J.F. Gerhard Goeters über Günther Dehn: „Nicht ein wirkungsvolles Lebenswerk, vielmehr die bemerkenswerte Klarheit seiner theologischen und kirchlichen Existenz und die erstaunliche Hellsicht gegenüber seiner Zeit, ihren Erbschaften und Bewegungen, haben ihn der kirchlichen Zeitgeschichte bereits zu ei­ner Symbolfigur werden lassen.“

Günther Dehn (1882-1970)

Von J.F. Gerhard Goeters

Dehn entstammte einer bürgerlichen, nicht sehr kirchlichen Beamtenfamilie. Der nach dem Lebenssinn suchende Student der Germanistik und Geschichte empfing durch gemein­sames Bibellesen mit einem Theologen wichtige Anstöße, die ihn zu einer Art Bekehrung und im 4. Semester zur Theologie führten, für die die Lektüre Kierkegaards und die biblische Botschaft selbst bestimmender wurden als bedeutende akademische Lehrer. Als Berliner Domkandidat und Inspektor stieß er auf Christoph Blumhardt, Heinrich Lhotzky und den Schweizer religiösen Sozialismus, was sein kirchliches Arbeitsverständnis formte. 1911 wurde er Pfarrer an der Reformationsgemeinde im Arbeiterviertel Berlin-Moabit. Wie so sein Mitkandidat Friedrich Siegmund-Schultze war er um das Verhältnis der sozialistischen Arbeiterschaft zur Kirche bemüht und betätigte sich in der Jugendarbeit. Nach der Revolu­tion begründete er 1919 nach Schweizer Vorbild einen „Bund sozialistischer Kirchenfreun­de“, wurde aber durch Karl Barths Tambacher Vortrag grundsätzlich gegen jedes Binde­strich-Christentum bestimmt. So blieben seine Mitarbeit am Evangelisch-Sozialen Kongreß 1920 und seine Mitgliedschaft in der SPD 1920-1922 Episode. Im „Bund der reli­giösen Sozialisten“ war er, nach Kontroversen mit Erwin Eckert und Leonhard Ragaz 1924, ein kritischer Mitarbeiter, für den Gottes Wort und die durch dieses bestimmte Kirche jenseits aller soziologischen Bindungen liegt, aber ge­rade dadurch eine vorurteilsfreie, reali­stische Sicht des Menschen und der Gesellschaft bedingt. Der weltanschaulich weniger geprägte Neuwerkkreis war ihm am ehesten gemäß.

Ein Vortrag in Magdeburg am 6. November 1928 im Schatten des Young-Plan-Volks­begeh­rens mit kritischen Bemerkungen zur religiösen Weihe des Krieges und des Gefallenen­ge­dächtnisses, zugleich betonter Pflicht der Kirche zur Völkerversöhnung brachte ihn ins deutschnationale Schußfeld und trug ihm sogar eine formale Mißbilligung seines Konsistoriums ein. Anläßlich seiner Berufung nach Heidelberg im Dezember 1930 wurde die Pres­se­kampagne gegen den angeblichen „Pazifisten“ erneuert, was ihn zum Verzicht nötigte. Die Berufung nach Halle zum November 1931 gedieh durch organisierten studentischen Ter­ror und später, nach Abrücken von Fakultät und Senat, durch Boykott zum „Fall Dehn“, der nach dem Staatsstreich in Preußen 1932 eine Beurlaubung und 1933 die Entfernung aus dem Staatsdienst zeitigte.

Selbst in der Bekennenden Kirche begegnete er vielen Vorbehalten. Als Dozent der theo­lo­gischen Schule Berlin wurde er im Sondergerichtsprozeß vom Dezember 1941 zu einem Jahr Gefängnis und Pensionsentzug verurteilt. Durch Bischof Wurm fand er als Pfarrverwe­ser in Ravensburg Verwendung.

Der Restitution in Berlin kam 1945 der Ruf nach Bonn zuvor, wo er 1946-1952 die Praktische Theologie, auch mit praktischer Auslegung des Neuen Testamentes, wirkungs­voll vertrat. Im rheinischen Pastoralkolleg und durch maßgebliche Mitarbeit am Evangeli­schen Katechismus (1960) der Landeskirche gewann er weitere Resonanz.

Mit seinen frühen Arbeiten, zum guten Teile fußend auf Erhebungen im Berliner Schul- und Berufsschulbereich, ist Dehn ein Pionier empirischer Religionssoziologie in Deutsch­land, was die Ehrenpromotion von Münster 1926 anerkannte. Seine Bibelauslegungen, be­sonders seine Predigtmeditationen gehören zu den eindrücklichsten Beispielen einer der „Theologie des Wortes“ verpflichteten reinen Textpredigt. Seine eigentliche Domäne war die Katechetik, die er nicht von der religiösen Erziehung isolierte. Am stärksten hat sich in seiner Disziplin behauptet sein Buch über die Amtshandlungen (1950) wegen der ihm eige­nen großartigen Nüchternheit und Sachlichkeit.

