Johannes Rehm, Politisches Handeln auf biblischer Grundlage. Eine evangelisch-lutherische Perspektive: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbei­ten umsonst, die daran bauen.“ (Psalm 127,1) Ist das in unserer Kirche wirklich unsere Glaubensgewißheit, unsere gesellschaftsverändernde Hoffnung und unser persönliches Zeugnis? Wann fangen wir dann damit an in den Beratungen unserer Kirchenvorstände und Synoden in unserem praktischen Handeln und im konkreten Entscheiden uns am Wort Gottes selbst auszurichten, anstatt vorrangig an wirklichen oder vermuteten Erwartungen und Bedürfnissen unserer Mitmen­schen?“

Politisches Handeln auf biblischer Grundlage. Eine evangelisch-lutherische Perspektive

Von Johannes Rehm

Politisches Handeln von Christen bedarf immer wieder neu der Vergewisserung über die eigenen im Glauben gründenden ethischen Orientierungen und Normierun­gen. Es stellen sich im politischen Alltag zwangsläufig regel­mäßig diese Fragen: Welchem Menschenbild weiß ich mich als evangelisch-lutherischer Christ verpflichtet und was kann ich von daher politisch Hilfreiches für einen und in einem sozialen Rechtsstaat beitragen?

Von römisch-katholischen Christen bin ich in diesem Zusam­menhang kürzlich diesbezüglich nach „der offiziell verbindlichen Sicht“ meiner Kirche zu diesem Themenkreis gefragt worden.[1]

Kann es eine solche normative Sicht überhaupt geben in einer evangelischen Kirche, welche über kein unfehlbares Lehramt verfügt? Nun sehe ich persönlich im Fehlen eines solchen Lehr­amts keinen Mangel, da ich dieses für durchaus fehlbar halte, sondern versuche im Folgenden einen „magnus consensus“, einen sozialethischen Grundkonsens, aus evangelisch-lutheri­scher Sicht zu formulieren, den ich hiermit gerne zur Diskussion stelle.

Zunächst sei mir eine Klarstellung erlaubt, die sich eigentlich von selbst versteht, aber gegenwärtig fragwürdig geworden zu sein scheint: Als evangelischer Pfarrer bin ich in meinem Reden und Tun inhaltlich ausschließlich auf Schrift und Bekenntnis ver­pflichtet, wobei die Bekenntnisschriften dem Schriftverständnis dienen, während der Heiligen Schrift selbst nach evangelischem Verständnis eine alles kirchliche Reden und Gestalten nor­mierende Bedeutung zukommt. Deshalb ist es mein vorrangi­ges pastorales Anliegen, dass Christen regelmäßig miteinander einen Blick in die Bibel selbst tun, welche bei der Beantwortung unserer Fragen doch entscheidend weiterhelfen kann. Die Denk­schriften der Evangelischen Kirche in Deutschland prägten und beförderten begleitend über die Jahre in weiterführender Weise die politische Kultur in unserem Land. Sie erset­zen aber nicht die eigene unmittelbare immer wie­der neue Auseinander­setzung eines evangeli­schen Christen mit dem biblischen Wort selbst.

„Kann es eine solche norma­tive Sicht überhaupt geben in einer evangelischen Kirche, welche über kein unfehlbares Lehramt verfügt?“

Das evangelische sogenannte „Schriftprinzip“ gilt schließlich keineswegs nur für Ordinierte, sondern macht unsere Kirche erst zu einer evangelischen Kirche. Im Folgenden versuche ich nun in der Form der einfachen Gottesrede biblische Maßstäbe und evangelische Orientierungen für politisches Handeln und Gestalten zu gewinnen.[2]

Den Anfang allen Nachdenkens über den Menschen und seine Stellung in der Welt bildet der biblische Lobpreis des [4] Schöpfers. Dieser nimmt uns hinein in eine Haltung der Ehr­furcht vor dem großen und ewigen Gott und seinen Geschöp­fen. Der Beter des 8. Psalms spricht uns das Gotteslob vor:

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne die du bereitet hast: was ist der Mensch dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“ (Ps 8, 2, 4-6, 10) Der Psalmbeter lehrt uns mit unserer Frage nach dem Menschenbild nicht grüblerisch und selbstquälerisch in uns selbst hinein zu horchen, sondern unseren Blick zum Himmel aufzuheben und Gott die ihm gebüh­rende Ehre zu erweisen. Wir Menschen können nur immer wie­der ehrfürchtig staunen über die Größe und die Güte Gottes. Dankbar dürfen wir die Schönheit der Schöpfung bewundern.

