Karl Barth, Ein Brief nach Frankreich (1939): „Der am Kreuz gestorben ist, ist auch für Hitler gestorben und erst recht für alle die verwirrten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig unter seinen Fahnen stehen. Aber eben weil die Kirche weiß um die Rechtfertigung, die wir Menschen uns selber mit keinem Mittel verschaffen können, kann sie im Großen und im Kleinen nicht gleichgültig, nicht „neutral“ sein, wo nach dem Recht gefragt, wo versucht wird, ein bißchen dürftiges menschliches Recht aufzurichten gegen das überströmende, das schreiende Unrecht.“

Ein Brief nach Frankreich, 1939

Von Karl Barth

Basel, im Dezember 1939.

Mein lieber Pfarrer Westphal!

Sie schreiben mir, daß drei Viertel der französischen Theologen, mit denen ich im Januar dieses Jahres in Bièvres zusammensein und arbeiten durfte, heute im Felde oder sonst im militärischen Dienste Ihres Landes stehen. Und Sie laden mich ein, ihnen und meinen andern Freun­den in Frankreich durch „Foi et Vie“ einen Gruß zu schicken. Ich tue das sehr gerne, indem ich Ihnen einiges von dem mitteile, was mich heute im Gedanken an Sie alle bewegt.

Es ist hier in Basel dafür gesorgt, daß wir den Krieg nicht aus den Augen verlieren können. Wenige Kilometer von hier beginnen rechts die deutschen, links die französischen Befestigungen. Die Flieger von beiden Seiten vergessen leider manchmal, daß sie in der Luft über unsern Köpfen nichts zu suchen haben. Es ist auch schon vorgekommen, daß ganz unerwünschte Gegenstände von dorther auf unsern Boden gefallen sind. Und mitten auf unsern Straßen starren die Barrikaden und Drahtverhaue unsrer eigenen Verteidigung für den Fall noch schlimmerer Bedrohung. Dies sind die Umstände, unter denen ich gegenwärtig die ruhigen Geheimnisse der christlichen Dogmatik – zurzeit die Prädestinationslehre! – auszulegen habe.

Aber was ist das neben den Fragen und Sorgen, mit denen heute Sie beschäftigt sind: Sie persönlich, Ihre Familien, Ihre Gemeinden und mit Ihnen die ganze reformierte Kirche Ihres Lan­des! Sie dürfen versichert sein, daß die Aufregungen und Entbehrungen, die Opfer und die Versuchungen, die die Ereignisse Ihnen gebracht haben und noch bringen können, auch mir und vielen andern in unserm vorläufig „neutralen“ Bereich gegenwärtig sind und daß wir wissen um die christliche Teilnahme, die wir Ihnen und allen Betrübten und Angefochtenen in den kriegführenden Ländern schuldig sind: sie ist Ihnen von ganzem Herzen zugewendet. [109]

Sie werden es ja uns Schweizern nicht falsch auslegen, liebe Freunde, daß wir tatsächlich vorläufig (in militärischer Hinsicht) einen „neutralen“ Bereich bilden. Es kann und darf im Augenblick nicht anders sein. Die Ursachen des gegenwärtigen Krieges liegen in den internationalen Entscheidungen von 1919, an welchen unser Land nicht beteiligt war, und es ist die Ordnung der großen europäischen Angelegenheiten auch seither (wie schon vorher) ohne unsre Mitwirkung zustande gekommen. Die Schweiz würde sich derselben politischen Willkür schuldig machen, die heute in ihre Schranken gewiesen werden muß, wenn sie sich mutwillig, unter Mißachtung ihrer eigenen, immer wieder abgegebenen Erklärung, militärisch an diesem Krieg beteiligen würde, ohne daß sie von außen dazu genötigt ist. Unsre Pflicht dem europäischen Ganzen gegenüber besteht vorläufig darin, das Stück europäischer Ordnung, das in Gestalt unsrer militärischen Neutralität nun eben uns anvertraut ist, als solches aufrechtzuerhalten. Und Sie werden mir recht geben, wenn ich sage, daß es für alle Völker und nicht zuletzt für die Kirche Jesu Christi in allen Völkern notwendig und gut ist, wenn es so lange als möglich auch solche Orte gibt, von denen aus die Gemeinschaft mit den Menschen und Christen hüben und drüben in einiger Ruhe aufrechterhalten werden kann. Ein solcher Ort ist vorläufig die Schweiz. In diesem Sinn verstanden, müssen wir unsre „Neutralität“ vorläufig für geboten halten. Sie bedeutet nicht, daß wir an dem Geschehen unsrer Zeit unbeteiligt, sondern daß wir in unsrer besonderen Weise daran beteiligt sind. Sie bedeutet die besondere Form unsrer europäischen Verantwortlichkeit. Es dürfte wenig Schweizer geben, die unsre „Neutralität“ anders als so verstehen. So und nur so möchte ich sie jedenfalls für meine Person verstanden wissen.

