Heinrich Vogel, Die Predigt als gehörte Rede: „Die Versuche aber, den Text für andere, evangeliumsfremde Wahrheiten zu mißbrauchen, droht nicht nur von den Weltanschauungs-Ismen des Zeitalters, sondern vor allem von jener Vergesetzlichung her, die allemal so oder so die Folge davon ist, daß das Evangelium des für die Welt Ge­kreuzigten und Auferstandenen nicht mehr das Wahrheitszentrum der Predigt ist.“

Die Predigt als gehörte Rede

Von Heinrich Vogel

Liebe Kommilitonen, Mit-Streiter und Mit-Schüler!

Lassen Sie mich über dieses Memorandum Homiletikum – wenn ich es so nennen darf! – einen Text setzen[1], dem ich die drei fundamentalen Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses[2] als die Bekenntnis-Exegese unserer Kirche folgen lassen möchte. Beachten Sie bei dem Anhören, bitte, in wel­cher Weise die christo-zentrische Verwurzelung der zentralen Aussage über die Rechtfertigung allein durch den Glauben mit sachlicher Notwen­digkeit einmündet in den Artikel „vom Predigtamt“, das durch seinen Dienst an dem Wort konstituiert ist, das den Sünder allein durch Gottes Gnade, allein „um Christi willen“ rechtfertigt.

In Sachen des ministerium verbi divini (des Dienstes am Worte Gottes) lassen Sie mich mit einer Erinnerung beginnen, die mir unauslöschlich – über ein halbes Jahrhundert hinweg – eingeprägt ist. Ich hatte damals – selbst noch ein Student – meine erste Predigt zu halten, und zwar hier in Berlin in der Sophien-Kirche. Da sagte vor Beginn des Gottesdienstes mein Vater in der Sakristei der Kirche zu mir: „Und nun helfe Dir Gott, mein Sohn, daß Du niemals Dich selbst predigst!“ Nachdem mich durch ein langes Predigerleben hindurch diese Mahnung war­nend und weisend begleitet hat, will ich ihr heute in unserer gemeinsamen Besinnung über Auftrag und Wesen der Predigt zu entsprechen versuchen, in dem ich Sie mit mir zu bedenken bitte: die Predigt als gehörte Rede.

Aber was heißt das, „gehörte Rede“? Soll das den Blick auf den Hörer einer Rede, sei sie denn welche nur immer, lenken und ginge es denn also um ei­ne Untersuchung des Verhältnisses zwischen dem Hörer und einer Rede, in unserem Fall also einer als „Predigt“ bezeichneten Rede? Oder gilt die Frage nach der gehörten Rede dieser Rede selbst, ihrem Inhalt, ihrer Aus­sage? Oder aber – auch diese Fragestellung ist sofort zur Stelle – geht es um das Verhältnis des Redenden selbst zu seiner Rede und dann also so­wohl um die Frage, woher er seine Weisheit hat, wie aber auch darum, wie er selbst als ein existierender Mensch sich zu dem verhält, was er in seiner Rede, wohl gar unter dem Wahrheitsanspruch sagt?! Alle drei Fragestel­lungen werden unter unserem Thema ihr Recht fordern – im musikalischen Gleichnis gesprochen: Mag das Thema von vornher eine Tripel-Fuge fordern, so freilich daß eine zweite und dritte Fuge nicht nur mit der er­sten verbunden, sondern aus ihrer Wurzel entsprossen, aus ihrem Thema abgeleitet wäre. Wollten, dürften wir hier abstrakt-dialektisch vorgehen, so würden wir nach einer Rede fragen, die weder der Redende noch der Hörer aus sich selbst vernommen hätten, noch in dem Verhältnis zu der gehörten Rede durch ihr Selbstverständnis bestimmt wären. Aber was für ein Unding von Rede wollte das sein?! Wie sollte sie in eines Menschen Verstand oder Herz gelangen? Wie sollte sie dem sie empfangenden und denkenden Hörer denkbar und verstehbar werden, nicht nur für ihre Hö­rer, sondern für den Redenden selbst, als gleichsam ihren ersten Hörer!? Nicht daß es in der Geschichte der nach der Wahrheit fragenden Mensch­heit an Erscheinungen fehlte, in denen Menschen sich selbst als die unmit­telbaren Hörer der Wahrheit verstanden. Lassen Sie mich im religiösen Bereich exemplarisch nur an Mohammed, im philosophischen aber an Nietzsche als besonders radikale Gestalten solchen Selbstverständnisses erinnern. Mohammed verkündet seine Erkenntnis von Allah und Allahʼs Gesetz als die durch die Vermittlung des Erzengels Gabriel von Gott selbst empfangene Wahrheit, wie sie denn in den Suren des Koran niederge­schrieben ist. Nietzsche aber, – hören wir noch einmal, was er in seiner „autobiographischen Skizze“ über Inspiration meinte sagen zu können und zu dürfen:

„Hat jemand Ende des 19. Jahrhunderts einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im anderen Falle will ichʼs beschreiben. Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der Tat die Vorstellung, bloß Vorstellung, bloß Inkarnation, bloß Mundstück, bloß Medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzu­weisen wissen. Der Begriff Offenbarung in dem Sinne, daß plötzlich mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit Etwas sichtbar, hörbar wird, Etwas, daß einen im Tiefsten erschüttert und zurückwirft, beschreibt einfach den Tatbestand. Man hört – man sieht nicht; man nimmt – man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit in der Form ohne Zögern; – ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Tränenstrom auflöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein voll­kommenes Außer-sich-sein mit dem distinktesten Bewußtsein einer Un­zahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fußzehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzhafteste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als Beginn, als herausgefordert, als eine notwendige Farbe innerhalb eines solchen Licht-Überflusses; ein Instinkt rhythmischer Ver­hältnisse, der weiten Raum von Formen überspannt, (die Länge, das Be­dürfnis nach einem weit gespannten Rhythmus, ist beinahe das Maß für die Gewalt der Inspiration, einer Art Ausgleich gegen Druck und Spannung), – alles geschieht im höchsten Maße unfreiwillig aber wie in einem Sturm von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit. Die Unfreiwilligkeit des Bildes, des Gleichnisses, ist das Merkwürdigste, man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichnis ist, alles bietet sich als der nächste, richtigste, einfachste Ausdruck an. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustraʼs zu erinnern, daß die Dinge von selber herankom­men und Gleichnis sein möchten. Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir, denn sie wollen auf deinem Rücken rei­ten. Auf jedem Gleichnis reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier springen dir alle Seinsworte und alle Wortschreine auf. Alles Sein will hier Wort werden. Alles Werden will von dir reden lernen – dies ist meine Erfahrung von Inspiration …“ –

Trotz des augenfälligen Gegensatzes zwischen dem Selbstverständnis Mo­hammeds, zu dem Allah ja in der Ich-Form redet und Nietzsche, der das eigene Ich verabsolutiert, verstehen beide, der religiöse und der atheisti­sche Mensch, ihre Wahrheitsaussage als „gehörte Rede“, freilich unter dem hier wie dort entscheidenden Vorzeichen der Selbst-Aussage. Wenn wir in unserer Fragestellung die Predigt als gehörte Rede verstehen, so ge­rade im radikalen, von der Wurzel bestimmten Gegensatz gegen jede Selbstaussage, die im menschlichen Verständnis gründet.

Dabei gehört es zur Rechenschaftsablegung gegenüber uns selbst und al­len an der Frage Beteiligten, nicht etwa so zu tim, als könnten wir aus so etwas wie einer Idee oder einem Ideal „gehörter Rede“ die christliche Pre­digt als einen Sonderfall gehörter Rede ableiten! Jesus Christus, mit dem die Predigt als „gehörte Rede“ steht und fällt, will keinesfalls als religiöser Sonderfall, will und darf überhaupt nicht in den Fragestellungen mensch­lichen Selbstverständnisses abgeleitet oder interpretiert werden, so denn auch nicht die seinem Namen verhaftete Predigt als eine Spielart, und sei es die höchste und reinste, religiöser oder moralischer, philosophischer oder denn politischer Denkweise und Rede. Die Möglichkeit und Legiti­mität von Predigt als gehörter Rede ist einzig und allein in dem Herrenge­heimnis der Wahrheit beschlossen, die den Namen des Christus Jesus trägt, seiner Person, seines Wesens und seines Werkes. Die Selbstoffenba­rung Gottes als des Vaters in dem Sohne durch den Heiligen Geist, sie al­lein ist der Wurzelgrund, der uns die Predigt als gehörte Rede im Gegen­satz zu allen Selbstaussagen des Menschen, zu allen Aussagen des Ver­ständnisses seiner selbst, Gottes und der Welt verstehen läßt.

Wir setzen ein bei ihm, Jesus Christus, als dem von Gott selbst gesproche­nen Worte Gottes, in dem Gott selbst zu uns spricht. Ja, wir setzen ein bei ihm als dem hörenden Menschen, der gerade als der von Gott Gesandte nicht aus dem Eigenen redet, sondern die ihm vom Vater übergebene, die gehörte Wahrheit kundtut; als der vom Vater Gelehrte redet er (Joh 8,28). So gerade sucht er nicht seine eigene Ehre. Aus dem Eigenen reden (Joh 8,44), das ist das Charakteristikum der Lüge, ja, des Vaters der Lüge. Als der Gesandte, als der eine Hörende, ist er der dem Auftrag Gehorsame, der das Werk dessen tut, der ihn gesandt hat, und der ihn gesandt hat, ist mit ihm (Joh 8,28). Als der Hörende redet er nicht etwa über Gottes Wort, son­dern in dem gehörten Wort offenbart er die Wahrheit, den Willen und das Werk dessen, den er mit seinem Zeugnis ehrt. Ja, durch ihn und in ihm re­det Gott selbst, der Vater in dem Sohn, der mit dem Vater eins ist (Joh 10,30). Sein Gesandt-Sein und sein Sohn-Sein sind eins, sind die beiden unlöslich zusammengehörenden Seiten seines ewigen Ursprungs und We­sens. So sind denn seine Person und das Werk, das er auf den von ihm zu durchschreitenden Weg zu gehen hat, eins. Dem entspricht, daß in ihm der Sprecher und das von ihm gesprochene Wort eins sind im Gegensatz zu uns, bei denen das Wort, das wir sprechen, und unsere Person auseinander klaffen So ist er selbst „der Weg und die Wahrheit und das Leben“, durch den allein diejenigen zum Vater kommen, die seine Stimme hören und an ihn glauben (Joh 14,6). So offenbart er Gott als den, „der uns geliebt hat und seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden gesandt hat“ (1Joh 4,10).