Mit unseren klügsten Gedanken werden wir das Geheimnis Got­tes in dieser Welt nicht letztgültig ergründen können. Aber, wenn wir aus dem Lobpreis Gottes heraus leben und handeln, dann sind wir lebenskluge, weise Leute. Allerdings rückt der Lobpreis Gottes uns auch die Proportionen zurecht: Was ich bin als Mensch, das bin ich nicht aus eige­ner Tüchtigkeit und Voll­kommenheit. Vielmehr weil der große und ewige Gott sich meiner annimmt, weil Er meiner gedenkt und mir Ehre erweist, bin ich, was ich bin: ein Geschöpf Gottes unter anderen Geschöpfen – nicht mehr und nicht weniger. Die Bibel ermutigt uns gerade nicht dazu, uns in unserer Vorfindlichkeit selbst zu loben, sondern vielmehr Gott als den Schöpfer, Versöhner und den Erlöser dieses Kosmos Ehre zu erweisen. Das Lob, das wir zum Himmel senden, wird nicht leer zu uns zurückkommen.

„Wer nach dem christlichen Menschenbild fragt, blickt notwendig in das Gesicht des gekreuzigten Christus.“

Doch wie gedenkt Gott nun des Menschen? Wer nach dem christlichen Menschenbild fragt, blickt notwendig in das Gesicht des gekreuzigten Christus, den wir Christen als den Mensch gewordenen Gott glauben und verehren. Das Johannes Evan­gelium erzählt unmittelbar vor dem Bericht von Jesu Verurtei­lung, Kreuzigung und Tod Folgendes: „Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt legten ihm ein Purpur­gewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Und Pilatus ging wie­der hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurge­wand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!“ (Joh 19,1-5) Ecce homo: Jesus Christus ist der Mensch, dessen Gott gedachte, als er den Kreuzestod erlitt. Als Leidender ist er der wahre Mensch Gottes und so der Träger der Menschen­würde schlechthin. Diese Spannung, dass Gottes Herrlichkeit und Macht sich im Kleinen, Unscheinbaren, dem Verachteten und Schwachen erweist, durchzieht die ganze Bibel und gehört wesentlich zu den zentralen Grundlagen christlichen Glaubens. Im leidenden Christus verwirklicht sich die Ebenbildlichkeit des Menschen, auf welche die Menschenwürde jedes Menschen gründet. Oder in den Worten des Neuen Testaments: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.“ (Kol 1,15)

Doch wie kann dieser Glaube an Gott den Schöpfer Basis sein für unsere sehr irdische Politik? Gibt es eine christliche Poli­tik und kann es eine solche überhaupt geben? Der christliche Glaube bildet sehr wohl eine solide Basis für Menschen in der Politik. Mit der Klassifizierung einer bestimmten Politik als einer christlichen wäre ich hingegen eher zurückhaltend. Als Menschen können wir doch erst im Nachhinein beurteilen, ob eine bestimmte politische Maßnahme, die wir für vernünftig und erforderlich halten, unserem Nächsten gedient hat und so als Verwirklichung des christlichen Gebots der Nächstenliebe bezeichnet werden kann. Aber es ist aus meiner Sicht gerade heute freudig zu begrüßen und sehr zu wünschen, dass Politi­ker und Politikerinnen, die sich als getaufte Christen verstehen und sich als solche zu erkennen geben, aus der Kraft des christ­lichen Glaubens Politik gestalten. Was bedeutet es nun konkret als Christ politisch aktiv zu sein? Ich möchte auf Grundlage des christlichen Glaubens 12 sozialethische Kriterien bzw. Orientie­rungsmarken politischen Handelns benennen, die sich biblisch begründen lassen:

1. Die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen, die unser Grundgesetz postuliert, ist unmittelbarer Ausdruck und Anwendung des biblischen Schöpfungsglaubens. Sie bildet das Grundkriterium allen politischen Gestaltens, das aus christlicher Glaubensüberzeugung heraus geschieht.

Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“ (Röm 10, 12)

Die politische Herausforderung, die aus der Menschenwürde folgt, welche Geschöpfen Gottes eignet, besteht darin, für gleichwertige Lebensbedingungen und Entfaltungsmöglichkei­ten für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Alter und Einkommen bzw. Besitz zu sorgen.

2. Aus der Menschenwürde folgt notwendig ein Menschen­. recht auf Arbeit, das bekanntlich beispielsweise auch die bayerische Verfassung ausdrücklich betont. Dabei können wir uns auf die Bibel selbst berufen, der es selbstverständlich ist, dass alle Menschen ein tätiges Leben führen und arbeiten, um für sich und die Ihren selbst zu sorgen.[3]

Darum geht der Mensch hinaus an seine Arbeit und an sein Werk bis an den Abend.“ (Ps 104, 23)

Die politische Herausforderung, die aus einem Menschen­recht auf Arbeit erwächst, besteht wesentlich darin, gute Erwerbsarbeit im Sinne von erfüllendem Tätigsein für Alle zu einem auskömmlichen Lebensunterhalt zu ermöglichen, was auch im Zeitalter von Digitalisierung sogenannte einfa­che Arbeit miteinschließt, manchmal auch unabhängig von der Marktlogik.

