Eberhard Jüngels Predigt über Genesis 32,23-32: „Wer so wie Israel in den Morgen hineinhinkt, liebe Gemeinde, der hat den Fluch hinter sich, der ist dem Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären, endgültig entronnen. Er geht zwar hin­kend, aber frei davon. Er hat Zukunft. Ja, wer so wie Israel in den Morgen hineinhinkt, dem geht die Sonne auf.“

Predigt über Genesis 32,23-32

Von Eberhard Jüngel

Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Kinder und zog an die Furt des Jabbok. Und er nahm sie, führte sie über den Fluss, und brachte alles hinüber, was sein war. Und blieb allein.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht überwältigen konnte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte. Und das Gelenk der Hüfte Jakobs verrenkte sich, als er mit ihm rang. Und jener sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn. Er sprach: wie heißest Du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Da fragte Jakob ihn und sprach: Sage doch, wie heißt Du? Er aber sprach: warum fragst Du, wie ich heiß? Und er segnete ihn daselbst.

Und Jakob nannte die Stätte Pniel; denn, er sprach, ich habe Gott gesehen von Angesicht zu Angesicht, und meine Seele wurde gesund. Und als er an Pniel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf. Und er hinkte an seiner Hüf­te.

Liebe Gemeinde!

Es muss ein unerhörter Sonnenaufgang gewesen sein – nach allem, was vorausgegangen war in jener langen, dunklen Nacht am Ufer des Jabbok. Als die Schrecken einer dämonischen Nacht zu weichen beginnen, als der Bann des Entsetzens sich zu lösen beginnt, erkennt ein Mensch, dass Gott im Spiele war, dass tief verborgen unter dunklen Mächten Gott selbst am Werke war. Bei der ersten Morgenröte entdeckt ein Mensch, dass er im Dunkel der Nacht mit Gott gerungen hat. Nicht nur mit seinen eigenen Problemen, nicht nur mit den Schatten seiner Vergangenheit, nicht nur mit seiner Angst vor der Zukunft! Mit all dem hat Jakob wohl auch gerungen. Vielmehr: von all dem war er nur zu sehr angefochten.

Es sind zunächst immer unsere eigenen Sorgen und Ängste, die unser Leben verfinstern. Und nur zu oft sind es selbsterzeugte, ja selbstver­schuldete Ängste und Sorgen, die uns überfallen – so wie gerade eben die atomare Wolke aus Tschernobyl über uns hergefallen ist. Sage niemand, dass ein höherer Sinn oder gar ein Gott darin verborgen ist! Gestehen wir uns vielmehr ein, dass mit dieser Wolke unser menschliches Versagen, nicht nur technisches, sondern eben auch politisches Versagen, dass da mit den bösen Strahlen unser menschlicher Hochmut und unsere menschliche Dummheit gemeinsam über uns hergefallen sind. Nein, solange das Schreckliche über uns herfällt und unser Leben zu verfinstern oder gar zu zerstören droht, ist es nicht Zeit, nach irgendeinem höheren oder tieferen Sinn zu suchen. Solange das Schreckliche unser Leben bedroht und ver­finstert, ist es Zeit sich zur Wehr zu setzen – so wie Jakob in jener Nacht am Jabbok sich zur Wehr gesetzt und mit der dunklen Macht, die ihn überfiel, gerungen hat.

Es muss schon hell werden, liebe Gemeinde, damit wir wie Jakob erkennen können, dass Gott es war, der uns in all unseren Ängsten, Zweifeln und Sorgen berührt und angefochten hat.

Die Geschichte von Jakobs Kampf am Jabbok ist eine Geschichte für Angefochtene. Sie ist auf ihre Weise eine alttestamentliche Seligpreisung. Denn sie preist einen Menschen selig, der verfolgt wird: nicht um seiner Gerechtigkeit, sondern um seiner Ungerechtigkeit willen. Unsere Ge­schichte preist einen Menschen selig, der von dunklen Mächten nicht wundersam geborgen, sondern überfallen und entsetzlich zugerichtet wird. Und der, – obwohl schon fast gelähmt, nicht locker lässt – bis er Gottes Gesicht, bis er hinter all den dunklen Mächten das wahre Gesicht des wahren Gottes erkennen darf. Unsere Geschichte preist alle diejenigen selig, die «in höchsten Nöten sein und wissen nicht mehr aus noch ein»: von den Nächsten allein gelassen, von allen guten Geistern verlassen und statt dessen von ausgesprochen bösen Geistern überfallen und gequält – und die doch auch in der dunkelsten Gottesfinsternis gerade auf den hoffen, der ihnen jetzt so schrecklich verborgen ist.