Wenn wir hier sonderlich das Johannes-Evangelium ausschreiben müß­ten, um dem Geheimnis des gehörten Wortes Gottes zu entsprechen, so muß nur noch eins unterstrichen werden: So wahr der Sohn Gottes als der hörende Mensch der von Gott Gesandte ist, ist er selbst das von Gott ge­sprochene Wort, in dem Gott selbst spricht. Als das Fleisch gewordene, als das der Todesexistenz unseres Ungehorsams inexistent gewordene Wort Gottes ist er der, der im Gegensatz zu allem, noch so tiefsinnigen Ge­schwätz über Gott selber der Sprecher, der Offenbarer des Wortes Gottes ist. In ihm spricht Gott selbst, und indem er, der seinem Vater Gehorsame, den Weg an das Kreuz geht, wird der Riß geheilt, wird die Versöhnung Er­eignis, so daß alle, „die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). Das Johannes-Evangelium unterstreicht in besonderer Weise, daß das Geheimnis seines Weges und das darin voll­brachten Werkes in seiner Person gründet, in und mit ihm gegeben ist. Der Weg dessen, der in der Knechtsgestalt seiner Selbstentäußerung um un­sertwillen bis an das Fluchholz des Kreuzes hinabsteigt, um von Gott den Namen zu empfangen, in dem alle Knie in der unsichtbaren und sichtba­ren Welt sich beugen sollen, ist durch eben dieselbe Einheit von Person, Weg und Werk bestimmt (Phil 2,5-11). In ihm selber bricht das Reich Got­tes an, dessen Herrschaft er nicht nur verkündet, sondern realisiert.

Was besagt das nun für die Rede, die dieser Wahrheit, der Wahrheit des Gottes-Wortes, zugehört? Zu allererst doch, daß sie dem Wahrheitszeug­nis verhaftet ist, konkret, daß sie in Auslegung der die Wahrheit Gottes in Christo bezeugenden Schrift ergeht. Sie ist vom Text her gebotene, also von ihm her bestimmte Rede. So gerade ist sie gehörte Rede. Die textlose Rede mag sein, was sie will, aber sie ist keine Predigt! Das textlose, sich als situationsgemäß und aktuell anbietende, problematisierende und viel­leicht tiefsinnige Geschwätz, das wohl gar ein Bibelwort als Motto oder als ein durch die Fragestellung schon vorbestimmtes Geleitwort miß­braucht, hat mit dem Text sein Erstgeburtsrecht an die Linsengerichte un­seres Selbstverständnisses, Weltverständnisses und Gottesverständnisses verloren. Die textlose Rede hat ihren Schöpfer und Herrn und damit ihre Autorität eingebüßt. Daß es dabei mit der bloßen äußeren Voranstellung eines Bibelwortes nicht getan ist, braucht ebensowenig ausgeführt zu wer­den, wie daß eine Rede, die – ich weiß nicht in welcher Situation – Christus als den Heiland verkündet, wahrhaft Predigt sein kann, auch wenn sie nicht in der Exegese einer bestimmten einzelnen Schriftstelle gestaltet ist. Die Voraussetzung wäre aber auch dann der Christustext, wie er allein in dem Christusbuch, also in der Schrift Alten- und Neuen-Testaments, kundgetan ist.

Die Schrift als das Christuszeugnis für Jesus von Nazareth ist in der Tat die unmittelbare Voraussetzung für die Predigt als gehörte Rede. Das be­sagt nicht die Anerkennung bestimmter Theorien und Prinzipien über die Schrift und ihre Auslegung. Keine Theorie der Verbal-In­spiration und schon gar nicht irgendwelche hermeneutischen Prinzipien, seien sie reli­giöser, moralischer, existentieller oder soziologischer Struktur, entschei­den darüber, ob wir die Wahrheit der Schrift wirklich hören. Im Gegen­teil: Als die Inhaber solcher Theorien und Prinzipien haben wir uns schon zu Meistern der Schrift erhoben und damit ihr Herrenrecht verkannt. Sie ist, Gott sei Dank, selbst Manns genug, sich Gehör zu verschaffen und in Gericht und Gnade ihr Herrenrecht über uns geltend zu machen, und zwar, wie sie uns gegeben ist, in ihrem Da-Sein und So-Sein.

Verstehen Sie es in diesem Zusammenhang recht, wenn ich noch einmal eine von meinem Vater mir übermittelte Anekdote anfüge: Der alte Klei­nert, weiland Professor für praktische Theologie hier an unserer Berliner Universität, pflegte seinen Studenten einzuschärfen: „Meine Herren, seien Sie sich darüber klar, daß der Höhepunkt Ihrer Predigt nach der Verle­sung des Textes vorüber ist!“ Nun, es geht nicht nur um den Höhepunkt, so wenig es um einen Vorspruch ging, sondern darum, daß die Aussage des Textes das ganze Gebilde, das als Predigt angeboten wird, von der ersten Silbe bis zum besiegelnden Amen hin, alles beherrscht und bestimmt. So gerade und auch allein wird es um das „Deus dixit“ gehen dürfen, um das Wort Gottes im Menschenmund, im Munde eines ohnmächtigen, vom Irr­tum bedrohten, von der Versuchung zur eitlen Selbstaussage umklammer­ten Menschen. Gehörte Rede, das will also sagen: „Im Wort der Schrift vernommene und empfangene Aussage.“

Daß es dabei nicht mit einer bloßen Rezitation von Bibelworten und auch nicht mit einer Kollektion toter Richtigkeiten aus dem Arsenal orthodoxer Tradition getan ist, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Der Besitzer der orthodoxen Richtigkeit kann stocktaub bleiben gegen­über der viva vox evangelii, gegenüber der Stimme des lebendigen Herrn und sich als ein veritabler Wahrheitskapitalist das richtende Wort, das: „Du bist der Mann“ (2Sam 12,7) ebenso vom Leibe halten wie den begna­digenden Zuspruch: „Dir sind Deine Sünden vergeben“ (Mt 9,5). Wahrhaft „orthodox“, das heißt im Wort der Schrift ausgerichtete Aussagen haben ihre Wahrheitsmitte in dem Christus Jesus, den sie bezeugen, und der sich durch sie bezeugt. Eine Exegese, die nicht an dieser Christusmitte ausge­richtet ist, verfehlt und verfälscht ihre Wahrheit. Nur als an dem Wort der Wahrheit ausgerichtete Exegese wird sie Rühmung der Wahrheit, Doxologie sein.

Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn der Prediger meint, er könnte, ja er müßte einer Perikope auf die Weise gerecht werden, daß er sie vom zen­tralen Christuszeugnis der Schrift isoliert. Der Abschnitt einer Perikope darf nicht herausgeschnitten und isoliert werden, um dann im Namen ei­ner (in Bezug auf ihr Wahrheitsverständnis) unkontrollierten und höchst problematischen historisch-kritischen Analyse an die Stelle des Herren­geheimnisses der Wahrheit allerlei andere Herren und Mächte zu setzen. Die Versuche aber, den Text für andere, evangeliumsfremde Wahrheiten zu mißbrauchen, droht nicht nur von den Weltanschauungs-Ismen des Zeitalters, sondern vor allem von jener Vergesetzlichung her, die allemal so oder so die Folge davon ist, daß das Evangelium des für die Welt Ge­kreuzigten und Auferstandenen nicht mehr das Wahrheitszentrum der Predigt ist. Ich muß in diesem Zusammenhang auch die Ihnen für die Vor­bereitung einer Predigt immer wieder angebotene Reihenfolge: 1. Histori­sche Untersuchung, 2. Meditation, 3. Homiletische Gestaltung, als höchst problematisch bezeichnen. Hoffentlich setzt sich in dem ersten Teil sol­cher Bemühungen nicht ein ganz anderes Wahrheitsverständnis auf den Thron, dem eine, nicht mehr um die Mitte der Schrift wissende Meditation im mystischen Dschungel schwerlich beikommen wird!

Vollends wird die heute wieder übliche Ersetzung der Was-Frage (was soll ich predigen!?) durch die Wie-Frage (wie sage ich’s meinem Kinde, bzw. meinem Arbeiter, meinem Intellektuellen?!) dem Auftrag der Predigt nicht gerecht werden. Es ist erschütternd zu erleben, wie schnell jener, durch die dominierende Priorität der Wahrheitsfrage uns in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts befreiende theologische Durchbruch wieder verlas­sen und verleugnet wurde. Vielmehr geht es heute nach der Weise: „Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Da spricht er denn: ‚Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin‘, und wenn er kommt, so findet er es leer, gekehrt und geschmückt. So geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie all da und es wird mit demselben Menschen hernach ärger, als es zuvor war. Also wird’s auch diesem argen Geschlecht gehen.“ (Mt 12,43ff)

Die Entscheidung über unser Hören oder Taub-Bleiben fällt da, wo wir in der viva vox evangelii die Stimme des durch das Evangelium bezeugten und in ihm sich bezeugenden Christus hören oder nicht hören. Keines un­serer Wahrheitsschemata können den ersetzen, der selbst die Wahrheit ist.

Eben diese Wahrheit will kundgetan werden, und dem dient die Predigt als Verkündigung. Kundgetan will das Herrengeheimnis des Wortes Got­tes werden, kundgetan in dem vollen und ungeheuerlichen Sinne des Of­fenbarungsaktes! Wir denken, wenn wir das Wort Offenbarung hören, zu­nächst an die Offenbarungsgeschichte und in ihr an den Offenbarer selbst, an den Gott, der in dem Mensch-Gewordenen, für uns Gekreuzigten und Auferstandenen, nicht dies und das über Gott, sondern sich selbst offen­bart. Er, der Vater in dem Sohn durch den Heiligen Geist. Aber eben diese Selbstoffenbarung durch den Heiligen Geist will nicht als ein objektivier­bares faktum historicum der Vergangenheit überantwortet werden. Viel­mehr wird sie, die doch im Zeichen des eph-hapax und das heißt doch, in ihrer Einmaligkeit abgeschlossen und vollbracht ist, je von neuem da, wo sie sich dem Gehör des von ihr selbst geschaffenen Glaubens zueignet, Er­eignis werden. Das geschieht in der Predigt des Wortes Gottes, das allein lebendig ist und Leben schafft. Es geht um jenen Sonnenaufgang der Gna­de durch das „Amt, das den Geist gibt“. So wahr der Auftrag, unter dem der Apostel Jesu Christi seinen Dienst versteht, zu allererst in einer uns versagten Unmittelbarkeit dem Apostel gilt (in Entsprechung zu dem Pro­pheten, der als unmittelbarer Empfänger des Wortes Gottes auf den ver­heißenen Christus hinweist), so geht es doch um dasselbe Wort, dasselbe Licht der Selbstoffenbarung Gottes in Christo. Dieses Licht leuchtet aber, gerade in Kraft seiner Göttlichkeit, nicht unmittelbar, nicht in einer unse­ren Sinnen und unserer Vernunft direkt zugänglichen und evidenten Sichtbarkeit (unter der wir denn auf der Stelle sterben müßten), sondern ist in das Geheimnis gehüllt, das die Knechtsgestalt der Barmherzigkeit Gottes ist. Wenn nun aber Gott sich verhüllt, um sich zu offenbaren, „wenn nun aber das Amt des Buchstabens tötet“, um dem lebendig ma­chenden Geist Raum zu schaffen, dann bricht sich das lebendig machende Wort Gottes je von neuem seine Bahn, indem das Wort Gottes in Men­schenmund Ereignis wird. Das Instrument dafür ist – ich erinnere an die Zusammengehörigkeit des Rechtsfertigungsartikels mit dem Predigtarti­kel in der Augustana! – die Predigt des Evangeliums. Als gehörte Rede steht sie unter der Verheißung, den Sonnenaufgang des Gnadenlichtes Gottes heraufzuführen, versteht sich, nicht durch ihre eigene Qualität, nicht etwa als religiös-christliche Rede, sondern in der Auslegung des Schriftwortes als Botschafterin und Verkündigerin seiner Wahrheit.