3. Gott der Schöpfer ist der Herr der Zeit, der einen heilsamen Wechsel von Arbeit und gesegneter Ruhe gestiftet hat. Der Sonntag als arbeits- und ökonomiefreier Tag ist grund­legender soziokultureller Ausdruck der jüdisch-christlichen Tradi­tion.

Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (2. Mose 2, 2)

Die politische Herausforderung, die aus der Feiertagshei­ligung folgt, besteht darin, sich im eigenen Tätigsein heilsam unterbrechen zu lassen und allen zur gleichen Zeit wöchentlich einen Ruhetag zu ermöglichen.

4. Unsere Umwelt ist und bleibt Gottes Schöpfung und damit eine Leihgabe des Schöpfers für die Menschheit, deren verantwortungsbewusste Gestaltung und Bewahrung uns allen gemeinsam anvertraut ist. Dieser Glaubensüberzeu­gung entspricht eine Haltung der respektvollen Achtsamkeit [5] gegenüber der Natur und allem Lebendigen, vor allem einschließ­lich des Tierwohls.

Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ (Ps 24, 1)

Die politische Herausforderung, die aus dem Schöpfungs­glauben folgt, besteht darin, sich als Geschöpf unter Geschöp­fen zu verstehen, Natur, Um- und Mitwelt, sowie das Klima zu schützen, nachhaltig zu wirtschaften und unsere Welt für künf­tige Generationen zu erhalten.

5. Die biblische Überlieferung legt uns als Einzelne und als Gesellschaft die Lebensrechte der Armen dieser Welt und unseres Umfelds in ganz unmittelbarer Weise nachdrück­lich ans Herz. Armenfürsorge und die Ermächtigung von Armen zur Selbstsorge sind selbstverständliche Folgen christlicher Glau­benspraxis.

Schaffet Recht dem Armen und der Waise und helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht.“ (Ps 82, 3)

Die politische Herausforderung, die aus dem biblischen Ethos des Vorrangs der Armen folgt, ist darin zu erblicken, Strukturen zu schaffen bzw. sie so zu verändern, dass sie helfen Armut zu verhindern bzw. sie zu überwinden, Bettelarmen Neuanfänge zu ermöglichen und Ungleichheiten weltweit zu beseitigen.

6. Menschsein ist wesentlich ein Leben in zwischenmenschlichen Beziehungen. Durch das Gebot der Nächstenliebe weist der christliche Glaube uns und unsere Mitmenschen in ganz besonderer Weise aneinander.

‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Her­zen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.‘ (5. Mose 6, 5) – Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘ (5. Mose 19, 18) In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22, 37ff.)

Die politische Herausforderung ergibt sich bereits aus dem notwendigen Wettstreit des politischen Alltags: Wie kann ich denn einen konkurrierenden Parteifreund oder den politischen Gegner lieben wie mich selbst? Das Gebot Gottes kapituliert aber nun gerade nicht vor solcher menschlicher Liebesunfähig­keit, sondern legt uns den uns fremden oder mit uns konkurrie­renden Anderen nachdrücklich ans Herz.

7. Gerechtigkeit im umfassenden Sinn ist die zentrale über diese Welt hinausreichende christliche Hoffnung. Aber schon jetzt setzt uns Christen diese Hoffnung in Bewegung, nach Kräften für Bedarfs-, Verteilungs- und Chancengerechtigkeit in unserer Gesellschaft einzutreten und selbst dazu beizutragen.

Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre.“ (Spr 21, 21)

Die politische Herausforderung, die aus der biblischen Rede von der Gerechtigkeit erwächst, besteht für Christen darin, als von Gott Gerechtfertigte in einer globalisiert vernetzten Welt immer wieder neu für Gerechtigkeit weltweit und vor Ort im umfassenden Sinn einzutreten und für sie selbst zu sorgen.

8. Frieden zwischen den Menschen zu befördern, ist Inhalt jeder verantwortlichen Politik. Die Hoffnung auf das Frie­densreich Gottes befähigt Christen schon heute, als Friedensstif­ter in ihrem Umfeld tätig zu werden.