Das kann ja keine Frage sein, daß dieser Krieg für uns alle, die Kriegführenden und die „Neutralen“, ein sehr besonderer Krieg ist, daß er ein ganz anderes Gesicht hat als etwa der von 1914 und als die allermeisten Kriege der letzten Jahrhunderte überhaupt. Frankreich und England haben nach langem – nach vielleicht zu langem, aber in Anbetracht der Schrecklichkeit dieser ultimo ratio doch wohlbegründetem Zögern zu den Waffen gegriffen, um der Willkür des von der gegenwärtigen deutschen Regierung proklamierten und in steigender Rücksichtslosigkeit [110] angewendeten Faustrechtes ein Ende zu machen. Der Hitlersche Nationalsozialismus ist, nachdem er Deutschland selbst zu einer einzigen Stätte des Terrors und der Angst gemacht, in zunehmendem Maß zu einer Bedrohung von ganz Europa geworden. Diese Bedrohung hat zu einem Erwachen geführt. Es gibt in der Sünde und Schande des Lebens aller Völker durch Gottes Güte einen Rest von Ordnung und Recht, von freier Menschlichkeit und vor allem und als Sinn von allem andern: von Freiheit zur Verkündigung des Evangeliums. Wo Hitler regiert, da ist es auch um diesen Rest getan. Hitler wollte aber nicht nur in Deutschland regieren. Als das so klar wurde, daß es auch die Blinden sahen, da kam es zum Krieg. „Il faut en finir!“ hat Ihr Ministerpräsident in entscheidender Stunde gesagt, und sein englischer Kollege hat das Wort wiederholt. Man darf es ruhig der Verantwortung dieser Staatsmänner überlassen, wie tief die Absicht ihres Entschlusses begründet ist oder auch nicht ist. Sicher ist, daß auch und gerade jeder Christ, der die letzten Jahre mit offenen Augen und Ohren miterlebt hat, zu diesem „Il faut en finir!“ seinerseits Ja und Amen sagen muß. Gewiß hatten und haben Frankreich und England auch ihre sehr imperialistischen Gründe zu diesem Krieg. Das ändert aber nichts daran, daß es vor Gott und den Menschen nicht zu verantworten wäre, wenn der Versuch, mit dieser Sache, mit der Hitlerschen Bedrohung, Schluß zu machen, nicht unternommen würde. Der Krieg war schließlich das einzige Mittel, das zu diesem Zwecke übrig blieb. Frankreich und England mußten ihn unternehmen, weil die Verantwortung für die seit 1919 entstandenen europäischen Verhältnisse – weil die Verantwortung auch dafür, daß Hitler möglich wurde – entscheidend bei ihnen liegt. Aber nun sie ihn unternommen haben, kann man nicht gut leugnen, daß es in diesem Krieg nicht nur um die Sache Frankreichs und Englands, sondern auch um die aller andern Völker – zuletzt sogar um die Sache des deutschen Volkes selber geht. Das ist das Besondere dieses Krieges, daß er aus einer tödlichen Gefährdung aller entstanden ist und zum Schutze aller geführt werden muß. Auch wir „Neutralen“ sind insofern gar nicht neutral, als wir sehr genau wissen, daß die Anstrengungen und Opfer dieses Krieges auch um deswillen nötig sind, was uns zum Leben unentbehrlicher ist als das Leben selber. Unsre französischen und [111] englischen, aber auch unsre deutschen Freunde sollen es ruhig hören, daß wir denen dankbar sind, die es entsprechend ihrer geschichtlichen Stellung und Verantwortlichkeit übernommen haben, diesen Krieg gegen Hitler zu führen.