Ja, wir sind Botschafter an Christi Statt. Als Gesandte Christi dienen wir dem Wort von der Versöhnung mit Gott, die in der Rechtfertigung des Gottlosen zu ihrem Ziel kommt. Wir treten nicht als religiöse Redner auf, die als die Künder einer religiösen Idee und als Vertreter einer der soge­nannten Hoch-Religionen sich selbst expektorierten. Vielmehr geben wir als selbst der Versöhnung durch Gott bedürftige, arme, ohnmächtige, in sich selbst taubstumme Menschen das gehörte, von uns weiter zu sagende Wort an die Hörer solcher Rede, die nur als gehörte Rede bevollmächtigt ist, laut zu werden. Welch eine religiöse Unverschämtheit gehörte auch dazu, wenn wir uns unterfangen wollten, mit unserem Geschwätz über Gott, sein Wesen und Handeln vor andere Menschen zu treten, so als ob wir, wohl gar durch unsere Studien, eine Silbe mehr von Gott und seinem Geheimnis wüßten als die, denen wir predigen, mit denen wir wahrhaftig auf einer Stufe in derselben Tiefe sind. Was uns auf den exponiertesten Platz der Welt – ich meine auf die Kanzel – steigen läßt, bekleidet mit einem Gewand, das doch eine gewisse stilistische Verwandtschaft mit dem grotes­ken Kleid der Zauberpriester im Busch nicht ganz verleugnen kann, was uns das Unmögliche wagen läßt, ist allein der Auftrag dessen, der sein Wort durch Menschenmund, durch unseren Mund, liebe Kommilitonen, zu Menschen, zu unseren Brüdern, mit denen wir zusammen gehören, kom­men lassen will. Die Verheißung, die uns aus diesem Auftrag leuchtet, ist wahrhaft ungeheuerlich. Die Gesandten des Christus sollen damit rech­nen, daß Gott selbst durch uns redet, rettet, richtet, tröstet und vermahnt. Von uns, den Gesandten und Predigern kann man im Blick auf unsere Ohnmacht und unsere unwürdige Existenz nicht niedrig genug denken, von dem Predigtauftrag der Verkündigung nicht hoch genug.

Wir sind ja – und das ist das Ungeheuerlichste! – zu Zeugen der Wahrheit aufgerufen. Als gehörte Rede verstanden wir die Predigt in Auslegung der Schrift und als Kundmachung der Offenbarung Gottes in Christo zum Heil. Das Dritte will nicht als ein Superlativ, wohl aber als eine letzte Ge­stalt der Gnade erkannt werden, die den so tief Gedemütigten so hoch er­hebt, daß er, ein bloßer Mensch, der selber nichts, wirklich nichts zu sagen hat, von Gott zum Zeugen für seine Wahrheit aufgerufen wird.

Wie denn? Bedarf die Wahrheit eines Zeugen?! Vor welchem Forum will sie denn bezeugt sein, und wenn es um die Wahrheit Gottes gehen soll, etwa vor unserem menschlichen Forum?!

Christus ist der Zeuge Gottes in der Welt und für die Welt, die Gott und seine Gerechtigkeit meint vor ihr Tribunal zerren zu dürfen. Gerade als der vor das Tribunal des ungerechten Richters Geschleppte ist Er, der dem Kreuzestod ausgelieferte, der König, der „dazu geboren und in die Welt gekommen ist“, für die Wahrheit zu zeugen. Indem Er, der Ohnmächtige, nicht für sich selbst und seine Macht zeugt, bezeugt er, gerade in der Nie­derlage den Sieg und die Macht Gottes. Ja, er, der Sohn, verherrlicht den Namen des Vaters, indem er sich selbst der Schande ausliefert. So gerade ist er der vom Vater Bejahte und Verherrlichte. So ist sein Name „Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes“ (Offb 3,14).

Dazu ist die Kreatur geschaffen und berufen, Gott zu verherrlichen, ihm die Ehre zu geben, die ihm gebührt. Nicht daß Gott dieser Verherrlichung bedürfte! Die Kreatur, gerade die dem Todesfluch ihrer Selbstherrlichkeit verfallene Kreatur, bedarf dessen, daß sie wieder frei werde für die Ver­herrlichung ihres Schöpfers und Erlösers. Indem der an der Herrlichkeit Gottes teilhabende Sohn die Existenz der Aufrührer gegen Gottes Herr­lichkeit übernimmt, befreit er sie dazu, als die freien Menschen Gottes Zeugen seiner Majestät und Gnade zu werden. Das geschieht, wo die Be­freiten ihren Befreier in der versklavten Welt und für die versklavte Welt bezeugen, in dem sie in seiner Nachfolge ihn bekennen und sein Kreuz auf sich nehmen. Er, „von dem alle Propheten zeugen, daß durch seinen Na­men alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen“. Er hat uns geboten zu predigen und zu zeugen, daß .er ist verordnet zum Richter der Lebendigen und der Toten“ (Apg 10,42ff).

In diesem Zeugenamt aber dienen nicht nur der Apostel unmittelbarer Be­rufung, sondern auch der Prediger mittelbarer Berufung dem Fortgang des heilsgeschichtlichen Handelns Gottes, der sein Wort hält und zu sei­nen Verheißungen steht. Er bezeugt Ihn, den Gekommenen, den Gegen­wärtigen, als den Kommenden, dessen Advent die Predigt mit herauffüh­ren hilft. „Er, den er bezeugt, ist ja der, in dem alle Gottesverheißungen Ja sind, und sind Amen in ihm Gott zu loben durch uns“ (2Kor 1,20).