Wer solche Finsternis nicht kennt, liebe Gemeinde, wer die Anfechtung nicht kennt, der mag es sich jetzt bequem machen. Für ihn ist diese alttestamentliche Seligpreisung nicht geschrieben. Aber er denke daran, dass vielleicht schon unmittelbar neben ihm ein Bruder oder eine Schwe­ster sitzt, die das Entsetzliche kennen lernen mussten. Und die nur zu sehnsüchtig drauf warten, dass auch ihnen noch einmal die Sonne aufgeht. Man kann solchen Menschen wenig helfen. Aber man kann ihnen die Geschichte von Jakob am Jabbok erzählen.

Der erkannte, als es hell zu werden begann, dass auch in der schreck­lichsten Finsternis ein Gott verborgen sein kann: und dass dieser Gott mit sich reden lässt – mit sich reden lässt wie ein Mensch.

Die Stunde vor Sonnenaufgang, das war wohl nicht nur damals am Jabbok die Stunde der Gotteserkenntnis, die Stunde der Theologie sozu­sagen: derjenigen Theologie, die nicht Sache irgendwelcher Fachgelehr­ten ist, die noch vor Sonnenaufgang, gut ausgeschlafen, an den Schreibtisch eilen. Das hat auch seinen Wert, und zwar keinen geringen! Doch was sich damals am Ende jener Nacht am Jabbok ereignete, das war eine Art von Theologie, wie sie jedem angefochtenen Menschen, aber wohl auch nur einem angefochtenen Menschen möglich ist.

Es ist die Stunde des Anfangs. Noch wirft die Nacht ihre Schatten. Noch ist der Morgen im Zwielicht. Gotteserkenntnis, Theologie, auch die der großen Meister des Faches, beginnt immer im Zwielicht. Aber es ist nicht jenes Zwielicht einbrechender Abenddämmerung, bei dem die Eule der Minerva ihren Flug beginnt. Auch in diesem Zwielicht stellt sich Erkennt­nis ein, beginnt, was man früher einmal philosophische Erkenntnis genannt hat. Die malt ihr Grau in Grau bekanntlich, wenn eine Welt alt geworden ist. Und mit Grau in Grau – sagt Hegel – lässt sich die Welt nicht verjüngen. Das Zwielicht hingegen, in dem wahre Gotteserkenntnis ihren Sitz im Leben hat, ist das Zwielicht des beginnenden Morgens. Es hat die Nacht hinter sich: es geht dem Tag entgegen. Und was für einem Tag – nach solcher Nacht!

Als dem Mann Jakob an jenem Morgen die Sonne aufging, da brach sie nicht nur durch trübe Flussnebel hindurch, sondern da durchbrach sie Nebel von ganz anderer Art noch: drückende, niederdrückende Nebel, die sehr viel unheimlicher noch als die undurchdringlichsten Nebelschwaden einer Flusslandschaft über uns herfallen können – so undurchdringlich, so grau in grau, so trübe, dass alle Hoffnung schwindet.

Wer dergleichen einmal oder gar öfter erlebt hat, der weiß, wie wenig man selber dagegen machen kann. Wo anderen «alles klar» ist, ist ihm alles trübe. Hilflos und machtlos wie selten sind wir, wenn uns dergleichen unheimliche Nebel überfallen und niederdrücken. Aufhellung, hilfreiche Aufklärung, rettendes Licht kann da nur von anderer Seite kommen: von drüben, von jenseits des Nebels, von der Quelle des Lichts. Das freilich ist dann ein unvergleichlicher Sonnenaufgang. Wer ihn erlebt, dem geht mit der Sonne das Licht des Lebens auf.

Noch aber sind wir mit Jakob, dem Bruder Esaus, im Dunkel der Nacht allein. Noch beginnt sie erst, diese uralte und doch niemals veraltende Geschichte. Und sie beginnt als eine ausgesprochene Nacht- und Nebelge­schichte, ganz dazu angetan, nicht nur Kinder das Fürchten zu lehren. Das Dunkel der Nacht bedeckt nicht nur die Landschaft, sondern auch die Personen der Handlung und die Handlung selbst. Ja, aus der Geschichte mag entsetzliches Dunkel wohl auch auf uns zukommen, wenn wir wie Jakob einmal in aller Ehrlichkeit mit uns alleine sind. Haben wir noch den Mut zu solcher Einsamkeit, in der wir auf keine fremden Stimmen hören, in der wir weder anderen noch uns selbst etwas vormachen? Haben wir noch den Mut zu solcher Einsamkeit, in der wir Zeit für nichts haben, für nichts als die Stimme des eigenen Gewissens?

