Hans Walter Wolff, Der Tag der Theologen (1952): „Der Teufel ist scharf auf Theologen. Er liebt es, die theologische Wissenschaft zu seiner Munitionsfabrik und Theologen­ansammlungen zur Zielscheibe seiner Heckenschützenkunst zu ma­chen. Keiner, der sich getroffen sieht, meine, er müsse sich gerade dann allein durchhelfen. Man kann von vornherein nicht genug mit der satanischen Taktik der Isolierung rechnen.“

Der Tag des Theologen

Von Hans Walter Wolff

Unser Thema ist verdächtig. Was für ein Genitivverhältnis liegt hier vor? Sollen wir an einen genitivus auctoris denken? Wird der Tag des Theologen entsprechend dem Aufsatz des Abiturienten von ihm geschaffen und gestaltet? Dann müßten wir uns heute als Ar­chitekten zusammenfinden und uns über bestimmte Baupläne eini­gen, um demnächst miteinander planmäßig ans Bauen zu gehen. Lassen Sie mich gleich zu Anfang mit aller Deutlichkeit aussprechen, daß ich eben so unser Thema nicht verstehen kann. Wir können un­sere Tage und seine Stunden nicht wie Bausteine in die Hände neh­men, um mit ihnen das Gebäude eines Semesters und schließlich eines Theologenlebens aufzurichten, so daß wir es eines Tages wohl­gefällig oder unzufrieden aus der Entfernung betrachten könnten. „Der Tag des Theologen“ — ich kann hier nur einen Genitiv der Zugehörigkeit sehen: der Tag gehört dem Theologen so wie einem Vogel der Himmel gehört und der Strom einem Schiff. Er darf sich darin mit anderen bewegen und einem Ziel entgegensteuern. Er schafft und gestaltet ihn nicht, sondern er ist ihm wie jedem Men­schen gegeben als das ihm zugewiesene Lebenselement.

Unsere Überlegungen würden also wenig sinnvoll sein, wenn wir ein Zukunftsprogramm entwickeln wollten. Das steht in einem an­deren Konzept als dem unsern. „Alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war“ (Ps. 139, 16). Auch der Tag des Theologen ist und bleibt der ihm von Gott gegebene Tag, den er, so oft es ihm gefällt, aus Abend und Morgen werden läßt, nicht anders wie den ersten Schöpfungs­tag. Erschüfe er uns nicht den Tag, wir hätten keinen Tag zum Leben. Gerade dies werden wir als junge und jüngste Theologen bei einem Neubeginn mit all seiner Unternehmungslust und Gestaltungsfreude nicht zu stark unterstreichen können. Es wird also zu­erst schlicht darüber nachzudenken sein, was für ein Lebenselement uns denn als Theologen mit dem jeweiligen Tag von Gott gegeben ist.

Dann ist ein zweites zu klären. Wenn wir sagten, der Tag sei nicht erst als solcher von uns zu gestalten, sondern sei uns vor­gegeben, so heißt das doch zweifellos nicht, daß er — etwa gerade als Tag des Theologen! — ein für allemal durch eine Tradition festgelegt sei, etwa durch eine akademische oder kirchliche Konviktstradition. In unserer Besinnung kann es jedenfalls nicht darum gehen, wie wir, beglückt oder skeptisch, den Übergang aus einem Lebensstil in einen anderen vollziehen, wie wir aus dem Tag des Primaners in den des Theologiestudenten übersiedeln oder aus dem eines Universitätstheologen in den einer Kirchlichen Hochschule, als befänden wir uns — eben einem Zuge entstiegen — hier auf einem Bahnsteig, um uns den nächsten abfahrbereiten Zug zeigen zu lassen, der immer schon seine Strecke gefahren ist. Eine solche Einführungs­freizeit könnte verdächtig nach solchem Umsteigebahnhof riechen. Ich kann Sie aber sofort zu Anfang einigermaßen beruhigen. Sie sollen nicht in eingefahrene Traditionen einsteigen. Die Strecke des Sommersemesters 1952 ist auch an der Kirchlichen Hochschule Wup­pertal noch von keinem Zug befahren! So gewiß der Tag des Theo­logen uns immer noch von Gott, unserem Schöpfer, gegeben werden muß, so gewiß ist der uns gegebene Tag der neue Tag, so frisch und neu wie Gottes Gnad und große Treu. Wir werden zwar in diese neuen Tage unsere alten Erfahrungen hineinnehmen, unsere privaten und unsere Konviktserfahrungen; aber wir werden, so gewiß die Tage aus Gottes Händen frisch geschenkt werden, keinesfalls nur Altes zu wiederholen haben; wir dürfen Altes hinter uns lassen und wirklich ein Neues beginnen. Das wird demnach unsere zweite Überlegung ausmachen müssen, wie wir den gegebenen Tag als den neuen gewinnen.

Schließlich bleibt im Thema noch der Genitiv selbst zu klären. Nach dem bisher Bedachten kann der Singular schwerlich privativ, sondern muß eher kollektiv verstanden werden. So gewiß jeder Tag uns neu von Gott gegeben wird, so gewiß wird er doch keinem von uns für sich allein gegeben, sondern wir werden ihn gemeinsam empfangen. Wie ich vorhin ein traditionalistisches Mißverständnis ausschließen mußte, so muß ich jetzt vorweg biLen, den Singular in unserem Thema nicht sofort im Sinne eines Indi­vidualismus festzulegen. Wir werden im Konvikt und außerhalb an der Tatsache nicht vorbeisehen können, daß Gott zugleich mit uns auch noch andere leben lassen und also ihnen den gleichen Tag schenken will. Es wird allerlei davon abhängen, ob diese andern im gemeinsamen Tag Hilfe oder Last sind. Es wird sich also jeden­falls lohnen, dem eine dritte Überlegung zu schenken, wie wir den uns gegebenen neuen Tag neben oder mit den anderen leben können, wie wir ihn als gemeinsamen Tag bestehen werden.

