Über Eitelhans Langenmantel, Augsburger Wiedertäufer, der 1528 in Weißenhorn hingerichtet wurde. Ein Lebensbild von Friedrich Westermayer: „Langenmantel vertrat keine bestimmte Gruppe, geschweige denn bildete er eine solche, sondern ihm ging es darum, dass der Erkennungsgruß der Wiedertäufer: ‚Gott grüß dich, Bruder im Herrn!‘ mit der Antwort: ‚Dank dir Gott, Bruder im Herrn!‘ zur Wahrheit in dieser Welt werde.“

Am 12. Mai 1528 wurde der Augsburger Patriziersohn und Wiedertäufer Eitelhans Langenmantel in der Fuggerstadt Weißenhorn wegen seines Glaubens hingerichtet. Friedrich Westermeyer (1896-1966) hatte 1956 als evangelischer Pfarrer an der Heilig-Kreuz-Kirche in Augsburg folgendes sympathisches Lebensbild über Langenmantel geschrieben:

Eitelhans Langenmantel

Von Friedrich Westermayer

Es war eine geistig und politisch sehr bewegte Zeit, in der der Patrizierssohn Eitelhans Langenmantel in seiner Vaterstadt Augsburg an die Öffentlichkeit trat. Die Wogen des Bauernkrieges hatten gegen die Stadtmauern gebrandet, „innerhalb deren Not und Angst“ geherrscht hatte. Der Versuch, aus der Reformation eine Revolution zu machen, erwuchs aus der falsch verstandenen Lehre von der Freiheit eines Christenmenschen, die in den revolutionären Köpfen der Augsburger Weberzunft sich rasch eingenistet hatte. Der Rat hatte durch kluge Vorsicht den glimmenden Funken niederhalten können, so daß Augsburg vor größeren Ge­fahren und Nöten bewahrt geblieben war. Aber der Funke zündete weiter und rief gerade in Augsburgs Mauern einen Kampf hervor, der nicht mit Waffen, sondern mit Wort und Schrift ausgetragen wurde; es war der Streit um die rechte Lehre vom heiligen Abendmahl. Schon am Anfang dieser Auseinandersetzungen hatte der evangelische Prediger Ur­banus Rhegius im Jahre 1524 mit dem Wittenberger Pro­fessor Andreas Karlstadt in geistigem Kampfe die Waffen gekreuzt. Karlstadt hatte die phantastischen religiösen Träumereien eines Thomas Münzer, einer der geistigen Führer im Bauernkrieg, in sich aufgenommen. Der Rat mußte daher um der politischen Folgen willen ein wachsames Auge auf diese Auseinandersetzungen haben. Der Funke wurde aber zur Flamme, als nun von der Schweiz her die Gedanken von Ulrich Zwingli gerade in Augsburg die Prediger der neuen Lehre in zwei sich heftig befehdende Parteien spaltete. Der Kampf tobte auf den Kanzeln; durch Kampfschriften suchte jede Partei ihrer Ansicht zum Siege zu verhelfen, und nicht nur die Theologen, sondern auch die Laien griffen durch Wort und Schrift in die Auseinandersetzungen ein, so daß Urbanus Rhegius einmal klagte: „Jedes wahnwitzige, alte Weib und jeder betrunkene Wurstmacher wagen hier Ent­scheidungen zu treffen.“

Es war eben nicht nur ein geistiger Kampf auf religiösem Boden, sondern der Versuch, die Reformation in eine Revo­lution umzukehren, fand gerade in der Weberzunft der Reichsstadt einen guten Nährboden. Da strömten die Massen in die Predigten zu Michael Keller in die Barfüßerkirche, der mit fanatischer Demagogie die soziale Erregung für seine Meinung in der Abendmahlslehre mißbrauchte. Der Rat war froh, als er auf der Kanzel durch einen Schlaganfall außer Gefecht gesetzt wurde.

