleichen Sprüche sind viel in der Schrift; die sollen den Leuten fleißig eingebildet [eingeprägt] werden, z.B. dieser Salomos in den Sprüchen 16 [14]: »Der Grimm des Königs ist ein tödlicher Bote-, aber ein weiser Mann wird ihn versöh­nen.« Item Sprüche 20 [2]: »Der Schrecken des Königs ist wie das Brüllen eines jungen Lö­wen-, wer ihn erzürnt, der sündigt wider seine Seele.«

Das dritte, das man der Obrigkeit zu leisten schuldig ist, heißt Ehre. Denn was ist das, daß wir wähnen, wenn wir der Obrigkeit Renten und Zins oder Arbeit des Leibes gegeben haben, so haben wir sie bezahlt? Aber Gott fordert einen viel höheren Dienst von uns gegen die Obrig­keit, nämlich Ehre. Das ist erstlich, daß wir erkennen, daß die Obrigkeit von Gott da sei und daß uns Gott durch sie viel größere Güter gibt; denn wo Gott Obrigkeit und Recht in der Welt nicht erhielte, würde der Teufel, der ein Totschläger ist, allenthalben Mord anrichten, daß nirgends unser Leben, Weib und Kinder sicher wären.

Aber Gott erhält die Obrigkeit und gibt dadurch Frieden, straft die Frevler und wehrt ihnen, daß wir Weib und Kinder ernähren können, die Kinder zur Zucht und Gotteserkenntnis erziehen, sicher sein in unsern Häusern, auf den Straßen, daß eins dem andern helfen möge und zu dem andern kommen und bei ihm wohnen. Solches sind eitel himmlische Güter; Gott will, daß wir sie betrachten und erkennen, daß sie Gottes Gaben sind, und will, daß wir die Obrigkeit als seine Dienerin ehren, ihr Dankbarkeit erzeigen, weil uns Gott solche großen Güter durch die Obrigkeit gibt.

Wer nun Gott also in der Obrigkeit sehen möchte, der würde die Obrigkeit herzlich lieb haben; wer diese Güter betrachten könnte, die wir empfangen durch die Obrigkeit, der würde der Obrigkeit herzlich danken. Wenn du wüßtest, daß jemand dein Kind vor dem Tode errettet hätte, dem würdest du gütlich danken. Warum List du denn nicht dankbar der Obrigkeit, die dich, deine Kinder, dein Weib von täglichem Mord errettet? Denn wo wären wir sicher, wenn die Obrigkeit nicht den Bösen wehrte? Darum, wenn du dein Weib und deine Kinder ansiehst, so sollst du denken: dies sind Gottes Gaben, die ich durch die Obrigkeit behalten kann, und wie lieb du deine Kinder hast, so lieb sollst du auch die Obrigkeit haben. Und dieweil der gemeine Mann solche Güter, Frieden, Recht, Strafe der Bösen, nicht erkennt, soll man ja fleißig erklären und oft zu bedenken geben.

Zum andern ist die höchste Ehre, daß man für die Obrigkeit herzlich bitte, daß ihr Gott Gnade und Verstand geben wolle, wohl und friedlich zu regieren, wie Paulus gelehrt hat 1. Tim. 2 [1 ff.]: »So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerst tu Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, auf daß wir ein stilles und ruhiges Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Redlichkeit; denn das ist gut, dazu auch angenehm vor Gott, unseren Heiland.« Und Baruch am 1. [11]: »Bittet für das Leben des Königs Nabuchodonosor zu Babylonien und seines Sohnes Balthasar, daß ihre Tage seien wie die Tage des Himmels auf der Erde, und daß uns Gott Kraft gebe und unsere Augen erleuchte, daß wir mögen leben unter dem Schatten und Schutz des Königs Nabuchodonosors zu Baby­lon und seines Sohnes Balthasar.« Denn weil Friede ein göttlich Gut ist, sollen wir ihn von Gott erbitten und begehren.

Es sagen etliche, wie kann Obrigkeit von Gott sein, da doch viele mit unrechter Gewalt zum Herrschen gekommen sind, z.B. Julius [Caesar], und die Schrift nennt Nimrod einen Jäger, daß er sehr zugegriffen hat, 1. Mos. 10. Antwort: Wenn Paulus Röm. 13 spricht, daß die Obrigkeit von Gott sei, so soll man es nicht verstehen, daß Obrigkeit ein Verhängnis von Gott sei, wie Mörderei oder Laster von Gott verhängt werden, sondern daß man soll verstehen, daß Obrigkeit eine sonderliche Ordnung und Schöpfung Gottes sei, wie die Sonne von Gott ge­schaffen oder wie der Ehestand von Gott eingesetzt ist. Und wie ein Böser, der ein Weib nimmt nicht guter Meinung, die Ehe mißbraucht, also mißbraucht auch ein Tyrann Gottes Ordnung, wie Julius oder Nero. Dennoch ist die Ordnung, dadurch Recht und Friede erhalten wird, eine göttlich Schöpfung, obschon die Person, so die Ordnung mißbraucht, unrecht tut.

Daneben sollen auch die Prediger die Obrigkeit treulich erinnern, ihre Untertanen in Friede, Recht und Schutz halten, die Armut, Witwen und Waisen zu verteidigen und nicht wie das Vieh zu halten; wie denn Gott Jeremia befahl, Jer. 7, zu predigen dem ganzen Volk Juda, »mit Verheißung, bei ihnen zu wohnen.« So schreibt auch Paulus Koloss. 4 [1]: »Ihr Herrn, was recht und billig ist, das beweiset den Knechten und wisset, daß ihr auch einen Herrn habt im Himmel.« Derselbe Herr wird zu seiner Zeit böse Obrigkeit wohl treffen. Denn Roboam, der Sohn König Salomons, war ein mächtiger König und beschwerte sein Volk sehr, wie ihm von seinen jungen Räten eingegeben ward. Da nun das Volk um Linderung bat, gab ihm der König Roboam folgende Antwort: »Mein kleinster Finger soll dicker sein denn meines Vaters Lenden; mein Vater hat auf euch ein schweres Joch geladen, ich aber will es noch mehr über euch machen; mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtiget, ich will euch mit Skorpionen züchtigen.« Da fiel ganz Israel vom König Roboam ab, also daß er allein über die Kinder Israel regierte, die in den Städten Juda wohnten, wie man liest 1. Könige 12, und behielt nur einen Stamm; denn zehn Stämme hatte König Hieroboam, wie auch 1. Kön. 11 steht.

Doch soll man die Untertanen fleißig unterweisen, nichts desto weniger sich gehorsam und untertänig gegen harte Obrigkeit zu beweisen, wie auch Petrus 1. Epist. 2 lehrt: »Ihr Haus­knechte, seid untertan mit aller Furcht den Herrn, nicht allein den gütigen und gelinden, son­dern auch den unschlächtigen.« Denn Gott lebt noch, der gesagt hat 5. Mos. 32 [35]: »Die Rache ist mein, ich will vergelten.« Derselbe wird die ungütige Obrigkeit wohl finden.

Etliche zweifeln auch hier, ob man in Sachen, den Besitz der Güter oder Strafe der Bösen belangend, die Gesetze brauchen dürfe, die die Kaiser oder Heiden gemacht haben. Item, ob man die Diebe hängen dürfe, so doch das Gesetz anders lehrt, 1. Mos. 22.

Darum soll man wissen, daß wir sie wohl brauchen dürfen und daß es recht ist, der Kaiser Gesetze zu halten. Denn wie Petrus schreibt: »Seid Untertan aller menschlichen Ordnung, um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Pflegern als den Gesandten von ihm, zur Rache der Übeltäter und zu Lobe der Wohltäter.«

Wie uns auch die Beschneidung nicht geboten ist, also ist uns auch nicht geboten, daß wir Gerichtsordnungen, die in Mose stehen, halten müssen. Also sagen die Apostel Apg. 15: Man soll die Bürde des Gesetzes nicht auf die Heiden legen, und die Heiden müssen nicht Juden werden, sondern mögen wohl Heiden bleiben, das ist, sie mögen im weltlichen Regiment heidnische Ordnung halten, die Güter teilen, nicht wie sie Moses teilte, strafen nicht nach Moses Gesetz, sondern nach ihrem Gesetz.

Moses gebietet nach Anzeignung des 2., 3., 4. und 5. Buches Moses, den Decem [Zehnten] allein den Priestern zu geben; aber wir sollen den Decem geben, wem ihn unsre Obrigkeit geordnet hat.

Moses spricht: der älteste oder erstgeborne Sohn soll zwei Teile des Erbes haben; wir aber sollen das Erbe nach unsern Rechten teilen.

Moses lehrt 2. Mos. 22 [29]: Man soll die Diebe also strafen, daß sie einen Teil zwiefach, den anderen Teil vierfach wiedergeben. Bei uns kann man in solchen Fällen unser Landrecht halten; doch wäre es fein, daß man mit Unterschied, und nicht zu hart, Diebstahl strafte; denn es wird dick und oft erfahren, daß man sehr geringen Diebstahl ebenso ernstlich als großen straft. Man soll auch um des Friedens willen alte Gesetze nicht wegnehmen, ob sie schon schwer sind. Es haben auch die Alten, die solche Gesetze gemacht haben, wohl gewußt, daß unsern Leuten, die wild sind, harte Strafe not ist.

Darum soll ein jeder sein Landrecht brauchen, denn das ist ein Grad christlicher Freiheit, wie Paulus Koloss. 3 [11] sagt: »Ein Christ ist nicht ein Grieche, Jude, Beschneidung, Vorhaut, Ungrieche, Skythe, Knecht, Freier, sondern alles in allem Christus.« So bestätigt auch Paulus Röm. 13 heidnische Rechte, da er lehrt, »daß alle Gewalt von Gott sei«, nicht allein bei den Juden, sondern auch bei den Heiden. Item, daß man aller Gewalt, nicht allein christlicher, sondern auch heidnischer untertänig sein soll. Doch sollen alle Gesetze dieses Maß haben, wie Paulus Röm. 13 [4] sagt: »gute Werke loben und böse strafen«; ob sie schon härter strafen denn Moses, sind sie doch nicht unrecht.

