Joachim Beckmann, Die Geschichte Gottes mit mir: „Unsere Lebensgeschichte ist Ge­schichte Gottes mit uns. Das ist die Erfahrung meines Lebens. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch sie machen kann, wenn er sich im Glauben dem Gott vertraut, der allein unserem Le­ben Richtung und Ziel geben wird, wenn wir es uns nur von ihm gefallen lassen.“

Die Geschichte Gottes mit mir

Von Joachim Beckmann

Ich wurde im Jahre 1901 in einem evangelischen Pfarrhaus des westfälischen Ruhrgebiets geboren. Meine Kindheit war sehr glücklich, denn meine Eltern begleiteten meinen Weg nicht nur mit Sorgfalt, sondern ließen mir auch Freiheit der Entwicklung eigenen Lebens. So wurde auch nicht über mei­nen künftigen Beruf entschieden, obwohl es in Pfarrhäusern verbreitet war, die Nachkommen zum Beruf in der Kirche zu veranlassen. Zwar schickte mich mein Vater auf ein humani­stisches Gymnasium, aber in der Überzeugung, daß diese Schule die beste Vorbereitung auf jeden akademischen Beruf sei. Und so fiel auch eine Entscheidung darüber, was ich ein­mal werden wollte, nicht so früh. Es gab bei mir viele Gedan­ken und Pläne, vom Chemiker bis zum Marineoffizier oder auch zum Studienrat, aber vom einem theologischen Beruf war bis in der Obersekunda noch nicht die Rede.

Das kam dann aber mit einem Mal sehr kräftig in mein Blickfeld, als auch in Eickel (Kr. Gelsenkirchen) während des Ersten Weltkrieges ein „Bibelkränzchen“ – so hieß dieser Ju­gendkreis damals zuerst, später nannte er sich „Bibelkreis un­ter Schülern höherer Lehranstalten“ – entstand, in dem sich zwar unter leitender Mitwirkung eines Pfarrers oder auch Re­ligionslehrers, aber doch in großer Selbständigkeit eine Ar­beitsgemeinschaft junger Menschen unter der Bibel entwickelte. Hier wurde die Bibel studiert, und diese „Bibelarbeit“ fand unser leidenschaftliches Interesse, mehr als der Reli­gionsunterricht oder die bisherige kirchliche Jugendarbeit. Hier fiel bei mir die erste Entscheidung in Richtung auf den Beruf eines Theologen, noch nicht eines Gemeindepfarrers, sondern eines „Erforschers der heiligen Schrift und der christ­lichen Lehre“. Aber der Gehalt dieser Erforschung war weni­ger eine theoretisch-rationale, sondern eine „existentielle“, das Leben in der wirklichen Welt betreffend, so etwas wie eine Geist und Herz bewegende und erfüllende Angelegen­heit, ja eine „geistliche Erweckung“, wie es unsere Väter und Vorfahren seit langem genannt hatten.

Der zweite wesentliche Anstoß auf meinem weiteren Weg geschah zum Ende des Ersten Weltkrieges, im Herbst 1918. Der für uns damals ganz plötzlich und völlig unbegreifliche Zusammenbruch Deutschlands im November 1918 er­schreckte und erschütterte uns tief. Alles brach zusammen, was wir für den Ausgang des Krieges mit Gewißheit erwartet hatten. Eine Niederlage Deutschlands konnte bis dahin gar nicht ins Auge gefaßt werden. Auch mein Elternhaus war „deutsch-national“, kaisertreu, monarchistisch und von der Unbesiegbarkeit der deutschen Armee überzeugt. Die tiefe Traurigkeit und Verzweiflung über Deutschland bewirkte bei mir eine endgültige Entscheidung für den Beruf eines Pfar­rers. Mein Volk bedurfte einer neuen Erweckung zu einem le­bendigen Christentum. Nur religiöse Erneuerung durch Ver­kündigung des Evangeliums und gläubige Bejahung der Füh­rung Gottes in der Tiefe der Not konnte Hilfe und Aufstieg bewirken. Ich war damals in den Primanerjahren im Watten­scheider Gymnasium, wo wir sehr gute Lehrer vor allem in den alten Sprachen hatten. Ich lernte als Wahlfach gleich He­bräisch, was für das Studium der Theologie unentbehrlich war. Die große Lebensentscheidung des Berufes war gefallen, und zwar gerade aufgrund tiefer Erschütterung über das Schicksal meines Volkes, ja ganz Europas und weit darüber hinaus.

