Wilhelm Vischers Leserbrief wider die schweizer Einreisesperre für Juden 1942: „Die Sorge um unsere eigene Ernährung und die Angst vor den Machthabern dieser Zeit dürfen uns nicht dahin drängen, daß wir die Gottesfurcht wegwerfen. Jetzt müssen und können wir mit der Tat den Dank an Gott beweisen, der so oft in Reden ausgesprochen worden ist, den Dank dafür, daß er durch seine Gnade unser Vaterland wunderbar erhalten hat.“

Leserbrief wider die schweizer Einreisesperre für Juden

Von Wilhelm Vischer

Nachdem die Schweiz am 13. August 1942 eine Einreisesperre für Juden verhängt hatte, schrieb Wilhelm Vischer in der Nationalzeitung, Nr. 391 vom 25. August 1942 folgenden Leserbrief:

„Der Bundesrat muss es wissen, daß er mit dem Aussperren und Ausliefern jüdischer Flüchtlinge die christliche Wurzel der Eidgenossenschaft verletzt. Mit nichts läßt die verhängnisvolle Tat sich rechtfertigen. Wären die Menschen, die jetzt schutzflehend an und über unsere Grenze kommen, geflohene Kriegsgefangene oder Deserteure oder politische Flüchtlinge, dann würden und könnten sie aufgenommen werden. Nun sie aber aus keinem andern Grund vor den Henkern bei uns Zuflucht suchen als weil sie Juden sind, denen das Lebensrecht in der ‘neuen Ordnung Europas’ abgesprochen ist, soll die Schweiz keinen Rechtsgrund und keine Möglichkeit haben, ihnen Schutz zu bieten.
Das ist nicht wahr. Denn erstens ist der Jude der politische Flüchtling par excellence im heutigen Europa. Und zweitens ist gerade seine völlige Wehr- und Rechtlosigkeit der zwingende Grund dafür, daß die Schweiz an ihm ihre vielgerühmte Mission erfülle.
Gott befiehlt es uns und gibt uns auch die Möglichkeit dazu. Wenn wir uns dessen weigern, belasten wir die Schweiz mit schwerer Schuld. Die Sorge um unsere eigene Ernährung und die Angst vor den Machthabern dieser Zeit dürfen uns nicht dahin drängen, daß wir die Gottesfurcht wegwerfen. Jetzt müssen und können wir mit der Tat den Dank an Gott beweisen, der so oft in Reden ausgesprochen worden ist, den Dank dafür, daß er durch seine Gnade unser Vaterland wunderbar erhalten hat.
Wir leben doch von Tag zu Tag einzig und allein von dem Erbarmen Jesu Christi. Wie können wir da zugleich die ärmsten seiner Brüder erbarmungslos von uns stoßen?

Hier der Leserbrief als pdf.

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