Das ist darum geschrieben, weil es etliche gibt, die wider gemeine Landesordnung vom Zehnten, vom Hängen und dergleichen schreien, daraus zum Teil der Aufruhr [Bauernkrieg] vor drei Jahren erweckt worden ist. Solche Schreier sollen als Aufrührer gestraft werden; denn wir alle sollen weltliche Gesetze und Ordnungen als Gottes Willen und Gesetz fürchten; denn Salomo spricht Sprüche 16 [10]: »Weissagung ist in den Lippen des Königs«; das ist, was die Herrschaft ordnet oder gebietet, soll gehalten werden, als wäre es Gottes Ordnung. Davon denn viel geschrieben steht Röm. 13. Die andern Gebote sind ausgelegt durch Christus selbst, Matth. 5.

Hier sollen auch die Leute vermahnt werden, daß sie die Zinsen, damit jeder beladen, treulich bezahlen und ausrichten wollen, und obschon etliche Kontrakte beschwerlich sind, ist den­noch jedermann zu bezahlen schuldig, wegen seiner Pflicht und des Gehorsams, den sie der Obrigkeit schuldig sind, damit gemeiner Landfriede erhalten werden kann. Denn was ist’s anders, nicht wollen Zins oder Schuld bezahlen, denn Raub und Mord anrichten?

Über das sollen insonderheit die, die sich christlichen Namens rühmen, Liebe erzeigen, wel­che willig trägt alle Beschwerden und gibt, wo sie auch nicht schuldig ist, bezahlt, wo sie auch mit Unrecht beschwert wäre, sucht nicht Rache durch eigne Gewalt, wie Christus Matth. 5 [39 ff.] lehrt. Und solche Ehre sollten wir billig dem heiligen Evangelium antun, daß wir treu bezahlten, damit das heilige Evangelium nicht gelästert und geschmäht würde, wie es geschieht durch diejenigen, die unter dem Schein des heiligen Evangeliums vermeinen, von Zinsen und andern weltlichen Bürden frei zu werden.

Von Trübsal

Zu dem dritten Stück christlichen Lebens, das ist: zu guten Werken, gehört auch, daß man wisse, wie man sich in Trübsal halten soll.

Zum ersten soll man die Leute lehren, daß alle Trübsal, nicht allein geistliche, sondern auch leibliche, wie Armut, Krankheit, Gefahr der Kinder, Gefahr der Güter, Viehsterben, Hunger, uns von Gott zugeschickt werde, um der Ursache willen, daß uns Gott damit vermahne und zur Buße reize. Wie 1. Kor. 11 steht: »Wenn wir vom Herrn geplagt werden, so werden wir gestraft, daß wir nicht mit der Welt verdammt werden.«

Nun ist’s nicht genug, daß wir wissen, daß uns Gott solches zuschicke, sondern man soll auch lehren, daß man Gott darin anrufen soll und vertrauen, er werde helfen, wie denn oben von dem Gehet gelehrt ist; wie Gott Psalm 50 spricht: »Du sollst mich anrufen in Trübsal, so will ich dich erhören.«

Neben dem allen sollen auch die Leute vermahnt werden, wie schwach der Mensch ist, und wie der Teufel stets uns zu Argem unterstehe zu reizen, daß er uns in ewige Schande und Elend bringe; denn Christus spricht Joh. 8 [44]: »Der Teufel sei ein Totschläger.« So sagt Petrus 1. Petri 5 [8]: »Der Teufel gehe umher wie ein brüllender Löwe und suche jemand, den er zerreiße.« Darum sollen wir stets in Gottes Furcht stehen, wachen und beten, daß Gott uns regiere und behüte; denn das ist die rechte Übung des Glaubens, fechten mit Gebeten wider solche Gefahr. So spricht Christus Luk. 21 [36]: »So seid nun wach allezeit und betet.«

Diesen Unterricht haben wir den Pfarrern getan und sie vermahnt, daß sie diese vornehmsten Stücke des christlichen Lebens, die wir hier erzählt, wie Buße, Glauben, gute Werke, klar und richtig den Leuten vortragen wollen, und viele andere Sachen, davon das arme Volk nicht viel versteht, fallen lassen.

Vom Sakrament der Taufe

Taufe soll gehalten werden wie bisher, daß man Kinder taufe. Denn da die Taufe eben das bedeutet, was die Beschneidung bedeutet hat, und man die Kinder beschnitten hat, sollen sie auch die Kinder taufen, und wie Gott spricht, er wolle die Kinder, so beschnitten worden, in Schutz und Schirm annehmen; denn also sagt Gott 1. Mos. 17: »daß ich dein Gott sei und deines Samens nach dir.« Item »und will ihr Gott sein«. Also sind auch in Gottes Schutz die Kinder, die getauft werden; darum soll Gott auf solche Zusage ernstlich angerufen werden.

Es sollen auch die groben Leute unterrichtet werden, daß die Taufe solche großen Güter mit sich bringt, das ist, daß Gott des Kindes Beschützer und Beschirmer sein und sich des Kindes annehmen will. Damit aber die Umstehenden dieses Gebet und Wort in der Taufe verstehen, ist gut, daß man deutsch taufe.

Es sollen auch zuweilen die Leute vermahnt werden, wenn man von den Sakramenten predigt, daß sie bedenken ihre Taufe, und unterrichtet werden, daß die Taufe nicht allein bedeute, daß Gott die Kinder wolle annehmen, sondern das ganze Leben, und daß also die Taufe nicht allein den Kindern ein Zeichen sei, sondern auch die Alten reize und vermahne zur Buße; denn Buße, Reue und Leid wird durch die Wassertaufe bedeutet. Dabei auch soll die Taufe den Glauben erwecken, daß denen, so Reue über ihre Sünden haben, die Sünden abgewaschen und verziehen sind; denn dieser Glaube ist die vollkommene Taufe.

Von dem Chrisma oder Cresem [Salbung] soll man sich nicht zanken; denn der rechte Cresem, damit alle Christen gesalbet werden von Gott selbst, ist der heilige Geist selbst, wie man denn liest Jes. 61 und Ephes. 1.

Vom Sakrament des Leibes und Blutes des Herrn

Von dem Sakrament des wahren Leibes und Blutes unsers lieben Herrn Jesu Christi sollen den Leuten diese drei Artikel vorgehalten werden: Erstlich, daß sie glauben, daß im Brot der wahrhaftige Leib Christi und im Wein das wahre Blut Christi ist; denn also lauten die Worte Christi bei den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas: »Das ist mein Leib«; und »trinket alle daraus«, »das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.« So sagt auch Paulus 1. Kor. 11: »Das Brot, das wir brechen, ist der ausgeteilte Leib Christi.« Wo nun sollte verstanden werden nicht der wahre Leib, sondern das Wort Gottes allein, wie es etliche auslegen, so wäre es nicht eine Austeilung des Leibes Chri­sti, sondern allein des Wortes und Geistes. So spricht auch Paulus in benannter Epistel Kap. 11, daß diese Speise nicht für eine gemeine [gewöhnliche] Speise soll gehalten werden, son­dern für den Leib Christi, und straft solche, die es ohne Furcht, wie eine gemeine Speise, nehmen.

Die Pfarrer sollen auch davon lesen, was die Alten geschrieben haben, damit sie sich und andere desto besser unterrichten könnten. Es spricht Hilarius[4] auch im 8. Buch von der Heiligen Dreifaltigkeit, daß man daran nicht zweifeln soll, daß da der wahrhaftige Leib und das Blut Christi sei, weil es Christus gesagt hat.

Und ist solches zu bedenken, daß solch groß Wunder geschieht nicht aus des Priesters Verdienst, sondern weil Christus es geordnet hat, daß sein Leib da sei, wo man kommuniziert. Wie die Sonne täglich aufgeht, nicht um unsrer Verdienste willen, sondern weil Gott es also geordnet hat.

Der andere Artikel ist, daß sie die Leute unterrichten, es sei recht, beide Gestalten zu nehmen. Denn nachdem das heilige Evangelium (Gott Lob!) an den Tag gekommen ist, darin uns das klärlich bezeugt wird, nämlich daß beide Gestalten des Sakraments zu reichen und zu nehmen seien, denn Christus hat solches also geordnet, wie die drei Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas anzeigen; auch hat es Paulus ihnen vorzeiten also gegeben, wie man sieht 1. Kor. 11, und keinem Menschen gebührt, solche göttliche Einsetzung zu ändern; denn auch keines Menschen letzter Wille zu ändern ist, wie Paulus Gal. 3 [15] schreibt, viel weniger soll Gottes letzter Wille verändert werden.

Demnach haben wir die Pfarrherrn und Prediger unterrichtet, solche Lehren das Evangelium von beider Gestalt stracks und frei zu lehren jeden, er sei stark, schwach oder halsstarrig, und in keinem Weg die eine Gestalt billigen, sondern strafen als unrecht und wider die Einsetzung und letzten Willen unsers Heilandes und Herrn Jesu Christi, daß also diese Lehre an ihr selbst frei, rein und öffentlich getrieben werde.

Da aber gleichwohl niemand zum Glauben zu zwingen, noch von seinem Unglauben mit Gebet oder Gewalt zu dringen ist – sintemal Gott kein gezwungener Dienst gefällt und er eitel freiwillige Diener haben will – und dazu auch die Leute mancherlei gesinnt und geschickt befunden werden, so daß es unmöglich gewesen oder noch ist, Maß oder Personen zu bestimmen, denen solche beiden Gestalten nach der Lehre Christi zu reichen oder zu verweigern sein sollten.

Deshalb, ob wir wohl die Lehre rein und frei zu predigen, leicht Unterricht geben mögen, wie sie Christus selbst gegeben, so haben wir doch den Brauch und Übung solcher Lehre nicht also in gewisse Maß, Weise oder Personen stellen können, angesichts der Tatsache, daß durch den allgemeinen Brauch einer Gestalt, die Leute sehr befangen gewesen und noch wohl etliche sein mögen, die solches Brauchs halben etwas schwerlich zweifeln; darum muß man auch dem Tage seine zwölf Stunden lassen und die Sache Gott befehlen.

Doch weil dieser Artikel täglich vorfällt und das Gewissen betrifft, damit die Pfarrherrn nicht ohne allen Unterricht gelassen werden, haben wir diese nachfolgende Weise und Unterricht, auf Gottes Wort hin, zu versuchen unternommen, bis der heilige Geist Besseres gebe.

