Martin Luthers erste Invokavitpredigt am Sonntag Invokavit, 9. März 1522: „Wir sind allesamt zu dem Tod gefordert, und keiner wird für den andern sterben, sondern jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen. In die Ohren können wir wohl schreien, aber ein jeder muß für sich selbst geschickt sein in der Zeit des Todes.“

Martin Luthers erste Invokavitpredigt am Sonntag Invokavit, 9. März 1522

Wir sind allesamt zu dem Tod gefordert, und keiner wird für den andern sterben, sondern jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen. In die Ohren können wir wohl schreien, aber ein jeder muß für sich selbst geschickt sein in der Zeit des Todes: Ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir. Hierin muß jedermann die Haupt­stücke, die einen Christen angehen, genau wissen und gerüstet sein. Das sind die Stücke, die ihr Lieben vor vielen Tagen von mir gehört habt.

Zum ersten müssen wir wissen, wie sehr wir Kinder des Zornes sind und alle unsere Werke, Sinne und Gedanken gar nichts. Dafür müssen wir einen klaren, starken Spruch haben, der solches anzeigt, so merk dir gut den Spruch des Paulus an die Epheser 2,3 – denn obwohl viele solche in der Bibel sind, will ich euch nicht mit vielen Sprüchen überschütten –: »Wir sind alle Kinder des Zornes.« Und nimm dir nicht vor, zu sprechen: Ich hab einen Altar gebaut, Messen gestiftet usw.

Zum zweiten müssen wir wissen, daß uns Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, damit wir an ihn glau­ben; und wer ihm vertrauen wird, soll von Sünde frei sein und ein Kind Gottes. Wie Johannes in seinem ersten Kapitel sagt: »Er hat ihnen Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden, allen denen, die an seinen Namen glauben.« (1,12) Hier sollten wir alle in der Bibel recht geschickt sein und mit vielen Sprüchen gerüstet, sie dem Teufel vorzu­halten. In diesen zwei Stücken spüre ich noch keinen Fehler oder Mangel, sondern sie sind euch aufs reinste gepredigt, und es wäre mir leid, wenn’s anders geschehen wäre. Ja, ich sehe gut und darf es sagen, daß ihr gelehrter seid, als ich es bin; nicht nur einer, zwei, drei, vier von euch, sondern wohl zehn oder mehr, die so erleuchtet sind in der Erkenntnis.

Zum dritten müssen wir auch die Liebe haben und durch die Liebe untereinander tun, wie Gott uns getan hat durch den Glauben. Ohne diese Liebe ist der Glaube nicht. So sagt St. Paulus 1.Korinther 13,1: »Wenn ich gleich Engelszungen hätte und könnte aufs allerbeste vom Glau­ben reden und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Hierin, hebe Freunde, hat’s da nicht sehr gefehlt? Ich spüre in keinem die Liebe und merke sehr gut, daß ihr Gott nicht dankbar gewesen seid für seinen reichen Schatz, seine Gabe.

Hier laßt uns zusehen, daß aus Wittenberg nicht Kaper­naum werde (Matth. 11,23). Ich sehe gut, daß ihr viel von der Lehre zu reden versteht, die euch gepredigt, von dem Glauben und der Liebe. Das ist kein Wunder: Wenn schon fast ein Esel den Bibeltext singen kann, wie solltet ihr dann nicht die Lehre oder Worte reden oder lehren? Aber, liebe Freunde, das Reich Gottes, das wir sind, besteht nicht in der Rede oder in Worten, sondern in der Tätigkeit, das heißt in der Tat, in den Werken und in Übungen. Gott will nicht Zuhörer oder Nachredner ha­ben, sondern Nachfolger und Ausübende, und das im Glauben durch die Liebe. Denn der Glaube ohne die Liebe genügt nicht, ja ist kein Glaube, sondern ein Schein­glaube, wie ein Angesicht, im Spiegel besehen, kein wahrhaftiges Angesicht ist, sondern nur ein Schein des Angesichts (Jak. 1,23).

Zum vierten ist uns auch nötig die Geduld. Denn wer den Glauben hat, Gott vertraut und seinem Nächsten die Liebe erweist, in der er sich täglich übt, der kann ja nicht ohne Verfolgungen sein, denn der Teufel schläft nicht, sondern macht ihm genug zu schaffen; aber die Geduld bewirkt und bringt die Hoffnung, welche sich frei ergibt und sich zu Gott aufschwingt. So nimmt durch viel An­fechtung und Anstöße der Glaube immer zu und wird von Tag zu Tage gestärkt. Ein solches Herz, mit Tu­genden begnadet, kann nimmer ruhen oder sich zurück­halten, sondern gießt sich wiederum aus zum Nutzen und Wohltun für die Brüder, wie’s ihm selbst von Gott ge­schehen ist.