Aber es blieb dabei: mein früher Anstoß im Bibelkreis brachte mich dazu, nicht nur Theologie, sondern auch Philo­sophie zu studieren. So ging ich nach Marburg und hörte Männer wie Rudolf Otto und Nicolai Hartmann, aber auch Jülicher. Ich wurde von der Philosophie der Neukantianismen begeistert, von der „historisch-kritischen Theologie“ natürlich auch, aber diese kritische Wissenschaft stellte mir vieles mei­ner christlichen Vergangenheit in Frage. Das wurde dann in mancher Hinsicht in Tübingen von Männern wie Adolf Schlatter und Karl Heim wieder ins Lot gebracht. Aber ich ging dann doch nach Münster 1921 mit der Absicht, zu mei­ner Klärung als Theologe vor allem Philosophie zu studieren und darin auch eine Doktor-Arbeit zu schreiben. So wurden meine letzten Semester Studien Immanuel Kants und der Neukantianer. Hier fand ich auch ein Thema: „Der Begriff der religiösen Erfahrung“ in der Philosophie eines zeitgenössi­schen Theologen (C. Stange in Göttingen), und so promo­vierte ich 1923 in Religionsphilosophie – im Grunde über die Frage der Wirklichkeit und der Wahrheit der Religion, die mich am stärksten bewegte.

Ich meldete mich bei meiner Kirchenleitung in Münster zum ersten theologischen Examen 1924. Aber vorher war et­was Entscheidendes geschehen. Ich hörte von der Theologie des aus der Schweiz (Safenwiel) nach Deutschland (Göttin­gen) gekommenen reformierten Theologen Karl Barth, der of­fensichtlich etwas ganz Neues und Überraschendes zu sagen hatte. Ich las seine ersten Veröffentlichungen, eine Pre­digtsammlung und eine Auslegung des Römerbriefes, und dies faszinierte mich derartig, daß ich mich entschloß, nach dem ersten theologischen Examen noch einmal zur Universi­tät, und zwar nach Göttingen zu gehen, um bei diesem Mann Theologie ganz neu zu studieren. Ich ließ mich vom Kirchen­dienst weiter beurlauben, und es gelang mir auch, in Göttin­gen eine gute Möglichkeit zur Arbeit zu bekommen, nämlich als theologischer Inspektor des reformierten Studienhauses. Zugleich nahm ich mir vor, zur Vertiefung meiner Studien eine Promotion in historischer Theologie zu schreiben, und wurde dazu von Professor Hirsch angenommen; denn da Karl Barth kein Ordinarius war, konnte ich bei ihm keine Pro­motionsschrift (zum lic. theol.) schreiben. Jetzt hörte ich Theologie noch einmal ganz neu und mit ganz großer Hin­gabe und Begeisterung. Barth las damals zum erstenmal seine Dogmatik, die ja dann sein Lebenswerk geworden ist. Was mich in dieser Vorlesung überzeugte, war Karl Barths Ver­ständnis der Bibel, seine Lehre vom Wort Gottes und sein Of­fenbarungsbegriff. Hier fand ich die Antwort auf meine Frage nach der Wahrheit der christlichen Religion. Unvergeßlich bleibt mir der erste Satz dieser Vorlesung: „Deus dixit – Gott hat geredet“ – das ist der Grund unseres Glaubens und unse­rer Theologie: Weil er geredet hat, können und sollen wir von ihm reden. Und wo hat Gott entscheidend und letztgültig ge­redet? In Jesus von Nazareth, der deswegen das eine Wort Gottes ist, das wir zu hören, zu predigen und zu glauben ha­ben. Hier wurden wir, die immer größer werdende Hörer­schar, auf einen Grund gewiesen und gestellt, der es uns mit neuer Gewißheit und Freudigkeit möglich machte, Zeugen Jesu Christi, Verkündiger des Evangeliums zu werden. Nicht Weitergabe einer christlichen Religion, sondern Übernahme der Offenbarungswahrheit in Christus für die Welt, für die Errettung der Menschheit durch Gottes versöhnendes Han­deln in seinem Sohn Jesus Christus, das war der Inhalt des Amtes, das ich zuerst in der Prima meines Gymnasiums be­gehrt hatte. Nun war es ganz neu und überraschend zu mir gekommen, und ich fand den Mut, ein Prediger und Pastor der Kirche zu werden. Einundeinhalbes Jahr blieb ich bei Karl Barth in Göttingen, schrieb auch meine Arbeit über Calvins Begriff des Sakramentes und fühlte mich theologisch und geistlich gefestigt und im Glauben gestärkt, daß ich mich dem kirchlichen Dienst zuwandte, freilich noch nicht direkt zum Gemeindepfarramt, sondern anderen Diensten, in denen ich Weiterarbeiten konnte, zumal ich mich 1926 mit 25 Jahren noch für ein wenig zu jung hielt, schon ein Gemeindepfarr­amt zu übernehmen.

Erst im Jahre 1933, kurz nach der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland, wurde ich Pastor einer Gemeinde auf­grund einer Berufung durch das Presbyterium der Evangeli- sehen Kirchengemeinde Düsseldorf im Herbst 1932, als ich in der kirchlichen Frauenarbeit in Soest stand. Und hier, gerade beim Beginn meiner Wirksamkeit als Pfarrer einer Gemeinde, kam es noch einmal zu einer großen Lebensentscheidung. Seit meinen Jugendzeiten hatte ich sehr entscheidend durch Karl Barths Theologie dazu gelernt, wie es mit dem Auftrag der Kirche, mit der Botschaft des Evangeliums im Blick auf Gesellschaft, Volk und Staat bestellt sei. So war es für mich 1933 eine klare und unwiderrufliche Entscheidung, kein Nationalsozialist oder „Deutscher Christ“ zu werden, sondern die Christenheit in Deutschland in dieser Stunde der Versu­chung zum Abfall von Christus zu warnen, zu Gott zu rufen und über den Weg der Wahrheit zu bezeugen: Daß es keinen andern Herrn der Kirche und der Christen gibt als Jesus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Ich wurde von der Auf­gabe des Kampfes gegen die Deutschen Christen mit ihrem Versuch, die Kirche dem Nationalsozialismus gleichzuschal­ten, ganz erfüllt und suchte einen Weg, die Kirche vor dem Verderben zu bewahren, das ihr drohte. Alles andere mußte diesem Ziel weichen. Ich war gewiß, es ist Gottes Ruf zum Gehorsam.