Erstlich wie oben angezeigt ist, daß allwege und aller Dinge fest über die Lehre gehalten und stracks gepredigt und bekannt soll werden, daß in beider Gestalt das Sakrament zu brauchen sei, nach Christi Einsetzung. Und solche Lehre soll für den Schwachen und Halsstarrigen und jedermann gehen und bleiben unverrückt.

Aufs andere, wo aber Schwache sind, die bisher nichts davon gehört oder nicht genugsam mit den Sprüchen des Evangeliums unterrichtet und gestärkt sind und also ohne Halsstarrigkeit, aus Blödigkeit und Furcht ihres Gewissens, nicht können beider Gestalten empfangen, die mag man lassen einerlei Gestalt noch eine Zeitlang genießen, und wenn sie es also begehren, mag es ein Pfarrer oder Prediger wohl denselben reichen. Die Ursache ist die: damit wird der Lehre von beiden Gestalten nichts abgebrochen noch dawider gelehrt, sondern allein das Werk oder Brauch solcher Lehre durch Geduld christlicher Liebe eine Zeitlang aufgeschoben.

Gleichwie Christus viele Stücke von seinen Aposteln duldete, die unrecht waren, als da sie die Samariter mit Feuer verbrennen wollten, Luk. 9. Item, da sie um die Obrigkeit zankten, Matth. 20. Ebenso ließ er viel nach, das sie zu der Zeit nicht tragen noch tun konnten, da sie noch nicht den heiligen Geist hatten und vor dem Tod flohen und sich vor den Juden fürchteten, Christum zu bekennen, da er tot war. Auch noch heutiges Tages duldet Gott viel von uns, und heißt an andern dulden, daß doch unrecht oder zu wenig ist, wie schwacher Glaube und andere Gebrechen, Röm. 14 und 15.

Aber weil in dem allen die Lehre von solchen Stücken dennoch erhalten und nichts dagegen gelehrt wird, entschuldigt und trägt die Liebe alle solche unvollkommenen Bräuche der Lehre.

Item, es ist auch unfreundlich, ja unchristlich, solche Schwache zu zwingen zu beider Gestalt oder einerlei Gestalt zu weigern; denn damit werden sie zu sündigen gezwungen; nämlich, wenn sie beide Gestalten wider ihr Gewissen nehmen, so beichten sie dann hernach und büßen als für eine große Ketzerei, wie wir oft erfahren haben. Wiederum achten sie es auch für Ketzerei, wenn sie einerlei Gestalt nach ihrer Gewohnheit nicht nehmen sollen; daß also auf beiden Seiten ihr schwacher Glaube sich mit großen Sünden, als Ketzerei, wiewohl fälschlich, beschwert, welches viel ärger ist, als daß sie der Lehre von beider Gestalt eine Zeitlang nicht vollen Gehorsam oder Übung beweisen, wie Paulus Röm. 14 [23] spricht: »Wer sich selbst urteilt in dem, das er isset, der ist verdammt.«

Item, also duldet Paulus die Beschneidung und jüdische Speise, weil doch daneben die Lehre von der Freiheit aller Speise ging, welche Freiheit zu lehren und zu halten auch Gottes Gebot und Ordnung war, und dennoch der Brauch bei den Schwachen nachblieb, da der Lehre nichts gelehrt ward.

Wo aber Halsstarrige sind, die es weder lernen noch tun wollen, da soll man stracks keine Gestalt ihnen reichen, sondern sie fahren lassen, wie Paulus Titus, Gal. 2, nicht wollte beschneiden lassen, da die Juden darauf drangen und die Freiheit verdammen wollten. Denn solche Halsstarrige sind nicht allein unvollkommen im Brauch der Lehre, sondern sie wollen die Lehre dazu verdammt und unrecht [erklärt] haben. Das ist nicht zu leiden noch zu dulden; denn die Lehre soll stracks und rein laufen, obgleich die Werke und Bräuche langsam hernachkriechen oder schleichen, laufen oder springen. Welche aber schwach oder halsstarrig sind, das muß der Pfarrer, der die Leute kennt und täglich mit ihnen umgeht, merken, und kann’s leichtlich dabei merken, wenn es gutherzige Leute sind, die gerne zur Predigt gehen und gerne lernen wollten. Die Rohen aber und Verruchten, die das Predigen nicht achten, sollen nimmermehr für Schwache gerechnet werden, wie sehr sie auch solches vorgeben.

Der dritte Artikel, daran auch am allermeisten gelegen, ist, daß man lehre: warum man soll das Sakrament brauchen und wie man geschickt sein soll. Zum ersten sollen Pfarrherrn die Leute unterrichten, wie große Sünde es ist, das Sakrament unehren und nicht recht brauchen; denn Paulus spricht 1. Kor. 11: »Sie sind schuldig am Leibe und Blute Christi«; und spricht: »sie nehmen’s ihnen zur Strafe.« Item: »es sind auch viel darum krank und viele gestorben unter den Christen.« Denn Gott spricht im andern Gebot, 2. Mos. 20. Kap.: Wer seinen Namen unehret, wolle er nicht unschuldig halten. Ohne Zweifel wird auch nicht ungestraft bleiben diese Unehre, die dem Leibe und Blut des Herrn geschieht. Solches soll den Leuten fleißig vorgehalten werden, diese Sünde zu vermeiden, sie zur Furcht, Buße und Besserung zu reizen. Darum sollen auch die nicht zum Sakrament gelassen werden, die in öffentlichen Sünden, Ehebruch, Völlerei und dergleichen liegen und davon nicht ablassen.

Zum andern soll niemand zu dem Sakrament gelassen werden, er sei denn vorher bei dem Pfarrherrn gewesen; der soll hören, ob er vom Sakrament unterrichtet sei, ob er auch sonst des Rates bedürfe usw.

Danach soll man lehren, daß die allein wohl geschickt zum Sakrament sind, die rechte Reue und Leid über ihre Sünde tragen und erschrockenes Gewissen haben; denn rohe, furchtlose Leute sollen nicht dazu gehen; denn es steht geschrieben 1. Kor. 11: »Das tut, so oft ihr’s tut, mein dabei zu gedenken.«

Nun an den Tod Christi gedenken, ist nicht allein, die Historien predigen hören, sondern erschrecken, daß Gott solchen Zorn erzeigt wider die Sünde, daß er seinen eignen Sohn darum getötet, und kein Engel, kein Heiliger für die Sünde hat genug tun können, sondern Christus, der selbst Gott ist, hat müssen sich opfern usw. O wie harte Strafe wird über die kommen, die die Sünde gering achten, wenn sie hören, daß sie Gott so groß achtet!

Wer nun das rechte Gedächtnis des Todes Christi hat, der soll das Sakrament empfangen und Trost suchen; nicht, daß die äußerliche Nießung das Herz tröste, sondern sie ist ein Zeichen des Trosts und der Vergebung der Sünden. Dies Zeichen ermahnt das Herz, daß es glaube, daß Gott einem Reuenden die Sünde vergebe. Und soll das Herz nicht allein durch die Nießung des Sakraments, sondern auch durch die Worte, die bei dem Sakrament sind, zu glauben vermahnt und erweckt werden; denn in den Worten verheißt Gott Vergebung der Sünde: »das ist mein Leib, der für euch dargegeben wird«; Item: »das ist der Kelch des neuen Testamentes«, das heißt, der neuen Verheißung, der verheißenen Gerechtigkeit, des ewigen Lebens, »in meinem Blut, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünde.« Also erlangen sie Vergebung der Sünde, nicht durch die äußerliche Nießung, sondern durch den Glauben, der durch die Worte und Zeichen erweckt wird.

Es sollen auch die Leute vermahnt werden, daß dies Zeichen nicht allein den Glauben zu erwecken eingesetzt sei, sondern auch, uns zur Liebe zu vermahnen, wie Paulus spricht 1. Kor. 10: »Ein Brot ist’s und ein Leib ist’s, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig sind«; daß wir nicht sollen Neid und Haß tragen, sondern alle füreinander sorgen, einander helfen mit Almosen und allerlei andern Diensten, die uns Gott geboten hat. Solche Vermahnung soll oft geschehen; denn was ist das anders, denn den Leib Christi schmähen, Neid und Haß tragen und keine Liebe erzeigen wollen, und danach dennoch wollen für ein Glied Christi gehalten sein?

Von rechter christlicher Buße

Die Buße ist auch zum Sakrament gezählt, weil alle Sakramente Buße bedeuten, auch um etlicher andrer Ursachen willen, die hier nicht vonnöten sind zu erzählen.

Nun haben wir oben angezeigt, daß es nötig sei, Buße zu predigen und das furchtlose Wesen zu strafen, das jetzt in der Welt ist und zum Teil aus unrechtem Verstande des Glaubens kommt; denn viele, die gehört haben, sie sollen glauben, dann sind ihnen alle ihre Sünden vergeben, erdichten sich einen Glauben und meinen, sie seien rein, dadurch werden sie frevel und sicher. Solch fleischliche Sicherheit ist ärger als aller Irrtum, der vor dieser Zeit gewesen ist. Darum soll man allewege, wenn man vom Glauben predigt, die Leute unterrichten, wo Glaube sein könne und wie man dazu komme; denn rechter Glaube kann nicht sein, wo nicht Reue und rechte Furcht und Schrecken vor Gott sind.

Dieses Stück ist sehr nötig, den Leuten vorzuhalten, denn wo nicht Reue und Leid über die Sünde ist, da ist auch nicht rechter Glaube. So steht im Psalm 147: »Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten und auf seine Güte warten.« Auch sagt Gott selbst zu Ezech. Kap. 3: Wenn der Prediger nicht strafet deren Irrsal und Sünde, die er lehret, so wolle er derselben Seele von seinen Händen fordern. Solches Urteil spricht Gott über diese Prediger, die die Leute wollen trösten, und sagen viel vom Glauben und Vergebung der Sünde, sagen aber nicht von Buße, Gottesfurcht und Gottesgericht; solche Prediger straft auch Jerem. 6. Kap., da er spricht: »Man soll denen nicht glauben, so schreien: Friede, Friede, so Gott doch zornig sei und sei nicht rechter Friede.« Ja, zu besorgen ist, daß Gott werde diese Prediger und Schüler hart strafen um solcher Sicherheit willen; denn das ist die Sünde, darüber Jerem. 6 schreibt: »sie haben sich nicht gewußt zu schämen.« Und Paulus Ephes. 5 verdammt die, so ohne Schmerzen ihres Herzens in sicherm, wildem Wesen leben, und spricht: »Das sollt ihr wissen, daß kein Buhler oder Unreiner oder Geiziger, welcher ist ein Götzendiener, Erbe hat an dem Reiche Christi und Gottes. Lasset euch niemand verführen mit vergeblichen Worten; denn um dieser willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.«

Nun ist rechte Buße: herzliche Reue und Leid über seine Sünde haben und herzlich Erschrecken vor Gottes Zorn und Gericht. Dies heißt Reue und Erkenntnis der Sünde. Item, Tötung des Fleisches heißt auch vornehmlich Buße. So mancherlei Namen hat die Reue in der Schrift.