Hierbei, liebe Freunde, soll nicht jeder tun, wozu er Recht hätte, sondern soll sehen, was seinem Bruder nütz­lich und förderlich ist, wie Paulus sagt: »Alle Dinge mö­gen wir wohl tun, aber alle Dinge sind nicht förderlich« (1.Kor. 6,12), weil wir nicht alle gleich stark sind im Glauben; denn einige unter euch haben einen stärkeren Glauben als ich. Darum sollen wir nicht auf uns oder unsere Kraft sehen, sondern unsers Nächsten Kraft anse­hen. Denn Gott hat durch Moses gesprochen: »Ich habe dich getragen und aufgezogen, wie eine Mutter ihrem Kinde tut.« (5.Mose 1,31) Was tut die Mutter ihrem Kinde?

Zuerst gibt sie ihm Milch, danach einen Brei, danach Eier und weiche Speise, um es erst daran zu gewöhnen. Gäbe sie aber gleich harte Speise, so würde aus dem Kinde nichts Gutes. Eben­so sollen wir auch unserm Bruder tun, Geduld mit ihm üben eine Zeitlang, seine Schwachheit erdulden und tragen helfen, ihm auch Milchspeise geben, wie’s uns geschehen ist, bis er auch stark werde. Wir sollen nicht allein zum Himmel fahren, sondern unsre Brüder, die jetzt nicht unsre Freunde sind, mitbringen. Würden alle Mütter ihre Kinder wegwerfen, wo wären wir geblie­ben? Lieber Bruder, wenn du genug gesäugt bist, schneide ja nicht zu schnell die Zitzen ab, sondern laß deinen Bruder auch saugen, wie du gesogen hast. Ich hätte es nicht so weit getrieben, wie es geschehen ist, wäre ich hier gewesen. Die Sache ist ja gut, aber das Eilen ist zu schnell, denn auf jener Seite sind auch noch Brüder und Schwe­stern, die zu uns gehören, die müssen auch noch herzu.

Merke ein Gleichnis: Die Sonne hat zwei Dinge, den Glanz und die Hitze. Es ist kein König so stark, daß er den Lichtglanz der Sonne biegen oder lenken könnte, der vielmehr in seiner Stellung fest bleibt. Aber die Hitze läßt sich lenken und biegen und ist überall um die Sonne. Ebenso muß der Glaube allezeit ganz unbeweglich in unsern Herzen bleiben, und wir dürfen nicht von ihm weichen, während die Liebe sich beugt und sich lenkt, so daß sie unsern Nächsten begreifen und ihm folgen kann. Es gibt einige, die können schnell rennen, andere können gut laufen, andere kaum kriechen. Darum müssen wir nicht unsere Kraft, sondern die unseres Bruders betrach­ten, damit der im Glauben Schwache, wenn er dem Starken folgen wollte, nicht vom Teufel zerrissen werde. Darum, liebe Brüder, folget mir, ich hab es ja noch nie verdorben. Ich bin auch der erste gewesen, den Gott auf diesen Kampfplatz gesetzt hat. Ich kann ja nicht weglau­fen, sondern muß so lange bleiben, wie es Gott zuläßt. Ich bin auch der gewesen, dem es Gott zuerst offenbart hat, euch solche seine Worte zu predigen. Ich bin auch gewiß, daß ihr das lautere Wort Gottes habt.

Darum laßt uns das mit Furcht und Demut verhandeln und einer dem andern zu Füßen liegen, einander die Hände reichen, einer dem andern helfen. Ich will das Meine tun, wie ich schuldig bin, und liebe euch, wie ich meine Seele liebe; denn wir streiten nicht gegen den Papst oder Bischöfe usw., sondern gegen den Teufel. Denkt ihr, daß er schlafe? Er schläft nicht, sondern er sieht das wahre Licht aufgehen. Das darf ihm nicht gerade ins Auge leuchten; daher wollte er ihm gerne seitwärts beikom­men, und er wird es tun, wenn wir nicht achtgeben. Ich kenne ihn gewiß; ich hoffe auch, wenn Gott will, bin ich Herr über ihn. Geben wir ihm einen Fußbreit nach, mö­gen wir sehen, wie wir ihn loswerden. Deshalb haben alle diejenigen sich geirrt, die dazu geholfen und eingewilligt haben, die Messe abzuschaffen, nicht weil es nicht gut gewesen wäre, sondern weil es nicht ordentlich getan wurde. Du sprichst: Es ist richtig nach der Schrift. Das bekenne ich auch, aber wo bleibt die Ordnung? Es ist doch in einem Frevel geschehen, ohne alle Ordnung, zum Ärger des Nächsten. Wenn man zuvor mit ganzem Ernst darum gebetet hätte und die Obrigkeit dazu genommen wäre, dann wüßte man, daß es aus Gott geschehen wäre.[1] Ich wollte es wohl auch angefangen haben, wenn es gut gewesen wäre, und wenn es nicht eine so böse Sache mit der Messe wäre, würde ich sie wieder einführen, denn ich weiß die Abschaffung nicht zu verteidigen. Das will ich euch geradezu gesagt haben. Denn vor den Papisten und groben Köpfen könnt ich’s wohl tun. Dann wollte ich sprechen: Was weißt du davon, ob es in einem guten oder bösen Geist geschehen ist, zumal das Werk, Abschaffung der Messe, an und für sich gut ist. Aber vor dem Teufel kann ich’s nicht versuchen. Denn wenn der Teufel denen, die das Spiel angefangen haben, im Sterben diese Sprüche oder dergleichen vorhalten würde: »Alle Pflanzen, die mein Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen« (Matth. 15,13), oder: »Sie liefen, aber ich habe sie nicht gesandt« (Jer. 23,21), wie wollten sie bestehen? Er stößt sie in die Hölle. Aber ich will ihm dabei wohl einen Spieß vor die Nase halten, daß ihm auch die Welt zu eng werden soll; denn ich weiß ja, daß ich von dem Rat der Stadt zum Predigen berufen bin, obwohl ich mich ge­wehrt habe. So wollt ich euch auch gerne haben wie mich; ihr hättet mich dazu auch fragen können.