I. Schlafen und Wachen

Wir besinnen uns zuerst auf die Grundgestalt des uns gegebenen Tages als unseres Lebenselements. Nach dem ersten Schöpfungs­bericht der Bibel wird „aus Abend und Morgen“ der erste Tag und jeder folgende Tag. Die chaotische Urfinsternis, in der Leben nicht möglich ist, wird nach der Erschaffung des Lichtes eingezingelt und bekommt in den gewiesenen Grenzen ihre heilsame, der Ordnung und dem Leben dienende Funktion. Sie gehört nun an ihrem Ort im Ablauf des Tages mit zu der Schöpfung, die als ganze „sehr gut“ ist. Jeden Tag schenkt Gott als Abend und Morgen, mit Licht und mit Finsternis, mit Nacht und Tag. Die Heilige Schrift zählt demzufolge durchweg die Nächte ebenso wie die Tage. Sie findet es beispielsweise erwähnenswert, daß Jesus „vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet“ hat (Mt. 4, 2), daß „gleichwie Jona war drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch, also des Men­schen Sohn drei Tage und drei Nächte in der Erde sein“ wird (Mt. 12, 40). Im Buche Daniel (8, 14) wird die über dreijährige Zeit der Ent­weihung des Heiligtums mit 2300 Abenden und Morgen. Die Zahl der im einzelnen ausfallenden Abend- und Morgenopfer — der Abend steht dem Morgen voran! — ist wichtiger als die Summe der Tage, Monate und Jahre. Der Theologe sollte es nicht übersehen, daß der neue Tag in der Bibel gleich nach Sonnenuntergang beginnt, und die Tage jeweils von Abend zu Abend zählen (Ex. 12, 18; Lv. 23, 32), unserem Kalender zum Trotz. Der Tag der Kreuzigung beginnt am Vorabend mit dem Mahl; in ihm und der folgenden Gethsemane­nacht empfängt der Kreuzigungstag seinen Sinn. Es wird sich emp­fehlen, auf die Grundgestalt des Tages, wie die Bibel sie unter­streicht, neu zu achten. Jedenfalls rächt es sich böse, wenn wir die Nächte weniger zählen als die Tage und nicht bedenken, daß auch der Tag des Theologen mit dem voraufgehenden Abend und der voraufgehenden Nacht anfängt und daß dieser Anfang schon einiges für den kommenden Tag entscheidet.

Die Nacht aber ist nicht die Zeit der Arbeit. Jesus nennt sie ausdrücklich die Zeit, in der fruchtbares Arbeiten unmög­lich ist (Joh. 9, 4); sie ist die Zeit der Unsicherheit, in der man an­stößt und stolpert (Joh. 11, 10). Wer sie irrtümlich als Gelegenheit zum Arbeiten ansieht, wird die Tagstunden nicht mit Eifer als un­wiederbringlich nützen. Paulus sieht für die, die nicht schlafen, in der Nacht die große Gefahr der Unnüchternheit, der Trunkenheit (1. Th. 5, 7), Gelegenheit für verworrene Gedanken und Urteile. Wie­viel überspannte Theologen mögen als Nachtschwärmer dazu ge­worden sein? Das Alte Testament spricht ein scharfes „Umsonst!“ über die, die die Tagesarbeit in die Nacht hineinziehen, vor Tage aufstehen und hernach lange sitzen (Ps. 127, 2).

Es ist eine evangelische Erkenntnis von grundlegender Wichtig­keit, daß die Nacht die Zeit der verordneten Ruhe ist, und daß eben mit dieser Ruhe der Tag jeweils neu beginnt. Ähnlich be­ginnt alle Zeit des Menschen nach dem ersten biblischen Schöpfungs­bericht mit dem Ruhetag als seinem ersten Lebenstag (Gn. 2. 1 ff.). Dementsprechend steht für die neutestamentliche Gemeinde der Ruhetag als Herrentag zum Gedächtnis der Auferstehung als erster Tag den sechs Tagen der Werkwoche voran. Das Feiern der Taten, die Gott der Schöpfer und Gott in Christus für uns tut, läuft allen unseren Tätigkeiten voran. Der einzige Tag, der in der Bibel mit einem Namen ausgezeichnet ist, ist dieser Sabbathtag; und dieser Name weist ausdrücklich auf Ruhe, auf Abstinenz von der Arbeit hin[1].

Ich wage den Vergleich von Nachtruhe und Feiertag, obwohl hinter jener offenbar nicht ein klares Gottesgebot steht wie hinter diesem, wenn sich auch Jesus gelegentlich um die Ruhe seiner Jünger besorgt zeigt: „Ruhet ein wenig!“ (Mk. 6, 31). Es kann doch von der Nacht das gleiche gesagt werden, was Karl Barth[2] vom Feiertag sagt: sie erlaubt uns, „zu lassen und abzustehen von allem eigenen Wissen, Wirken und Wollen — auch von allem eigenmäch­tigen Verzichten und Untätigwerden, auch von allem willkürlichen Stillwerden und Ruhen“; sie erinnert uns aufs kräftigste daran, „daß Gott des Menschen Sache in seine eigene Hand genommen und also der Hand des Menschen entnommen hat“. Sie übt insofern ähnlich wie der Feiertag den Glauben an Gott als „Entsagung“, „sich selbst, seinem ganzen Sinnen. Wollen, Wirken und Vollbringen gegenüber“. Von solcher Entsagung her, die Gottes Wirken alles an­vertraut, darf er in allem „faktisch eine neue Kreatur, ein neuer Mensch“ sein.

Schlafenszeit ist in dieser Hinsicht Gnadenzeit, in der nach dem 127. Psalm der Herr seinen Freunden das gibt, was sie mit nächt­lichen Mühen nicht erreichen. So kommt es zu den Bekenntnissen im Psalter: „Ich liege und schlafe und erwache, denn der Herr hält mich“ (3, 6). „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn allein du Herr hilfst mir, daß ich sicher wohne“ (4, 9). Wer die Gabe der Nachtruhe ausschlagen wollte, würde sich fragen lassen müssen, ob er sich etwa an Gottes Stelle setzen wolle, von dem es heißt: „Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht“ (121, 4).