Etliche, so sie von der Tötung reden, wähnen sie, allein das Fleisch im Zaum zu halten, das da mehr ist ein Werk des neuen Lebens, vor welchem Werk sein muß die Tötung des Fleisches, das ist denn nichts anderes als wahrhaftige Reue. Item, etliche reden also: man muß sich erkennen, daß die ganze Natur arg sei usw. Solche Worte, wenn die Leute gedenken, meinen sie, sie erkennen sich, und werden dadurch nur frevel.

Es ist aber ein viel ander Ding, sich erkennen, und »durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde«; denn das heißt die Sünde erkennen, Reue und Leid darüber tragen und erschrecken von Herzen vor Gottes Zorn und Gericht, wie David die Sünde erkannte, da der Prophet Nathan zu ihm kam und ihn strafte, 2. Sam. 12 [13]; denn David wußte zuvor auch wohl, daß er gesündigt hatte, aber er hatte noch nicht rechte Erkenntnis der Sünde.

Es ist auch eine hohe Rede, die die anfangenden Laien nicht verstehen: die Natur erkennen, daß alles an uns sündlich sei; denn es kommt nicht bald dahin, daß ein Mensch erschrecke vor allen seinen guten Werken, und sündige auch in guten Werken, wie denn Salomo sagt, Predig. 7, 21: »Es ist kein Mensch auf Erden, der nicht sündige und Gutes tue.«

Man soll die Kinder lehren, an den Bänken gehen [gehen lernen]; so soll man Buße und Reue lehren an groben Sünden, die wir alle verstehen. Man strafe Völlerei, Unkeuschheit, Neid und Haß, Lügen und dergleichen und reize die Leute zur Reue, halte ihnen vor Gottes Gericht und Strafe und der Schrift Exempel, da Gott Sünde gestraft hat. Aber von den Heuchlern, da es nötig ist, vergesse man auch nicht des Zornes und der Strafen Gottes über die falschen Gottesdiener oder Heuchler, die Gottes Namen mit ihrem heiligen Schein lästern.

Etliche wähnen, dieweil Gott rechte Reue in unsern Herzen macht, man dürfe die Leute nicht dazu vermahnen. Wahr ist’s, daß Gott rechte Reue wirkt; er wirkt sie aber durch Wort und Predigt. Und wie man die Leute vermahnt zum Glauben und Gott wirkt Glauben durch solche Predigt, also soll man auch zur Reue vermahnen und treiben und Gott befehlen, in wem er Reue wirkt; denn er wirkt durch die Predigt. So spricht Moses 5. Mos. 4 [24]: »Gott ist ein fressend Feuer!«, so die Predigt von Gottes Gericht und Zorn Reue in uns wirkt.

Also ist das der erste Teil der Buße: Reue und Leid; der andere Teil ist: glauben, daß die Sünde um Christi willen vergeben werde; dieser Glaube wirkt guten Vorsatz. Also erlangen wir mit dem Glauben Vergebung der Sünden, wie Paulus Röm. 3 gesagt hat; aber solcher Glaube, wie oft gesagt ist, kann nicht sein, wo nicht vorher Reue und Leid ist; denn Reue ohne Glauben ist Judas‘ und Sauls Reue, das ist Verzweiflung, gleichwie Glaube ohne Reue Vermessenheit und fleischliche Sicherheit ist, wie hernach folgen wird.

Man hat zuvor gelehrt, es seien drei Teile der Buße, nämlich: Reue, Beichte und Genugtuung. Nun haben wir vom ersten Teil geredet, daß Reue und Leid soll allweg gepredigt werden und daß Erkenntnis der Sünde und Tötung heißen Reue und Leid. Es ist auch gut, daß man diese Worte Reue und Leid brauche; denn diese Worte sind leicht und klar zu verstehen.

Von der rechten christlichen Beichte

Die päpstliche Beichte ist nicht geboten, nämlich alle Sünden zu erzählen, was auch unmöglich ist, wie im 19. Psalm steht: »Wer merkt auf die Fehler? Mache mich rein von den heimlichen!« Doch soll man die Leute um vieler Ursachen willen vermahnen zu beichten, sonderlich in Fällen, wo sie Rates bedürfen und die sie am meisten beschweren. Man soll auch niemand zum heiligen Sakrament gehen lassen, er sei denn von seinem Pfarrherrn insonderheit verhört, ob er zum Sakrament zu gehen geschickt sei; denn Paulus spricht 1. Kor. 11: »daß die schuldig sind an dem Leibe und Blute Christi«, die es »unwürdig nehmen«. Nun verunehren das Sakrament nicht allein die, welche es unwürdig nehmen, sondern auch die es mit Unfleiß Unwürdigen geben; denn das gemeine Volk läuft um der Gewohnheit willen zum Sakrament und weiß nicht, warum man das Sakrament brauchen soll.

Wer nun solches weiß, soll nicht zum Sakrament gelassen werden. Zum Brauch des Sakraments in solchem Verhöre sollen die Leute auch vermahnt werden zu beichten, daß sie unterrichtet werden, wo sie irrige Fälle hätten in ihrem Gewissen; auch daß sie Trost empfangen, wo rechte reuige Herzen sind, wenn sie die Absolution hören.

Von der rechten christlichen Genugtuung für die Sünde

Genugtuung für unsere Sünde ist keins unsrer Werke; denn allein Christus hat für unsere Sünden genuggetan. Und dieses Stück der Buße gehört zur Vergebung der Sünde und zum Glauben, daß wir wissen und glauben, daß uns unsere Sünde um Christi willen vergeben werde. Auf diese Weise ist vonnöten, diesen Artikel zu lehren. Denn es ist nicht genug, daß man wisse, daß Gott die Sünde strafen wolle und daß man Reue über die Sünde trage, sondern man muß auch wissen, daß Gott um Christi willen die Sünde vergeben will, und daß man solche Vergebung mit Glauben erlange, wenn man glaubt, daß Gott die Sünde um Christi willen vergeben will; denn es muß Reue und Glauben beieinander sein; denn Reue ohne Glauben bringt Verzweiflung, wie im Judas und Saul; so kann man auch wahrhaftigen Glauben ohne Reue nicht haben.

Das soll man den Leuten vorhalten: erstlich soll man die Leute zur Furcht reizen. Denn das ist ein großer Zorn Gottes über die Sünde, daß niemand kann genugtun für die Sünden außer Christus, der Sohn Gottes. Solches soll uns billig erschrecken, daß Gott so hart zürnt über die Sünde; und ist das Wort Christi wohl billig zu bedenken, Luk. 22 und 23: »So man das tut am grünen Holz, was will am dürren werden?« Hat Christus also um unsrer Sünde willen müssen leiden, wieviel müssen wir leiden, so wir nicht wollen Reue haben, sondern Gott verachten?

Zum andern soll man die Leute zum Glauben reizen: Ob wir schon nichts als Verdammnis verdient haben, so vergibt uns doch Gott ohne unser Verdienst um Christi willen. Das ist Genugtuung; denn mit Glauben erlangt man Vergebung der Sünde, wenn man glaubt, daß Christus für uns genuggetan habe, wie Johannes sagt, 1. Epist. 2 [2]: »Derselbe ist die Versöhnung für unsere Sünde; nicht allein aber für die unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.«

Von menschlichen Kirchenordnungen

Man sieht, daß viel Unrats aus unklaren Predigten von Kirchenordnung kommt. Darum sind die Pfarrherrn vermahnt, daß sie mehr Fleiß wollen haben, [in bezug auf] die Stücke, die nötig sind, als christliche Buße, wie oben berührt, Glauben, gute Werke, Gottesfurcht, Beten, nicht Gott lästern, die Eltern ehren, die Kinder erziehen, die Obrigkeit ehren, nicht neiden, nicht Haß tragen, niemand beschädigen oder totschlagen, Keuschheit, in der Ehe züchtig leben, nicht geizig sein, nicht stehlen, sich nicht vollsaufen, nicht lügen, niemand schmähen; denn solche Stücke sind mehr vonnöten als am Freitag Fleisch essen und dergleichen, wiewohl dasselbe vor Gott und im Gewissen recht ist.

Doch sollen die Leute dennoch unterrichtet wer- den, bescheiden von solchen Kirchenordnungen zu reden; denn etliche Kirchenordnungen sind gemacht um guter Ordnung und Friedens willen, wie Paulus spricht 1. Kor. 14: »Es soll alles ordentlich in der Kirchen geschehen.« Darum sollen die Feiertage, als Sonntage und etliche mehr, wie jeder Pfarre Gewohnheit ist, gehalten werden; denn es müssen die Leute etliche gewisse Zeit haben, wo sie zusammenkommen, Gottes Wort zu hören.

Es sollen sich auch die Pfarrherrn nicht zanken, ob einer einen Feiertag hielte und der andere nicht; sondern es halte jeder seine Gewohnheit friedlich; doch daß sie nicht alle Feiertage abtun. Es wäre auch gut, daß sie einträchtig feierten die Sonntage, Annunciationis, Purificationis, Visitationis der reinen Jungfrau Maria; St. Johannis des Täufers, Michaelis, der Apostel, Magdalenae[5]; dieselben Feste wären denn bereits abgegangen und könnten nicht bequem alle wieder aufgerichtet werden. Und insonderheit soll man halten den Christtag, Beschneidung[6], Epiphanias[7], die Osterfeier, Himmelfahrt, Pfingsten. Doch abgetan soll werden, was an unchristlichen Legenden oder Gesängen darinnen gefunden wird. Diese Feste sind geordnet. Denn man kann nicht alle Stücke des Evangeliums auf einmal lehren. Darum hat man solche Lehre über das Jahr verteilt; wie man in einer Schule ordnet, auf einen Tag Vergil, auf den andern Homer zu lesen. Man soll auch in der Woche vor Ostern die gewöhnlichen Feiern halten, darin man die Passion predigt. Und ist nicht vonnöten, daß man solche alte Gewohnheit und Ordnung ändere, wiewohl auch nicht nötig ist, das Leiden Christi eben die Zeit zu behandeln.