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kin­der heißen.“ (Mt 5, 9)

Die politische Herausforderung ergibt sich aus der Friedlo­sigkeit dieser Welt leider fast von selbst, in welcher offensicht­lich sehr viele Menschen mit uns zusammenleben, die aus den unterschiedlichsten Gründen gewaltbereit und friedlos sind. Eine Welt, von der gilt, dass sie zu befrieden ist und deshalb gerade nichts dringender braucht als unverdrossene Friedens­stifter in den großen und kleinen Konflikten dieses Lebens.

9. Die Bibel lehrt uns den Respekt vor dem Alter und vor . den Alten. Einer Politik aus dem Geist christlichen Glau­bens sind der Einsatz für die Lebensrechte und die Wohlfahrt von Alten eine selbstverständliche Verpflichtung.

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr.“ (3. Mose 19, 32)

Die politische Herausforderung ergibt sich aus dem demo­graphischen Wandel und der Beschleunigung aller Lebens- und Arbeitsvollzüge im Zeitalter der Digitalisierung, die häufig zu divergierenden Lebenserfahrungen und Lebenshaltungen zwi­schen den Generationen führen.

10. Christen sind sich ihrer eigenen Fehlbarkeit bewusst: Menschen machen Fehler und werden schuldig, oft unbemerkt und absichtslos, aber sie können auch aus Fehlern lernen und etwaige eigene Schuld bekennen und dafür Verge­bung erbitten, was keineswegs eine Schande ist, denn der christ­liche Glaube ermöglicht Neuanfänge.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Mt 6, 12)

Die politische Herausforderung besteht in der Etablierung einer Kultur des fortlaufenden Lernens und der kontinuierlichen Selbstkorrektur politisch Verantwortlicher aus eigenen und fremden Fehlern im öffentlichen Raum, der auf selbstgerechte Selbstbehauptung bis hin zu medialer selbstverliebter Selbstinszenenierung hin angelegt ist.

11. Christen verstehen ihren Beruf als Berufung Gottes. Gott dem Herrn wissen sie sich letztverantwortlich in dem Wissen, dass es seines Segens bedarf, wenn menschliches Tätigsein gelingen soll.[4]

Deshalb beten wir auch allezeit für euch, dass unser Gott euch würdig mache der Berufung und vollende alles Wohlge­fallen am Guten und das Werk des Glaubens in Kraft, damit bei euch verherrlicht werde der Name unseres Herrn Jesus und ihr in ihm nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus.“ (2. Thess 1, 11f.)

Die politische Herausforderung liegt in der selbstverständ­lichen Weltorientierung des christlichen Glaubens, der im Arbeitsalltag unter keineswegs idealen Bedingungen im säkula­ren Umfeld gelebt und praktiziert sein will.

12. Christen sind als Menschen zur Hoffnung berufen: Sie vertrauen darauf, dass Gott in und über diese Welt das letzte Wort hat und sie selbst zur Vollendung seiner neuen Schöpfung führen wird.

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ (1. Petr 3, 15)

Die politische Herausforderung besteht darin, das Hoff­nungspotential des christlichen Glaubens in dieser Welt unter oft hoffnungslosen Umständen für die Mitmenschen konkret wirksam werden zu lassen ohne sich an diese endliche Welt in ihrer Vorläufigkeit zu verlieren.

Mit diesen 12 sozialethischen Kriterien will ich zeigen, dass sich aus dem christlichen Glauben sehr wohl Orientierun­gen und konkrete Perspektiven für gegenwärtiges politisches [6] Handeln ableiten lassen, die sich verändernd auf die politische Praxis insgesamt auswirken. Es ist doch zweifelsohne bedeut­sam und unerlässlich, die richtigen, die verheißungsvollen und die bewährten Ziele zu verfolgen, die nicht in jeder Generation und von jedem Einzelnen neu erfunden werden können. Sinnvol­ler scheint es mir vielmehr zu sein sich der jüdisch-christlichen Tradition anzuvertrauen und sich in sie einzufügen, wie sie in der biblischen Überlieferung ihren Niederschlag gefunden hat. Doch selbst wenn sich die hier vorgelegten sozialethischen Kri­terien als konsensfähig erweisen würden, dann bliebe aber doch auch bei jeder einzelnen These die schmerzliche Wahrnehmung des Widerspruchs zwischen moralischem Anspruch und prakti­scher Erfahrung. Ist also programmatischer Idealismus womög­lich verzichtbar und durch politischen Pragmatismus ersetzbar? Häufig trennt offensichtlich nur ein schmaler Grad den Pragma­tismus vom Zynismus? Hilfreich ist doch da die Besinnung auf einen biblischen Realismus, welcher den Anspruch von Got­tes Gebot nicht abschwächt, aber die Erfahrung des Scheiterns an den eigenen Zielen offen mit anspricht. Keinem engagier­ten Menschenleben bleibt diese Erfahrung des Paulus erspart: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ (Röm 7, 18bff.)