Und blieb allein. «Wie ein steinener Block, … an dem man nicht vorbeikommt», liegt dieser lapidare Satz am Anfang jener dunklen Geschichte, bemerkt ein gelehrter Ausleger. Frauen, Mägde, Kinder und Besitz sind an das andere Ufer hinübergebracht. Jakob hält inne. Vor vielen Jahren war er in umgekehrter Richtung ausgezogen, hinüber in das Ost­jordanland, in die Fremde – mit nichts als einem Stab in der Hand. Und nun ist er, einem Befehl seines Gottes folgend, im Begriffe heimzukehren. Und wie er heimkehrt! Aus dem armen Mann ist ein reicher geworden. Jetzt hat er Frauen – mehr als eine! –, Mägde, Knechte, Kinder und jede Menge Vieh. Ein sichtbar gesegneter, ein glücklicher Mensch – sollte man meinen.

Und in der Tat: gesegnet war der Mann. Doch auf welch’ zweifelhafte Weise! Er hatte selber gehörig nachgeholfen. Die Geschichte von Jakob und Esau ist bekannt. Es war ein erschlichener Segen, mit dem sich Jakob von seinem sterbenden Vater hatte segnen lassen. Es war ein erschliche­ner Segen, um den er Esau, den Erstgeborenen betrogen hatte, erneut betrogen hatte, nachdem er ihm bereits sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht abgehandelt hatte. Jakob hatte sich mit viel List am Recht seines Bruders und am Heiligen vergriffen, als er sich jenen Segen erschlich, der ihn dann nur allzu sichtbar begleitete. Aber eben, mit diesem nur allzu sichtbaren Segen wandert unsichtbar mit: die Schuld. Sie ist es, die ihn inmitten seiner Familie und inmitten seines Besitzes einsam macht. Wohin der Mann mit seinen Reichtümern auch kommt, diese dunkle Vergangen­heit begleitet ihn. Sie ist wie ein gespenstischer Schatten immer dabei. Mit Gott im Unreinen, mit dem Bruder entzweit – das ist die finstere Schat­tenseite jener so sichtbar gesegneten Existenz des Mannes am Jabbok.

Religion, liebe Gemeinde, hat wohl immer auch solche finsteren Seiten. Religion ist wohl immer auch der Versuch, sich auf Kosten anderer segnen und glücklich machen zu lassen. Wieviel erschlichener Segen begleitet auch die christlichen Kirchen – in ihrem Verhältnis zueinander, in ihrem Ver­hältnis zu Israel, in ihrem Verhältnis zu den Heiden und zu den Atheisten aller Zeiten! Erschlichener Segen – er ist, über die Jakobsgeschichte hinaus, ein krasses Symbol dafür, wie egoistisch unsere religiösen Bedürfnisse sein können, wie menschenfeindlich unsere Frömmigkeit und wie gottlos unser Verkehr mit Gott sein kann. Jakobs erschlichener Segen – er ist ein krasses Beispiel dafür, dass der religiöse Mensch seinen Bruder im Namen Gottes betrügen und dabei Gott selbst missbrauchen, schrecklich missbrauchen und entstellen kann.

Kein Wunder, dass es dann Stunden gibt, in denen wir Gott erfahren, als wäre er unser Feind. Irgendwann holt die dunkle Vergangenheit, die wir hinter uns zu haben meinen, die Gegenwart ein. Irgendwann bricht die finstere Seite der Frömmigkeit durch. Der Anlass mag harmlos sein – so harmlos, wie der Übergang von einem Flussufer zum anderen, der plötzlich deutlich macht, dass sich nicht alles so glücklich hinüberbringen lässt zu anderen, zu neuen Ufern wie in jener Nacht die Familie und der Besitz des auf so zweifelhafte Art gesegneten Jakob. Unbereinigte Vergangenheit lässt sich nicht unbegrenzt in Zukunft übersetzen, als wäre nichts geschehen.

Irgendwann überfallen uns jene Nebel, in denen die Zukunft trübe wird und in denen der Hauch von Ewigkeit, den wir in jeder neuen Zukunft zu spüren meinen, uns kalt und abweisend entgegenschlägt. Irgendwann spü­ren wir’s: «nach drüben ist die Aussicht uns verrannt». Und statt dessen überfällt es uns hier, mitten im Diesseits, stumm und dunkel und entsetz­lich: Da rang ein Mann mit ihm.