Ist es nicht die Krönung all dessen, was von dem in Auslegung der Schrift zur Kundmachung des Offenbarungswortes gesegneten Predigtamt zu sa­gen war, daß der Prediger dieses Amen auf seine Lippen nehmen, ja in die­ses Amen, „Gott zu loben“, mit einstimmen darf?! Ist das Predigtamt, so unansehnlich und jämmerlich seine Gestalt auch sein mag, nicht wirklich das höchste Amt der Kirche?! Die Wahrheit bezeugen, das heißt: dieses Ja und Amen sprechen zu dürfen. Nur als gehörte Rede kann dieses Ja und Amen wahrhaftig sein. Die Bejahung der Selbstaussage, welcher Struktur ideologisch sie auch sei, ist Gotteslästerung, und sei sie religiös noch so konkret und moralisch noch so radikal. Das viel verlästerte „Amen“, das die Wahrheit als gehörte Rede beschließt und unterstreicht, kann und darf das Lob des Gottes sein, dessen Geist dem Geist eines Menschen bezeugt, daß Gottes Wort, dieses in Menschenmund gelegte Wort wahr ist, nicht als meine Selbstaussage, sondern als das in meinen Menschenmund gelegte Wort wahr ist. In der gehörten Rede bringt es sich selber zu Gehör, so daß der Hörer, der kam, um Gottes Wort zu hören, nicht von sakral oder fromm gewandeten Selbstaussagen betrogen wird, sondern aus dem Men­schenmund in, mit und unter menschlichen Worten Gottes Wort hört, das den Gottlosen um Christi willen und in Christus vom Todesurteil freispre­chende Wort.

Mit innerer Notwendigkeit ist unser Gedankengang zu der Frage nach dem Prediger vorgerückt, nach dem Menschen, aus dessen Mund die Pre­digt als gehörte Rede laut werden soll. Wir können und dürfen in dem zu­letzt von dem die Wahrheit bezeugenden, auf die Lippen des Predigers ge­legten Ja und Amen Gesagten fortfahren, indem wir den Prediger selbst mit seiner ganzen Existenz für dieses Ja und Amen in Dienst, ja als in Gnadenhaft Genommenen erkennen. Die Ordination ist es, in der er in die­sem Amt, das die Versöhnung predigt, verhaftet, unter den Auftrag eines Gesandten Jesu Christi gestellt wird. Entscheidend ist, daß er sich nicht selbst dazu beruft! Im Gegensatz zu dem Berufungsbewußtsein eines Dichters oder Denkers ersteigt ihm die Gewißheit, zum Predigtamt beru­fen zu sein, nicht aus sich selbst, sondern unter der brüderlichen Hand und dem segnenden Wort der Gemeinde, die auch nicht etwa klerikal-auto­nom, sondern im Gehorsam gegen den Auftrag ihres Herrn so handelt. Darin vollzieht sich nicht eine sakral-klerikale Qualifikation, sondern ganz schlicht eine von Verheißung gesegnete Indienstnahme..

In den Situationen und Stunden der Anfechtung, in denen den Prediger die Frage überfällt, ob er wirklich, vielleicht einer gegen alle, berufen sei, die Wahrheit nicht als Selbstaussage, sondern als gehörte Rede kundzu­tun, wird er sich gegen die Welt, gegen den Teufel, gegen sich selbst, beru­fen auf das: „ordinatus sum“. Ich stehe unter dem Auftrag eines Herrn, der die Verantwortung für seinen Befehl trägt. In der Anfechtung wird der Prediger je von neuem auf das Wort merken, das er nicht nur zu verkünden hat, sondern auf das er selber im Leben und im Sterben geworfen ist. Es ist nicht das Wort der Bestätigung des religiösen Menschen, sondern das den Gottlosen rechtfertigende Wort, das ihn als einen zum Tode Verurteilten leben läßt und das ihm als einem Verstummenden den Mund öffnet. Als ein Ohnmächtiger ist er bevollmächtigt, als ein Gebundener ist er frei.

Soll ich an dieser Stelle dem Einwand das Wort geben, der sich mit der Frage meldet, ob nicht jeder Christ, der sich im Glauben an Jesus Christus der Rechtfertigung des Gottlosen getrosten darf, dazu gerufen ist, ihn als den Retter und Herrn zu bezeugen, ob denn eine besondere Ordination da­zu notwendig sei?! Gewiß ist jeder, der an den für alle Gekreuzigten und Auferstandenen glaubt, zum Zeugnis für ihn aufgerufen, sei es denn in der Eisenbahn oder in einer Fabrikhalle oder wo nur immer. Im Anruf des Nächsten, der aus seiner Not nach einer Antwort aus brüderlichem Mund verlangt, erfolgt die „Ordination“ ohne alle liturgische Formeln und ohne einen Talar. Dennoch ist es um die Ordination für das Predigt- und Hir­tenamt durch die Gemeinde und für die Gemeinde ein besonder Ding, die dem dazu Berufenen eine besondere Verantwortung auferlegt, die des Hir­ten für die Herde (Joh 21,15-19). Ein törichter Kurzschluß ist es freilich, aus der nicht unberechtigten Ironisierung aller sakralen Gewänder die Abschaffung des Talars herleiten zu wollen, zumal sich heute darin mehr der in der Kirche grassierende Demokratismus meldet als der Ruf nach dem Priestertum aller Gläubigen. Der Talar ist nur das äußere Zeichen der Beauftragung der Ordination. Dennoch muß es wahr bleiben, daß der Dienst des Zeugen nicht das Monopol eines institutionellen Amtes ist. Man könnte der Kirche heute nichts Besseres wünschen, als daß alle ihre Glie­der zu lebendigen und denn also nicht mehr stummen Zeugen würden. Das findet seine besondere Unterstreichung im Blick auf die Situation, der die Adventsgemeinde des Kommenden in einer säkularen Welt entgegen­geht und schon steht. Ob wir nun an die vom Desinteressement eingekrei­ste, sozusagen zu Tode tolerierte oder an die verfolgte, dem Mordhaß aus­gelieferte Kirche denken, so könnte das Privileg der Amtsträger vor dem sogenannten „Laien“ nur noch darin bestehen, daß die Ersteren als die durch ihr Amt öffentlich Exponierten zuerst „dran“ sind. Die Berufung aber, gegebenenfalls mit dem Tode den Herrn zu bezeugen, gilt doch wahrhaftig allen, die in seine Nachfolge gerufen sind, und alle, die dazu berufen sind, das Predigtamt als Blutzeugen zu besiegeln, dürfen als die Bekenner der gehörten Wahrheit Märtyrer sein.