Die Rede von der Sünde hat auch in den Kirchen heute Sel­tenheitswert, weil mit ihr scheinbar unvermeidlich missver­ständliche Assoziationen von kleinbürgerlicher Moral verbun­den sind, die vom biblischen Ethos deutlich zu unterscheiden ist. Sünde verstanden als das urmenschliche und unausrottbare Bedürfnis nach von Gott unabhängiger oder Gottes Gebot ent­gegengesetzter eigenmächtiger und eigensüchtiger Lebens­gestaltung, ist sehr wohl weiterhin Bestandteil eines biblisch begründeten christlichen Menschenbilds. Menschliche Sündhaf­tigkeit kann sich einen individuellen als auch einen strukturellen Ausdruck verschaffen. Sie scheint in der Lage zu sein, etwa die genannten 12 sozialethischen Kriterien zu konterkarieren. Nicht selten kommt sie im Gewand von Verzagtheit und Fatalismus daher.

Denn, diese Einwände und Bedenken sind uns allen aus der politischen Praxis nur allzu vertraut:

1. Menschenwürde ist selbstverständlich gut und schön, aber was ist mit den Menschen, die sich nicht der ihnen eigenen Würde entsprechend verhalten?

2. Arbeit für alle ist folgerichtig ebenfalls gut und schön, aber was ist, wenn das Kapital bzw. die Rendite gerade nicht reicht, um allen faire Löhne zu zahlen?

3. Sonntagsruhe ist unbedingt gut und schön, aber was ist mit den Mitmenschen mit nichtchristlichem Hintergrund und säkularen Zeitrhythmen?

4. Umweltschutz ist absolut gut und schön, aber ich werde doch noch schnell unterwegs und mobil sein dürfen?

5. Armutsorientierung ist fraglos gut und schön, aber was ist mit denjenigen, die Chancen nicht nutzen und gesell­schaftliche Gegebenheiten einfach nicht verstehen können?

6. Nächstenliebe ist grundsätzlich auch gut und schön, aber was ist denn mit denjenigen, die lieblos und aggressiv kommunizieren und handeln?

7. Gerechtigkeit ist selbstverständlich gut und schön, aber wie sollen wir umgehen mit Menschen, die fortgesetzt Unrecht tun und sich selbstgerecht verhalten?

8. Frieden ist natürlich gut und schön, aber wie kann ich in Frieden leben mit Menschen, die mich bekämpfen und mit mir offensichtlich nicht in Frieden leben wollen?

9. Wertschätzung des Alters ist ohne jede Frage gut und schön, aber wer kann das auch künftig noch bezahlen und wer hat für die Alten so viel Zeit?

10. Schuldbekenntnisse sind ebenfalls gut und schön, aber kann ich denn meine Position im gesellschaftli­chen Miteinander von vorneherein so schwächen lassen, indem ich Anderen als verzagt erscheine?

11. Beruf verstanden als Berufung ist wirklich gut und schön, aber wie schütze ich mich dann vor Ausbeu­tung, Selbstausbeutung und Burn-Out?

12. Hoffnung, wie gut und schön ist das, aber wie kann ich weiterhin Hoffnung bewahren in hoffnungslosen Lagen in Auseinandersetzung mit Menschen, die ganz andere Hoffnungen hegen und andere Ziele verfolgen?

Mit diesen Einwänden möchte ich nun keineswegs die eingangs vorgestellten sozialethischen Kriterien für politisches Han­deln nachträglich aushebeln und konterkarieren. Im Gegenteil: Es ist bestimmt keine Sünde, sich kritische Fragen auf dem Hin­tergrund der eigenen Lebenserfahrung zu stellen. Das Evange­lium lässt sich nicht aus der praktischen Vernunft ableiten. Denn die sozialethischen Orientierungen unseres politischen Han­delns müssen sich im politischen Alltag, der von mancher Unzu­länglichkeit geprägt ist, konkret bewähren und sie sollen doch unsere Lebensverhältnisse und die unserer Mitmenschen ver­bessern und verändern. Dies kann selbstverständlich alles nur auf der soliden Basis einer differenzierten und realistischen fach­lichen Analyse gelingen. Aber der christliche Glaube ermutigt uns andererseits nicht, das Vorfindliche als unveränderlich fest­zuschreiben. Christen sind zur Hoffnung berufen. Nichts muss und nichts wird bleiben, wie es ist. Diese christliche Hoffnung ist mehr als ein Gefühl. Sie hat einen Namen. Und sie hat nach­weislich eine die Menschen und die gesellschaftlichen Verhältnisse verändernde Kraft, denn es handelt sich um eine eminent politische Hoffnung: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist ver­gangen.“ (Offb 21, 3f).