Die Kirche Jesu Christi kann und will nicht Krieg führen. Sie kann und will nur beten, glauben, hoffen, lieben, das Evangelium verkündigen und hören. Sie weiß, daß das Ereignis, durch das uns armen Menschen wirklich, ewig und göttlich geholfen ist, nach Sach. 4,6 nicht durch Heeresmacht und Gewalt und überhaupt durch keine menschliche Anstrengung und Leistung geschehen ist, geschieht und geschehen wird, sondern durch Gottes Geist. Sie wird also in der Sache Englands und Frankreichs nicht die causa Dei sehen, und sie wird gegen Hitler nicht den Kreuzzug predigen. Der am Kreuz gestorben ist, ist auch für Hitler gestorben und erst recht für alle die verwirrten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig unter seinen Fahnen stehen. Aber eben weil die Kirche weiß um die Rechtfertigung, die wir Menschen uns selber mit keinem Mittel verschaffen können, kann sie im Großen und im Kleinen nicht gleichgültig, nicht „neutral“ sein, wo nach dem Recht gefragt, wo versucht wird, ein bißchen dürftiges menschliches Recht aufzurichten gegen das überströmende, das schreiende Unrecht. Wo es darum geht, da kann die Kirche ihr Zeugnis nicht verweigern: daß es Gottes Gebot ist, daß das geschehe auf Erden, daß Gott eben dazu die Obrigkeit eingesetzt und ihr das Schwert gegeben hat, und daß die Obrigkeit, die das Recht zu schützen versucht, trotz aller Fehler, derer sie sonst schuldig sein mag, sich eben damit als rechte Obrigkeit legitimiert und von jedermann Gehorsam in Anspruch nehmen darf. Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten. Sie sollen heute in aller Bußfertigkeit und Nüchternheit um einen gerechten Frieden beten und in derselben Bußfertigkeit und Nüchternheit allem Volke bezeugen, daß es nötig und der Mühe wert ist, für diesen gerechten Frieden zu streiten und zu leiden. Sie sollen den Völkern der demokratischen Staaten wahrhaftig nicht einreden, daß sie so etwas wie Gottesstreiter seien: sie sollen ihnen aber sagen, daß wir um Gottes willen menschlich sein [112] dürfen und gegen den Einbruch der offenen Unmenschlichkeit mit der Kraft der Verzweiflung uns wehren müssen. Die Kirchen sind es auch den Christen in Deutschland und dem ganzen deutschen Volke schuldig, ihm zu bezeugen: Eure Sache ist nicht gut! Ihr irrt euch! Laßt von diesem Hitler! Hände weg von diesem Krieg, der ganz allein sein Krieg ist! Kehrt um, solange es noch Zeit ist! Warum sind die Vertreter und Organe der ökumenischen Kirchenbewegung in allen diesen Jahren und noch während der fatalen Entwicklung des letzten Sommers und Herbstes so diplomatisch stumm geblieben, als ob es kein prophetisches Amt Jesu Christi und als ob es keinen Wächterdienst der Kirche gäbe? Warum hörte und hört man jetzt nicht ganz selten Stimmen eines eschatologischen Defaitismus, der sich angesichts der Wahrheit, daß die ganze Welt im Argen liegt, fast schadenfroh damit beschäftigt, festzustellen, daß die heute gegen Hitler stehen, ihrerseits auch keine Heiligen sind? Eben die Erkenntnis, daß Gott allein heilig ist, wird uns aus der Pflicht des heute zu leistenden Widerstandes schwerlich entlassen, im Gegenteil! Die Kirche wird in allen Ländern viel zu trösten haben in den dunklen Zeiten, in die wir allem Anschein nach hineingehen. Sie wird aber nur dann wirklich zu trösten vermögen, wenn sie jetzt ohne Haß und Pharisäismus und ohne alle Illusionen über die Güte irgendwelcher Menschen auch mahnen, wenn sie jetzt ernst und offen sagen will, daß Widerstand heute notwendig ist.