In Schwaben wurde der anfängliche Einfluß Luthers bald durch den räumlich und stammesmäßig näherstehenden Schweizer Ulrich Zwingli zurückgedrängt. Durch Flugschrif­ten und auf den Kanzeln wurde bitter gekämpft. In Zürich waren die Gedanken der Schwarmgeister wie Andreas Karl­stadt und Thomas Münzer von der Wiedertaufe und Ab­lösung der Gemeinde der Gläubigen von der Volkskirche 1524 zum erstenmal in die Tat umgesetzt worden. Die obrigkeitliche Verfolgung trieb die Wiedertäufer nach Süd­deutschland und natürlich nach Augsburg, wo sie ja schon auf Gleichgesinnte in der Abendmahlslehre trafen. Ludwig Hätzer (Haetzer), der Übersetzer der alttestamentlichen Propheten, und Balthasar Hubmaier kamen nach Augsburg. Hier trafen sie auf den aus Nürnberg vertriebenen Rektor Hans Denk, der in Augsburg von Hubmaier die Glaubens­taufe empfing. Damit war die Verbindung zu den ganz ande­ren, revolutionär gerichteten Kreisen der Täufer aus Thüringen geschaffen. Die Obrigkeit witterte, durch den Bauernkrieg hellhörig geworden, sozial-revolutionäre Absichten. Gegen die sehr beweglichen Propheten der Wiedertäufer zunächst machtlos, spürte sie aber allenthalben den glimmenden Funken, der mit jeder kleinen Gruppe dieser Bewegung gegeben war.

In diesem Zeitpunkt religiöser Hochspannung mit dem sozialen Einschlag trat nun Eitelhans Langenmantel zum erstenmal in die Öffentlichkeit, indem er als Verfasser einer grö­ßeren Zahl von Kampfschriften in die Auseinandersetzung eingriff. Es war nur eine kurze Spanne Zeit, in der dieser ritterliche Christ für seine Überzeugung kämpfte, 1525 be­tritt er den Schauplatz, 1528 besiegelte er seine Glaubens­überzeugung mit dem Tod.

Über seine Geburtszeit, seine Jugend und seinen Bildungs­gang wissen wir so gut wie nichts; kein Wunder, daß die Legende diese Lücke ausfüllte. Er, der Patrizierssohn, Führer der meistens aus den unteren Volksschichten stammenden Wiedertäufer, war zum Blutzeugen geworden! Dieser Legende einen historischen Grund zu geben, war um so leich­ter, als es in Augsburg mehrere Zweige dieses angesehenen Patriziergeschlechtes gab. Eine Verwechslung mit einem Sohn Hans des Bürgermeisters Hans Langenmantel ergab die rührende Legende von einem nach wüstem Landsknechtsleben wieder in die Heimat zurückgekehrten verlorenen Sohn, der, durch seinen Anschluß an die Wiedertäufer be­kehrt und umgewandelt, zum Märtyrer seines Glaubens wurde. Die historische Forschung hat aber nun festgestellt, daß unser Eitelhans Langenmantel als braver Bürger seine Steuern regelmäßig bezahlt hat. Er gehört zu der Linie Lan­genmantel vom Sparren; sein Vater hat als Ratsherr seinem Vaterland wertvolle Dienste geleistet; das traurige Ende seines Sohnes mußte er nicht mehr miterleben. Im Jahre 1507 ehelichte Eitelhans Katharina Wieland, die er nach sechsjähriger Ehe wieder verlor. Er hinterließ ein einziges Kind mit Namen Anna, die seit 1522 mit Joachim Höchstetter, einem Sohn des durch seinen Riesenkonkurs bekann­ten Ambrosius Höchstetter, verheiratet war und im Jahre 1589 in hohem Alter gestorben ist.

Diese nüchternen Tatsachen fügen sich auch viel eher dem Lebensbild von Eitelhans ein, dessen Leben nicht durch jähe Wandlungen, sondern durch eine unbeirrbare Treue zu der von ihm erkannten Wahrheit gekennzeichnet ist; der sich nicht in eine führende Stellung hineindrängte, vielmehr als der Patrizierssohn von den sozial niedriger gestellten Anhängern der Wiedertäufer in den Vordergrund geschoben wurde.

