Martin Luther über Gottes Führung in seiner Auslegung von Psalm 32,8: „Nicht das Werk, das du dir erwählest, nicht das Leiden, das du dir erdenkest, sondern das, welches dir wider dein Erwählen, Denken, Begierden zukommt, da folge. Da rufe ich, da sei Schüler, da ist es Zeit. Dein Meister ist da gekommen.“

Über Gottes Führung. Auslegung zu Psalm 32,8

Von Martin Luther

8. Ich will dir Verstand geben und dir den Weg weisen, den du wandeln sollst,

auf den ich dich haben will. Du bittest, ich solle dich erlösen. Lass dir’s nicht leid sein. Lehre du mich nicht, lehre dich auch nicht, überlass dich mir. Ich will dir Meisters genug sein. Ich will dich den Weg führen, darauf du mir wohlgefällig wandelst. Dich dünkt, es sei verkehrt, wenn es nicht geht, wie du denkest. Dein Denken ist dir schädlich und hindert mich. Es muss nicht nach deinem Verstand gehen, sondern über deinen Verstand hinaus. Senke dich in Unverstand, so gebe ich dir meinen Verstand. Unverstand ist der rechte Verstand. Nicht wissen, wohin du gehest, das ist recht wissen, wohin du gehest. Mein Verstand macht dich ganz unverständig. So ging Abraham aus seinem Vaterland und wusste nicht, wohin (1.Mose 12). Er ergab sich in mein Wissen und ließ sein Wissen fahren und ist den rechten Weg an das rechte Ende gekommen. Siehe, das ist der Weg des Kreuzes. Den kannst du nicht finden, sondern ich muss dich führen wie einen Blinden. Darum sollst nicht du, nicht ein Mensch, nicht eine Kreatur (dich unterweisen), sondern ich, ich selbst will dir durch meinen Geist und Wort den Weg weisen, darauf du wandeln sollst. Nicht das Werk, das du dir erwählest, nicht das Leiden, das du dir erdenkest, sondern das, welches dir wider dein Erwählen, Denken, Begierden zukommt, da folge. Da rufe ich, da sei Schüler, da ist es Zeit. Dein Meister ist da gekommen. Da sei nicht ein Pferd oder unvernünftiges Tier. Folgst du mir und verlässt dich (auf mich), siehe alsdann:

Ich will dich mit meinen Augen leiten,

will dich nicht lassen, du sollst nicht versinken, ich will dein nicht vergessen. Deine Augen sollen zu sein über dich, dieweil meine Augen offen sind über dich. Hast du nicht gelesen: »die Augen Gottes sind offen über die Frommen« (Ps. 34,16). Und der Berg Moria heißt »der Herr siehet« (1.Mose 22,14), ohne Zweifel, weil ich alleine es sehen soll, gleich wie ich allda Abraham versah, darinnen er sich gar nichts versah. Das ist in Kürze nicht anders als: einen rechten einfältigen Glauben und festes Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung will Gott von uns haben. Darum wird mit diesen Worten »Glaube«, »Hoffnung«, »Demut«, »Geduld« nicht mit Namen, sondern mit dem, was dieser Tugenden Art und eigentliche Natur ist, ausgedrückt. Viele sind, die von Tugenden schreiben, (aber) mehr die Namen preisen, als ihre Natur aufzeigen.

Überarbeitete Auslegung der sieben Bußpsalmen von 1525, WA 18, S. 489, Z. 9-40.

Ursprüngliche Fassung von 1517:

Nun antwortet Gott (8): »Ich will dir Verstand geben und dich un­terweisen über den Weg, auf dem du wandeln sollst«, auf dem ich dich haben will. Du bittest, ich solle dich erlösen; laß dir’s nicht leid sein. Wolle du mich nicht belehren, belehre dich auch nicht selber; überlaß dich mir. Ich will dir Meister genug sein, ich will dich den Weg führen, auf dem du mir wohlgefällig wandelst. Dir kommtʼs vor, als gehe es ins Verderben, wenn es nicht geht, wie du denkst; ein solcher Gedanke ist dir schädlich und hindert mich. Es muß nicht nach deinem Verstand, sondern über deinen Verstand gehen. Senke dich in Nicht-Verstand, so ›gebe‹ ich dir meinen »Verstand«. Unver­stand ist der rechte Verstand; nicht wissen, wohin du gehst, das ist recht wissen, wo du hingehst. Mein Verstand macht dich ganz un­verständig. So ging Abraham aus von seinem Vaterlande und wußte nicht, wohin [1 Mos 12, 1]. Er ergab sich in mein Wissen und ließ sein Wissen fahren, und ist auf dem rechten Weg an das rechte Ende gekommen. Sieh, das ist der Weg des Kreuzes; den kannst du nicht finden, sondern ich muß dich führen wie einen Blinden. Dar­um nicht »du« (kein Mensch, keine Kreatur), sondern »ich«, ich selbst, »will dich unterweisen über den Weg, auf dem du wandeln sollst«, nicht über das Werk, das du erwählest, nicht über das Leiden, das du erdenkst, sondern über das, was dir wider dein Erwählen, Denken und Begehren zukommt. »Da folge; da rufe ich; da sei Schüler! Da ist es Zeit; dein Meister ist da gekommen (Joh 11,28); da sei nicht wie ein Pferd oder unvernünftiges Tier!«

»Folgst du mir und lässest dich dahinten, sieh, alsdann will ich meine Augen stetig auf dich richten, will dich nicht verlassen: du sollst nicht versinken; und will dein nicht vergessen. Deine Augen sollen geschlossen sein über dich, indes meine Augen offen sind über dich. Hast du nicht gelesen (Ps 34,16): »Die Augen Gottes sind offen über die Frommen«? Und der Berg Moria bedeutet dominus videbit („der Herr wird sehen“), unzweifelhaft weil ich allein es sehen soll, geradeso wie ich dort für Abraham das vorsah, worin er für sich gar nichts vorsehen konnte.« D. h. kurz gesagt: nichts anderes als einen rechten, einfältigen Glau­ben und festes Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung will Gott von uns haben. In diesen Worten wird also Glaube, Hoffnung, Demut, Geduld nicht mit Namen genannt, sondern es wird ausgedrückt, was dieser Tugenden Art und eigentliche Natur ist. Es gibt viele, die von diesen Tugenden schrieben, die aber mehr deren Namen preisen als ihre Natur aufzeigen.

Auslegung der sieben Bußpsalmen, WA 1, 171,21-172,19.

Hier der Text als pdf.

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