Nicht ein wirkungsvolles Lebenswerk, vielmehr die bemerkenswerte Klarheit seiner theologischen und kirchlichen Existenz und die erstaunliche Hellsicht gegenüber seiner Zeit, ihren Erbschaften und Bewegungen, haben ihn der kirchlichen Zeitgeschichte bereits zu ei­ner Symbolfigur werden lassen, in dessen „Fall“ die Sache des Kirchenkampfes gewisserma­ßen vorweggenommen wurde.

Quellen

Bibliographie: Henning Theurich, Bibliographie Günther Dehn: ThLZ97 (1972) 391-397(145 Titel].

Autobiographien: Hsl. (1965): Album Professorum der Ev.-Theol. Fak. Bonn [im Dekanat] II, 36-41. – Die alte Zeit, die vorigen Jahre. Lebenserinnerungen, München 1962 21964. – Die Personal­akte befindet sich im Univ. Archiv Bonn.

Schriften: Proletarier-Jugend, Berlin-Lichterfelde 1912. – Großstadtjugend. Beobachtungen u. Er­fahrungen aus der Welt der großstädtischen Arbeiterjugend, Berlin 1919 21922. – Das Problem der Ar­beiterjugend, Sollstedt 1920. – Die rel. Gedankenwelt der Proletarierjugend, Berlin 1923 31926. – Dies zusammenfassend u. weiterführend: Proletarische Jugend. Lebensgestaltung u. Gedankenwelt, Berlin 1929 31933. – Ich bin der Herr, dein Gott. Zwölf rel. Reden, Berlin 1924. – Der Gottessohn. Eine Einf. in das Evangelium des Markus, Berlin 1929 41934; neu u. d. T.: Jesus Christus, Gottes Sohn, Berlin 1940, 6Hamburg 1953. – Kirche u. Völker­versöhnung. Dokumente zum Halleschen Universitätskon­flikt, Berlin 1931 21932. – Gesetz oder Evangelium? Eine Einf. in den Galaterbrief, Berlin 1934 31938. – Man and Revelation, London 1936. – Engel u. Obrigkeit. Ein Beitr. zum Verständnis v. Röm 13,1-7, in: Theol. Aufs. FS Karl Barth, München 1936, 90-109. – Meine Zeit steht in Deinen Händen. Bibl. Meditationen für alle Sonn- u. Feiertage des Kirchenjahres, Berlin 1937 21938. – Die zehn Gebote Got­tes. Nach Luthers KlKat für Kinder erklärt, Göttingen 1939 61965. – Mein Herz hält Dir vor Dein Wort. Bibl. Meditationen, Berlin 1940. – Unsere Predigt heute, Stuttgart 1946; auch 1946 (ThSt [B] 19); Nachdr. im Ausz.: Die Aufgabe der Predigt, hg. v. Gert Hummel, 1971 (WdF 234) 189-197. – Die Amtshandlungen der Kirche, Stuttgart 1950. – Der christl. Glaube. Das apostolische Glaubensbe­kenntnis nach Luthers KlKat für Kinder erklärt, Göttingen 1953 31965. – Mit Ernst Wolf: Gottesrecht u. Menschenrecht, 1954 (TEH NF 42). – Urchristl. Gemeindeleben, dargestellt an den 7 Sendschreiben der Offenbarung Johannis, Witten 1954. –Vom christl. Leben. Auslegung des 12. u. 13. Kap. des Brie­fes an die Römer, Neukirchen 1954. – Jesus u. die Samariter. Eine Auslegung von Joh 4, Neukirchen 1956. – Die Welt vor 1914, Hamburg 1956. – Bleibe bei uns, Herr. Bibl. Meditationen, Hamburg 1959. – Mitarbeit in: Herr, tue meine Lippen auf. Hg. v. Georg Eichholz, 5 Bde., Wuppertal-Barmen 1939-1955 21954-1959). – Mit-Hg. v. VF (1) 1940 (1941) – (4) 1947/48 (1949/50)

Literatur: Ernst Bizer, Der „Fall Dehn“: FS für G. Dehn zum 75. Geburtstag, hg. v. Wilhelm Schneemelcher, Neukirchen 1957, 239-261. – Renate Breipohl, Rel. Sozialismus u. bürgerliches Geschichtsbewußt­sein z.Zt. der Weimarer Republik, Zürich 1971 (bes. 257-261). – Niels Hasselmann, Predigthilfen u. Predigtvorbereitung Gütersloh 1977, 54-55. – Prof. G. Dehn: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Univ. Chronik u. Bericht über das akademische Jahr 1969/70 (Bonn 1971) 21-24. – Werner Prokoph, Die politische Seite des „Falles Dehn“: WZ(H).GS 16 (1967) 249-271. – Hermann Sasse, Der Hallesche Universitätskonflikt: KJ 59 (1932) 77-113. – Klaus Scholder, Die Kirchen im Dritten Reich, Frankfurt, I 1977 (bes. 216-224) (Lit.). – Rel. Sozialisten, hg. v. Arnold Pfeiffer, Olten/Freiburg 1976, 293-296 (Lit.). – Heinrich Vogel/ Günther Harder, Aufgabe u. Weg der Kirchl. Hochschule Berlin 1935-1955, Berlin 1956. – Antje Vollmer, Die Neuwerkbewegung 1919-1935, Phil. Diss. Berlin 1973.

Quelle: TRE, Bd. 8 (1981), S. 390-392.

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