Günther Dehns Predigt über Psalm 42,1-6 von 1952: „Der Mensch schreit nach ganz anderen Dingen. Er schreit nach Macht, nach Glanz und Glück, nach der Fülle und dem Reich­tum des irdischen Lebens. Er schreit seine Not heraus, wenn er sich um diese Güter betrogen sieht. Er schreit als Flüchtling, als Ob­dachloser, als Gefangener, als hoffnungslos Erkrankter, als treulos Verlassener. Vielleicht wird auch der Name Gottes dabei genannt, aber dann nur im Ton der Anklage.“

Predigt über Psalm 42,1-6

Von Günther Dehn

„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Wer schreit denn so? Wer einmal Hirsche hat schreien hören in Herbstnächten in großen Wäldern, der ist er­schrocken gewesen über den wilden, urmächtigen, elementaren Klang dieses Schreiens. Wer aber schreit so leidenschaftlich, so in­brünstig, so hingegeben nach Gott? So schreit man unter uns nicht. Es wäre falsch, wenn man diese Worte, wie man es wohl getan hat, auf den Sehnsuchtsschrei der Menschheit nach Gott deuten wollte. Der Mensch schreit nach ganz anderen Dingen. Er schreit nach Macht, nach Glanz und Glück, nach der Fülle und dem Reich­tum des irdischen Lebens. Er schreit seine Not heraus, wenn er sich um diese Güter betrogen sieht. Er schreit als Flüchtling, als Ob­dachloser, als Gefangener, als hoffnungslos Erkrankter, als treulos Verlassener. Vielleicht wird auch der Name Gottes dabei genannt, aber dann nur im Ton der Anklage. Es geht dem Schreienden nicht um den Besitz Gottes, sondern um den Besitz sehr irdischer Dinge. Es geht ihm um sein Land, sein Heim, seine Freiheit, seine Ge­sundheit, um den anderen Menschen. Es ist viel Geschrei in der Welt, aber nicht nach Gott.

Wenn dieser Schrei überhaupt ertönt, so kann er nur aus der Gemeinde aufsteigen, nämlich dort, wo man etwas von Gott weiß, von dem Gott, der das A und das O ist, der Anfang und das Ende, in dem wir leben, weben und sind, und ohne den wir in eine Tiefe versinken, aus der uns niemand mehr herausretten kann. Ist dieser Gott fern, spürt man auf einmal die drohende Tiefe, dann mag man wohl auch so schreien, wie hier der Psalmist schreit. Aber nun wage ich gar nicht zu behaupten, daß jemals auch nur einer unter uns in seinem Leben so geschrieen hat, wie hier geschrieen wird. Noch weniger setze ich es als selbstverständlich voraus, daß man so schreien müsse, daß es sozusagen Christenpflicht sei, sich in sol­chem Schreien zu üben. Wir wollen uns hüten, leidenschaftliche Aus­brüche dieser Art billig an uns zu verhandeln. Aber wenn der Psalmist dann weiter seine Seele fragt, warum sie so betrübt sei und unruhig in sich selber, so wird man wohl sagen dürfen, daß diese Unruhe und Betrübnis, dieses Leiden um Gott uns nichts Fremdes ist. Sind wir doch von der gleichen Frage angefochten, die den Psalmisten gequält hat, die da lautet: Wo ist nun dein Gott? Der Verfasser des Psalms ist ein from­mer Jude, der Jerusalem mit seinem Tempel hat verlassen müssen und nun weit in den Norden verschlagen ist, an die Quellen des Jordan, in das Land der Heiden, in die Gegend, in die Jesus je und dann entwichen ist, wenn er mit seinen Jüngern allein sein wollte. Dort ist er nun unter den fremden Menschen, die ihn mit bitterem Spott überschütten: „Wo ist nun dein Gott? Hier jedenfalls hat er nichts zu sagen. Hier regieren unsere Götter, und dein Gott ist ohnmächtig.“

