Helmut Gollwitzers Rede zur ersten Aktion „Brot für die Welt“ von 1959: „Wer den Notleidenden nur Evangelium bringt und nicht zugleich damit tätige Hilfe aus eigenem Opfer, der macht aus dem Evangelium fromme Sprüche und verschuldet, daß die anderen dann ebenfalls meinen, das Evangelium sei nichts anderes als ein frommer Schwindel im Interesse der Besitzenden.“

Rede zur ersten Aktion „Brot für die Welt“

Von Helmut Gollwitzer

Was heute Abend an uns geschehen soll — und wahrhaftig nicht nur heute Abend, sondern, ausgehend vom heutigen Abend, in der ganzen Aktion „Brot für die Welt“, die bis ins letzte Haus der letzten Gemeinde dringen soll, — ist eine Aufrüttelung, ein Herausgerütteltwerden aus der Trägheit des Herzens, aus jener törich­ten, kurzsichtigen und verantwortungslosen Trägheit, mit der wir genießen, was wir haben, ohne zu fragen, wie es um uns her aus­sieht. Wie ein Recht, das uns zusteht, genießen wir, was ein pures Glück ist, ein ganz unwahrscheinliches Glück. Wahrscheinlicher wäre gewesen, daß jeder von uns zu den zwei Dritteln der Mensch­heit gehört, die täglich mit dem Hunger kämpfen. Wir aber sitzen jetzt hier nach einem ausreichenden Abendessen, warm gekleidet, und werden nachher in einem warmen Bett oder mindestens doch unter warmen Decken auf einer Lagerpritsche mit einem festen Dach über uns schlafen. Alle diese Selbstverständlichkeiten waren uns vor 15 Jahren gar nicht so selbstverständlich, und sie sind heute für unzählige Menschen ein unvorstellbares und unerreich­bares Glück. Dieser Abend soll uns aus der Gedankenlosigkeit des Genusses dieser scheinbaren Selbstverständlichkeiten herausrütteln. Er appelliert an unser Erbarmen. Was wäre ein Mensch ohne Er­barmen — und was wäre ein Christ ohne Erbarmen? Viele von uns säßen nicht hier, wenn nicht vor 14 Jahren durch das amerikanische Volk eine Welle des Erbarmens mit den geschlagenen Deut­schen gegangen wäre, die uns zum Überleben geholfen hat. Was wäre ein Volk ohne Erbarmen? Es ist nicht gut, ein erbarmungs­loses Volk zu sein, — wir haben das erfahren. Darum können wir weder als Volk noch als Einzelne schwerhörig sein oder gar taub, wenn appelliert wird an unser Erbarmen.

Es geht aber nicht nur um unser Erbarmen, es geht um unser eigenes wohlverstandenes Interesse. Das heißt, sollte unser Erbar­men zu schwach, unser Herz zu hart sein, dann sollte wenigstens unsere Vernunft uns sagen: Wenn wir nicht rechtzeitig durchgrei­fende Hilfe schaffen, braut sich da ein Unheil zusammen, das sich über unseren eigenen Köpfen entladen wird. Wenn bei uns einige Menschen in Bunkern wohnen, so sind das noch vorhandene Reste des Nachkriegselends, die langsam, aber sicher abnehmen. Die welt­weite Not heute ist nicht ein Rest von früher, sondern das Produkt unserer Epoche, nicht etwas Abnehmendes, sondern etwas sprung­haft Zunehmendes. Es wird heute in der Welt viel mehr gehungert als vor 30 Jahren, und es wird in 10 Jahren noch mehr als heute gehungert werden, wenn nicht große Anstrengungen diese Entwick­lung abdrosseln. Die halben Fortschritte, die die europäische Zivi­lisation den Völkern Asiens, Afrikas und Südamerikas gebracht hat, die Hygiene, die Bekämpfung von Seuchen, die Verminderung der Geburtensterblichkeit, sind das Verderben je­ner Völker, solange sie nicht zu ganzen Fortschritten werden, solange nicht die ver­mehrt am Leben bleibenden Menschen auch Arbeitsplätze zum Brotverdienst erhalten, solange nicht die Produktion von Nahrungs­mitteln erhöht wird, solange dafür nicht genügendes Kapital, ein Stamm von Fachkräften und \ er änderte Lebenseinstellung ge­geben ist. Kommt die Änderung nicht rechtzeitig, dann ist alle Arbeit für Entspannung und Frieden umsonst, dann droht uns, der Minderheit von satten Völkern, aus dem angestauten Haß der Mehr­heit von hungernden Völkern Rache und Verderben. Wehe den Weißen! wird dann die Parole heißen, nachdem sie jahrhunderte­lang lautete: Wohl dem, der ein Weißer ist!