So kam es dazu, daß ich zu den Mitbegründern der Beken­nenden Kirche wurde. Der kleine Kreis im Jahre 1933 schien zwar in einer hoffnungslosen Lage zu sein, da die Begeiste­rung für Hitler und das Dritte Reich keine Grenzen hatte; aber die von wenigen Pastoren schon im Sommer 1933 in meinem Pfarrhaus in Düsseldorf begründete „rheinische Pfarrerbruderschaft“ war dennoch ihres Weges gewiß, daß Gott uns den Widerstand gegen die kirchliche Verwüstung durch eine religionspolitische Revolte aufgetragen hatte und wir gewiß sein durften, daß wir in diesem Kampf nicht unter­gehen würden, so schwer es auch sein würde.

Wie groß und unglaublich kühn das Wagnis war, das wir in der Gründung und Leitung der Bekennenden Kirche über­nommen hatten, das kam uns erst viel später zum Be­wußtsein. Es war im Dritten Reich eigentlich unmöglich, ir­gendwie Widerstand zu leisten – gegen eine terroristische Re­gierung und ein dieser Macht verfallenes Volk. Es ist trotz­dem gelungen, wenn auch in schwerer Bedrängnis und mit viel Verlusten und Niederlagen. Denn wir waren nicht im­stande, den Auftrag Gottes an uns, seine Kirche, so zu erfül­len, wie es nötig gewesen wäre. Erwähnt sei nur eins, worin wir fast völlig versagten: in der Stellung zu den Verfolgten, insonderheit der Juden. Andrerseits ist uns in den Jahren des „Kirchenkampfes“ von 1933 bis 1945 so unendlich viel Gro­ßes geschenkt worden, daß wir von tiefer Dankbarkeit erfüllt sind, wie wir ja auch in einer erstaunlichen Gewißheit der Notwendigkeit dieses unseres Weges und Kampfes für das Evangelium in Dankbarkeit bei allen Anfechtungen und Äng­sten mutig und überzeugt geblieben sind. Der Kampf mit den Mächtigen, vor allem der Gestapo, war erbitternd. Wir waren rechtlos und den Willkürakten des Staates ausgeliefert. So gab es schwere Zeiten – Gefangenschaft, Konzentrationsla­ger, Vertreibung aus Amt und Gemeinde, Redeverbot, Schreibverbot u. dergl. Ja, die Bekennende Kirche war seit 1938 durch Verordnung Himmlers zu einer verbotenen staatsfeindlichen Organisation abgestempelt. Was brach alles über uns herein! Und trotzdem: wir waren nie verzweifelt. Wir glaubten nie an die Fortdauer der NS-Herrschaft, wir blieben im Glauben an Gottes Zusage an seine Kirche und an sein Weltregiment auch über unserm armen geplagten und verwüsteten Volk. Das blieb auch im zweiten Weltkrieg. Ich weiß es von vielen Gesprächen in jenen Zeiten, daß es viele Christen und Pastoren gab, die ganz gewiß waren, daß das Ende des NS-Reiches unausweichlich vor der Tür stand. Frei­lich waren wir auch überzeugt, daß die Vernichtung des Drit­ten Reiches und der Sieg über Hitler und damit das Ende un­seres Kampfes und unserer Bedrängnisse nicht der Erfolg un­seres Widerstandes war, sondern die Barmherzigkeit und Ge­rechtigkeit Gottes, dem wir allein unser Vertrauen geschenkt hatten.

Die weiteren Entscheidungen in meinem Leben, deren be­sondere Wegmarken von den Jugendtagen des Bibelkreises über die Zeiten des Studiums der Theologie bis hin zur Mit­begründung und Mitleitung der Bekennenden Kirche wäh­rend des NS-Reiches von mir hier in Kürze angezeigt und er­innert worden sind, sind von mir immer gesehen und erkannt worden als Entscheidungen Gottes über mir – und waren nur so möglich und tragfähig. Unsere Lebensgeschichte ist Ge­schichte Gottes mit uns. Das ist die Erfahrung meines Lebens. Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch sie machen kann, wenn er sich im Glauben dem Gott vertraut, der allein unserem Le­ben Richtung und Ziel geben wird, wenn wir es uns nur von ihm gefallen lassen.

Quelle: Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entschei­dende Erfahrungen, Herderbücherei, Bd. 940, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 21-27.

Hier der Text als pdf.

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