Doch sollen die Leute unterrichtet werden, daß solche Feiern allein darum gehalten werden, daß man daran Gottes Wort lerne, und ob einem Handarbeit vorfiele, mag er dieselbe tun; denn Gott fordert solche Kirchenordnung von uns nicht anders denn um Lehrens willen, wie Paulus Koloss. 2 [16] sagt: »So laßt nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte Feiertage.«

Über solche Satzungen, die gemacht sind um guter Ordnung willen, sind andere in der Meinung gemacht, daß sie sonderliche Gottesdienste sein sollen, dadurch Gott versöhnt und Gnade erlangt werde; als gesetzte Fasten, freitags nicht Fleisch essen. Nun lehrt Christus Matth. 15 [9], daß solche Ordnung nicht nütze sei, Gott zu versöhnen, denn er spricht: »Sie dienen mir vergeblich, weil sie solche Lehre lehren, die nichts denn Menschenlehre ist.« So lehrt auch Paulus, 1. Timoth 4 [1], wo man in der Meinung Ordnung mache, daß es Teufelslehre ist. Auch spricht Paulus Koloss. 2 [16]: »Es soll euch niemand richten um solcher Ordnung willen«; das ist, man soll nicht solche Satzung machen und nicht lehren, daß Sünde sei, solche Satzung zu brechen; man soll auch nicht lehren, daß es Gottesdienst sei, solche Satzung zu halten. Es haben’s auch die Apostel gebrochen, Matth. 15 [1 ff.]. Doch soll man den Leuten anzeigen, daß man solche Ordnung nicht breche bei den Leuten, die noch nicht unterrichtet sind, daß sie nicht geärgert werden. Denn man soll nicht glauben zum Nachteil der Liebe, sondern die Liebe zu mehren gebrauchen; denn Paulus spricht 1. Kor. 13: »Wenn ich Glauben hätte, daß ich die Berge von einander heben möchte, und hätte nicht Liebe, so wäre ich nichts.«

Hier sollen auch die Leute unterrichtet werden, welche Unterschiede seien zwischen Kirchenordnung und weltlicher Obrigkeit Gesetz; denn alle weltliche Obrigkeiten sollen gehalten werden, daß weltliche Obrigkeit nicht einen neuen Gottesdienst ordnet, sondern macht Ordnung für Friede und Liebe. Darum soll man sie alle halten, es wäre denn, wo sie geböten, zu tun wider die Gebote Gottes: als wenn die Obrigkeit geböte, das Evangelium oder etliche Stücke zu lassen. In diesen Fällen soll man halten die Regel Apg. 5 [29]: »Man soll Gott mehr gehorchen denn den Menschen.«

Seelenmessen und andere Kaufmessen sollen ferner nicht gehalten werden, denn sollten die Seelenmessen, Vigilien[8] und dergleichen gelten, so könnte man die Sünde durch Werke ablegen. Nun ist ja »Christus allein das Lamm Gottes«, wie Johannes der Täufer spricht, Joh. 1 [29], »das der Welt Sünde wegnimmt«. Zudem, so sind die Messen für die Lebendigen und nicht für die Toten eingesetzt, den Leib und Blut Christi zu genießen und Christi Tod zu gedenken; nun kann ja niemand des Todes Christi gedenken, denn der im Leben ist.

Wes sich auch die Priester mit dem Kanon[9] halten sollen, wissen sie wohl aus andern Schriften, ist auch nicht vonnöten, den Laien davon viel zu predigen. Etliche singen deutsche, etliche lateinische Messen, welches wir lassen geschehen; doch wird für nützlich und gut angesehen, wo das meiste Volk des Lateins unkundig, daselbst deutsche Messen zu halten, damit das Volk den Gesang und anderes, was gelesen wird, desto besser vernehmen könne, wie Paulus sagt, 1. Kor. 14: »Wenn du aber benedeiest mit dem Geist, wie soll der an statt des Laien steht, Amen sagen auf deine Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagst? du sagst wohl fein Dank, aber der andere wird davon nicht gebessert.« Nun sagt ja Paulus dort auch: »Lasset es alles geschehen zur Besserung.«

An hohen. Festen, als Christtage, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten oder dergleichen, wäre gut, daß zur Messe etliche lateinische Gesänge, die der Schrift gemäß sind, gebraucht würden; denn es ist eine Ungestalt, immerdar einen Gesang singen. Und ob man schon deutsche Gesänge will machen, daß sich des nicht ein jeglicher vermesse, ohne die Gnade dazu zu haben.

Obwohl nun gesagt ist, daß man (auf daß die Leute Gottes Wort hören und lernen mögen) etliche Feiertage halten möge und solle, so ist es doch nicht die Meinung, als sollte man Anrufen und Fürbitte der Heiligen dadurch bestätigen oder loben; denn Christus Jesus ist allein der Mittler, der uns vertritt, wie 1. Joh. 2 [1] und Paulus Röm. 8 [34] anzeigen. Die Heiligen aber werden rechtschaffen in der Weise geehrt, daß wir wissen, daß sie zum Spiegel der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit uns vorgestellt sind; denn gleichwie Petrus, Paulus und andere Heilige unsers Fleisches, Blutes und Schwachheit aus Gottes Gnaden durch den Glauben sind selig geworden: also empfangen wir Trost durch diese Exempel, Gott werde uns unsre Schwachheit auch zugute halten und schenken, wenn wir ihm wie sie trauen, glauben und ihn in unsrer Schwachheit anrufen.

Der Heiligen Ehre steht auch darin, daß wir uns im Glauben und guten Werken üben und zunehmen, wie wir von ihnen sehen und hören, daß sie getan haben. Darum sollen die Leute durch der Heiligen Exempel zum Glauben und guten Werken gereizt werden, wie Hebr. 13 steht: »Gedenkt an eure Vorgänger, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihren Ausgang schauet an und folget ihrem Glauben!«

Also vermahnt Petrus die Weiber in seiner 1. Epist. am 3. [5 f.]: »Sie sollen ihrer Mutter Sara folgen im Schmuck des Herzens, in sanftem und stillem Geist«; und spricht: »also haben sich vorzeiten auch die heiligen Weiber geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und ihren Männern gehorsam waren, wie die Sara Abraham gehorsam war, und hieß ihn Herr, welcher Töchter ihr seid, so ihr wohltut und euch nicht fürchtet vor dem einzigen Scheusal.«

Von Ehesachen

In der Ehe sollen die Pfarrherrn die Leute fleißig unterrichten, wie sie Gott eingesetzt habe; darum wir Gott um Hilfe bitten und hoffen sollen in allen Anstößen der Ehe; denn weil Gott die Ehe eingesetzt und gesegnet hat, 1. Mos. 2. [18 ff.], so haben sich Eheleute aller Gnade und Hilfe zu Gott in allen ihren Nöten zu versehen und vertrösten. So spricht Salomo im 18. Kap. [22]: »Wer ein Weib findet, der findet was Gutes und schöpfet ein Wohlgefallen von Gott.« Wie auch Zucht in der Ehe gehalten werden und eins gegen das andere Geduld und Liebe tragen und üben soll, Eph. 5 [22 ff.], daß sie auch nicht voneinander mögen geschieden werden und eins das andere verlassen, wie Matth. 19 [6. 9] Christus selbst spricht.

Und dieweil wir finden, daß man die christliche Freiheit in vielen Stücken leichtfertig und trotzig mißbraucht und ohne alle Not Ärgernis und Unlust anrichtet, so sollen die Pfarrherrn in den Ehesachen, was die Gnade der Sippschaft und dergleichen betrifft, bescheiden und vernünftig lehren und handeln; denn wie uns Paulus lehrt, Galat. 5 [13], ist die christliche Freiheit nicht dazu gegeben, daß ein jeglicher seine Lust oder Vorwitz darin suche oder büße, sondern daß er mit freiem Gewissen seinen Nächsten zum Dienst lebe und wandle. »Ihr seid«, spricht er, »zur Freiheit berufen; allein lasset solche Freiheit nicht dem Fleisch Raum geben.« Wo aber die Pfarrherrn in solchen Fällen irrig oder ungewiß wären, sollten sie sich bei andern Gelehrten Rats befragen, oder die Sache an M.G.H. [meines gnädigen Herrn] Amtleute oder Kanzlei gelangen lassen, laut des Befehls, der ihnen gegeben ist.

Vom freien Willen

Es reden auch viele vom freien Willen unbescheiden; darum haben wir diesen kurzen Unterricht hierzu geschrieben.

Der Mensch hat aus eigner Kraft einen freien Willen, äußerliche Werke zu tun oder zu lassen, durch Gesetz und Strafe getrieben; deshalb vermag er auch weltliche Frömmigkeit und gute Werke zu tun, aus eigner Kraft, von Gott dazu gegeben und erhalten; denn Paulus nennt’s »Gerechtigkeit des Fleisches«, das ist, die das Fleisch oder der Mensch aus eigner Kraft tut. Wirkt nun der Mensch aus eignen Kräften eine Gerechtigkeit, so hat er ja eine Wahl und Freiheit, Böses zu fliehen und Gutes zu tun. Es fordert Gott auch solche äußerliche oder weltliche Gerechtigkeit, wie geschrieben ist, Gal. 3 [19]: »Das Gesetz ist gemacht, äußerlicher Übertretung zu wehren«; und 1. Tim. 1 [9]: »Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben, sondern dem Ungerechten und Ungehorsamen, den Gottlosen und Sündern!« Als wollte Paulus sprechen: Wir können das Herz aus eigener Kraft nicht ändern, aber äußerliche Übertretung können wir verhüten. Man soll auch lehren, daß Gott nicht Gefallen hat an einem wüsten, heidnischen Leben, sondern Gott fordert von jedermann solche Gerechtigkeit, straft auch hart mit allerlei weltlichen Plagen und ewiger Pein solches wüste Wesen.