Es geht nicht darum, die Privilegien der weißen Völker zu er­halten. Genau sie müssen und werden fallen. Es geht darum, ob wir, die wir besser weggekommen sind, Zusammenleben können mit denen, die bisher schlechter weggekommen sind, zusammen auf diesem klein gewordenen Erdball, oder ob wir im Streit um unse­ren übergroßen Anteil am irdischen Besitz, im Streit um die 80 Prozent des heutigen Welteinkommens, die vorerst allein uns sat­ten Völkern zugute kommen, diese Welt und die menschliche Kul­tur der Vernichtung preisgeben. Was hat das aber mit der Kirche und dem Christentum zu tun? Der Mensch lebt doch nicht vom Brot allein, — ist die Kirche jetzt auch materialistisch geworden, daß auch sie mit schreit: „Brot für die Welt!“? Liebe Freunde, es geht nicht nur um Erbarmen und nicht nur um Vernunft, es geht um die Verantwortung für das Evangelium, in der jeder Christ steht. 80 Prozent des Welteinkommens kommen heute den weißen Völkern zugute, nur 20 Prozent den übrigen, — und diese weißen Völker sind zum größten Teil getaufte Christen. Das Christentum war ursprünglich eine Heilsbotschaft besonders für die Armen und Getretenen, dann aber änderte sich das; und als vor 100 Jahren die Industrialisierung das proletarische Elend brachte, da schien es, als sei das Christentum die Heilsbotschaft für die Besitzenden und der Kommunismus die Heilsbotschaft für die Habenichtse. Soll sich das jetzt im Weltmaßstab wiederholen, nachdem der Klassenkampf zwischen Besitzenden und Besitzlosen nun ebenfalls Weltmaßstab angenommen hat? Dabei geht es nicht in erster Linie darum, zu verhüten, daß jene Völker sich dem Kommunismus zuwenden, son­dern vor allem darum, daß wir dem Evangelium nicht weiter Schande bereiten. Unser Sattsein verschließt den Hungernden das Ohr für die Botschaft, die wir ihnen doch zu bringen haben. Nur Opfer von unserer Seite können diesen Riegel wegtun, diese Kluft überbrücken. Wer den Notleidenden nur Evangelium bringt und nicht zugleich damit tätige Hilfe aus eigenem Opfer, der macht aus dem Evangelium fromme Sprüche und verschuldet, daß die anderen dann ebenfalls meinen, das Evangelium sei nichts anderes als ein frommer Schwindel im Interesse der Besitzenden. Darum ist nötig, daß wir Christen in dieser Sache nicht nachhinken, son­dern vorangehen, nicht nur einen Anstandsgroschen dazu geben, sondern ganz hineinsteigen.

Es ist ja nicht so, daß nichts geschieht und erst die Kirche die anderen darauf aufmerksam machen muß. Es gibt das groß­artige Vier-Punkte-Programm der USA auf der einen Seite und die gewaltige Anstrengung der chinesischen Kommunisten und der indischen Regierung zur Meisterung der Not in ihren Ländern auf der anderen Seite. Aber das reicht nicht. Es geht nicht ohne einen jeden von uns. Erst wenn wir uns nicht mehr darauf verlassen, daß andere Instanzen das Problem schon lösen werden, erst dann, wenn wir es uns selber so auf den Nägeln brennen lassen, wie es als Welt­problem Nr. 1 brennen soll, bekommt die Sache die nötige Dyna­mik. Dann bildet sich eine öffentliche Meinung, die auf die Regie­rungen drückt, damit sie nicht weiterhin alle Anregungen zu einer durchgreifenden internationalen Aktion zu den Akten legen. 42 Mil­liarden jährlich wären dazu nötig, sagen die Sachverständigen, 15 Prozent dessen, was die Regierungen heute für eine Rüstung ausgeben, die uns alle mit dem Tode bedroht. Frage sich jeder selbst: Wirkt dein Beitrag zur öffentlichen Meinung dazu, daß sie die Regierungen zur Fortsetzung des Rüstungswahnsinns drängt oder zur internationalen Zusammenarbeit gegen den Hunger? Bestärkst du die Regierungen darin, das Weltproblem Nr. 1 im Gegensatz zwischen Ost und West zu sehen, oder darin, daß sie erkennen: das Weltproblem Nr. 1 ist die wachsende Kluft zwischen den satten und den hungrigen Völkern und die daraus entstehende Gefahr für die ganze Menschheit, die nur durch Zusammenarbeit bewäl­tigt werden kann?

Das ist eine häufige Methode, mit der Gott selbst uns zum Zu­sammenleben trotz unserer Gegensätze verhilft: Auf einmal stellt er uns in eine gemeinsame Not oder vor eine unausweichliche ge­meinsame Aufgabe. Wieviel auch sonst zwischen uns steht, — wir müssen gemeinsam anpacken, und damit entsteht die Hoffnung, daß unsere Gegensätze nicht unüberwindlich sind. Es gibt alte Gegensätze zwischen den Landeskirchen und den Freikirchen; es gibt erhebliche Richtungsverschiedenheiten in der evangelischen Kirche; die Unterschiede zwischen den Konfessionen zerreißen seit Jahrhunderten die Christenheit. Wenn aber Gott uns den armen Lazarus vor die Türe legt, dann gibt es keine Ausrede, dann müs­sen wir hinaus und Hand anlegen, und weil es keiner allein schafft, müssen wir zusammen Hand anlegen, — und dies als ist die Weise, wie Gott uns immer wieder zusammenbringt, — und zwar bis in die Weltpolitik hinein. Denn neben diesem Weltproblem Nr. 1 ist, wie Israels Ministerpräsident Ben Gurion gesagt hat, „der gegenwärtige Ost-West-Konflikt nichts als ein Übergangs­stadium“. Die gemeinsame Not und Aufgabe soll verhindern, daß unsere Gegensätze ins Mörderische ausarten. Darum müssen die Christen heute vorangehen in der Weitsichtigkeit und herausrufen aus der Kurzsichtigkeit, mit der wir uns gegeneinander verbeißen.

Was wir praktisch tun können, jeder Einzelne, das wird uns von denen gesagt werden, die die Aktion leiten. Nur einen Test möchte ich zum Schluß mir selbst und euch nennen: Wir haben nur dann etwas getan, wenn es uns wehgetan hat. Freiwilliges Fasten für die, die gezwungen so schrecklich fasten müssen, — dazu werden wir Satten heute herausgerüttelt.

Gehalten auf der Kundgebung der Evangelischen Kirche und der evangelischen Freikirchen „Brot für die Welt“ in der Deutschlandhalle, Berlin, 12. Dezember 1959.

Hier der Text als pdf.

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