Langenmantel war kein von immer neuen Gedanken erfüll­ter Mann, die, anderen mitzuteilen, es ihn drängte. In dem Abendmahlsstreit, der nun seine Wellenkreise nach Augs­burg zog, versuchte er sich seine eigene Meinung zu bilden, die er dann aber auch unerschrocken und stetig verteidigte. Prof. Karlstadt, der in Wittenberg während des Aufenthalts Luthers auf der Wartburg schon den Bildersturm entfesselt hatte und von neuen Gedanken erfüllt war, hatte durch seine Schriften diesen Sturm ausgelöst. Im Jahre 1524 aus Kur­sachsen vertrieben, zog er in Süddeutschland umher. Einer seiner Schüler veröffentlichte während dieser Zeit Karlstadts sieben Traktate über das Abendmahl, in denen die leibliche Gegenwart Christi und dessen sakramentale Bedeutung ge­leugnet wurde. Karlstadt begegnete dabei den Gedanken Ulrich Zwinglis, der ihn dann später, nach der Auseinander­setzung mit Luther in Marburg (1529), auch nach Basel berief.

Rhegius bestritt nun drei Sätze Karlstadts:

  1. Das Sakrament vergibt die Sünde nicht.
  2. Im Sakrament ist weder Leib noch Blut Christi, sondern Brot wie ein anderes Brot und Wein wie ein anderer Wein.
  3. Das Sakrament ist kein Pfand oder eine Versicherung, daß die Sünde vergeben sei.

Dieser „Sakramentsstreit“ hat die evangelische Bürgerschaft Augsburgs von 1536 bis zum Eintritt in den Schmalkaldischen Bund und der damit verbundenen Anerkennung der Wittenberger Concordie beschäftigt.

Eitelhans stellte sich in diesen Auseinandersetzungen ganz auf die Seite Karlstadts und Zwinglis und griff durch einige Schriften in diese Debatte ein. Man spürt diesen an, wie hier ein Mann um die Wahrheit ringt, und das, was ihn als Wahrheit überwunden hat, immer wie­der aufs neue vor­trägt. Man spürt, wie er darnach strebt, seiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen, und man wird erschüttert von dem tiefen Ernst, der dahintersteht. Sicherlich hat Langenmantel Karlstadts und Zwinglis Schriften gelesen, soweit sie ihm in die Hand kamen; aber von größerem Einfluß auf sein Schrift­tum waren die Sektierer Hätzer und Denk. Hätzer, aus der Schweiz kommend, 1525 fast dreiviertel Jahre als Korrektor bei dem Drucker Silvan Ottmar, war ein gelehrter und geist­reicher Mann, der seine eigenen Wege ging. Wenn auch mit den Wiedertäufern in der Forderung der Erwachsenentaufe nicht einig, hat er doch schon einen Kreis von Brüdern und Schwestern in „Christo“ um sich geschart, im Gegensatz zu den „Neuevangelischen“, wie er sie höhnend nannte. Hätzer war mit Denk, dem entlassenen Rektor der Sebaldusschule in Nürnberg, eng verbunden. Von mystischen Gedanken oder innerem Lichte bewegt, ließ auch er dem Abendmahl nur den Charakter einer Erinnerungsfeier. Er konnte seine hohen Gedanken und edlen Gefühle begeisternd vortragen, ohne sich jedoch der Konsequenzen bewußt zu werden. Denk und Hätzer waren wohl weithin die geistigen Väter der von Langenmantel vorgetragenen Gedanken.

Hätzer hatte die Gemeinde der „wahren Christen“ begrün­det, Denk hatte sie fest zusammengeschlossen und als Drit­ter war es Hans Hut, der nun diesen Kreis zu dem Ge­meindekern der Wiedertäufer machte. Er war der Mann, der Eitelhans bestimmte, die Wiedertaufe an sich vollziehen zu lassen, ein Mann von glühender Phantasie, der sich als berufenen Boten Gottes ansah, die Wiederkunft Christi für Pfingsten 1528 verkündigte, um dann die Gemeinde der wahren Christen nach viel Drangsal zum Siege zu führen. In seiner Predigt wurden die Gedanken eines Thomas Münzer, dieses Führers im Bauernkrieg, wieder lebendig. Langen­man­tel lernte Hut bei seinem ersten Aufenthalt in Augsburg 1526 kennen. Alle die führenden Gestalten, mit denen er nun zusammenkam, zu nennen, würde zu einer Geschichte der Wiedertäufer in Augsburg werden. Es waren meistens unruhige Gesellen, die nach kurzem Aufenthalt weiterwan­derten, um doch immer wieder in Augsburg, „der großen Ketzergrube“, für kürzere oder längere Zeit zu verweilen. Der ruhende Pol und ortsansässige Führer des Kreises, von dem zunächst nur wenige die Wiedertaufe empfangen hat­ten, war Langenmantel, der durch seine Zugehörigkeit zu den Geschlechtern ganz von selbst eine führende Stellung einnahm. Denk, zu dem Eitelhans als seinem geistigen Füh­rer aufsah, hatte sich von Hubmaier taufen lassen und dann auch Hut bei seinem kurzen Aufenthalt in Augsburg getauft. Hut hatte damals bei Langenmantel Aufnahme gefunden. Als auch Denk dann Augsburg verließ, wurde sein Schüler Eitelhans zu dem selbstverständlichen Führer der noch von allerhand widersprechenden, nur in ihrer radikalen Haltung einheitlichen Ideen bewegten Kreise; freilich besaß Eitelhans nicht den geistigen Schwung seines Meisters; aber er hielt den Kreis in Treue zusammen. Unter seiner Führung wurde auch eine Armenbüchse eingerichtet, um hilfsbedürf­tige Schwestern und Brüder zu unterstützen, was aber für die Gegner zum Anlaß wurde, die kommunistischen Ideen, die man bei den Wiedertäufern vermutete, als Tatsache fest­zustellen. Bei Eitelhans war der Beweggrund sicher seine treue Art, und die auch sonst seinen Nächststehenden bewiesene tatkräftige christliche Bruderliebe.