Jakob, allein mit sich und seiner Geschichte, wird bei Nacht und Nebel gestellt. Von wem – das bleibt dunkel. Das Schreckliche, das ihn da überfällt, redet nicht. Es bleibt stumm. Und ist gerade in seinem penetran­ten Schweigen entsetzlich. Jakob weiß nicht, wer oder was da über ihn gekommen ist. War es die Angst des eigenen Gewissens, mit der er da stundenlang ringen musste wie mit einem Mann: terror conscientiae – der moralische Terror des Gewissens? War es ein Flussdämon, der ihm den Übergang zum anderen Ufer verwehren will: terror numinis – der religiöse Terror des Dämonischen? War es ein Mann von Fleisch und Blut, war’s einer von den Leuten Esaus, der dem ungeliebten Bruder die Heimkehr unmöglich, für immer unmöglich machen soll: terror hominis – der gemei­ne Terror, mit dem der Mensch den Menschenbruder überfällt?

Der Erzähler lässt das zunächst aus gutem Grund im Dunkeln. Er weiß, dass zu unserem Leben auch das gehört, was nicht in der lichten Tagwelt zuhause ist und für das wir keinen treffenden Namen haben. Von Erin­nyen sprachen die Alten, vom steinernen Gast oder auch vom Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären. Man spürt, dass es da ist und kann’s doch nicht sehen, nicht beim Namen nennen, nicht identifizieren. «Wir werden», schreibt Nietzsche, «am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält». Und er denkt dabei durchaus auch an die verbiegende und quälende Macht der Religion. War es ein gemeiner, ein moralischer, ein religiöser, ein metaphysischer Überfall gar – damals am Jabbok? Jakob weiß es nicht. Er weiß nur, dass er sich wehren muss. Er schlägt zurück.

Er schlägt zurück – wie es unsere Art ist. Und nun wolle es bitte niemand missverstehen, liebe Gemeinde, wenn ich für diesen einen, aber auch wirklich nur für diesen einen unvergleichlichen Fall zu sagen wage: Gott sei Dank! Gott sei Dank schlägt er zurück. Gott sei Dank hat er den Mut und die Kraft, mit bloßen Fäusten auf das Unheimliche einzuschlagen. Wohl dem, der sich in einem solchen Fall zu wehren vermag! Denn was uns aus dem Dunkel heraus überfällt, lähmt nur zu leicht jede Lebens- und Wider­standskraft. Und wenn das, was auf so unheimliche Weise über uns kommt, auch noch mit der anklagenden Stimme des eigenen Gewissens im Bunde ist, wenn das Unheimliche, den Erinnyen gleich, uns auch noch mit dem Anspruch überfällt, gegen uns im Recht zu sein, wenn Religion und Moral mit ihrem Terror sich gegen uns verbünden, wenn alles Selbstvertrauen gebrochen werden soll, dann packt wohl auch den religiös und metaphy­sisch Ahnungslosen blankes Entsetzen. Wie schnell erstarrt man da!

Wohl dem, der sich dann noch wehren kann! Wohl dem, der statt für immer zu erstarren, mit seinem Schicksal zu ringen vermag – wie Jakob am Ufer des Jabbok.

Ist es das, liebe Gemeinde, was diese dunkle Nacht- und Nebelgeschich­te uns lehren will: «Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten, nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen, rufet die Arme der Götter herbei»? Ist es das?

Auf den ersten Blick sieht es so aus. Jakob ringt immerhin mit Erfolg um sein Leben. Die dunkle Macht, mit der er stumm und verbissen ringt, scheint seiner nicht Herr werden zu können. Selbst mit ausgerenkter Hüfte kämpft er weiter, wehrt er sich gegen den dunklen Feind, so gut er kann bis sich dieser, als der Morgen naht, stumm und unerkannt davon machen will. Was aus dem Dunkel kommt, scheut das Licht. Was aus dem Dunkel kommt, will auch ins Dunkel zurück.