„Das Evangelium lässt sich nicht aus der praktischen Vernunft ableiten.“

Das ist die großartige überzeitliche christliche Hoffnungsper­spektive, dass Gott selbst einst diese Welt am Ende der Zeit neu erschafft, welche uns Christen heute das notwendige Durchhal­tevermögen für unseren Alltag zu verleihen vermag, aber uns sofort auch zugleich beauftragt, befähigt und ermutigt unserer­seits in unserem Rahmen und unserem Umfeld auf dieser unse­rer Erde Missstände abzustellen, Leid zu lindern und so einfach selbst für Andere zu Menschen zu werden, die zu Hoffnung Anlass geben. [7]

Doch wie kann man langfristig als Christ leben und arbeiten in dieser Dauerspannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Gegenwart und Zukunft ohne hin- und hergerissen oder gar aufgerieben zu werden, ohne abgekämpft, mut- und kraftlos oder – genauso schlimm – abgestumpft und zynisch zu erscheinen sowie im politischen Engagement zu erlahmen? Allein auf sich selbst gestellt, scheint es mir einfach nicht zu gehen und dauerhaft unmöglich zu sein, dieser Spannung stand­zuhalten und die damit verbundene Zerrreißprobe zu ertragen.

Mit dieser Spannung bin ich aber glücklicherweise gerade nicht allein, weil ich Teil einer großen Gemeinschaft bin. Von Martin Luther nun ist hier die immer wieder neue heilsame Rückbesinnung auf die eigene Taufe zu lernen: Ich bin getauft, deshalb darf ich mich von Gott in meinem Personsein ein­schließlich meiner Fehlbarkeit und Begrenztheit angenommen und geliebt wissen. Allerdings gliedert mich die Taufe in die Kir­che Jesu Christi ein, zu der Menschen gehören, denen ich mich sehr eng verbunden weiß, aber auch solche, die ich mir selbst nicht herausgesucht hätte. Die Taufe hat ekklesiologische, aber damit verbunden auch sozialethische Konsequenzen: Frauen­verachtung, Rassismus, Ausgrenzung Andersdenkender und von Minderheiten verbieten sich von selbst für Christen, die sich als geliebte Kinder Gottes zu verstehen gelernt haben. Nicht zuletzt ist die Taufe auch für mich als evangelischen Christen das wechselseitig anerkannte ökumenische Sakrament, das mich mit meinen katholischen Mitchristen verbunden sein lässt. Von daher kann ich mich nicht damit abfinden, dass es noch immer keine ökumenische Abendmahlsgemeinschaft zwischen getauf­ten Christen gibt, was das christliche Zeugnis in der säkularen Welt nachhaltig schwächt.[5] Das Abendmahl ist das Sakrament der Gegenwart Jesu Christi in dieser unerlösten Menschen­welt, welche überhaupt nicht so ist, wie sie sein sollte. Dieses Mahl vermag uns zu stärken und zu helfen in den Spannungen und Widersprüchen dieser Welt zu bestehen, denn es spricht uns persönlich die vergebungsbereite Nähe unseres Versöhners zu. Es ermöglicht uns bereits jetzt einen Vorgeschmack auf eine Welt in der die Gerechtigkeit im umfassenden Sinn dann end­gültig herrschen wird. Insofern nimmt das politische Engage­ment und die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Christen vom Gottesdienst der versammelten Gemeinde her seinen Ausgang. Christliche Politiker brauchen und leben aus dem Zuspruch des Evangeliums. Aber die Kirchen brauchen auch die Zugehörigkeit und Verbundenheit politisch Verantwortli­cher, um die anspruchsvolle Herausforderung des politischen Alltags nicht zu überse­hen und die sich ergeben­den Schwierigkeiten und Spannungen unrealistisch zu unterschätzen. Legen sich die Kirchen nicht in unserer nach Orientie­rung suchenden Gesell­schaft als weltzugewandte und beredte Zeugen einer evangeli­schen Sozialethik und einer katholischen Soziallehre nahe?