Die Bewegung entflammte sich aufs neue, als Hut im Frühjahr 1527 wieder in Augsburg auftauchte und bei Langen­mantel Quartier nahm. Hut muß eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein und vermochte nun auch ihn zu überzeugen, daß die Wiedertaufe das Bundeszeichen derer sei, die auf die Gründung eines neuen Gottesreiches hofften. So ließ Eitelhans Lan­genmantel mit seinem Knechte Hermann Anwand die Wiedertaufe durch Hut an sich vollziehen. Sigmund Salminger, der zu gleicher Zeit die Taufe empfing, wurde durch das Los zum Führer der nun eng zusammen­geschlossenen Täufergemeinde bestimmt.

Dem wegen Huts schon gewarnten Rat blieben trotz aller Vorsicht die heimlichen Zusammen­künfte der „Gartenbrü­der“ nicht unbekannt. Infolge des Zulaufs, den die Wieder­täufer besonders unter dem einfachen Volk fanden, sah er sich zum Eingreifen veranlaßt. Er ließ deshalb alle, von denen bekannt war, daß sie Fremden Quartier gegeben hat­ten, vorladen. Darunter selbstverständlich auch Langenman­tel, der den Führer Hut beherbergt hatte. Eitelhans, welcher wahrscheinlich das Versprechen, seinen Glaubensbrüdern keine Herberge mehr zu geben, verweigerte, wurde nach kurzer Haft gegen Urfehde entlassen. Doch diese Maßnah­men des Rates schufen eher einen Zulauf zu den Wieder­täufern, die ein Chronist auf etwa 800 Seelen schätzt. Lan­genmantel, dessen Schriften sich nicht genau datieren lassen, muß weiterhin literarisch tätig gewesen sein.

Im Herbst 1527 kam in Augsburg eine große Zahl der füh­renden Gestalten zusammen. Denk und Hätzer mußten sich wegen ihres Stadtverweises zurückhalten, Hut aber konnte sich frei bewegen. Man sprach von einem „Täuferkonzil“: Jedenfalls waren die Häupter der einzelnen verschiedenen Gruppen zusammengekommen, um sich zu vereinigen und in ihrer Lehrmeinung zu vergleichen. Hut mit seinen radi­kalen Auffassungen scheint dabei mehr Widerspruch er­fahren zu haben, als er erwartete. Die gemäßigte Richtung Denks gewann die Oberhand. Man schritt zur Wahl von Aposteln, die auch sofort ihre Wandertätigkeit aufnahmen. Erst als die meisten sich schon auf den Weg gemacht hat­ten, wurde der Augsburger Rat aufmerksam, und es gelang ihm, am 15. September 1527 eine Versammlung aufzuheben, woran sich eine Reihe von Verhaftungen anschloß. Neben seinem Taufvater Hut wurde nun auch Langenmantel in seinem Hause festgenommen, und da er wegen seines Podagraleidens[1] nicht gehfähig war, unter einem Geleit von Stadtknechten aufs Rathaus gebracht. Es war seine zweite Verhaftung.