Soll das Semester neu werden, dann dürfen wir zu allererst das Geschenk solcher Nächte nicht verweigern. Wollen wir das Gottes­geschenk eines jeden neuen Tages nicht von vornherein verderben, so dürfen wir mit jedem sich neigenden Tag unser Tagewerk wirk­lich lassen und in seine Hand legen und darin evangelisch wider alle Werkgerechtigkeit demonstrieren. Damit könnte der Grundton eines schaffensreichen Semesters evan­gelisch akzentuiert werden: „Die Freude am Herrn ist eure Stärke!“ (Neh. 8, 10). Der Glaube, der die Tage auskostet, kann auch schlafen.

Jesus schläft im Schiff auf dem tobenden See. Ich wage als allge­meine Regel festzustellen: Unser Tag fängt entweder mit dem recht­zeitigen Schlafengehen an, oder er fängt überhaupt nicht recht an. Unsere Unfähigkeit zu fruchtbarem Hören und gesammelter An­dacht, zu ausdauernder, zäher Arbeit, unsere Gereiztheit, Unver­träglichkeit und Unzufriedenheit ist weithin eine Folge davon, daß wir Besserwisser die Gabe der Nachtruhe in den Wind schlagen.

Wir werden hier tagaus tagein etwas üben können im Blick auf das Ganze kirchlicher Aktivität. „Das Reich Gottes hat sich aber also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft … und der Same geht auf und wächst, daß ers nicht weiß“ (Mk. 4, 26 f.). Sicher hat Jesus damit zuerst seinen Jüngern zeigen wollen, „warum er in Ruhe und Frieden seine Tage verlebt, obwohl er so hohe Ziele, so unausdenkbare Aufgaben vor sich sieht“[3]). Aber wenn anders der Dienst des Theologen dem von Jesus ausgestreuten Worte Gottes gilt, wird das Gleichnis auch ihm Wichtiges sagen.

Dazu ist mir eine Betrachtung Walter Lüthis[4] unvergeßlich: „Schließ­lich steht hier noch die erstaunliche Aussage, daß der Same wächst, auch wenn der Sämann schläft. Im Amt der Prediger hat nicht nur die Arbeit, sondern auch der Schlaf seinen Platz. Gott zwar schläft noch schlummert nicht; aber er kann uns Menschen wie kleine Kinder schlafen schicken, und sein Reich wächst doch. O wir Wichtigtuer! Wir meinen, nicht schlafen gehen zu dürfen aus Angst, Gottes Sache stehe still. Gott aber ruft dem übermüdeten Prediger zu: ‚Dreh du nur die Lampe aus und geh ins Bett. Gottes Reich fällt deswegen nicht um!‘ Ja, wenn die Nacht am stillsten ist, kann im Reich Gottes das Wachstum sich am mächtigsten entfalten. Denn seinen Freunden gibt ers schlafend. Und wird einst die Nacht kommen, da niemand wirken kann, dann wird Gottes Reich erst recht der Voll­endung entgegenwachsen. Wo der Prediger aber in Gefahr steht, ein allzu eifriger und allzu unentbehrlicher Reichgottesstratege zu werden, der möge sich ein Beispiel nehmen an jenem seltsamen Generalissimus, Kutusow hieß er, den Leo Tolstoi in ‚Krieg und Frieden‘ schildert. Kutusow hatte vom Zaren den furchtbaren Auftrag, sich vor Moskau Napoleon entgegen­zuwerfen, um ihm ein ‚Stalingrad‘ zu bereiten. Am Vorabend der Ent­scheidungsschlacht sitzt Kutusow zusammen mit seinem Generalstab im Hauptquartier über fertigen Plänen und ausgebreiteten Landkarten. Gegen Mitternacht wird vom Stuhl des Oberkommandierenden her ein leises Schnarchen hörbar, um 1 Uhr, wie er inmitten seiner immer noch eifrig diskutierenden Offiziere erwacht, zieht er die Uhr, steht auf und sagt: ‚Meine Herren, wir werden morgen, das heißt heute, alle unsre Pflicht tun; aber ich halte es für das wichtigste, daß man vor der Schlacht geschlafen haben soll.‘ Kutusow hat dann zwar die Schlacht verloren. Aber der andere, der Korse, der Allerweltsstratege, verlor schließlich doch den Krieg.“

Ich lese dazu noch ein temperamentvolles Wort von Karl Barth[5] zu dem Eifer und Tempo kirchlicher Aktivität in diesen Nachkriegsjahren: „Man wird ernstlich fragen müssen: … Wo nun eigentlich die Ruhe geblieben ist, die gerade der kirchlichen Arbeit, soll sie recht getan werden. … nach wie vor schlechterdings unentbehrlich sein dürfte? … Sonst wird es an den Tagungen nicht Tag, kommt es in den Freizeiten zu keine: Freiheit und in den Arbeitswochen zu keiner Arbeit … Gespräche sind auch gut, wenn sie aus der Ruhe kommen. Viele Gespräche — auch studentische Ge­spräche — brauchten und sollten darum lieber nicht geführt werden, weil sie eine Arbeit vortäuschen, die darum nur Vortäuschung sein kann, weil lauter Unruhe dahinter steht. Alles in allem: gibt es nicht auch vielleicht in unseren Kirchen[6] heute schon zu viel nur in sich selbst kreisender ‚Bewegung‘ aller Art, die wirklich ruhig — nämlich um der Ruhe willen, von der her es allein echte Bewegung geben kann — eine Weile auch unterlassen werden könnte, um dann vielleicht mit ganz neuem Sinn und Ernst wieder aufgenommen zu werden? Es könnte dann seriöser, produk­tiver, nach innen und außen eindrücklicher christlich gearbeitet werden. Es würde dann unter den eifrigen Christen und besonders auch unter den Theologen weniger Psychopathen und aufgeregte Nervenbündel geben. Es würden sich dann viele unnötige Mißverständnisse. Überkreuzungen, Zu­sammenstöße vermeiden lassen. Es könnte dann der ganze kirchliche Auf­bruch unserer Tage eine gediegenere und verheißungsvollere Sache wer­den, als er es jetzt noch zu sein scheint.“ Bei dem allen ist sicher nicht nur an die Ruhe der Nacht gedacht; ohne daß sie ihr gebührendes Recht be­kommt, wird aber auch sonst kaum fruchtbare Ruhe in unser Leben und Arbeiten einziehen, kaum seriöser und produktiver unter uns gearbeitet werden, die Zahl der Psychopathen und Nervenbündel schwerlich sinken.“