Gerade die Kirche Jesu Christi wird ja dann auch das andere ebenso deutlich wissen und sagen: daß das Letzte im Kriege – und gerade in diesem Kriege – nicht der Krieg sein kann, daß er (einer schmerzlichen, aber sinnvollen Operation vergleichbar) nur um des Helfens und Heilens und Lebens willen geführt werden kann. Die Zeit kann sehr bald kommen, wo es in allen Ländern dringend notwendig sein wird, diese Seite der Sache in den Vordergrund zu rücken. Liebe französische Freunde, Sie wissen, wie sehr ich mit Deutschland, mit seiner Kirche und mit seinem Volke verbunden bin, und Sie werden es mir nicht verargen, wenn ich Sie bitte, sich selbst und Ihre Gemeinden schon jetzt mit der Frage zu beschäftigen, was geschehen soll, wenn das Unglück, in das Deutschland sich selber gestürzt hat, in seiner nach menschlichem Ermessen kaum vermeidlichen Niederlage an [113] den Tag kommen wird. Man hat am Anfang dieses Krieges die Parole ausgegeben, daß er sich nicht gegen das deutsche Volk, sondern nur gegen seine gegenwärtige Regierung richte. Die Formel war wohl bei aller Schönheit zu einfach. Aber die neue Parole: daß jedes Volk die Regierung habe, die es verdiene, und daß das deutsche Volk als solches für die Taten seiner Regierung haftbar gemacht werden müsse, ist wieder zu einfach. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Das deutsche Volk ist kein böses Volk: nicht böser jedenfalls als alle andern Völker auch, und die Vorstellung, daß man es heute als solches bestrafen müsse, wäre, christlich und menschlich betrachtet, gleich unmöglich. Es ist aber der Hitlersche Nationalsozialismus der allerdings böse Ausdruck der ungewöhnlichen politischen Torheit, Verworrenheit und Hilflosigkeit des deutschen Volkes. Lassen Sie mich die Ursachen und das Wesen dieser Tatsache, so wie ich sie verstehe, nur eben andeuten: Das französische und das englische, das holländische und das schweizerische Volk sind gewiß auch keine „christlichen“ Völker. Es leidet aber das deutsche Volk an der Erbschaft eines besonders tiefsinnigen und gerade darum besonders wilden, unweisen, lebensunkundigen Heidentums. Und es leidet an der Erbschaft des größten christlichen Deutschen: an dem Irrtum Martin Luthers hinsichtlich des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium, von weltlicher und geistlicher Ordnung und Macht, durch den sein natürliches Heidentum nicht sowohl begrenzt und beschränkt als vielmehr ideologisch verklärt, bestätigt und bestärkt worden ist. Alle Völker haben solche Erbschaften aus dem Heidentum und aus gewissen ihr Heidentum bestärkenden christlichen Irrtümern. Alle Völker haben infolgedessen ihre bösen Träume. Der Hitlerismus ist der gegenwärtige böse Traum des erst in der lutherischen Form christianisierten deutschen Heiden. Er ist ein besonders böser, für die Deutschen selbst und für uns andern alle besonders lebensgefährlicher Traum. Er hat den Träumenden abgesehen von der Pein, die er ihm selbst bereitet, zu einer europäischen Drohung gemacht. Er muß jetzt zunächst ungefährlich gemacht werden. Die ihn jetzt zum Kriegsgegner haben und alle, denen er noch dazu werden könnte, müssen aber, wenn sie selbst christlich und nicht heidnisch denken wollen, vor Augen haben, daß sie es in diesem Kriegsgegner mit einem kranken Mann zu tun haben. Es wird [114] gerade nachher – und man kann schon heute nicht genug an das „nachher“ denken – nötig sein, mit ihm umzugehen, wie man eben mit einem Kranken umgeht. Sehr feste, aber auch sehr barmherzige Hände werden dann nötig sein. Es wird freilich nötig sein, weitere Entwicklungen auf der fatalen Linie von Friedrich dem Großen über Bismarck zu Hitler physisch unmöglich zu machen. Es wird aber noch nötiger sein, dem deutschen Volk ein Stück von der politischen Weisheit sichtbar zu machen, die ihm selber jetzt noch so fremd ist, d. h. aber: ihm solche Lebensbedingungen zu verschaffen, die es daran verhindern müssen, jenen bösen Traum in irgendeiner neuen Form weiterzuträumen. Ihm muß der Wahn, als ob es sich nur durch Terror den andern gegenüber helfen könne, dadurch genommen werden, daß diese andern sich unter allen Umständen entschlossen zeigen, seinen wirklichen, durch seine geographische Lage bestimmten Bedürfnissen gerecht zu werden. Es braucht nicht die Freiheit zu dem, was Bismarck und Hitler aus ihm machen wollten. Es braucht aber die Freiheit, von seiner Arbeit leben zu dürfen. Man kann nicht sagen, daß ihm 1919 und von 1919 bis 1933 diese Freiheit gewährt worden ist. Und damit ist man an der Entstehung des Hitlerismus mitschuldig geworden. Nachdem ich die Zeit der Ruhrbesetzung mitten in Deutschland selbst miterlebt habe, weiß ich, was ich sage. Der kommende Friede wird vielleicht politisch und militärisch härter sein müssen als der von Versailles. Er wird aber, wenn nicht wieder alles umsonst gewesen sein soll, weiser und gerechter, d. h. vor allem: fürsorglicher sein, er wird darauf bedacht sein müssen, den Menschen des großen und von Natur so benachteiligten mitteleuropäischen Raumes in einer Weise an den Lebensmöglichkeiten der besser situierten andern Völker teilnehmen zu lassen, die es ihm erlaubt, auf ein Weitergehen auf jener fatalen Linie zu verzichten und seine besonderen Gaben, an deren Reichtum und Bedeutsamkeit ja niemand zweifeln kann, so zu entfalten, daß sie ihm selbst und den andern Völkern zum Segen und nicht immer wieder zum Fluch werden. Es war gefährlich, daß man Hitler so lange „eine Chance geben“ wollte. Es wäre aber noch viel gefährlicher, wenn man nach dem Kriege nicht bereit wäre, dem deutschen Volke eine ehrliche Chance zu geben. Der Fehler von 1919 bis 1933 darf nicht wiederholt werden. Die jetzige Abwehr [115] der deutschen Bedrohung würde sonst zum vornherein sinnlos sein. Die deutsche Bedrohung wäre sonst auch physisch durch keine politisch-militärische Abwehr unmöglich zu machen. Dies ist es, was man sich auch in Frankreich heute schon sehr klar machen sollte.