Bei den vom Rat durchgeführten Vernehmungen war Lan­genmantel auch bei der zwischen den Wiedertäufern und den vom Rat bestellten Predigern Urbanus Rhegius, Stephan Agricola, Johann Frosch und Michael Keller veranstalte­ten Unterredung zugegen. Ihr Ergebnis einwandfrei festzustellen, scheint unmöglich. Das Dreizehner-Protokoll gibt bloß Stichworte, und die Weißenhorner Chronik, welche die Urgichten[2] des Eitelhans enthält, ist auch nicht mehr im Original vorhanden, sondern nur in einer dem Rat über­sandten Abschrift, welche nicht zuverlässig ist. Nach dieser Urgicht vom 30. April 1528 habe Langenmantel, „was er gethan hab, aus unwissenhait mit einfalt gethan; das reue ine, sei im auch treulich und von hertzen laid, welle auch hinfurt alles, das so die Ordnung der christlichen kürchen ausweiset, glauben, vollstrecken und nimmermer dawider thun“. Eitelhans soll danach die Wiedertaufe als unberechtigt und die Kindertaufe, wie sie von der Kirche eingesetzt worden sei, als „recht“ anerkannt haben. Daraufhin wurde Langenmantel unter Verwarnung aus der Stadt verwiesen. Er begab sich nach Göggingen, dem vor Augsburgs Toren gelegenen Dorfe. Dort fand er im Haus des Laux Lang, eines Bruders des berühmten Salzburger Erzbischofs und Kardinals Lang, Unterkunft. Hier konnte er sich ganz frei be­wegen. Der Zusammenhalt der Täufer aber bestand weiterhin und auch ihre Anziehungskraft hatte nicht abgenom­men. Langenmantel bekam sehr viele Besuche aus der Stadt, nicht nur von Täufern, sondern auch von hochgestellten Persönlichkeiten, wie dem Ratsherrn Christoph Herwart. Langenmantels Verbindungen gingen bis in die Reihen der evangelischen Pfarrer Augsburgs. Michael Keller, Prediger zu den Barfüßern, wurde anfänglich von den Täufern als einer der Ihrigen angesehen, da er als Prediger radikale Forderungen aufstellte, die sich weithin mit sozialen For­derungen deckten, die im Bauernkrieg aufgetaucht waren, und solchen der Täufer, die als Brüder Christi von dem Liebeskommunismus der Urgemeinde träumten. Michael Keller war aber in der vom Rat angeordneten Besprechung im September 1527 gegen die Täufer aufgetreten.

Anders verhielt es sich mit dem Pfarrer Johannes Schneid von Heilig Kreuz, der auf ein Schreiben Langenmantels am 3. Januar 1528 mit einem Trostschreiben antwortete. Inner­lich scheint Schneid den Täufern nahegestanden zu sein, wenn er sich auch, wohl um seine schwer errungene Stelle nicht zu verlieren, auf der Kanzel täuferischer Äußerungen enthielt. Dieses Schreiben, das bei der Gefangennahme Eitelhans abgenommen wurde, scheint ihm sehr wichtig gewesen zu sein. Johann Schneid hat auch den Beinamen gebraucht, der für Langenmantels Charakterisierung als der beste er­scheint. Er spricht ihn als „geliebten Bruder und ritterlichen Christen“ an.

Es ist verständlich, daß Eitelhans dieses Trostschreiben mit sich führte; denn im Februar 1528 wurde die Lage für die Täufer sehr kritisch. Hatten doch die versammelten Bun­desräte des Schwäbischen Bundes für die vier Quartiere Kempten, Heilbronn, Ulm und Bamberg je eine Streifschar von 1000 Mann einzusetzen beschlossen, um der Bewegung der Täufer mit Gewalt Herr zu werden. Durch seinen Schwager Sebastian Neidthart, Schwiegersohn des mit Eitel­hans befreundeten Ratsherrn Christoph Herwart, wurde jener vor dieser drohenden Gefahr gewarnt, eine Warnung, die mit dem bittenden Hinweis verbunden war, daß „ein Täufer, so er gefangen wird und seinen Irrtum bekennt, vom Bund in Gnaden angenommen würde“.