Ich möchte uns alle anreizen, miteinander in unserem neuen Se­mester etwas Gesundes zu tun. Sowohl gegen die Selbstverführung zur Nachtarbeit wie gegen die verlockenden Nachtplaudereien brau­chen wir genügend Humor (oder auch Trotz) — bei dem nun sicher in der Kürze die Würze liegt —, um den Tag wirklich zu beschließen. Bei jeglicher Verleitung zu Nachtsitzungen bedenke man die Binsen­wahrheit, daß der Einbrecher immer mit einem guten Bissen für den Haushund versehen ist, — damit man nicht zu leicht ausgeraubt werde!

Nur dann, wenn sie im Regelfall dem Schlaf gehören, kann es auch außerordentliche Nächte geben, in denen das unver­geßliche Gespräch sich ereignet und die theologische Erkenntnis reift. „Da alles still war und ruhte und eben recht Mitternacht war, fuhr dein allmächtiges Wort herab vom Himmel aus königlichem Thron“ (Weish. 18, 14 f.). So kommt Nikodemus zu Jesus bei der Nacht, doch wohl nicht aus Furcht, sondern „weil das größte aller Geheimnisse erörtert werden soll, das Geheimnis der Herrschaft Gottes und des Christus“[7]. Dann kann es die Nächte geben, in denen durchgedacht und durchgebetet werden muß, bis wir wieder wissen, daß Jesus Christus es für uns getan hat und tut. „Er blieb über Nacht in dem Gebet zu Gott“ (Lk. 6, 12); und auch die Nächte, in denen er uns fragt; „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ (Mt. 26, 40), die Nächte, in denen angesichts der Freunde und der Feinde das Wort Pascals aufflammt: „Jesus wird im Todes­kampf sein bis zum Ende der Welt: man darf während dieser Zeit nicht schlafen.“ (Und doch wacht am Ende er allein für die doch wieder schlafende Jüngerschaft!) In unser aller Leben wird es solche einzigartigen Nächte geben, wie es die Nacht gab, da Israel aus Ägypten zog (Ex. 12), und da Paulus und Silas Gott im Gefängnis um die Mitternacht lobten (Apg. 16, 25). Zu diesem Außerordentlichen gehört aber selten unser Vokabellernen und unsere Seminararbeit und unsere theologische Debatte. So gewiß die Barmherzigkeit Got­tes über uns und alle Welt triumphiert, darf es bei der Regel bleiben, daß unser Tag mit der Ruhe der Nacht beginnt[8].

Wir erkennen hoffentlich nicht zu spät die Notwendigkeit, daß wir in dieser Sache — wenn nicht um unserer selbst, so doch um unserer Nächsten willen — tatkräftig einander helfen, damit wir am Tage recht wachen und nüchtern sind und abtun, was uns träge macht. Wer die Schöpfungsgestalt des Tages dankbar annimmt, der wird die Zeit des Wachens, die uns inhaltlich von anderer Seite aus­reichend gefüllt wird, fruchtbarer nützen können.

II. Beten und Arbeiten

Allerdings wird nun auch das zweite zu bedenken sein, damit der uns gegebene Tag nicht doch in alten Geleisen läuft, in alte Gewohn­heiten zurückfällt, damit wir ihn als den neuen Tag empfangen. Gottes Schöpfergaben verfallen alsbald unter unseren Händen der Macht der Sünde und Zerstörung, unseren bösen und verschlissenen Traditionen, wo wir sie nicht so entgegennehmen, daß wir zugleich auf die Stimme seines Mundes hören.

Die Morgenwache des Christen vor Gottes Angesicht fällt auch beim Theologen beschämend häufig aus, selbst wenn ihre äuße­ren Formen noch da sind. Es ist das zwar oft einfach eine Folge der Tatsache, daß wir am Vorabend nicht rechtzeitig unser Tage­werk der Gnade Gottes anbefohlen haben. Aber uns Theologen be­reitet das Gespräch mit Gott unter seinem Wort auch aus mancherlei anderen Gründen Not. Sie hängen, das erfahren früher oder später alle, mit dem Studium selbst zusammen. Unsere Klugheit muß sich auf allen ihren Stufen sagen lassen: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kom­men!“ (Mt. 18, 3). Der Feind setzt alles einschließlich unserer theo­logischen Erkenntnisse daran, um uns den Zutritt zur Quelle zu wehren. In dem Schauspiel „Noah“ von André Obey, das Sie jetzt in Wuppertal sehen können, sagt Noah zu seinem auf der Arche revoltierenden Sohne Ham, der das Schiff Gottes gegen Gottes Wil­len mit Segel und Steuer versehen will, er solle doch einmal seine Rechenmaschine abstellen. Wie sollte der uns geschenk­te Tag neu werden können, wenn wir ihn nach unseren eigenen alten Gedanken steuern wollten!