Der Begriff ist ja wie so viele andere, ursprünglich christliche Begriffe, zum Allgemeinbegriff für alle Leiden geworden, die um irgendeiner Sache willen, welche nur immer, erlitten werden. Seinem Ursprung nach ist das Martyrium nicht human-ideologisch, sondern christo-zentrisch bestimmt. Ideen und Ideale entsteigen unserem Selbstverständnis; das Martyrium aber erwacht aus der gehörten, durch den Heiligen Geist hörbar geworde­nen Wahrheit. Die zum Dienst an der gehörten Rede Berufenen sollten darum wissen, daß auch und gerade das Martyrium die von ihm bezeugte Wahrheit nicht in sich selbst hat. Nicht das Leben, auch nicht das Sterben, qualifiziert den Märtyrer. Er ist kein Held, der auf das, wofür er stirbt, hinweist, indem er auf sich selbst weist, sondern er ist „nur“ Zeuge, dessen Qualifizierung allein von dem Wort der Wahrheit her erfolgt, für die er als ihr Hörer und Bekenner zeugt. Als Nachfolger auf dem Wege dessen, der selbst der Weg ist, darf er der Blutzeuge, Zeuge der Wahrheit sein, um der­entwillen er gehängt oder erschossen wird.

Sollte ein Hörer dieser Rede von der Predigt als gehörter Rede aber bei sich denken: dann bin ich nicht berufen, so ist er nahe am Berufen-werden! Sollte jemand bei sich denken, dann will ich lieber die Finger davon lassen, so soll er damit rechnen, daß er schon von einer anderen, höheren Hand ergriffen ist! Dann soll er sich nicht mit dem Hinweis auf seinen feh­lenden Glauben, seine Zweifel, die er nicht nur an sich selbst, sondern an der Wahrheit hat, gegen den auf ihn zukommenden Ruf wehren, sondern getrost den wirken lassen, der hier am Werke ist und der für seine Ernte Arbeiter braucht (Mt 9,37-38).

„Die Ernte ist wahrhaftig groß“, und nicht nur damals, sondern auch heu­te gilt: „Da er das Volk sah, jammerte ihn desselben, denn sie waren ver­schmachtet und zerstreut, wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Mt 9,36) Man braucht das griechische Wort tous ochlous in bezug auf die ge­hörten Evangeliumsworte nur mit „Masse“ übersetzen, um sofort von der ebenso untragbaren wie unentrinnbaren Not der Frage nach der „Predigt als gehörter Rede“ im Blick auf ihre Hörer geradezu erdrückt zu werden. Wohlverstanden: Wir haben unsere Frage nach der Predigt als gehörte Re­de nicht etwa mit der Frage nach ihren Hörern begonnen! Wir begannen nicht mit psychologischen oder soziologischen Analysen des modernen Menschen oder der Gesellschaft im technischen Zeitalter der Welt, und wir versuchten nicht, wohl gar statistisch, die Struktur möglicher oder auch wirklicher Hörerschaft aufzuweisen, um in einer Analyse der Frage die Antworten zu postulieren.

Im Gegensatz zu jeder Korrelationsdialektik versuchten wir von der Ant­wort her, von der Priorität des fleischgewordenen Wortes, des Offenbar­ungswortes her, von dem Predigtauftrag her zu denken. Das bedeutet aber keineswegs die Ausklammerung oder gar die Verachtung derer, denen die gehörte Rede zu Gehör gebracht sein will. Ehe wir nach diesen Hörern fragten, hat sich das Wort, um dessen Zuspruch und Anspruch es geht, schon mit den Hörern solidarisiert, ja identifiziert. Wer diese Hörer auch seien, jedenfalls sind es Menschen, die er, der Herr und eigentliche Spre­cher der gehörten Rede, seine geringsten Brüder nennt. Jedenfalls sind es Menschen, für die er auch gestorben und auferstanden ist, die, ob sie es wissen oder nicht, seiner Zukunft als der des Kommenden entgegen gehen. Das, nein Er selbst, läßt uns nach den Hörern fragen, ihre Fragen, ihre Nöte und Ängste, ihre Sehnsucht und ihre Verzweiflungen, ihre Religiosi­tät und ihren Atheismus ernst nehmen! Ein ander Ding ist es darum, sich durch Struktur-Analysen im Zusammenhang mit Situationserhellungen den Text suchen zu wollen, ein ander Ding darum, den Hörer da aufzusu­chen, wo er sich befindet und wo er, ohne es selbst zu wissen, auf das Wort wartet, das er sich nicht selbst sagen kann, um das er aber auch durch kei­ne menschliche Selbstaussage betrogen werden darf. Ja, der potentielle Hörer sitzt dem in der Studierstube über seinen Bibeltext gebeugten Pre­diger heimlich gegenüber mit der stummen Frage, ob er auch für ihn hört, was er für sich hört, freilich auch umgekehrt, ob er selbst hört, was er an­deren zu Gehör bringen will. Wenn aber in der Predigt als gehörter Rede der Herr dieser Rede selbst zu Gehör kommen will, dann ist er es, der als der unsichtbare Bundesgenosse des Hörers dem um sein Predigtlein sich mühenden Prediger die Ohren öffnet für die Frage des Hörers, die Frage, um die allein dieser Herr weiß. Was die psychologische und soziologische Analyse, ja, was die sympathetische Einfühlungskraft letztlich doch nicht erreicht, das wird durch den Heiligen Geist, der die Predigt als gehörte Re­de schafft und schenkt, möglich: jene Solidarisierung mit dem Hörer, die dort wurzelt, wo der Prediger als der erste Hörer seines Textes das „Du bist der Mann“ zu allererst auf sich selbst gerichtet sein läßt, und das „Dir sind Deine Sünden vergeben“ ihm den Mund dazu öffnet, den Freispruch Gottes in der fürhoffenden Liebe dem Hörer zuzusprechen. In diesem Sin­ne bekenne ich mich auch heute noch zu der einst so verständnislos ange­griffenen „christlichen Solidarität mit dem Gottlosen“, nicht mit der Gott­losigkeit, sondern mit dem Bruder.