Laßt mich jetzt aber nicht von dieser Frage reden, wenn sie an uns von außen her, nämlich von den „Heiden“ unserer Zeit, gerichtet wird. Man kann oder konnte sie hören in Volksversamm­lungen, in Zeitungen, in Büchern. Man kann sie, genau so wie der Psalmist, täglich hören von den Leuten auf der Straße, im Umgang mit den Menschen: „Was ist es mit eurem Gott, ihr Christen? Was hat er getan in den zweitausend Jahren eurer Geschichte? Wodurch hat er sich als der allmächtige, lebendige Gott erwiesen?“ Es ist schon eine Anfechtung, solche Fragen hören zu müssen und nicht recht zu wissen, wie man sie beantworten soll. Aber hier liegt nicht die schwerste Anfechtung. Sie erfahren wir erst, wenn nicht die Heiden, sondern wir selber genötigt sind, diese Frage zu stellen. Wer hat noch nicht so gefragt, sich selber nämlich ganz persönlich: Wo ist nun dein Gott? Man könnte diese Frage auch etwas anders wenden. Dann lautet sie: Wie steht es eigent­lich mit deiner christlichen Existenz? Das ist nicht das gleiche, wie wenn man fragen wollte: Bist du schon bekehrt? Wie sollten wir nicht bekehrt sein? Es ist kaum jemand unter uns, der nicht einmal und immer wieder sich mit Bewußtsein dem Evan­gelium zugewendet hätte. Aber nun erhebt sich erst das eigentliche, das schwere Fragen: Was macht das in Wahrheit für uns aus? Was wirkt das in uns? Wie treffen wir unsere Lebensentscheidungen? Von woher gewinnen wir unsere Urteile über die Welt, die Men­schen, die Dinge? Wie handeln wir in unserem politischen, wirt­schaftlichen, sozialen Leben? Ja, wo ist da dein Gott? Wo und wann tritt er als eine zwingende Macht in unser Dasein hinein? Wo leisten wir um seinetwillen Verzicht? Wo handeln wir einmal gegen unsere eignen Wünsche? Wo machen wir die Erkenntnis wahr, daß seine Güte besser ist als Leben? Wo fragen wir nichts nach Himmel und Erde, wenn wir ihn nur haben? Wo gehen nicht vielmehr alle Wasserwogen und Wellen dieser Welt über uns hinweg? Wo werden wir nicht mit hineingerissen in den Strudel gottfremden Wesens?

Aber blicken wir einmal von uns fort in einen weiteren Kreis. Wir sind Kirche, Volk Gottes, Zeugen seiner Macht und Ge­walt. Glauben wir an sie? Ist nicht auf einmal mitten unter uns die tödliche Frage: Wo ist nun dein Gott? Wir sind die Kirche des Wortes. Das ist unsere Armut. Wir haben das Wort, nur das Wort. Aber es ist auch unser Reichtum, denn „das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Wo das Wort ist, da ist ja die Macht und Gewalt Gottes unter uns. Aber wo ist sie? Ist nicht darum unsere Seele betrübt, weil wir die Kraft dieses Wortes nicht mehr zu spü­ren meinen? Sind wir nicht darum in der Tiefe der Seele beun­ruhigt, weil das Wort weder uns noch die Welt mit Vollmacht trifft? Das Wort, nur das Wort! Kann es denn wirklich, so fragen wir, das Leben des Menschen der Gegenwart tragen, es führen und regieren? Gibt es Antwort auf die zahllosen Fragen, die uns bewegen? Kann es dem Volke der Heiden Trotz bieten, ihm als die stärkere, siegreiche Macht entgegentreten? Verhallt es nicht einfach im leeren, unendlichen Raum der Gottesferne? Geht das Leben nicht seinen harten, unerbittlichen Gang und weiß nichts von Liebe und Barmherzigkeit? Stehen die Völker nicht in nationaler Verhärtung einander gegenüber und wissen nichts von Gottesfurcht? Sucht nicht jede Nation in verbohrtem Egoismus sich selber durchzusetzen? Was soll da die Predigt? Ist sie mehr als ein Gesang der Geister über den Wassern? Man höre sie, oder man höre sie nicht, es wird ungefähr auf das gleiche herauskommen. Wir erhalten ein bißchen Trost, ein bißchen Hoffnung, ein bißchen Verklärung des trüben Daseins, in alten Worten, die wir alle kennen und denen im Grunde niemand mehr traut. Ja, wo ist nun dein Gott? Die Gemeinde selber fragt so. Götter sind da, aber wo ist der lebendige Gott, der die Götzen zerschlägt und groß und wunderbar seine Macht entfaltet?