Es ist bei keinem von uns eine Selbstverständlichkeit, daß er die stille Zeit mit Gott am Morgen überhaupt sucht. Vieles spricht bei uns täglich dagegen, grundsätzliche Erwägungen und harte Tat­sachen. Aus dem studentischen Konvent wäre von wiederholten Dis­kussionen um die stille Zeit am Morgen zu berichten. Dazu möchte ich hier nur fragen: kennen wir uns selbst genug, sehen wir scharf genug die Gefahren, die unseren Tageslauf weg von dem frucht­baren Acker in den Sumpf der unwiderstehlichen Wünsche hinein­ziehen oder in die dürre Wüste klappernder Geschäftigkeit hinaus­jagen, wenn wir nicht dem 119. Psalm von Herzen das Gebet nach­sprechen: „Ich komme in der Frühe und schreie, auf dein Wort hoffe ich“ (V. 147); oder mit dem 63. Psalm (V. 2): „Gott, du bist mein Gott, frühe wache ich zu dir. Es dürstet meine Seele nach dir, mein Fleisch verlangt nach dir in einem trockenen und dürren Lande, da kein Wasser ist“? Wir sollten nicht denken, wir erwiesen Gott einen schuldigen Dienst, wenn wir gewissenhaft mit einer Andacht eine unserer theologischen Pflichten erfüllten. Vielmehr sollte uns der Gedanke beherrschen, daß Gott sich freut, wenn ein Hungriger zu ihm kommt und nach Brot fragt. „Ich hoffe aber darauf, daß du gnädig bist; mein Herz freut sich, daß du so gerne hilfst“ (Ps. 13, 6).

Die Bibel ermuntert uns zu der Erwartung, daß Gott mit seiner Freude am Helfen jeden Morgen in seinem Wort an uns herantritt. Wer weiß im voraus, wie er sie uns morgen beweisen wird?! Aber unsere stumpfen Gemüter sollten damit rechnen, daß uns der Geist, der da lebendig macht, unter der uns gegebenen Tageslesung wenig­stens auf drei Fragen Antwort gewährt. Erstens: was tut Gott für seine Kinder, also auch für mich heute? Die Frühandacht der Christen heißt nicht zufällig die Laudes, das Morgenlob. Wir Müden und Besorgten dürfen neuen Grund entdecken, mit fröh­lichem Mut in den Tag hineinzugehen. Seine Treue hat uns zum Zugreifen bereitgestellt, was wir diesen Tag brauchen. Sein Wort öffnet mein Auge dafür. „Das wäre meines Herzens Freude und Wonne, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben sollte“ (Ps. 63, 6). Anders als mit diesem Grundton sind wir Menschen eigentlich auch für andere kaum genießbar. — Zweitens: Welche Schuld und Not deckt das Wort auf? Zu welcher Beichte und zu welcher Bitte be­wegt mich das Wort? Woran fehlt es unter uns im ganzen und heute bei mir besonders? Viel Räsonnieren und Lamentieren über andere und über die Verhältnisse stirbt uns auf den Lippen und bleibt für den ganzen Tag erspart, wenn das Herrenwort uns den eigentlichen Schaden gezeigt und wir uns dazu bekannt haben. — Drittens: Was will Gott von mir? Unter dieser Frage ordnet sich im hörenden Beten mein Tag. Die Aufgaben und die Menschen, die ich im Ab­lauf des Tages zu erwarten habe, ziehen zwischen Gott und mir vorüber. Ich werde dabei schärfer erkennen, gegen welche Ver­suchung ich Waffen erbitten muß, was heute liegen bleiben darf, was keinesfalls liegen bleiben darf und in welchem Geist der mir zugefallene Dienst geschehen soll. Brüder, die große Erfahrung, daß man aus dem Worte Gottes täglich neu leben kann, ist nicht der jungen Generation der bekennenden Kirche vorbehalten gewesen und nicht nur heute den Laien-Männerkreisen im Osten. Werden wir „praktisch Ja dazu sagen, daß Jesus Christus sich nun einmal nicht die Gewohnheit (auch nicht die heiligste Gewohnheit!), sondern die Wahrheit genannt hat?“[9]

Ich halte es für gut, wenn über das tägliche Hören auf das Wort Gottes ein Erfahrungsaustausch unter uns in Gang kommt. Ich meine das zunächst deshalb, weil unter uns die geistlichen Gaben verschieden verteilt sind. Wir kommen zusammen als Menschen, die sehr verschiedene geistliche Väter haben. Wir sollten, wo der Reich­tum unseres Gottes bereitsteht, nicht aus Schüchternheit unseren Hilflosigkeiten preisgegeben oder an überkommene Formen starr gebunden bleiben. Weniges tut uns Menschen so gut, als wenn wir uns in der Regel­mäßigkeit und Sammlung zum Gebet üben. Wir brauchen aber gegenseitige Hilfe, Hinweise auf das Beten der Väter und Brüder. In Zeiten innerer Ermüdung können ihre Worte uns helfen, unsere fahrigen Gedanken auf den Herrn aller Herren zu richten. Es ist noch nicht abzusehen, ob in solchem gelegentlichen Austausch über die stille Morgenwache, über ihre Traditionen und Ordnungen und die Hilfen, die sie boten, die Reichen oder die Armen die Beschenkten werden.

Vor allem aber halte ich aus einem anderen Grunde Gespräche darüber im Laufe des Semesters für dringend erwünscht. Es darf nicht dabei bleiben, daß einerseits wissenschaftlich-exegetische Be­mühungen mit ihren historisch-kritischen Operationen, die die Tages­arbeit des Theologen weithin erfüllen, und andrerseits das persön­liche Hören mit frommen homöopathischen Mitteln beziehungslos nebeneinanderstehen oder gar gegeneinander anrennen. In dem Maße, in dem die Bibelwissenschaft sich darum müht, die vom bib­lischen Text gebotenen Fragestellungen aufzuwerfen, werden wir in unserem täglichen Leben unter dem Wort von diesen Fragestellungen lernen. Natürlich wird die Bibel nicht erst dann in unsere Tage hin­einreden, wenn wir meinen, eine theologisch gültige Antwort auf die Frage erarbeitet zu haben, inwiefern sie Gottes Wort für uns ist oder enthält oder werden kann. Als Anfänger wie als Fortgeschrit­tene sind und bleiben wir doch vor unserem Vater Kinder. Es kommt aber darauf an, daß unsere jeweiligen theologischen Erkenntnisse und unser alltägliches geistliches Leben im regen Gespräch mit­einander stehen. Sonst wird sowohl unsere Theologie wie unser Christenstand krank. Diese Gefahr kann die angeregte Aussprache vermindern[10]. Unsere Tagesrüste vor Gott kann unter der theolo­gischen Arbeit ganz neue Formen gewinnen. Nur will in jedem Falle stille Zeit erobert sein, daß der Tag neu werde. Insbesondere im Convivium! Denn: „Unfruchtbar ist der gemeinsame Tag ohne den einsamen Tag für die Gemeinschaft wie für den Einzelnen“[11].