Langenmantel versuchte zunächst, durch einen Ortswechsel der Gefahr vorzubeugen, und ging mit seinem Knecht Hermann Anwand und dessen Braut, die den Kranken betreuten, nach Langenneufnach, um bei einer Verwandten mütter­licherseits Zuflucht zu suchen. Auch dort bedroht, flüchtete er gen Leitershofen, seinem Besitz in der Nähe von Augs­burg, den er kurz vorher erworben hatte. Von dort schlich er sich trotz dem Stadtverbot nach Augsburg, um sich im Hause seines Bruders Bernhart zu verbergen. Da er aber fürchten mußte, sich und seinen Bruder bei längerem Ver­weilen zu gefährden, begab er sich zurück nach Leitershofen. Daß er sich durch die bedrohliche Lage in seiner Überzeu­gung nicht irremachen ließ, ist daraus zu erkennen, daß er immer noch Leute für das Täufertum warb.

Die aus der Stadt vertriebenen Führer der Wiedertäufer ließen die Verbindung mit ihm nicht abreißen und ermunter­ten ihn brieflich, seine Überzeugung nicht aufzugeben. Doch darf man daraus nicht den Schluß ziehen, daß Eitelhans wankelmütig geworden sei. Es war ihnen nur darum zu tun, diese schon ihrer Herkunft nach namhafte Persönlichkeit als einen der Ihren auch in den schweren Verfolgungszeiten be­zeichnen zu können.

Doch das Verhängnis ließ sich nicht länger aufhalten; Eitel­hans, sein Knecht und seine Magd wurden von der Streif­schar des Schwäbischen Bundes unter dem Kommando des Diepold von Stein, des blutigen Hauptmanns, doch endlich gefangengenommen, und zwar in Leitershofen am 24. April 1528, dem Tag des heiligen Georg. Mit zwei anderen Wieder­täufern von Göggingen brachte man sie nach Bobingen und von da nach Weißenhorn.

Dort setzten nun die Vernehmungen der fünf Gefangenen ein, die am 30. April und, nachdem man Erkundigungen be­sonders in Augsburg eingezogen hatte, weiterhin am 7. und 8. Mai erfolgten. Die Protokolle dieser peinlichen Verhöre sind leider nur in einer offensichtlich diktierten Abschrift vorhanden und nicht absolut zuverlässig. Sie ergeben trotz der „Historica Relatione ortu et progressu haeresum“, der Weißenhorner Historia und Senders Bericht kein einwand­freies Bild. Feststeht, daß die vier Mitgefangenen Langen­mantels, sein Knecht und dessen Frau sowie die zwei Gögginger Verhafteten, von altgläubigen Geistlichen von „ihren Irrlehren“ bekehrt worden sind. Die für diesen Widerruf zugestandene Gnade bestand darin, daß sie nicht verbrannt wurden, sondern daß die Männer den Tod durch das Schwert und die Frau durch Ertränken fanden.

Sicherlich sind in der kurzen Zwischenzeit von der zahlreichen und einflußreichen Verwandtschaft Langenmantels Versuche zu seiner Rettung gemacht worden. Daß er selbst Ähnliches erhoffte, kann wohl daraus entnommen werden, daß er den Brief Sebastian Neidtharts, des Schwiegersohnes des mit Eitelhans befreundeten Ratsherrn Christoph Herwart, bei seiner Gefangennahme mit sich trug.

Eitelhans Langenmantel zeigte sich zunächst unbelehrbar. Die Priester gaben sich alle Mühe, ihn von seinen „ketzeri­schen Irrungen“, so er aus „lutherischer, karlstädtischer, zwinglischer, ökolampadischer und hubmaierischer Lehre ge­zogen habe“, abzubringen, und die Senderische Chronik ver­meldet, daß dies auch gelungen sei. Auch die Todesart der Enthauptung spricht dafür. Doch muß man dieser Meldung gegenüber ebenso vorsichtig sein wie bei dem Widerruf Langenmantels in dem vom Rat veranstalteten Bekehrungs­gespräch vom September 1527, das auch einen Widerruf des Eitelhans zur Folge gehabt haben soll. Die Gegner haben jede Äußerung nach ihrem Sinn gedeutet, der Angeklagte befand sich in der Verteidigung einer Übermacht gegenüber, in Weißenhorn sogar unter der körperlichen Not der peinlichen Befragung. Da kann man ihm wohl zugute rechnen, daß er die Frage, ob er anerkenne, was die christliche Kirche über die Taufe lehre, mit einem „Ja“ beantwortete, wobei er innerlich den Vorbehalt machte, das Wort „christliche Kirche“ nach seinem Sinn auszulegen. Die rechte christliche Kirche war für Eitelhans die Gemeinschaft der Wieder­täufer, für die evangelischen Prediger in Augsburg die luthe­rische bzw. zwinglianische Kirche und für die Priester in Weißenhorn die alte bisherige Kirche. Die von dem Gegner in Schlagworten geführten oder nur in Abschrift vorhande­nen Protokolle verzeichneten indessen triumphierend den Erfolg ihrer Bemühungen.

