Martin Luthers zweite Invokavitpredigt am Montag, 10. März 1522: „Predigen will ich’s, sagen will ich’s, schreiben will ich’s. Aber zwingen, mit Gewalt dringen will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden.“

Martin Luthers zweite Invokavitpredigt am Montag, 10. März 1522

Liebe Freunde, ihr habt gestern gehört die Hauptstücke eines christlichen Menschen, wie das ganze Leben und Wesen sei Glauben und Lieben. Der Glaube ist gegen Gott gerichtet, die Liebe gegen den Menschen und Näch­sten mit Wohltun, wie wir sie empfangen haben von Gott ohne unser Verdienst und Werk. Also sind zwei Dinge da: das eine, das Nötigste, das so geschehen muß und nicht anders; das andere, das da frei ist und nicht notwendig, daran man sich halten kann oder nicht, ohne Gefahr des Glaubens und der Hölle. In diesen zwei Dingen muß die Liebe mit dem Nächsten handeln, wie uns von Gott geschehen ist, und muß so die rechte Straße gehen, weder zu der Unken noch zu der rechten Seite abfallen. In den Dingen, die da sein müssen und nötig sind, nämlich an Christus glauben, handelt die Liebe dennoch so, daß sie nicht zwingt oder zu streng verfährt. So ist die Messe ein böses Ding und Gott ist ihr feind, wenn sie so geschieht, als wäre sie ein Opfer und verdienstliches Werk. Deshalb muß sie abgeschafft werden, da ist keine Frage oder Zwei­fel, so wenig du fragen sollst, ob Gott anzubeten sei. Hierin sind wir der Sache nach ganz einig, daß die Privat­messen abgeschafft werden müssen. Davon habe ich auch geschrieben und wollte, daß sie in der ganzen Welt abge­schafft wären und überall die allgemeine evangelische Messe gehalten würde.[1]

Dennoch soll die Liebe hierbei nicht zu streng verfah­ren und mit Gewalt wegreißen. Aber predigen soll man’s und verkündigen und schreiben, daß die Messe, in dieser Weise gehalten, sündlich ist. Doch soll man niemanden an den Haaren davonziehen oder -reißen; denn Gott soll man’s anheimgeben und sein Wort allein wirken lassen, nicht unser Zutun und Werk. Warum? Weil ich in mei­ner Gewalt oder Hand die Herzen der Menschen nicht habe, wie der Töpfer den Ton, mit ihnen nach meinem Gefallen zu schaffen. Ich kann nicht weiter kommen als zu den Ohren, ins Herz kann ich nicht kommen. Weil ich denn den Glauben nicht ins Herz gießen kann, so kann und soll ich niemanden dazu zwingen oder dringen; denn Gott tut das alleine und macht, daß das Wort im Herzen lebt. Darum soll man das Wort frei lassen und nicht unser Werk dazu tun. Wir haben zwar das Recht des Wortes, aber nicht Ausführungsgewalt. Das Wort sollen wir pre­digen, aber die Folge soll allein in Gottes Gefallen sein.

Wenn ich nun dreinfahre und wollte es auf Gewalt anlegen, so gibt es viele, die darauf eingehen müssen und nicht wissen, wie sie damit dran sind, ob es recht oder unrecht sei. Sie sprechen: Ich weiß nicht, ob es recht oder unrecht ist, weiß nicht, wie ich daran sei; ich habe der Allgemeinheit und der Gewalt folgen müssen. So wird dann aus dem Zwang oder Gebot ein reines Spiegelfech­ten, ein äußerlich Wesen, ein Affenspiel; so wird ein menschliches Gesetz draus, Scheinheilige oder Gleisner, denn das Herz ist nicht dabei. Da gebe ich dann überhaupt nichts drauf. Zuerst muß man der Leute Herz fangen; das geschieht aber, wenn ich Gottes Wort allein treibe, das Evangelium predige und sage: Liebe Herren oder Pfarrer, tretet ab von der Messe, es ist nicht recht, ihr sündigt damit, das will ich euch gesagt haben. Aber macht ihnen kein Gesetz, dringt auch nicht auf eine allgemeine Ord­nung. Wer da folgen wollte, der folge, wer da nicht wollte, bleibe draußen. Derweil fiele das Wort tief in das Herz und wirkte. So wird der eine gleich gefangen und gibt sich schuldig, geht hin und fällt ab von der Messe; morgen kommt ein anderer. So wirkt Gott mit seinem Wort mehr, als wenn du und ich alle Gewalt auf einen Haufen brächten. Wenn du also das Herz hast, dann hast du ihn erst gewonnen. So muß dann das Ding zuletzt von selbst zerfallen und aufhören, und wenn danach alle Ge­müter und Sinne zusammenstimmten und vereinigt wür­den, so schaffe man dann die Messe ab. Wo aller Gemüt und Herz nicht dabei ist, da laß Gott walten, darum bitte ich dich; du machst nichts Gutes. Nicht, daß ich die Messe wieder einrichten wollte, sondern laß sie hegen in Gottes Namen. Der Glaube will nicht gefangen noch gebunden sein, nicht durch Ordnungen an ein Werk gefesselt sein. Danach richte dich, denn ihr werdet solches nicht ausfüh­ren, das weiß ich. Würdet ihr’s aber mit solchen allgemei­nen Geboten ausführen, dann will ich alles, was ich ge­schrieben und gepredigt habe, widerrufen. Ich will auch nicht bei euch stehen und will euch deshalb gesagt haben: Was kann dir’s schaden, hast du doch deinen Glauben rein und stark zu Gott, so daß dir das Ding, die Messe, nicht schaden kann.