III. Einsamkeit und Gemeinsamkeit

Es bleibt uns noch, darüber im einzelnen nachzudenken, daß jeder neu geschenkte Tag nicht mir allein gegeben ist. Wer weiß, ob die anderen, die den Tag mit mir teilen, mit helfen oder mich belästi­gen?! In jedem Falle ist es gut, damit zu rechnen, daß sie da sind. Jeder, der froh ist, endlich einer Klasse, einer Familie, einer Stuben­gemeinschaft entronnen zu sein, in der ihm seine menschliche Frei­heit allzu eng begrenzt schien, wird sich in aller verständlichen und berechtigten Freude wohl vorsehen müssen, daß er nicht zum Un­menschen wird, indem er fortan immer nur auf Flucht in ein ein­sames Leben ist. Sollte gerade ein Theologe prinzipiell dafür blind sein wollen, daß sein Tag auch der Tag vieler anderer Theologen und Nichttheologen tatsächlich ist? Nur als Mitmenschen sind wir doch die Menschen, als die Gott uns geschaffen hat. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“ (Gn. 2, 18). Bei Hebbel heißt es: „Man hat nur dann ein Herz, wenn man es hat für andre. Und nach Hermann Bezzel ist Bildung „nicht Kenntnis etlicher französi­scher Phrasen und der Baustile alter und neuer Zeit, auch nicht der modernen und unmodernen Literatur, selbst nicht einmal der trefflichen und das Haus verschönenden und gerne verklärenden Musik“, sondern „das Verlangen, dem Ernst des Lebens Kraft ab­zugewinnen und entgegenzusetzen, die Fähigkeit, auf fremde Interessen einzugehen, Lasten zu tragen und doch nicht zu ermatten, den Alltag zum Festtag zu erheben, das große sehn­liche Heimweh, das die Welt liebt um des willen, der sie geliebt hat“[12]. Es wäre ein sonderbarer Selbstwiderspruch, wenn ausge­rechnet der junge Theologe, der „Pastor“ werden möchte, bewußt und beständig das tun wollte, was wir ohnehin alle zur Genüge tun: „nur auf seinen eigenen Weg sehen“, was nach Jesaja 53 das Ge­schäft der irrenden Schafe ist.

So wenig selbstverständlich es für uns ist, daß wir den neuen Tag mit dem Abend beginnen und die neue Arbeit im Gespräch mit Gott, so wenig selbstverständlich ist es für uns alle, daß wir unseren Tag gern und förderlich miteinander teilen. Aber nach Jakobus 3, 17 ist „die Weisheit von obenher voll Barmherzigkeit“, d. h. in jedem Falle: auf den anderen eingestellt.

Wer wirklich einsam das Wort gehört hat, wird nicht ohne ein gemeinsames Hören leben wollen. Denn das Wort stellt ihn vor Fra­gen. Er möchte hören, ob Väter oder Brüder besser verstanden haben, ob sie ihm helfen können zu Antworten, zur Gewißheit. Gott bewahre uns in diesem Semester vor den geistlichen Genießern und Spießern und mache uns aus der Stille her zu aktiven Hörern. Dann werden wir auch aktive Sänger sein, die im Lied zum gemeinsamen Gotteslob und zur gegenseitigen Ermunterung wach sind, die auch Grund genug sehen, zur täglichen Fürbitte offen zusammenzutreten. Es wird dann hoffentlich auch in der Studentenschaft erfolgreich gegen allen müden Konservativismus hinsichtlich unserer gottes­dienstlichen Formen opponiert und an ihrer Verbesserung gearbeitet werden, daß sie etwas mehr das werden, was sie vor Gott und für uns sein sollten. Diese Opposition wird wahrscheinlich um so frucht­barer werden, als sie — immer schon aus der einsamen Stille her­kommend — versucht, in den verbesserungsbedürftigen Ordnungen wirklich miteinander und füreinander zu hören, miteinander und füreinander zu loben, miteinander und füreinander zu beten.

Wir werden entweder vom gemeinsamen Hören, Loben und Beten her mit dem neuen Tag zum gemeinsamen Leben finden oder wir werden in Gefahr kommen, auseinander oder gegeneinander zu rennen. Keine Konviktsregel und kein guter Wille wird erzwingen können (Gott sei Dank, daß beide es nicht können!), was im gemein­samen Hören. Loben und Beten in der Gegenwart Jesu Christi täg­lich unter uns gestiftet wird. Ich nenne nur noch die beiden wichtig­sten Früchte:

1. Den Dienst von Mann zu Mann. Keiner von uns ist der Held, der ihn entbehren könnte. Luther hat gleich nach seinem ersten Auf­treten seinem Ordensoberen und geistlichen Vater Staupitz seine Dankbarkeit bezeugt: „Durch deine heilsamen Gespräche hat mich der Herr Jesus oft getröstet.“ „Ich nahm dich auf, als wenn du vom Himmel herab redetest“[13]. Bis in sein Alter bleibt er sich dessen bewußt: „Wo mir Dr. Staupitz, oder vielmehr Gott durch Dr. Stau­pitz nicht aus den Anfechtungen herausgeholfen hätte, so wäre ich drinnen ersoffen und längst in der Hölle“[14]. Kommilitonen, wir müssen uns in der militia Christi noch auf allerlei Anfechtungen gefaßt machen. Der Teufel ist scharf auf Theologen. Er liebt es, die theologische Wissenschaft zu seiner Munitionsfabrik und Theologen­ansammlungen zur Zielscheibe seiner Heckenschützenkunst zu ma­chen. Keiner, der sich getroffen sieht, meine, er müsse sich gerade dann allein durchhelfen. Man kann von vornherein nicht genug mit der satanischen Taktik der Isolierung rechnen. Halten Sie es nicht für ausgeschlossen, daß Ihnen ein Kommilitone helfen kann. Rech­nen Sie auch damit, daß jeder Dozent, über dessen Kolleg Sie in Widerstreit geraten sind, es gern sieht, wenn Sie gerade ihn auf­suchen. Es gibt Gedanken- wie andere Versuchungen, in denen ist der Absprung aus der Einsamkeit geboten.