Was tut der Psalmist in seiner Anfechtung? Setzt er sich mit seinen Feinden auseinander? Tritt er unter sie als Verteidiger seines Gottes? Nichts davon, sondern er tut etwas ganz anderes. Er bleibt bei sich, er erinnert sich. Er richtet seine Blicke nach der heiligen Stadt. Dort, in Jerusalem, ist der Tempel, und dort sind die schönen Gottesdienste des Herrn. Die betende Ge­meinde ist da versammelt, unverrückt im Glauben beharrend durch die Jahrhunderte einer leidvollen und anfechtungsreichen Ge­schichte hindurch. Da steigt der Opferrauch leicht und fröhlich zum Himmel empor so wie einst der Rauch des Opfers, das Abel dar­brachte. Da waltet im Dunkel des Allerheiligsten das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes, der der Gott des unverbrüchlichen Bundes, der unaufhebbaren Verheißungen und Zusagen ist.

So wollen denn auch wir in unserer Anfechtung nichts anderes tun als das, was der Psalmist getan hat. Wir wollen bei uns selber bleiben und wollen uns erinnern. Aber wessen? Wir können uns nicht wie er eines Tempels erinnern, in dem Gott selber wahr­haftig wohnt. Er wohnt nicht in Tempeln von Menschenhänden ge­macht, vielmehr aller Himmel Himmel fassen ihn nicht. Wir haben in unseren Kirchen keine ewigen Lampen als Hinweise auf Gottes besondere Gegenwart gerade an diesem Ort. Aber wir könnten unserer Gottesdienste gedenken. Wo das Wort verkündigt wird, da soll sich ja das Entscheidende ereignen, die Begegnung Gottes mit dem Menschen. Aber nun sind wir gerade durch unsere Gottesdienste angefochten. Wir spüren hier nicht die Mark und Bein durchdringende Kraft des Wortes.

So müssen wir uns also eines anderen erinnern. Sollten wir viel­leicht gut daran tun, an uns selber zu denken? An Zeiten unseres Lebens, wo wir nicht angefochten waren, wo wir besser glaubten, inständiger beteten, heiliger lebten? Wäre das wohl ein hilfreiches Gedenken? Können wir denn das Vergangene wieder zur Gegenwart machen? Käme dabei etwas anderes heraus als die Klage Hiobs: „O daß ich wäre wie in den Tagen meiner Jugend“? Also denken wir nicht an uns, sondern an die großen Chri­sten, die je und dann unter uns aufgetreten sind! Es hat ja auch die evangelische Kirche ihre Heiligen, Männer und Frauen, die ge­glaubt, geliebt und sich geopfert haben. Vielleicht daß wir von ihnen Stärkung und Trost empfangen könnten. Aber gerade sie würden, wenn wir zu ihnen kämen, von sich wegweisen und auf den zeigen, der ihnen den Glauben gab, die Liebe schenkte, das Opfer ermöglichte. Ich glaube, es gibt nur eines, dessen wir ge­denken können, das ist das Zeugnis der heiligen Schrift vom lebendigen Gott.