„Wie kann man langfristig als Christ leben und arbeiten in dieser Dauerspannung zwischen Anspruch und Wirk­lichkeit?“

Nun scheinen mir die Kirchen in Deutschland gegenwärtig wieder einmal in eine sehr schwierige Phase einer tiefgehenden und weitverbreiteten Verunsicherung geraten zu sein, die durch die Corona-Pandemie noch einmal viel deutlicher zu Tage getre­ten ist. Das Vertrauen in die eigene missionarische Kraft scheint mir häufig nur sehr unzureichend vorhanden zu sein. Tragen die eigenen Glaubensgrundlagen im 21. Jahrhundert noch und gel­ten uns als Kirche weiterhin die biblischen Verheißungen? Nicht wenige Verantwortliche beklagen öffentlich einen Bedeutungs-, Relevanz- oder Resonanzverlust der Kirchen auf dem aktuel­len Hintergrund der Erfahrung nicht allgemein für systemrele­vant gehalten zu werden. Vermag denn eine Kirche, die sich in einer Grundlagenkrise befindet, überhaupt politischen Entschei­dungsträgern den notwendigen geistlichen und seelsorgerlichen Halt geben? Auch für mich selbst muss ich sagen, dass mich in diesem Zusammenhang die gegenwärtige Zunahme der Kirchen­austrittszahlen sehr schmerzen: Jeder und jede, der oder die sich von der Kirche abwendet, ist für die kirchliche Gemeinschaft ein Verlust. Allerdings ist eine larmoyante Klage nicht hilfreich. Auch ein übereilter Rückbau bewährter Strukturen und die vor­schnelle Aufgabe von bisherigen Arbeitsfeldern ist phantasielos und deshalb genau das Falsche. Unter dem Eindruck der aktuel­len Krise finden vielerorts Zusammenlegungen von Gemeinden sowie Zentralisierungen von überparochialen Diensten statt, es [8] werden kirchliche Häuser in Frage gestellt oder gar aufgegeben. Damit rückt die Kirche insgesamt zwangsläufig vielen Menschen wieder ferne und zieht sich zunehmend weiter aus der Öffent­lichkeit zurück. Zielführend erschiene mir vielmehr eine selbst­kritische, bußfertige Besinnung auf unseren Auftrag als Kirche und auf dessen biblische Grundlagen, um dann, vom Auftrag selbst her, entscheidungsfähig zu werden. Denn möglicherweise haben wir bisher inner­kirchlich viel zu viel Ener­gie auf die Erneuerung der äußeren Form unse­rer Verkündigung wie der Stratifizierung unserer Strukturen verwandt und eher zu wenig auf ihren theologischen Inhalt bzw. ihren geistlichen Gehalt. Die gegen­wärtig zunehmende Nutzung digitaler Technik für die Verkündi­gung ist grundsätzlich zu begrüßen, darf aber nun nicht zulas­ten der inhaltlichen theologischen Qualität gehen. Ich halte es nicht für verheißungsvoll und erstrebenswert um jeden Preis, ein wichtiger „Player“ in der Gesellschaft sein zu wollen, denn es geht doch geistlich niemals um Angabe, sondern immer und vor allem mit aller Ernsthaftigkeit um Hingabe. Nun weiß ich selbst, wie schwer das ist, weil die Hingabe an das Evangelium uns immer auch in der doppelten Bedeutung des Wortes an den Rand bringt und uns eben nicht zuletzt an den sogenannten Rand der Gesellschaft führt hin zu denen, die vom Bergprediger Jesus von Nazareth seliggepriesen werden: Arme, Kranke, Alte, Sterbende usw. Der Dienst der Kirche wird deshalb immer wie­der zwangsläufig am Rand und im Verborgenen stattfinden. So paradox es klingen mag: Wenn wir als Kirchenleute nicht mehr ängstlich auf unsere Wirkung, Bedeutung, Resonanz schielen würden, sondern unsere ganze Hingabe dem Evangelium gel­ten würde, dann würde uns mit Sicherheit von daher eine inhalt­lich qualifizierte Bedeutung sowie die entsprechende Resonanz schon wieder zuwachsen, und zwar dann, wenn es an der Zeit ist. Das beinhaltet jedenfalls die biblische Verheißung, deren Wahrheit sich im Laufe der Kirchengeschichte und in zahlrei­chen Lebenserfahrungen immer wieder aufs Neue erwiesen hat. Mir muss es letztlich völlig egal sein, ob ich persönlich für sys­temrelevant gehalten werde, und ich mag über diese nutzlose Frage gar nicht weiter nachdenken, sondern ich glaube und ver­künde Gott als den Schöpfer, Versöhner und Erlöser dieser Welt, der noch systemrelevant sein wird, wenn alle anderen heute vorläufig Systemrelevanten längst nicht mehr sein werden. In Psalm 127, 1 heißt es: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbei­ten umsonst, die daran bauen.“ Ist das in unserer Kirche wirklich unsere Glaubensgewißheit, unsere gesellschaftsverändernde Hoffnung und unser persönliches Zeugnis? Und wenn dies erfreulicherweise so sein sollte: wann fangen wir dann damit an in den Beratungen unserer Kirchenvorstände, Presbyterien und Synoden in unserem praktischen Handeln und im konkreten Entscheiden uns am Wort Gottes selbst auszurichten, anstatt, wie ich es meistens erlebt habe, vorrangig an wirklichen oder vermuteten Erwartungen und Bedürfnissen unserer Mitmen­schen? Eine Sitzung, in der man nach der ritualisierten Andacht unverbunden zum weltlichen Tagesgeschäft übergeht, verfehlt den umfassenden Anspruch des Evangeliums.