Aber wer Hilfe am nötigsten braucht, wird sie nicht mehr selbst aufsuchen können, wie jener Gelähmte in Markus 2, der auf vier Männer angewiesen ist, die ihn zu Jesus bringen. Darum liegt so viel daran, daß wir miteinander und füreinander wachsam sind. Wenn irgendwo, dann werden wir im gemeinsamen Hören, Loben und Beten aufmerksam auf den, dem wir beispringen sollten. „Wer aus der Fülle des Wortes Gottes, aus dem Reichtum der Weisungen, Ermahnungen, Tröstungen der Schrift heraus sprechen kann, der wird durch Gottes Wort Teufel austreiben und den Brüdern helfen können“[15]. Wenn solche Helfer unter uns sein werden in den Fra­gen, die auf Leben und Tod gehen, dann werden wir einander auch in allerlei kleineren Dingen beispringen und nicht vergeblich in An­spruch nehmen. Das gemeinsame Hören, Loben und Beten kann uns füreinander befreien und das Zusammenleben zur Hilfe werden las­sen[16]. Auch künftiges Zusammenarbeiten mit mancherlei Menschen will geübt sein.

2. Das gemeinsame Stehen vor Gott kann uns davor bewahren, daß das Miteinander zur unerträglichen Last wird. Vor Gott ist nicht nur Reden, sondern noch mehr Schweigen geboten. Vor Gott gibt es nicht nur Flucht aus der Einsamkeit, sondern auch Flucht aus der Gemeinschaft. Das ist die andere Seite des Hilfsdienstes, den wir einander schulden, daß wir einander entlassen, schonen, ja mei­den. Auch darin üben wir die Erkenntnis, daß der Tag nicht nur mir, sondern wirklich auch dem andern geschenkt ist. Harte Arbeit ist weithin einsame Arbeit. Das pünktliche Wegtreten aus der Kum­panei ist mindestens ebenso wichtig wie das rechtzeitige Zusammen­treten. Es hat Kommilitonen gegeben, die ein Theologenkonvikt ver­ließen, weil sie in ihm nicht mehr zum ruhigen Arbeiten kamen. Es muß und soll sie in nächster Zeit nicht wiedergeben. Keiner sollte kneifen vor diesem heilsamen Exercitium. Wer hier nicht lernt, lästigen Rednern das Maul zu stopfen und sich selbst das unnötige Geschwätz zu verbieten, wird es in der Gemeindearbeit gar nicht mehr lernen. Wer hier nicht die Minuten auskaufen lernt, wird es später in einem unruhigen Pfarrhaushalt gar nicht mehr können. Laßt uns Gott loben über jeder Schwierigkeit im Konvikt, an der wir miteinander lernen können[17]. So viel zum gemeinsamen Tag.

Und nun will ich zum Schluß nur noch einmal unterstreichen, daß wir immer nur von einem Tag gesprochen haben. Es sollte kein Semesterprogramm vorgelegt werden, sondern allein der Gabe Got­tes gedacht sein, die wir, solange er will, täglich neu und gemeinsam erwarten dürfen. Vielleicht erinnert der eine oder andere im Laufe des Semesters daran, daß es genug für uns ist, je einen Tag recht auszukosten, weil es genug ist, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe. „Ein Tag ist lang genug, um Glauben zu bewahren“[18]. Vielleicht schon zu lang. Dietrich Bonhoeffer hat[19] an den alten Brauch der Klöster erinnert, daß in der Abendandacht der Abt nach fester Ordnung seine Brüder um Vergebung bittet für alle an den Brüdern begangene Versäumnis und Schuld, und daß nach dem Ver­gebungswort der Brüder diese gleicherweise den Abt um Vergebung ihrer Versäumnisse und Schuld bitten und von ihm Vergebung emp­fangen[20]. Wir werden solche „feste Ordnung“ nicht ohne genaue Überlegungen erneuern wollen. Unbedingt aber werden wir der apostolischen Mahnung eingedenk sein: „Lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“ (Eph. 4, 26). Auch unter uns wird es un­erläßlich sein, daß wir darauf bedacht sind, die Zerwürfnisse des Tages nicht mit in die Nacht zu nehmen, ohne die Versöhnung ge­sucht zu haben.

So — und eigentlich so allein — kann in der Vergebung der Sünden in Jesu Namen ein wahrhaft neuer Tag mit dem vorauf­gehenden Abend beginnen.

Vortrag bei der Einführungsfreizeit der Erstimmatrikulanden zum Sommersemester 1952 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal.

Evangelische Theologie 12 (1952), S. 231-244.


[1]) Vgl. W. Lüthi, Die Zehn Gebote Gottes, S. 53.

[2] Kirchliche Dogmatik III, 4 (1951), S. 63 f.

[3]) A. Schlatter, Erläuterungen z. NT, Z. St.

[4]) „Sinn und Verheißung der Predigt“, in „Unterwegs“ 1947, Heft 3, S. 8 f.

[5] A. a. O. S. 639 f.

[6] Wie in der internationalen Diplomatie, die B. im voraufgehenden Abschnitt behandelt!

[7] A. Schlatter, Der Evangelist Johannes, S. 85.

[8]) Für den Mittagsschlaf, an den wir von den außerordentlichen Nächten her und im Blick auf das Zusammenwohnen von stärkeren und schwächeren Naturen denken müssen, sollten wir uns getrost die Regula Benedicti zu eigen machen: „Post sextam autem surgentes a mensa pausent in lectis suis cum omni silentio; aut forte qui voluerit legere, sibi sic legat ut alium non inquietet.“

[9]) K. Barth, a. a. O. S. 741.