Doch wird diese Freiheit verhindert durch den Teufel; denn wenn der Mensch durch Gott nicht würde beschützt und regiert, so treibt ihn der Teufel zu Sünden, daß er auch äußerliche Frömmigkeit nicht hält. Solches ist nötig zu wissen, daß die Leute lernen, ein wie schwacher elender Mensch der ist, welcher nicht Hilfe bei Gott sucht. Solches sollen wir erkennen und Gott um Hilfe bitten, daß er dem Teufel wehre, uns behüte und uns rechte göttliche Gaben gebe.

Zum andern kann der Mensch aus eigner Kraft das Herz nicht reinigen und göttliche Gaben wirken, wie wahrhaftige Reue über die Sünde, wahrhaftige und nicht erdichtete Furcht Gottes, wahrhaftigen Glauben, herzliche Liebe, Keuschheit, nicht rachgierig sein, wahrhaftige Geduld, sehnlich bitten, nicht geizig sein usw.

So spricht Paulus, Röm. 8 [7 f.]: »Der natürliche Mensch kann nichts Göttliches wirken«, sieht nicht Gottes Zorn, darum fürchtet er ihn nicht recht, sieht Gottes Gütigkeit nicht, traut und glaubt ihm auch nicht recht. Darum sollen wir stetig bitten, daß Gott seine Gaben in uns wirken wolle; das heißt dann christliche Frömmigkeit.

Von christlicher Freiheit

Etliche reden auch unbescheiden von christlicher Freiheit, dadurch die Leute zum Teil meinen, sie sind also frei, daß sie keine Obrigkeit sollen haben, daß sie fürder nicht geben sollen, was sie schudlig sind. Die andern meinen, christliche Freiheit sei nichts anderes denn Fleisch essen, nicht beichten, nicht fasten und dergleichen. Solche ungeschickte Meinung des Volkes sollen die Prediger strafen und Unterricht tun, der zur Besserung und nicht zum Frevel diene.

Nun ist erstlich christliche Freiheit: Vergebung der Sünden durch Christus, ohne unser Verdienst und Zutun, durch den heiligen Geist. Diese Freiheit, so sie recht wird ausgelegt, ist frommen Leuten sehr tröstlich und reizt sie zur Liebe Gottes und zu christlichen Werken; darum soll man von diesem Stück oft sagen. Also welche nicht durch den heiligen Geist bewahrt werden, über dieselben hat der Teufel Gewalt, treibt sie zu großen Lastern und Schande; macht aus dem einen einen Ehebrecher, aus dem andern einen Dieb, aus dem dritten einen Totschläger, wie man sieht, daß viele, die in solche Schande fallen, nicht wissen, wie sie dazu kommen, sondern der Teufel hat sie dazu getrieben. Dies heißt das Gefängnis des menschlichen Geschlechts; denn der Teufel ruht nicht und ist ein Totschläger und strebt danach, daß er uns um Leib und Seele bringe, und hat Lust und Freude an unserm Verderben.

Dagegen heißt christliche Freiheit: daß uns Christus den heiligen Geist zugesagt hat, damit er uns regieren und bewahren will wider solche teuflische Gewalt; so spricht Christus selbst, Joh. 8 [36]: »So werdet ihr recht frei sein, wenn euch der Sohn befreien wird.«

Hier sollen die Leute zur Furcht vermahnt werden, daß sie bedenken, in was für großer Gefahr sie sind, daß keiner sicher vor Sünde und Schande ist, wo ihn Gott nicht bewahrte. Dagegen sollen sie auch getröstet und zum Glauben und Bitten vermahnt werden, daß sie durch den heiligen Geist behütet werden wider den Teufel; wie auch geboten ist durch Christus zu beten, Luk. 22 [40]: »Bittet, daß ihr nicht in Versuchung fallet!« denn der Teufel ist nicht ein geringer und schwacher Feind, sondern der Fürst der Welt, wie ihn Christus selbst nennt, Joh. 12, [14. 16], und ein Gott dieser Welt, wie Paulus, 2. Korinth. 4, spricht.

Darum »haben wir zu kämpfen«, wie Paulus schreibt, Eph. 6 [12]: »nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, mit dem Weltregenten der Finsternis, mit den Geistern der Bosheit unter dem Himmel.« Doch ist das unser Trost, daß, wie Johannes in seiner 1. Epistel am 4. [4] sagt: »Der, so in uns ist, größer ist, denn der in der Welt ist.«

Dieses Stück christlicher Freiheit sollte man oft treiben, dadurch die Leute zur Furcht und zum Glauben gereizt würden; denn es ist kein Stück christlicher Lehre, das frommen Herzen größere Freude macht und bringt, als dieses Stück, daß wir wissen, daß uns Gott also regieren und behüten will, wie denn Christus zugesagt hat, Matth. 16 [18]: »Die Pforten der Höllen werden nichts dawider vermögen.«

Das andere Stück christlicher Freiheit ist, daß uns Christus nicht bindet an die Zeremonien und Gerichtsordnungen des Gesetzes Mosis, sondern daß Christen mögen brauchen Gerichtsordnungen aller Länder, die Sachsen sächsische Rechte, die andern römische Rechte. Solche Ordnungen alle, wo sie nicht wider Gott oder die Vernunft sind, approbiert und bestätigt Gott, wie droben gesagt ist. Es steht geschrieben Röm. 13: »Alle Gewalt ist von Gott«; nicht allein jüdische, sondern auch aller Länder Gewalt, und Petrus 1. Epist. 2 [13] sagt: »Seid Untertan aller menschlichen Ordnung.«

Das dritte Stück christlicher Freiheit betrifft menschliche Kirchenordnung, wie fasten, feiern und dergleichen. Da ist vonnöten zu wissen, daß solche Ordnung halten nicht hilft, Frömmigkeit zu erlangen vor Gott, wie Christus spricht, Matth. 15 [9]: »Sie ehren mich vergeblich mit Menschengeboten.« Von diesem Stücke aber haben wir droben angezeigt, daß dreierlei Kirchenordnungen sind.

Etliche können nicht ohne Sünde gehalten werden, wie die Satzung, dadurch die Ehe verboten ist. Solche Ordnung soll man nicht halten; »denn man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!« Apg. 5 [29]. So nennt es Paulus 1. Tim. 4 [1] »Teufelslehre«. Zudem, so schilt Christus selbst solche Aufsätze, die zu sündigen gebieten, Matth. 15 [3].

Die andern Ordnungen sind gemacht, nicht damit Gnade zu erwerben oder für die Sünde genugzutun, auch nicht, daß nötig sei, dieselben zu halten, sondern weil sie nützlich sind; daß man am Sonntag, Ostern, Pfingsten, Weihnachten feiere, welche Zeit geordnet ist, daß die Leute wissen, wann sie zusammenkommen und Gottes Wort lernen sollen; nicht daß nötig sei, eben solche Zeit zu halten, oder daß Sünde sei, daran Handarbeit zu tun, sondern weil jedermann solche Zeit weiß, ist’s gut, daß man sie halte, zusammenzukommen und zu lernen.

Die dritte Ordnung ist gemacht, damit Gnade zu erwerben für unsere Sünde; als gesetzte Fasten, am Freitage nicht Fleisch essen, die sieben Gezeiten [Stundengebete (Horen)] beten und dergleichen. Solche Meinung ist wider Gott, darum mag man auch solche Gebote fallen lassen; denn Paulus heißt es »Teufelslehre«, solche Ordnung der Meinung halten oder fordern, daß damit Gnade erworben werde, daß sie vonnöten sind, Gnade von Gott zu erlangen.

Vom Türken

Es schreien auch einige Prediger freventlich vom Türken: man soll dem Türken nicht widerstehen, weil Rache den Christen verboten sei. Das ist eine aufrührerische Rede, die nicht gelitten oder gestattet werden soll. Denn der Obrigkeit ist Schwert und Gewalt gegeben, Mord und Räuberei zu strafen. Darum ist sie auch schuldig, denen mit Krieg zu wehren, die widerrechtlich Krieg anfangen und Raub und Mord anrichten. Diese Rache ist nicht verboten. Denn Paulus sagt Röm. 13, die Obrigkeit sei eine Rächerin Gottes, das heißt, von Gott geordnet und geboten. Ihr erzeigt Gott Hilfe auch in der Not. Aber die Rache ist den Christen verboten, die nicht durch die Obrigkeit vorgenommen wird, auch nicht auf Befehl der Obrigkeit. Wie die Schrift den Christen einzelne und eigene Racheakte verbietet, so gebietet sie der Obrigkeit Rache und nennt die Rache, die durch die Obrigkeit geschieht, Gottesdienst. Ja, es ist das beste Almosen, Mord mit dem Schwert zu wehren, wie Gott befohlen hat. Wie 1. Mos. 9 [6] steht: »Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden.«

Es sagen auch einige: man soll den Glauben nicht mit dem Schwert verteidigen, sondern wir sollen leiden wie Christus, die Apostel usw. Darauf ist zu wissen: Es ist wahr, daß diejenigen, die nicht regieren, jeder für sich insonderheit leiden soll und sich nicht wehren, wie sich Christus nicht gewehrt hat. Denn er hat keine weltliche Obrigkeit und Regiment gehabt noch haben wollen, wie er denn Joh. 6 [15] sich von den Juden zu keinem König wollte wählen lassen. Die Obrigkeit soll aber die Ihren wider unrechte Gewalt schützen, diese unrechte Gewalt werde um des Glaubens oder um anderer Sachen willen vorgenommen. Da die Gewalt gute Werke ehren und die bösen strafen soll, Röm. 13 [4] und 1. Petr. 2 [14], soll sie auch denen wehren, die Gottesdienst, gute Landesordnung, Recht und Gericht wegnehmen wollen. Darum ist man schuldig, den Türken zu wehren, die nicht allein die Länder verderben, Weiber und Kinder schänden und ermorden wollen, sondern auch Landrecht, Gottesdienst und alle gute Ordnung wegnehmen wollen, daß auch die übrigen später nicht sicher leben können, noch die Kinder zu Zucht und Tugend erzogen werden.