Nach dem ganzen Charakterbild Langenmantels ist nicht an­zunehmen, daß er die Unwahrheit sagte, um sich aus einer äußeren Not zu befreien. Eitelhans hat sich wohl selbst wiedertaufen lassen, aber nie an anderen die Wiedertaufe vollzogen, auch ihnen, so z. B. seinem Knecht, die Entschei­dung darüber zur eigenen Gewissensentscheidung überlassen und in keiner Weise darauf gedrängt. Bei den Verhören der Wiedertäufer stellt sich immer wieder heraus, daß sie sich nicht klar darüber gewesen seien, wer nun „recht christlich“ lehre.

Dabei kommt das Wesen Langenmantels recht zum Aus­druck. Er war kein Fanatiker, sondern wollte ein rechter Christ sein, und das ist das Große an ihm. Aus den letzten Verhören kann man herauslesen, daß Eitelhans trotz der Heftigkeit, mit der er gegen seine Gegner auftrat, selbst nie zu einer eigenen religiösen Überzeugung durchdrang. Im Streit um das Abendmahl hatten ihn die Zwinglischen Ge­dankengänge überzeugt, die er in seinen Schriften unbeholfen wiedergab. Dann hatte ihn Hätzer und besonders der Feuergeist Denk mit seinen geistreichen Ideen gefangen genommen, bis ihn die organisatorische und zwingende Persönlichkeit Huts in die Reihen der Täufergemeinde einordnete.

Langenmantel vertrat keine bestimmte Gruppe, geschweige denn bildete er eine solche, sondern ihm ging es darum, daß der Erkennungsgruß der Wiedertäufer: „Gott grüß dich, Bruder im Herrn!“ mit der Antwort: „Dank dir Gott, Bru­der im Herrn!“ zur Wahrheit in dieser Welt werde. Wenn ihn der Pfarrer Johann Schneid von Heilig Kreuz mit dem Titel „Ritterlicher Christ“ bezeichnet, so hat er damit das Rechte getroffen. Langenmantel kämpfte mit ehrlichem Willen und Einsatz seiner Persönlichkeit um die Herrschaft Christi auf dieser Welt. Das „Ratbüchlein“ Huts, das ihm bei seiner Gefangennahme abgenommen wurde, ist eine Konkordanz von Bibelworten, von Hut natürlich unter dem täuferischen Gesichtspunkt zusammengestellt. Es war für ihn das ver­pflichtende Gotteswort, dem er nachleben wollte. Mit den Gedanken des Bauernkrieges, der die Reformation zur Re­volution umwandeln sollte, hat Eitelhans nicht das Geringste zu tun. Ihm ging es um die wahre Nachfolge Christi. Die Führerstellung, in die man ihn hineinzudrängen suchte, hat er nie übernommen. Daß die verschiedenen Gruppen, die damals in der Reichsstadt bei religiösen Kämpfen gegen­einander standen, sich der staatlichen Gewalt bedienten, um ihrem Standpunkt zum Sieg zu verhelfen, war gerade ihm, der davon überzeugt war, daß die Liebe Christi zur brüder­lichen Liebe untereinander führen müsse, der Anstoß, sich von ihren Gruppen abzusondern und sich den Verfolgten an­zuschließen.