Es ist schon etwas Seltsames mit diesem Zeugnis. Man kann seine Wahrheit nicht beweisen. Man kann die ganze Bibel, wenn man will, kritisch zersetzen. Man kann ihre Aussagen in die all­gemeine Religionsgeschichte einebnen, so daß nichts von ihnen übrig bleibt als Notschreie und Sehnsüchte frommer Seelen. Es kann aber auch anders gehn. Man kann stillehalten vor ihr. Man kann hinein­lauschen in sie, und dann kann man es erleben, wie sie auf einmal auf eigner Spur einherwandelt und sich selber bezeugt. Hier ist Gott, ein erstaunlicher Gott, ein unbegreiflicher Gott. Kein Gott der Philosophen. Er sprengt alle Formen des .Menschen mög­lichen Denkens über Gott. Kein Gott der Moralisten. Er handelt so seltsam anders, als wie wir mit unseren sittlichen Maßstäben meinen handeln zu müssen. Was ist das für ein Gott, der so furcht­bar zürnt und so unermeßlich liebt? Der in einem der Heilig-Unnah­bare und der Liebend-Sichhingebende ist. Der sich an den Menschen verliert und gerade in seinem Verlieren sich selber behauptet. Der tötet und lebendig macht, der uns verwundet und wieder heilt, der in die Hölle bringt und wieder herausführt. Der sich erniedrigt, um uns zu erhöhen und sich erhöht, um uns zu zeigen, wie sehr wir in der Tiefe sind. Er ist der Gott, der nur durch ein gedemütigtes und zerschlagenes Herz den Weg zu uns nimmt und uns dann mit dem Reichtum seiner Gaben überschüttet, so daß wir frohlocken unter dem Schatten seiner Flügel. Das ist der lebendige Gott, dessen Angesicht zu schauen der Psalmist sich sehnt, der zu Mose gesagt hat: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“, und von dem der Apostel nun doch bezeugt: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

So erinnern wir uns nun auch wie der Psalmist, aber was muß nun weiter geschehen? Was erwartet ihr nun von mir, das ich am Schluß meiner Predigt euch sagen werde? Erwartet ihr nicht einen Appell, eine Mahnung, einen Aufruf, die Erinnerung lebendig werden zu lassen, neuen Mut zu fassen, zu glauben, zu handeln und hoffnungsfreudig zu sein? Aber der Text geht einen anderen Weg, und wir hätten ihn in seinem tiefsten Anliegen nicht verstanden, wenn wir ihn nicht mit ihm gingen. Der heilige Mann, der unseren Psalm gedichtet hat, mahnt auch seine Seele, aber er mahnt sie nicht dazu, einen neuen Aufschwung zu nehmen, unter fröhlichem Gebrauch der Gaben und Güter Gottes. Er er­mahnt sie vielmehr lediglich zum Harren auf den Herrn. Er tut das, weil er in der Furcht Gottes lebt, weil er um die Frei­heit der Gnade weiß, weil er weiß, daß der Mensch sich nichts nehmen kann, es sei ihm denn von oben gegeben. Damit aber sind wir beim Thema unseres Sonntages Exaudi. Er ist der Sonntag des Bittens und Flehens um den Heiligen Geist, der Adventssonntag der Pfingstzeit. Das ist unsere Lage: Wir sind, wie es jemand aus­gedrückt hat, eingekeilt zwischen dem unsichtbaren Gott und unse­ren sichtbaren Feinden, zu denen wir selber gehören. Wir sind in der Not der Anfechtung, aus der wir trotz aller Erinnerungen kei­nen Ausweg wissen. Hier bleibt nur eins übrig: das inbrünstige flehentliche, anhaltende Gebet: „Höchster Tröster, komm hernieder / Geist des Herrn, sei nicht fern.“ E r muß kommen, von dem wir im Nicänum bekennen: „Ich glaube an den Heiligen Geist, den Herrn, der da lebendig macht.“ Dieser Geist ist nicht unser Geist, keiner von den vielen Geistern, die uns bedrängen und verwirren, sondern allein Gottes Geist, Gottes eigenstes, innerstes Wesen, das Geheimnis göttlicher Kraft und Herrlichkeit. Kommt er, dann wird uns geholfen sein. Dann wird die Erinnerung zu lebendiger Gegen­wart werden. Alle Anfechtung wird überwunden sein und wir wer­den mit dem Psalmisten Gott danken, weil er uns hilft mit seinem Angesicht. Amen.

Gehalten am Sonntag Exaudi, 25. Mai 1952 im Universitätsgottesdienst in Bonn.

Quelle: Evangelische Theologie 12 (1952), S. 146-150.

Hier die Predigt als pdf.

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