„Ich halte es nicht für ver­heißungsvoll und erstrebens­wert um jeden Preis, ein wichtiger ‚Player‘ in der Gesellschaft sein zu wollen.“

Zum Abschluss: Wir sollten es bitte nicht vergessen. Der soziale Rechtsstaat, in dem wir miteinander leben dürfen, wofür Grund­gesetz und die mir landsmannschaftlich sowie inhaltlich eben­falls bedeutsame bayerische Verfassung einen aus meiner Sicht bewährten, verlässlichen Rahmen bilden, verdankt Form und Inhalt Menschen, die vom christlichen Glauben geprägt waren. Es stehen Glaubensgrundlagen dahinter, die evangelische und katholische Kirche miteinander in ökumenischer Gemeinschaft verbinden. Evangelische Sozialethik und katholische Sozial­lehre haben einen weitreichenden Konsens praxisrelevanter ethischer Grundlagen gemeinsam, welche für die wünschens­werte weitere ökumenische Annäherung der Kirchen einen för­derlichen Katalysator bilden können. Der soziale Rechtsstaat basiert in unserem Land insofern auf Grundlagen, die wir nicht gelegt haben, die auch nicht exklusiv uns gehören, aber auf die wir uns berufen dürfen und an denen wir uns m.E. auch weiter­hin orientieren sollten. Diese biblischen Grundlagen bilden aller­dings kein harmloses Kulturgut, von dem wir uns immer umfas­send bestätigt fühlen dürften, sondern sie fordern uns täglich kritisch immer wieder neu zur Umkehr heraus. Menschliches und göttliches Recht sind nicht einfach dasselbe, deshalb wer­den bei strittigen Themen, wie beispielsweise dem Kirchenasyl, immer wieder christliches Menschenbild und sozialer Rechts­staat miteinander in eine konstruktive Spannung geraten. Aus diesem Grund ist der Dialog zwischen Kirchen und Parteien nicht immer einfach, aber für alle Seiten dringend notwendig, vor allem dann, wenn die nicht sofort konsensfähigen Themen offen mit angesprochen werden. Wenn wir in den zugegebener­maßen gewaltigen und häufig verwirrenden aktuellen Heraus­forderungen uns diesen kritisch-selbstkritischen Dialog gefallen lassen oder es sogar wieder neu lernen so als Geschöpfe Got­tes zu leben, dann, das ist meine feste Gewissheit, dürfen wir die Erfahrung machen, dass diese Grundlagen die erforderliche Kraft in sich haben, auch uns selbst zu tragen.[6] Diese Erfahrung des Gehaltenseins und des Getragenseins darf ich uns allen in diesen schwierigen Zeiten der Pandemie wünschen und für uns von unserem Schöpfer erbitten.

Pfarrer Dr. theol. Johannes Rehm ist Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern sowie apl. Professor für Praktische Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Quelle: Evangelische Verantwortung. Das Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Nr. 5+6/2022, S. 3-8.


[1] Die Fragestellung dieses Beitrags, der für die Drucklegung grundlegend aktualisiert, ergänzt und überarbeitet wurde, verdankt sich einer Vortragseinladung an mich von Staatsminister a.D. Dr. Thomas Goppel vor einigen Jahren.

[2] Zur theologischen Sprachform der einfachen Gottesrede vgl. Friedrich Mildenberger, Biblische Dogmatik, Bd. 1, Stuttgart 1991, S. 14ff.

[3] Vgl. Johannes Rehm, Hans G. Ulrich (Hrsg.), Menschenrecht auf Arbeit? Sozialethische Perspektiven, Stuttgart 2009.

[4] Vgl. Johannes Rehm, „In Gottes Namen fang ich an…“. Arbeit als Berufung, in: Peter Zimmerling (Hrsg), Handbuch Evangelischer Spiritualität, Bd. 3, Göttingen 2020, S. 760ff.

[5] Vgl. Johannes Rehm, Eintritt frei! Plädoyer für das ökumenische Abendmahl, Düsseldorf 2002.

[6] Zur Geschöpflichkeit als Voraussetzung und Grundlegung von Ethik vgl. Hans G. Ulrich, Wie Geschöpfe leben. Konturen evangelischer Ethik, Münster 2005.

Hier der Text als pdf.

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