Aber nicht wahr, liebe Freunde, es wäre sehr unchristlich und darum auch sehr unklug, wenn wir alle diese Erwägungen anstellen würden, ohne uns schließlich auch dies offen einzugestehen, daß der Mensch denkt – und der Mensch soll denken! –, Gott allein aber lenkt. Wir können und sollen wohl unsre Verantwortlichkeiten – unsre politischen und, wo es gefordert ist, auch unsre militärischen Verantwortlichkeiten – übernehmen und wahren. Es liegt aber nicht in unsrer Hand, zu bestimmen, was dabei herauskommen wird. Und wir würden uns auf keinen Fall wundern und beklagen dürfen, wenn alles ganz anders herauskommen sollte, als es uns jetzt als Hoffnung und Absicht, als unser Plan und Wille vor Augen steht. Der Ausgang dieses Krieges dürfte nicht einmal nach menschlichem Ermessen mit schlechthinniger Sicherheit vorherzusagen sein. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Deutschland ein gewaltiger Gegner ist. Denken Sie dabei nicht nur an seine militärische Leistungsfähigkeit, sondern vielleicht noch mehr an die fast unübersehbare Leidensfähigkeit des deutschen Volkes, in der sowohl seine natürliche wie seine lutherische Erbschaft eine ihrer schönsten Seiten hat. Und irgendwo hinter Deutschland stehen die großen Rätsel Rußland und doch auch Italien, die sich noch immer so oder so lösen können. Wir müßten aber als Christen, auch wenn nach menschlichem Ermessen alles hundertprozentig gewiß wäre, daran denken, daß es auch „Wunder des Antichrist“ gibt: schlechterdings unerwartete und erstaunliche Leistungen des „Tiers aus dem Abgrund“, die zuzulassen Gott seine Gründe hat und die, wenn sie eintreten, alle noch so begründeten Überlegungen nicht nur des „vernünftigen“ Teils der Menschheit, sondern auch die der Kirche und der Christen zunächst zunichte machen können. Wir wissen nicht, ob der Hitlerismus – vieles in seiner bisherigen Entwicklung könnte wohl darauf hinweisen – nicht eines solchen Wunders fähig ist, ob zu dem so erfreulich entschlossenen Il faut en finir! nicht doch noch ein Fragezeichen gesetzt wird, ob es den Völkern Europas nicht vielleicht doch bestimmt [116] ist, diesem Feind vergeblich zu widerstehen und schließlich unter dem Regiment der ausgesprochenen Lüge ein Leben ohne Würde führen zu müssen, wie es das Leben der Menschen und Christen in Deutschland heute schon geworden ist. Wir wehren uns gegen diese Bedrohung. Aber wir würden nicht murren dürfen, wenn sie allem, was wir wollen, zum Trotz nun dennoch Ereignis werden sollte. Es muß uns klar sein, daß wir dann empfangen würden, was unsre Taten wert sind. Es war ja der Gebrauch, den wir alle von jener Gottesgabe eines Restes von freier Menschlichkeit, von demokratischem Recht, und vor allem von der Freiheit des Evangeliums gemacht haben, kein solcher, daß Gott es uns schuldig wäre, uns vor dem Untergang zu bewahren. Es kann nur seine Gnade sein, wenn wir davor bewahrt werden. Sind wir bereit, seine Gnade vielleicht auch darin erkennen zu müssen, daß er uns nicht davor bewahrt? Sind wir bereit für eine Situation, in der das wehrlose Bekenntnis zu Jesus Christus das einzige wäre, was uns übrig bliebe? Sind wir bereit, auch dann und so unserm Gott treu und seiner froh zu sein und nur noch darin unsre Würde zu haben? An der Beantwortung dieser Frage hängt es, ob wir jetzt dazu legitimiert sind, uns zur Wehr zu setzen, ob wir dabei ein gutes Gewissen haben und Gott von Herzen um seinen Beistand bitten dürfen. Wir müssen bereit sein dafür, daß Gott uns bei eben dem Werk, das wir jetzt im Gehorsam gegen sein Gebot tun müssen, mit seinem Il faut en finir! in den Weg treten und uns wieder mit seinem Gebot ganz anders führen wollen könnte. Wir müssen bereit sein, uns auch dann und dann erst recht, entschlossen zu neuem Gehorsam, an ihn zu halten. Dann, wenn es in dieser Bereitschaft getan ist, ist das Werk unsres Widerstandes ein gutes Werk. Dann und nur dann kann es freudig und zuversichtlich getan werden. Wir dürfen und müssen wissen, daß Gott so oder so regieren wird und daß er keine Fehler macht.