Darum erfordert es die Liebe, daß du Mitleid hast mit dem Schwachen. So haben’s alle Apostel getan: Paulus, als er einstmals nach Athen kam, Apostelgeschichte 17, in eine mächtige Stadt, da fand er im Tempel gebaute, alte Altäre. Da ging er von einem zum andern und besah sie alle, aber er rührte keinen auch nur mit einem Fuß an, sondern trat mitten auf den Platz und sagte, daß es lauter abgöttische Dinge wären, bat sie, sie sollten davon lassen, riß aber keinen von ihnen mit Gewalt ab. Als das Wort ihre Herzen faßte, da fielen sie selber ab, danach zerfiel die Sache von selbst. Ebenso: Wenn ich gesehen hätte, daß sie Messe gehalten hätten, dann hätte ich predigen und sie vermahnen wol­len. Hätten sie sich daran gekehrt, so hätte ich sie gewon­nen, wenn aber nicht, so hätte ich sie dennoch nicht an den Haaren und mit Gewalt davon weggerissen, sondern das Wort handeln lassen und für sie gebetet. Denn das Wort hat Himmel und Erde geschaffen und alle Dinge, das muß es tun und nicht wir armen Sünder.

Summa summarum: Predigen will ich’s, sagen will ich’s, schreiben will ich’s. Aber zwingen, mit Gewalt dringen will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden. Nehmt ein Beispiel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegengetre­ten, aber mit keiner Gewalt; ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wit­tenbergisch Bier mit meinem Philipp Melanchthon und mit Amsdorf getrunken habe, soviel getan, daß das Papst­tum so schwach geworden ist, daß ihm noch nie ein Fürst oder Kaiser soviel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles bewirkt und ausgerichtet. Wenn ich mit Ungestüm hätte daherfahren wollen, würde ich Deutschland in ein großes Blutvergießen ge­bracht haben, ja, ich würde wohl zu Worms ein Spiel angerichtet haben, daß der Kaiser nicht sicher gewesen wäre. Aber was wäre es? Ein Narrenspiel wäre es gewe­sen. Ich habe nichts gemacht, ich habe das Wort handeln lassen.

Was meint ihr wohl, daß der Teufel denkt, wenn man die Sache mit Gewalt, Rumor ausrichten will? Er sitzt hinten in der Hölle und denkt: O, wie werden nun die Narren so ein feines Spiel machen! Aber dann geschieht ihm Leid, wenn wir allein das Wort treiben und das allein wirken lassen: Das ist allmächtig, das nimmt die Herzen gefangen, und wenn die gefangen sind, dann muß die Sache danach von selbst zerfallen. Ein klares Beispiel: Es waren vorzeiten auch Sekten unter den Juden- und Heidenchristen um des Gesetzes Moses willen, der Be­schneidung halber: Jene wollten es halten, diese nicht. Da kam Paulus, predigte, man könne es halten oder nicht, denn daran wäre nichts gelegen, und man solle auch kein »Müssen« daraus machen, sondern es frei lassen, man halte es oder nicht, das wäre ohne Gefahr. So ging’s bis zu der Zeit des Hieronymus, der kam und wollte ein »Müssen« draus machen und eine Ordnung und Satzung: Man sollte es abschaffen. Da kam St. Augustin und war der Meinung des Paulus, man könne es halten oder nicht. St. Hieronymus war wohl hundert Meilen von der Meinung des Paulus entfernt. Da stießen die zwei Doktoren gar hart mit den Köpfen zusammen. Als nun St. Augustin starb, da brachte es St. Hieronymus dahin, daß man es abschaffen müß­te. Danach kamen die Päpste; die wollten auch etwas dazu tun und machten auch Gesetze. Da wuchsen aus der Abschaffung des einen Gesetzes tausenderlei Gesetze, so daß sie uns ganz mit Gesetzen überschüttet haben. So wird es hier auch zugehen: Das eine Gesetz macht bald zwei, zwei machen drei usw.

Das ist jetzt genug von den Dingen, die da nötig sind. Laßt uns zusehen, daß wir nicht die schwachen Gewissen verfuhren.

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 277-281.


[1] Privatmessen konnte der Priester ohne anwesende Gemeinde als »Opfer« halten; sie waren als Stiftungen für gute Zwecke eine bedeutende Einnahmequelle.

Hier die Predigt als pdf.

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