[10] Vgl. J. Schniewind, Die geistliche Erneuerung des Pfarrerstandes, 1947, S. 22: „Die Erneuerung hat einzusetzen in einer erneuten theologischen Arbeit: in einer erneuten Wendung zur Didache, d. h. zum Logos Gottes in der Gestalt der Epignosis und Paradosis.“ Dazu jetzt E. Wolf, Das kirchliche Amt im Gericht der theologischen Existenz, „Evang. Theol.“ 11 (1951/52) S. 525.

[11] D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, 51949, S. 51.

[12] Der Dienst des Pfarrers, S. 115 (Sperrung von mir).

[13] Im Widmungsschreiben der Resolutiones, WA 1, 525.

[14]) Köstlin-Kawerau. M. Luther I, 71; beide Zitate nach H. Dörries, Das Bruderwort. 1940. S. 6.

[15] D. Bonhoeffer, a. a. O. S. 34.

[16]) J. Schniewind, a. a. O. S. 44: „Für wen ich bete, mit dem kann ich mich nicht zanken … Ich weiß, es wird von hier aus möglich, daß Männer verschiedenster Veranlagung, die im gleichen Dienst stehen, sich brüder­lich anerkennen, wirklich miteinander, nicht neben- oder gar gegenein­ander arbeiten“. Das gilt auch, wenn ich J. G. Herder recht gebe: „Fast ist kein Stand unter allen gelehrten Ständen, wo so viel Krüppel zusammen­kommen, als der geistliche; Noth, Armuth, niedriger Ehrgeitz, hundert schlechte Vorstellungen treiben die Menschen dahin zusammen, so daß Gott statt der Erstlinge seines Geschlechts oft mit dem Ausschuß zu­frieden seyn muß“ (Briefe, das Studium der Theologie betreffend, Frank­furt und Leipzig 1790, (4. Brief, S. 382). Lesenswert ist auch heute noch die 1. Beilage zum 24. Brief. S. 384: „Der Provinzial, Werner von Onshusen, ein Provinzial, pflegte, wenn er seinen Sprengel bereisete, die Geistlichen dreyerley zu fragen. Erstlich: wie sie ins Amt gekommen seyn? ob bey Tage, als ihre Vorgesetzten wachten: oder bey Nacht, als die Leute schlie­fen und der böse Feind säte? ob auf den Füßen, durch gutes Verdienst; oder zu Pferde, auf kräftigen Vorbitten und Recommendationen? ob durch die Thür — eines ordentlichen Rufs; oder hinein zum Fenster? — Dies war die erste Frage; die zweyte hieß: wie sie im Amt lebten? ob des Herrn Weinberg bauend oder von dessen Früchten zehrend? ob sie andre streichelten, salbten; oder arzneyeten und gesund machten? ob sie mit ihrer Pflicht spielten, oder sie von Herzen, mit Mühe trieben? Die dritte Frage war: wie sie herauszuziehen gedächten? ob fett an Gütern, von Müßiggang weich, glatt und gleissend an gutem Namen; oder dürre von Kreuz, voll Schwülen des Knieens vor Gott, voll Runzeln der Undankbarkeit von Menschen? Oft verstummten die Herren zu diesen Fragen. Denn wandte er sich an die Jünglinge: warum sie ins Amt wollten? wie sie zu dem schweren Schritt, Geistliche zu seyn, gekommen wären? Die waren offener: meistens hörte er aber: »je, das ginge so! Geistlich studire sich so leicht; geistlich gebe so bald Brodt und so bequemes Brodt, und wenn man einmal drinnen sey, so sicheres Brodt. und so anständiges, Ehrwürdiges Brodt. Da bedörfe man so wenig Geschicklichkeit, und doch rücke man mit der Zeit weiter.« Der Provinzial seufzte. Glückliches Jahrhundert, sprach er, das den schweren Dienst Christi, in dem Petrus und Paulus nur Leiden, Schmach und Tod fanden, in so bequeme Ruhe, Gewinn, und Ehrenstellen zu verwandeln gewußt hat.

[17] Das pünktliche Wegtreten ist übrigens auch für den Abschied aus dem bisherigen Lebenskreis zu bedenken. Mancher kommt deshalb nicht zum fruchtbaren Studieren, weil er von seinem Jungenwachtkreis oder CVJM nicht deutlich Abstand gewinnen konnte. Es tut keinem gut, dort als der unentbehrliche und nun noch gar als Student gefeierte Mann zu bleiben. Wir sollten den uns zugewiesenen Ort ganz und gern einnehmen. Es ist ein einmaliges, nie wiederkehrendes Angebot, Theologiestudent sein zu dürfen: man muß darum nicht meinen, noch Primaner bleiben oder schon Pastor sein zu müssen. Es ist ein befristetes Angebot unseres Gottes, wenn wir den Tag als Theologiestudenten miteinander teilen dürfen. Vgl. hierzu K. Barth, a. a. O. S. 55: „Freiheit in der Beschränkung“, I. „Die einmalige Gelegenheit“.

[18] D. Bonhoeffer, a. a. O. S. 47.

[19] D. Bonhoeffer, a. a. O. S. 48.

[20] Vgl. auch „Die Complet“, Alpirsbacher Antiphonale, hrsg. v. Fr. Buch­holz, Tübingen 1950.

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. Der Teufel
    ist der Zweifler

    dem monotheistische Gehabe
    es nagt an der Unsicherheit

    am Stellvertreter
    Gottes selbst

    auch wenn er
    dem einfachen
    Menschen
    seine Unfehlbarkeit
    zu glauben vorstellt

    der Zweifel
    will die
    unteilbaren Menschenwürde
    nicht mit den Füssen treten

    der Zweifel
    soll und will
    tagtäglich
    die felsenfesten
    Wahrheiten
    überprüfen

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