Wenn dieser Brief Sie erreicht, liebe Freunde, wird es bald Weihnacht sein. Und dann werden wir uns mit der ganzen armen und doch so reichen Christenheit und mit allen Engeln des Himmels freuen dürfen über die Gegenwart und über die ewige Königsherrschaft dessen, der ganz und der unter allen Umständen unsre Rettung und unsre Seligkeit ist. Als Volk, [117] das im Finstern wandert, sehen wir ein großes Licht. Daß wir – ein jeder an seinem Ort – wachen, im Glauben stehen, männlich und stark sein sollen und dürfen, das sei der Gruß, mit dem wir uns zu dieser Weihnacht grüßen wollen.

Ihr Karl Barth.

Quelle: Karl Barth, Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, Zollikon-Zürich: EVZ 1945, 108-117.

Hier der Brief als pdf.

1 Kommentar

  1. Die Kirche ist eine Institution
    (geführt von Menschen,
    die nicht ohne Sündenlast sind)

    den Bösen und den Guten
    gilt die unteilbare Menschenwürde

    wichtig ist
    zu prüfen was die linke Hand will
    (der unbewussten Vorbereitung
    zur Ausführung einer bösen Tat)

    mit der rechten Hand
    (der Versuch täglich das bessere zu wagen)
    in Demut dem Leben zu dienen

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