Das wahre Anliegen des Eitelhans enthält jenes Gebet, das seine nach der Verhaftung vom März 1527 erschienene Schrift „Eine göttliche und gründliche Offenbarung von den wahrhaftigen Wiedertäufern, mit göttlicher Wahrheit be­zeugt“ beschließt: „Ich ermahne alle, die dieses Büchlein lesen oder hören, daß sie mir Gott helfen bitten über alle Herzen, daß er durch Christum sein Wort in ihre Herzen senden wolle, auf daß sie anfangen mögen, den Willen Gottes zu tun, wie uns Christus gelehrt hat, und daß er sie beständig mache, darin zu beharren bis an ihr Ende. Das gebe Gott! Uns allen aber schenke er solche Kraft und Beständigkeit durch seinen göttlichen Frieden, den er uns verheißen hat durch Jesum Christum, den lichten Morgenstern, der sei mit uns allen und allen denen, die es begehren, von nun an und in Ewigkeit.“

Eitelhans Langenmantel wurde am 12. Mai 1528 durch die Hand des von Memmingen herbeigerufenen Scharfrichters seines Fußleidens wegen sitzend auf einem Stuhl enthauptet. Er wur­de mit seinen drei Leidensgenossen „auf dem gra­sigen Weg“ bei einer Linde, „wo man nach Oberhausen geht“, bestattet.

Zu derselben Zeit kam über die Täufergemeinde in Augsburg der Sturm der Verfolgung. Am 12. April 1528, dem Ostersonntag, fand im Hause der Susanne Adolf, der Frau des bekannten Bildhauers Adolf Daucher, eine Versamm­lung unter der Leitung des Jörg von Passau statt. Trotz aller Warnungen wurden von den Ratsknechten noch 88 Wieder­täufer gefangengenommen. Die nicht Ortsansässigen wur­den für sechs Jahre der Stadt verwiesen, darunter Jörg von Passau selbst, ohne in seiner führenden Stellung erkannt zu werden. Ebenso verfuhr man mit den Einheimischen, von denen alle, die entgegen dem früheren Ratsdekret Wieder­täufer beherbergt hatten, mit körperlichen Strafen belegt wurden. Außer Hans Hut, der bei einem Ausbruchsversuch im September 1527 ums Leben kam, ward am 25. April 1528 noch der Schneider Hans Leupold enthauptet, die beiden einzigen Wiedertäufer, die dem Augsburger Rat ihren „Irrtum“ mit dem Leben bezahlen mußten. Alle anderen Märtyrer der Wiedertäufer wurden durch die Streifscharen des Schwäbi­schen Bundes oder anderer Territorialherren hingerichtet.

Die scharfen Bestimmungen der Reichstagsabschiede von Speyer 1529 und von Augsburg 1530 ließen die Unentwegten größtenteils nach Mähren und Ungarn auswandern. Im Juni 1530 widerrief der letzte Augsburger Wiedertäufer, und da­mit waren die Wogen der wiedertäuferischen Bewegung in der Reichsstadt abgeebbt.

Literatur: Baumann, Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges in Oberschwaben; Blätter d. litt. Ver. in Stuttgart. „Weißenhorner Historie“, Bd. 129, Tübingen 1876.Beck, Fontes rerum Austriae, Bd. XLIII, Wien 1883. — Langenmantel, Eitelhans, Dies ist ain anzayg … Augsburg 1526.Ders., Ein kurzer Begriff … Augsburg 1526. Ders., Ain kurtzer Anzayg, wie D. M. Luther… Augsburg 1527 (Stadtbibliothek Augsburg).Meyer, Christian, in: Zeitschrift d. hist. Ver. für Schwaben, Bd. I, Augsburg 1874. — Roth, Friedrich, Zeitschrift d. hist. Ver. für Schwaben, Bd. 27, Augsburg 1900. Ders., Augsburger Reformationsgeschichte, Bd. 1, München 1901.Sender, Clemens, Chronik d. deutsch. Städte, Leipzig 1894. — Uhlhorn, Urbanus Regius, Leben u. Ausgew. Schriften, Elberfeld 1861. — Vesenmeyer, Beiträge z. Gesch. d. Litt. Ulm 1792.Wiswedel, Wilh., Bil­der u. Führergestalten aus d. Täufertum, II. Bd., Kassel 1930.

Quelle: Götz Freiherr von Pölnitz (Hrsg.), Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Bd. 5, München: Max Hueber, 1956, S. 140-154.


[1] Akuter Gichtanfall am Großzehengrundgelenk oder am Großzehenendgelenk.

[2] Als Urgicht bezeichnet man das Geständnis nach einer peinlichen Befragung.

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