Doch genau das weiß Jakob zu verhindern. Er hält, als wollte er nach soviel peinigendem Dunkel endlich Gewissheit haben, den Unbekannten fest. Vielmehr: er hält sich an ihm fest: «So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte»? Oh nein, liebe Gemeinde, hier geschieht mehr, hier geschieht etwas ganz anderes noch. Denn Jakob bringt die unheimliche Macht zum Reden. Indem er es nicht mehr los lässt, indem er sich an ihm festhält, bringt er das Fremde und ganz Andere dazu, mit ihm zu reden – so wie ein Mensch mit einem Menschen spricht. Doch was heißt da: Jakob bringt das ganze Andere zum reden!

Gott ist es ja, der das Wort nimmt! Gott ist es ja, der von sich aus zu reden beginnt! Und damit sind wir am Wendepunkt dieser bisher so dunklen Geschichte. Sie erhellt sich. Die Nebel fangen an zu weichen. Die Personen der Handlung bleiben einander nicht länger verborgen. Man entdeckt sich, von Angesicht zu Angesicht.

Nicht wahr, das ist schon unter uns ein großes Ereignis, liebe Gemeinde, wenn zwei Menschen einander entdecken, so entdecken, dass man sagen kann: sie haben sich erkannt von Angesicht zu Angesicht. In der Regel entdecken wir uns so ja gerade nicht. Wir sehen uns zwar. Doch was sieht man da schon! In der Regel – so erklärte vor einigen Tagen eine der großen Photographinnen Europas, eine Frau also, die sich auf Gesichter versteht – in der Regel tragen wir Masken. Wir «setzen ein Gesicht auf» – wie eine Maske. Und je mehr ein Mensch davon hat, je häufiger er sein Gesicht wechseln kann, desto sicherer fühlt er sich. Offensichtlich brauchen wir solche aufgesetzten Gesichter, um überleben zu können in einer Gesell­schaft, in der man eine Rolle spielen muss und in der jeder, der keine Rolle mehr spielt, Angst haben muss, sein Gesicht zu verlieren.

Jene Photographin erzählte dann noch, wie sie Staatsmänner und Künstler dennoch dazu gebracht hat, ihr natürliches, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Man muss, so sagte sie, mit ihnen reden. Man muss mit ihnen sprechen, dass sie Vertrauen gewinnen. Dann werden sie so, wie sie sind. Unser wahres Gesicht zeigen wir offensichtlich erst, wenn wir Vertrauen haben. Vielmehr: dann zeigt es sich ganz von selbst. Wenn wir einander vertrauen können, wenn wir uns einander anvertrauen – dann zeigen wir uns, wie wir sind: Von Angesicht zu Angesicht. Dann offenbart sich der Mensch dem Menschen. Dann kann man einander in die Augen blicken. Und wo das geschieht, da ist schon viel, da ist sehr viel gewonnen.

So etwa muss es wohl auch Jakob in seinem Kampf mit dem Unbekann­ten gegangen sein. Als aus dem stummen verbissenen Ringen am Jabbok ein Gespräch zu werden beginnt, da hat Jakob schon so gut wie gewonnen. Ja, liebe Gemeinde, es gibt Worte, die sind wie Morgenröte und Sonnen­aufgang. Als Jakob und der Andere miteinander zu reden begannen, da kündete sich die Morgenröte an. Nun ist das Licht des Tages im Steigen und die Finsternis im Sinken begriffen. Nun muss man nicht mehr mit bloßen Fäusten aufeinander einschlagen. Nun werden Worte gewechselt, erhellen­de Worte, die Vertrauen erzeugen. Die Masken fallen.

Und siehe: Jakob, der an Gott und seinem Bruder schuldig gewordene Mensch, entdeckt genau eben da, wo er aus gutem Grund einen übermäch­tigen Feind zu fürchten hat, einen Gott, der zu segnen, der selbst den schuldigen Menschen zu segnen vermag. Da wurde seine Seele gesund.

Das also ist es, was uns an dieser alten Geschichte aufgehen kann: Solange wir noch eines Wortes wert sind, solange hat das Leben noch eine Chance.

Solange Menschen noch miteinander reden, muss der Terror schweigen. Natürlich kann man Menschen auch mit Worten terrorisieren. Und wie! Aber solche Worte zerstören zugleich den Sinn menschlichen Redens. Sie sagen aus, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Redend präzisieren sie nur das tödliche Schweigen.

«Kommt, reden wir zusammen! Wer redet, ist nicht tot!» Die Auffor­derung des Dichters gilt dem Wortwechsel von Mensch zu Mensch. Doch ich sage Euch: sie gilt erst recht für unser Verhältnis zu Gott.

