Hans Joachim Iwand zur heutigen Tageslosung „Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jesaja 55,9): „Unsere Wege enden nur bei einem solchen Gott, in dem wir uns selbst widerspiegeln. Unsere Gedanken, wenn wir sie als Himmelsleiter benutzen, führen immer nur zu den Höhen, die die Menschen überhaupt errei­chen, und zu den Bildern, die Menschen sich aus ihrem Geist heraus gemacht haben.“

Predigtmeditation zu Jesaja 55,6-13

Von Hans Joachim Iwand

Suchet den Herrn, da er sich finden läßt,
ruft ihn an, da er nahe ist!…
Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.
Sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde,
so sind auch meine Wege höher als eure Wege
und meine Gedanken als eure Gedanken.
Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt
und nicht wieder dahin zurückkehrt,
sondern feuchtet die Erde
und macht sie fruchtbar und läßt wachsen,
daß sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen,
so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein:
Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen,
sondern wird tun, was mir gefällt,
und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.
Denn ihr sollt in Freuden ausziehen
und im Frieden geleitet werden.
Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen
und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen.
Es sollen Zypressen statt Domen wachsen
und Myrten statt Nesseln.
Und dem Herrn soll es zum Ruhm geschehen
und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.
Jesaja 55,6.8-13

Der entscheidende Punkt liegt darin, daß Gott selbst die Voraussetzung schafft, damit wir ihn suchen können … Eben dadurch, daß Gott sich finden lassen will, daß er in seiner Gnade auf uns hin lebt …, ermöglicht er uns, daß wir ihn suchen! Indem er uns naht, ermöglicht er uns, daß wir ihn anrufen … Es ist also nicht an dem …, daß wir das Geheimnis Gott aufdecken müßten, sondern es ist von Gott her aufgedeckt, die Ferne ist überwunden, die Tür steht offen, es liegt an uns, nicht an ihm, wenn wir nicht kommen, wenn wir nicht rufen, wenn wir uns nicht auf­machen und die Gitterstäbe unseres Gefängnisses zerbre­chen, Schluß machen mit der eingebildeten, der krank­haft fiktiven Gottesferne und »ausziehen in Freuden« …

Aber eins ist Bedingung, daß Gottes Wort wirklich Sein Wort sein und bleiben darf, daß es als solches kommen und helfen, mahnen und wirken kann – daß wir den Un­terschied gelten lassen zwischen Gott und uns, zwischen seinen Wegen und unseren Wegen, seinen Gedanken und unseren Gedanken. »Jesus Christus ist nicht der krönende Schlußstein im Gebäude unseres Denkens« (K. Barth) … Unsere Wege enden … nur bei einem solchen Gott, in dem wir uns selbst widerspiegeln. Unsere Gedanken, wenn wir sie als Himmelsleiter benutzen, führen immer nur zu den Höhen, die die Menschen überhaupt errei­chen, und zu den Bildern, die Menschen sich aus ihrem Geist heraus gemacht haben. Die Begegnung zwischen dem wirklichen Gott und dem wirklichen Menschen, die­ses allein ernsthafte, Leben und Tod mit sich bringende Geschehen, involviert das Nein zu allen »möglichen« Be­rührungspunkten. Wer dies Nein nicht gelten läßt, wer nicht begreifen will, daß Gott Gott ist, unerreichbar, ferne, souverän, frei in dem, wie er seinen Weg mit uns geht, frei darin, wie er seine Pläne und seinen Rat entwirft, wer die­sen Akt der Anerkennung, daß wir mit Gott, unserem Herrn, nicht rechten können, an der Schwelle zum Heilig­tum nicht vollzieht, der wird freilich den Himmel nie of­fen sehen und Gottes Wort nie als das Wort seines Herrn hören. Er bleibt blind und taub, gerade weil er nicht blind werden und nicht taub sein will. An ihm ist das Wort Got­tes verloren, sein Gott ist der Gott, der nicht mehr von sich aus redet, der ihm nicht mehr von ihm aus nahe kommt …

»Meine Wege sind nicht eure Wege …« Das muß erst einmal klar sein, anerkannt und begriffen sein, daß Ewig­keit nicht Zeit ist, daß das Bleibende nicht das Wandelba­re, das Wahre nicht das Irrende sein kann und daß es kei­nen Übergang gibt aus dem einen ins andere. Erst damit sind wir solche, an denen das Wort sein Werk tun kann. Das Wort – das hören wir hier – … deutet nicht das Sein, indem es seinen Sinn enthüllt, sondern es schafft, was es sagt. Glaube heißt nicht Gnosis [Erkenntnis], sondern Le­ben. Das Wort befruchtet, belebt, verwandelt das Seiende, indem es das, was nicht ist, das »Neue«, ins Dasein ruft …

Die bleibende Auszeichnung des Menschen durch das Wort ist nur einem widerfahren, Jesus von Nazareth. In ihm dann allen, die an ihn glauben. In ihm ist der Mensch erwählt zu neuem Leben und im Menschen die ganze Schöpfung. Darum der Jubel, der durch alle Kreatur geht, weil das Wort Gottes geschaffen hat, wozu es gesandt ist …

Entscheidend ist, daß das Volk Gottes auf diese Verhei­ßungen hin handelt. So wie das Wort Gottes nur in actu [handelnd] ist, was es ist, so können auch wir als vom Wort gerufene Menschen nur in actu das sein, was wir im Glau­ben sind. Indem wir vorangehen, weichen die Hindernis­se, nicht aber können wir warten, bis wir sehen, daß sie weichen. Denn es kommt nicht aufs Sehen an, sondern aufs Hören und darum nicht auf die Wirklichkeit, in der wir leben, sondern auf die Botschaft, von der wir in unse­rer Wirklichkeit leben.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 389.390.391. Wieder abgedruckt in: Christa Charlotte Lauther, Morgenröte der Verheißung. Texte zum Kirchenjahr von Hans Joachim Iwand, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1990, S. 67-69.

Hier der Text als pdf.

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