Ich bin ja nicht so ferne gewesen, ihr hättet mich mit Briefen erreichen können. Denn das wäre nicht das un­wichtigste Stück gewesen, das ich hergeschickt hätte. Wolltet ihr aber etwas anfangen, das ich dann verantwor­ten sollte – das wäre mir zu schwer, ich werde es nicht tun. Hierbei merkt man, daß ihr den Geist nicht habt, obwohl ihr eine hohe Erkenntnis der Schrift habt. Merkt auf die beiden Stücke: »müssen sein« und »frei sein«. Denn was »sein muß« ist das, was die Notwendigkeit fordert und unbeweglich bestehen muß, wie der Glaube; den laß ich mir nicht nehmen, sondern muß ihn allezeit in mei­nem Herzen haben und vor jedermann frei bekennen. »Frei sein« aber ist das, worin ich Freiheit habe und es gebrauchen oder lassen kann, doch so, daß mein Bruder dabei den Nutzen habe und nicht ich. Nun macht mir nicht aus dem »frei sein« ein »muß sein«, wie ihr’s getan habt, damit ihr nicht vor denjenigen, die ihr durch eure lieblose Freiheit verleitet habt, Rechenschaft geben müßt. Denn wenn du jemanden dazu reiztest, am Freitag Fleisch zu essen, und er im Sterben angefochten würde und so dächte: »Wehe mir, weil ich Fleisch gegessen habe und nicht bestehen kann«, für den wird Gott von dir Rechen­schaft fordern.

Ich wollte auch wohl viele Dinge anfangen, darin mir wenige folgen würden. Was hülfe es aber? Denn ich weiß, daß diejenigen, die solches angefangen haben, dann, wenn es zum Treffen käme, nicht bestehen könnten und die ersten wären, die zurücktreten würden. Wie würde es sein, wenn ich die Menge auf den Kampfplatz brächte und ich vor dem Tod fliehen wollte, nicht fröhlich auf ihn warten, – der ich der erste gewesen bin und die andern angeführt habe –: Wie würde der arme Haufen verführt werden. Deshalb laßt uns den andern auch so lange Milchspeise geben, wie es uns geschehen ist, bis auch sie im Glauben stark werden. Denn es sind noch viele, die uns sonst zufielen und gern diese Dinge auch mithaben und annehmen wollten, doch konnten sie es nicht gut begrei­fen. Diese treiben wir zurück. Darum laßt uns unsern Nächsten Liebe erzeigen: Werden wir das nicht tun, dann wird unser Tun nicht bestehen. Wir müssen doch auch eine Zeitlang mit ihnen Geduld haben und den nicht verwerfen, der noch schwach ist im Glauben; wieviel mehr etwas tun oder lassen, wenn es die Liebe erfordert und das uns nicht in unserm Glauben schadet. Werden wir Gott nicht ernstlich bitten und uns recht in die Sache schicken, dann sieht es mir so aus, daß all der Jammer, der zwischen den Papisten und uns angefangen hat, über uns kommen werde. Deshalb habe ich nicht länger können Fernbleiben, sondern habe herkommen müssen, euch sol­ches zu sagen.

Das ist genug von der Messe, morgen wollen wir von den Bildern reden.


[1] Der Kurfürst hatte Meßänderungen verboten. Hier ist wohl an die zum Schutz der Kirche verpflichtete Reichs­regierung gedacht.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s