Solange uns Gott noch eines Wortes wert ist, vor allem aber: solange wir ihm, Gott, noch eines Wortes wert sind, ist unser Leben in guten, ist es in den besten Händen. Das ist in Wahrheit ein gesegneter Mensch, der sich von Gott anreden lässt, der mit Gott zu reden wagt – so wie Jakob am Jabbok. Das ist ein reicher Mensch, das ist in seiner ganzen geistlichen Verwahrlosung und in seiner ganzen moralischen Armut ein unendlich reicher Mensch, der so wie Jakob sich an Gott zu klammern wagt: Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.

Ein verwegenes Wort, gewiss: von religiöser Unverschämtheit kaum zu unterscheiden. Ein demütiges Wort frommer Bescheidenheit, mag man ein wenden, wäre wohl eher am Platze. Doch glaubt es mir, liebe Brüder und Schwestern: die verwegenen – und sei es denn: unverschämten – Worte sind Gott lieber. Sie bewegen etwas, nicht nur auf Erden, sondern auch im Himmel.

Anders als durch Verwegenheit war Glaube an Gott noch nie zu begrün­den. Und gibt es eine größere Verwegenheit, als inmitten all der religiösen und moralischen Finsternis dieser Welt, in der wir Gott als unseren Feind am Werke wähnen, mit demselben Gott zu reden wie mit einem Vater und Freund, von dem man etwas erwarten, von dem man Gutes erwarten kann: Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!

Jakob wurde gesegnet. Am Ende unserer Geschichte ist er, der sich einst den Segen seines irdischen Vaters auf so zweifelhafte Weise erschlichen hatte, erneut, vielmehr wirklich gesegnet. Denn nun ist er von seinem himmlischen Vater gesegnet. Man sieht nicht viel davon. Man sieht nur, dass Jakob hinkt. Aber der hinkende Jakob ist nun wirklich gesegnet. Er war es wohl bereits in dem Moment, als der zunächst so stumme Gott ihn beim Namen rief, bei seinem neuen Namen rief und ihm damit eine neue Identität zusprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Ein neuer Name! Eine neue Identität! Ein erwählter Mensch, Erzvater eines erwählten Volkes! Darin wird Gottes Handschrift offenbar.

Gewiss, Israel, der Gesegnete, wird hinkend seines Weges ziehen. Und eben damit sich selbst und alle Welt daran erinnern, dass er einst Jakob war, der mit seinem Bruder und mit Gott Verfeindete. Israel wird hinkend seine Wege gehen und eben damit sich selbst und alle Welt daran erinnern, dass der Segen Gottes einen Fluch überwinden musste.

Doch wer so wie Israel in den Morgen hineinhinkt, liebe Gemeinde, der hat den Fluch hinter sich, der ist dem Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären, endgültig entronnen. Er geht zwar hin­kend, aber frei davon. Er hat Zukunft. Ja, wer so wie Israel in den Morgen hineinhinkt, dem geht die Sonne auf. Und ihm entsteht aus trüben, undurchdringlichen Nebeln eine verjüngte Welt: taufrisch, so frisch, dass man die klaren Profile und leuchtenden Farben des Schöpfungsmorgens zu erkennen meint.

Und wir beginnen zu ahnen, dass es einen Sonnenaufgang gibt, dem keine Finsternis mehr folgt. Amen.

Lasset uns beten:

Allmächtiger Gott, lieber himmlischer Vater! Dein heiliger Geist macht uns Mut, Dich anzurufen: um Dich zu loben, wenn Du uns froh und dankbar machst; um nach Dir zu schreien, wenn uns elend und erbärmlich ist; und wenn andere Menschen in Not sind, um für sie zu bitten. Wir bitten Dich für alle Hungernden; für alle Verfolgten; für alle Unterdrückten und ihrer Freiheit Beraubten; für alle, die Schuld auf sich geladen haben; für die Kranken und Sterbenden; Wir bitten Dich für unsere und unserer Kinder Zukunft: um Gesundheit der Luft, Fruchtbarkeit der Erde und friedliche Zeiten. Vor allem aber gib uns allezeit die Kraft, Dir zu vertrauen und auch dann mit Dir zu reden, wenn Du uns auf unheimliche und schreckliche Weise verborgen bist. Wir lassen Dich nicht, Du segnest uns denn. Herr, erbarme Dich unser! Christe, erbarme Dich unser! Herr, erbarme Dich unser! Amen.

Gehalten am 11. Mai 1986 im Münster zu Basel.

Quelle: Theologische Zeitung 42 (1986), Heft 4, S. 352-360.

Hier die Predigt als pdf.

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