Daher soll eine Obrigkeit vor allem Krieg führen, daß Recht und Ehrbarkeit im Lande erhalten werde, daß nicht die Nachkommen in unzüchtigem Wesen leben. Denn einem frommen Mann wäre es viel leidlicher, den Tod seiner Kinder zu sehen, als daß sie türkische Sitten annehmen müßten. Denn die Türken kennen und achten gar keine Ehrbarkeit. Die Gewaltigen nehmen den anderen nach ihrem Mutwillen Gut, Weib und Kind. Der gemeine Mann achtet auch keine Ehepflicht. Sie nehmen Weiber und verstoßen sie, wie sie wollen, verkaufen auch die Kinder. Was sind solche Sitten anders als eitel Mord? Die Ungarn haben das wohl erfahren und sind dessen Zeugen. Wenn sie wider die Türken streiten, ermahnen sie sich derart: Lieber, wenn schon der christliche Glaube nichts wäre, so ist es dennoch nötig, daß wir um unserer Weiber und Kinder willen wider die Türken streiten. Denn wir wollen lieber tot sein, als solche Schande und Unzucht an den Unsern sehen und leiden. Denn die Türken treiben die Leute auf den Markt, kaufen und verkaufen sie, gebrauchen sie wie das Vieh, es sei Mann oder Weib, jung oder alt, Jungfrau oder verheiratet. Türkisches Wesen ist ein gar schändliches Wesen.

Darum sollen die Prediger die Leute vermahnen, Gott zu bitten, daß er uns vor solchen wütenden Leuten behüte. Sie sollen die Leute unterrichten, daß es ein rechter Gottesdienst sei, auf Befehl der Obrigkeit wider sie zu streiten.

Von täglicher Übung in der Kirche

Weiter: weil an vielen Enden die alten Zeremonien überall abgetan sind und in den Kirchen wenig gelesen oder gesungen wird, hat man dieses nachstehend geordnet, wie man es in den Kirchen und Schulen und besonders an den Orten, wo viel Volks vorhanden, wie in Städten und Flecken, hinfort halten soll.

Erstens kann man täglich früh in der Kirche drei Psalmen singen, lateinisch oder deutsch. An den Tagen, an denen man nicht predigt, kann durch einen Prediger eine Lektion gelesen werden, nämlich Matthäus, Lukas, die erste Epistel S. Johannes, beide Petri, Sankt Jakobs Epistel, einige Episteln Sankt Pauls, wie beide an Timotheus, an Titus, an die Epheser und Kolosser. Und wenn diese aus sind, soll man wieder vorn anfangen. Wer die Lektion liest, soll dann die Leute vermahnen, ein Vaterunser zu beten für die allgemeine Not, für das besonders, was zu der Zeit vorfällt, wie um Frieden, Nahrung, besonders aber um Gottes Gnade, daß er uns behüte und regiere. Danach kann die ganze Kirche einen deutschen Gesang singen und der Prediger darauf ein Kollektengebet lesen.

Abends wäre es fein, wenn man drei Vesper-Psalmen sänge, lateinisch und nicht deutsch um der Schüler willen, die sich im Lateinischen gewöhnen sollen, danach die reine Antiphon, Hymnen und Responsorien[10]. Danach könnte eine deutsche Lektion gehalten werden aus 1. Mose, Richter oder aus dem Buch der Könige. Nach der Lektion soll man ein Vaterunser beten lassen. Danach könnte man das Magnifikat[11] singen oder Te deum laudamus oder Benedictus[12], Quicumque vult salvus esse[13] oder reine Preces[14], damit die Jugend auch bei der Schrift bleibe. Danach kann die ganze Kirche einen deutschen Gesang singen und der Priester endlich das Kollektengebet lesen.

In kleinen Flecken, wo es keine Schüler gibt, ist es nicht nötig, täglich zu singen. Es wäre aber gut, daß sie etwas sängen, wenn man predigen will. In der Woche soll man mittwochs und freitags predigen. Ein Pfarrer soll auch Fleiß anwenden, daß er zum Predigen nützliche und nicht schwere Bücher vornehme. Der Glauhe soll auch so gepredigt werden, daß man die rechtschaffene christliche Buße, Gottes Gericht, Gottes Furcht und gute Werke (in der Weise, wie es hier angezeigt und erklärt ist) nicht vergesse. Denn ohne Buße kann man den Glauben nicht haben oder verstehen.

Am Feiertag soll man morgens und zur Vesper predigen, morgens das Evangelium, nachmittags, weil das Gesinde und junge Volk in die Kirche kommt, halten wir es für gut, daß man sonntags nachmittags stets die zehn Gebote, die Artikel des Glaubens und das Vaterunser predige und auslege. Die zehn Gebote, weil durch sie die Leute zur Gottesfurcht ermahnt werden, danach das Vaterunser, daß die Leute wissen, was sie beten. Danach soll man die Artikel des Glaubens predigen und den Leuten fleißig die drei wichtigsten Artikel anzeigen, die im Glauben enthalten sind: Schöpfung, Erlösung und Heiligung. Wir halten es für nützlich, daß man von der Schöpfung so lehre, daß die Leute wissen, Gott schafft noch, ernährt uns täglich, läßt wachsen usw. Dadurch sollen die Leute zum Glauben ermahnt werden, daß wir Gott bitten um Nahrung, Leben, Gesundheit und dergleichen leibliche Sorgen. Danach sollen die Leute von der Erlösung unterrichtet werden, wie uns die Sünde durch Christus vergeben wird. Dahin gehören alle Artikel von Christus, wie er geboren, gestorben, auferstanden ist usw. Der dritte Artikel, die Heiligung, handelt von der Wirkung des Heiligen Geistes. Da sollen die Leute vermahnt werden, Gott zu bitten, daß er uns durch seinen heiligen Geist regiere und behüte; auch soll gezeigt werden, wie schwach wir sind und wie greulich wir fallen, wenn uns Gott nicht durch seinen heiligen Geist zieht und bewahrt.

Wenn am Sonntag die zehn Gebote, das Vaterunser und der Glaube gepredigt sind, eins nach dem andern, so soll man auch mit Fleiß von der Ehe und den Sakramenten der Taufe und des Altars predigen. Es sollen auch die zehn Gebote, das Vaterunser und die Artikel des Glaubens um der Kinder und anderer einfältiger, unwissender Leute willen von Wort zu Wort vorgeprochen werden.

Es sollen sich die Prediger auch aller Schmähworte enthalten und die Laster in der Gemeinde derer, die sie hören, strafen und nicht von denen predigen, die sie nicht hören, wie vom Papst, den Bischöfen oder dergleichen. Außer wo es die Leute zu warnen und ihnen Beispiele zu geben nötig ist. Denn diejenigen haben den Papst noch nicht überwunden, die sich dünken lassen, sie hätten ihn überwunden.

An den Festen wie Christtag, Beschneidung, Epiphanias, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten oder anderen, die nach Gewohnheit jeder Gemeinde gehalten werden, soll man auch nachmittags von den Festen predigen. Wie oben steht, sollen die Feste Weihnacht, Beschneidung, Heilige Drei Könige, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten gehalten werden. Es sollen auch entsprechend, wie oben gesagt ist, die Feiern in der Karwoche, Gründonnerstag und Karfreitag, an denen die Passion gepredigt wird, gehalten werden.

Auch soll man die Leute vom Sakrament unterrichten, daß sie nicht aus Gewohnheit dazu laufen, sondern daß sie sonst einmal im Jahre, wenn Gott sie ermahnt, zum Sakrament gehen, und dies an keine Zeit gebunden sei.

Es gibt unverständige Menschen, die gegen solche Feiern auftreten. Das soll nicht gestattet werden. Solche Feiern sind darum verordnet, weil man die Leute die ganze Schrift nicht auf einen Tag lehren kann, sondern die Stücke der Lehre sind verteilt, zu bestimmter Zeit zu lernen, wie man in den Schulen einen Tag Vergil, einen anderen Tag Cicero in der Regel liest. Wie aber Feiern ohne Aberglauben gehalten werden, das kann ein geschickter Prediger wohl sagen. Mit den Festen soll es auch friedlich gehalten werden, daß man davon nicht viel Zank mache. Da es nicht recht ist, daß die Gesänge an allen Festen gleich sind, wäre es gut, daß man an den größten Festen den lateinischen Introitus, Gloria in excelsis deo, Halleluja, die Sequenzen, Sanctus, Agnus dei[15] sänge. Sonst lassen wir es am Sonntag bleiben, wie es jeder Pfarrer mit christlichen Zeremonien hält.

Doch wäre es gut, daß man die Leute zum Empfang des Sakraments ermahnte. Es soll auch niemand zum Empfang des hochwürdigen Sakraments zugelassen werden, er sei denn zuvor verhört und gefragt, damit man, wie oben gesagt, dem Leibe Christi keine Unehre tue. Auch soll die verschiedene Weise der Messen, bis man sie in Übereinstimmung bringen kann, nicht sehr bewegen und ärgern. Auch im Papsttum gibt es eine große Ungleichheit und Mannigfaltigkeit in allen Stiften. Dazu wurden zuweilen drei, vier Messen auf einmal gesungen, daß ein großes Geschrei entstand, und dennoch hat es niemand bewegt.

Es soll auch mit den Leichen schicklich gehalten werden, daß ein Kaplan oder Kirchner mitgehe und die Leute auf der Kanzel ermahnt werden mitzugehen und beim Begräbnis den deutschen Gesang »Mitten wir im Leben« singen lassen.