Wo aber das Wort Gottes im Menschemund laut wird, wird dem hörenden Menschen Zukunft eröffnet, die Zukunft, die der zu uns Gekommene, der in Wort und Sakrament sich seiner Gemeinde Vergegenwärtigende und Mitteilende in seinem Kommen seiner Gemeinde verheißt, und die er selbst heraufführen wird. Auf diese seine, alle Widersprüche und Zweifel abwendende und erledigende Zukunft geht der Fingerzeig der Predigt. „Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spricht: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ (Offb 22,17)

Das ist die Zukunft, der die Adventsgemeinde entgegenschreitet. Das ist die Zukunft, die sie der Welt verkündet, und die sie fürhoffend für sie er­bittet, indem sie die Verheißung im Ohr hat: „Ja, ich komme bald.“ Nur als hörende Gemeinde wird sie, durch alle Anfechtungen hindurch, in allen Verfolgungen und Niederlagen anbetend beten können: „Amen, ja komm Herr Jesu!“

Nachwort:

Luther wider Hans Worst über die Predigt

„Wol ist’s war / Nach dem leben zu reden / ist die heilige Kirche nicht on sünde, wie sie im Vater unser bekennet / Vergib uns unser schuld. Und Johan. So wir sagen, das wir nicht sünde haben / so liegen wir und machen Gott zum Lügener / der uns alle zumal sünder schilt / Rom. 3. Psalm 14 und 51. Aber die ere mus uns nicht sünde noch strefflich sein / und gehöret nicht ins Vater unser / da wir sagen / Vergib uns unser schuld denn sie nicht unsers thun / sondern Gottes selbs eigen Wort ist / der nicht sündi­gen noch unrecht thun kann. Denn ein Prediger mus nicht da Vater unser beten / noch Vergebung der Sünden suchen / wenn er gepredigt hat (wo er ein rechter Prediger ist) Sondern muß mit Jeremias sagen und rühmen / HERR, du wissest / das / was aus meinem Munde gangen ist / das ist recht und dir gefellig. Ja, mit S. Paulo / allen Aposteln und Propheten tröstlich sagen / Haec dixit Dominus. Das hat Gott selbs gesagt. Et iterum. Ich bin ein Apostel und Prophet Jhesu Christi gewest in dieser Predigt. Hi ist nicht not / ja nicht gut / Vergebung der Sünde zu bitten / als were es unrecht ge­lernt denn es ist Gottes und nicht mein Wort / dass mir Gott nicht vergeben soll noch kann / Sondern bestätigen, loben krönen und sagen / Du hast liecht geleret / denn ich hab durch dich geredt / und das Wort ist mein. Wer solches nicht rühmen kan von seiner Predigt, der lasse das predigen anstehen / denn er leugt gewisslich und lestert Gott.“

Wie hören wir das heute, denen die Kategorie der Predigt verloren zu ge­hen droht, indem wir über Gott und sein Wort diskutieren, reflektieren und problematisieren?! Damals, als es zu einer Wiederentdeckung der Predigt als der Verkündigung des Wortes Gottes kam, fuhr uns dieses Zeugnis der Gewißheit aus dem Munde eines Predigers der gehörten Rede in die Knochen! Möge unsere Kirche, die sich eine Kirche des Wortes nennt, von Neuem zu der Predigt als gehörter Rede erweckt werden. Das ist das Eine, was ihr not tut inmitten des Jahrmarktsangebotes ihrer Mög­lichkeiten. Sollten Sie, meine Freunde, aber von der Sorge vor einer neuen „toten“ Orthodoxie bedrängt sein, so lassen Sie mich antworten mit dem Trost, daß der Heilige Geist auch unsere „toten Richtigkeiten“ als das lebendige, strafende und fürsprechen­de Wort Gottes hören lassen kann, derselbe Geist, der uns befreien kann zu einer lebendigen doxologischen Orthodoxie.

Ich beschließe das Ganze für heute mit Versen aus meinem ersten Buch, dem von mir herausgegebenen in Reflexion gedichteten Tagebuch des „Traugott Untreu auf der Kanzel“:

Da lese ich unter dem 21. August gegen Mitternacht:

Und könnt’ ich von ihm sprechen,
so wie noch keiner sprach,
und hörte ihn nicht selber,
o Lüge, Grauen, Schmach.

Und nähme ich die Flügel
der Morgenröte mir,
den Heuchler deckt kein Hügel,
kein Wasser, Gott, vor Dir.

Als Abschiedsvorlesung am 12. April 1978 an der Humboldt-Universität Berlin (DDR) gehalten.

Quelle: Evangelische Theologie 39, 1979, S. 88-100.


[1] 2Kor 5,19-21.

[2] Und zwar die Artikel III, IV und V. Diese Artikel sowie der in Anm. 1 genannte Text wurden zu Beginn der Vorlesung verlesen.

Hier der Text als pdf.

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