Wir hören auch, daß von den sechs Wochen unschicklich gepredigt wird, die die Frauen nach der Geburt halten. Dadurch sind einige Frauen, ungeachtet dessen, daß sie schwach waren, gezwungen worden, zur Arbeit zu gehen, davon in Krankheit gefallen und gestorben sein sollen. Darum haben wir für nötig gehalten, die Pfarrer zu ermahnen, von dieser und dergleichen Gewohnheiten bescheiden zu reden. Denn es sind die sechs Wochen im Gesetz Mose geordnet 3. Mos. 12. Wiewohl nun das Gesetz aufgehoben ist, so sind dennoch diese Stücke, die uns nicht allein das Gesetz, sondern auch die Natur lehrt, nicht aufgehoben, nämlich die natürlichen und sittlichen Dinge. Darum lehrt auch Paulus 1. Kor. [11, 14] selbst die Natur und zeigt an, daß man die Gesetze, die uns die Natur lehrt, zu halten schuldig ist. Darum sollen auch die Frauen so lange geschont werden, bis sie wieder zu Kräften gekommen sind, was wohl nicht in weniger Zeit als in sechs Wochen geschehen kann. Es ist nicht Sünde, vor dieser Zeit auszugehen, aber es ist Sünde, dem Leib Schaden zuzufügen. Wie es auch keine Sünde ist, Wein zu trinken. Dennoch soll man einem Fieberkranken wegen der Krankheit keinen Wein geben. Also soll man auch in diesem Fall des Leibes Notdurft bedenken, Zucht halten und nicht die christliche Freiheit brauchen zum Schaden des Leibes oder zur Unzucht. Denn mit unzüchtigem Brauch der christlichen Freiheit geht es ebenso zu, wie wenn ein Fürst eine Herde Schweine zu sich zu Tisch ruft. Die verstehen solche Ehre nicht, sondern verwüsten nur, was ihnen vorgesetzt wird, und machen den Herrn auch unrein. Wenn das Volk von der Freiheit hört, weiß es nicht, was solche Freiheit ist, und meint, es soll keine Zucht und keine guten Sitten achten. Damit wird Gott gelästert.

Vom rechten christlichen Bann

Es wäre auch gut, daß man die Strafe des rechten christlichen Banns, von dem Matth. 18 [17] geschrieben steht, nicht ganz verschwinden ließe. Darum sollen diejenigen, die in öffentlichen Lastern, Ehebruch. Völlerei und dergleichen liegen und davon nicht lassen wollen, nicht zum heiligen Sakrament zugelassen werden. Doch sollen sie einige Male vorher vermahnt werden, daß sie sich bessern. Wenn sie sich nicht bessern, mag man sie danach in den Bann tun.

Diese Strafe soll auch nicht verachtet werden. Weil sie ein Fluch ist, von Gott über die Sünder geboten, so soll man ihn nicht gering achten. Denn solcher Fluch ist nicht vergeblich. Wie denn Paulus 1. Kor. 5 [5] denjenigen, der mit seiner Stiefmutter zu schaffen gehabt hat, dem Teufel zum Verderben des Fleisches übergab, auf daß der Geist an dem Tage des Herrn selig würde.

Es können auch die Gebannten in die Predigt gehen; denn man läßt auch Juden und Heiden in die Predigt gehen.

Viele Pfarrer zanken sich mit den Pfarrkindern um unnötige und kindische Sachen wie das Pacemläuten[16] und dergleichen. In solchen Dingen sollen die Pfarrer den Leuten als die Vernünftigen um des Friedens willen nachgeben und sie unterrichten, wo solches Läuten unrecht gebraucht, daß es nunmehr wohl gebraucht wird. Denn obwohl es an einigen Orten Brauch ist, daß wider das Unwetter die Glocken geläutet werden, was anfänglich zweifellos gut gemeint war, vielleicht um das Volk dazu anzuregen, Gott zu bitten, daß er uns die Früchte der Erde bewahre und vor anderem Schaden behüte, weil aber dieses Läuten hernach mißbraucht und dafür gehalten worden ist, daß die Glocken das Wetter vertreiben sollen, vielleicht deshalb, weil man sie angefangen hat zu weihen, wäre es nicht schlecht, wenn die Prediger zur Sommerzeit das Volk ermahnten, wenn ein Gewitter anhebt und man läutet, daß diese Gewohnheit nicht darum gehalten werde, daß der Glocken Ton und die Weihe der Glocken Wetter oder Frost vertreiben, wie bisher gelehrt wurde, sondern daß man dadurch erinnert würde, Gott zu bitten, uns die Früchte der Erde zu behüten, und daß unser Leben und Nahrung wahrhafte Gaben Gottes sind, die ohne Gottes Hilfe nicht erhalten werden können. Es gebe auch Gott Gewitter zur Strafe, wie im Mose an vielen Orten gezeigt ist, dagegen ist gutes Wetter eine gute Gabe Gottes, wie Mose zum Volk sagt: wenn sie Gott fürchten und seinem Wort gehorchen werden, werde ihnen Gott Regen zur rechten Zeit geben, 4. Mos. 26 [4] und 5. Mos. 28 [12]. Würde das Läuten abgetan, so würde das Volk vielleicht desto weniger erinnert, daß das Wetter von Gott kommt, und würde Gott desto weniger anrufen. Es werden auch die Leute desto wilder, wenn sie nicht vermahnt werden, Gott um Leben und Nahrung zu bitten. Doch muß das der Prediger viel besser ausrichten als die Glocken, sonst wird ein Teufelströdel daraus wie nie zuvor. So ist das Pacemläuten an vielen Orten dazu da, daß die Leute wissen, welche Zeit es am Morgen ist, auch zu welcher Zeit sie des Abends vom Felde nach Hause gehen sollen. Da einige unrechterweise meinen, der reinen Jungfrau Maria müsse gedient werden, sollen die Leute unterrichtet werden, es geschehe daher, daß man bete wider den Teufel, jähen Tod und alles, was an Gefahr tags und nachts vorfallen kann, wie die alten Hymnen und Gesänge der Kompleten und Primen[17] anzeigen. Insonderheit aber, daß man Gott um Frieden bitten soll, daß Friede eine Gabe Gottes sei, wie der 127. Psalm [1] sagt: »Wo der Herr nicht die Stadt behütet, arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, wacht der Wächter umsonst«. Und im 68. Psalm [2]: »Gott hat zerstreut die Völker, die zu Kriegen Lust haben«, und andere Sprüche mehr.

Man soll auch die Leute unterrichten, was für ein köstlich Ding Friede sei. Denn im Krieg können die Armen keine Nahrung suchen, auch kann man die Kinder nicht erziehen. Es werden Jungfrauen und Weiber geschwächt. Es geschieht allerlei Mutwillen nicht allein von Feinden, sondern auch von Freunden. In Kriegen gehen Recht und Gericht, alle Zucht und Gottesdienst unter. Darum soll man Gott billigerweise täglich bitten, daß er uns nicht mit dieser scharfen Rute strafe. Von solchen Dingen ist es nötig, oft zu predigen, denn es sind die rechten guten Werke, auf die uns die Schrift auch überall hinweist.

Das ist aber darum geschrieben, daß sich die Pfarrer um solcher Sachen willen nicht zanken sollen. Nicht, daß man solches Läuten halten müsse. Wo es abgeschafft ist, ist es nicht nötig, es wieder einzuführen.

Von der Einsetzung des Superintendenten

Dieser Pfarrer soll Aufseher sein über alle anderen Pfarrer, die im Amt oder Revier des Ortes leben, sie unterständen Klöstern, Stiften, dem Adel oder anderen. Diese sollen fleißig achtgeben, daß in den Gemeinden recht und christlich gelehrt, das Wort Gottes und das heilige Evangelium rein und treu gepredigt und die Leute mit den heiligen Sakramenten nach der Einsetzung Christi richtig versehen werden, daß sie auch ein gutes Leben führen, damit sich das schlichte Volk bessere und kein Ärgernis nehme. Sie sollen nicht Gottes Wort entgegen predigen oder lehren oder was zum Aufruhr wider die Obrigkeit dient.

Wo nun solches von einem oder mehreren Pfarrern oder Predigern vernommen oder getan würde, den oder die soll der Superintendent zu sich fordern und ihn anweisen, davon abzustehen, ihn in Güte unterweisen, worin er geirrt, zuviel oder zuwenig getan habe, es sei in der Lehre oder im Leben. Würde er davon nicht lassen oder abstehen wollen, besonders wenn es falsche Lehre oder Aufruhr erweckt, so soll der Superintendent solches unverzüglich dem Amtmann angeben, der solches sofort unserm Gnädigsten Herrn, dem Kurfürsten, melden soll, damit seine Kurfürstliche Gnade darin angemessene Vorsorge treffen kann.

Es wird auch für gut angesehen und angeordnet, wenn künftig ein Pfarrer oder Prediger im Bezirk stirbt oder fortgeht und andere an ihre Stelle durch ihre Patrone angenommen werden, der oder die sollen vorher, ehe sie mit der Pfarre belehnt oder als Prediger angestellt werden, dem Superintendenten vorgestellt werden.

Der soll verhören, examinieren, ob sie in Lehre und Leben geschickt und das Volk mit ihnen genügend versehen sei, damit mit Gottes Hilfe fleißig verhütet werde, Ungelehrte und Ungeschickte zur Verführung des armen Volkes aufzunehmen. In den letztvergangenen Jahren ist man oft und in starkem Maße des inne geworden, wieviel Gutes und Böses von geschickten und ungeschickten Predigern zu erwarten ist. Daher wird man billigerweise bewogen, darauf ein fleißiges Auge zu haben, um weitere Unrichtigkeit und Beschwerung aus Gottes Gnade zu verhüten und ihnen zuvorzukommen, damit Gottes Name und Wort in uns nicht gelästert werden.

Quelle: Klassiker des Protestantismus, Bd. 3: Reformatorische Verkündigung und Lebensordnung, hrsg. v. Robert Stupperich, Bremen: Schünemann (Sammlung Dieterich), 1963, S. 24-76.


[1] Ebenso, ferner.

[2] Antonius von Padua hilft, das Verlorene wiederzufinden; S. Sebastian hilft gegen die Pest.

[3] Alte Bezeichnung für Abgabe, Steuer.

[4] Hilarius von Poitiers, De trinitate 8, 14, MSL 10, 247. 44.

[5] Die drei Marienfeste liegen auf dem 25. März, 2. Februar und 2. Juli. Die übrigen aufgezählten Festtage werden am 24. Juni, 29. September, 15. und 22. Juli gefeiert.

[6] 1. Januar.

[7] 6. Januar.

[8] Gottesdienste am Vorabend eines großen Kirchenfestes.

[9] Gang der römischen Messe.

[10] Liturgische Bestandteile des Vespergottesdienstes.

[11] Lobgesang der Maria Luk. 1, 46 ff.

[12] Lobgesang des Zacharias Luk. 1, 68 ff.

[13] Das sog. Athanasianische Glaubensbekenntnis.

[14] Breviergebete.

[15] Hauptbestandteile der Meßliturgie.

[16] Glockengeläut morgens, mittags und abends.

[17] Stundengebete: Komplet abends um 9, Prim morgens um 6 Uhr.

Hier der Text als pdf.

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