Martin Buber über Psalm 1: „Der entscheidende Vorgang für das Erkennen ist beim biblischen Hebräisch nicht, daß man einen Ge­genstand betrachtet, sondern daß man mit ihm in Berührung kommt. Diese Grundverschiedenheit entfaltet sich im Bereich des seelischen Verhältnisses zu anderen Wesen, wo die Tatsache der Gegenseitigkeit alles verwandelt: im Mittelpunkt steht hier nicht das Einander-Wahrnehmen, sondern der Wesenskontakt, der »Umgang«.“

Die Wege – Psalm 1

Von Martin Buber

Oh Glück des Mannes,
der nicht ging im Rat der Frevler,
den Weg der Sünder nicht beschritt,
am Sitz der Dreisten nicht saß,
sondern Lust hat an SEINER Weisung,
über seiner Weisung murmelt tages und nachts!
Der wird sein
wie ein Baum, an Wassergräben verpflanzt,
der zu seiner Zeit gibt seine Frucht
und sein Laub welkt nicht:
was alles er tut, es gelingt.
Nicht so sind die Frevler,
sondern wie Spreu, die ein Wind verweht.
Darum bestehen Frevler nicht im Gericht,
Sünder in der Gemeinde der Bewährten.
Denn ER kennt den Weg der Bewährten,
aber der Weg der Frevler verliert sich.

Oft, wenn ich die Psalmen aufschlage, werfe ich zuallernächst einen Blick auf den ersten, der ja schon früh als ein Proömium zum Psalter verstanden worden ist. Ich könnte mir denken, daß bereits die älteste, vielleicht schon unter Hiskia zusammenge­stellte Psalmensammlung durch ihn eingeleitet worden ist. Jener Sammlung mag die Absicht zugrunde gelegen haben, die »Thora«, die »Weisung«, womit wohl ein damals redigiertes Buch von Mose zugeschriebenen Lehrreden und Gesetzen gemeint ist, durch Hymnen und Lieder von »weisender« Art zu ergänzen. Weisen heißt hier: den Weg zeigen, den der Mensch »wählen« soll (Psalm 25, 12), und das heißt, den Menschen lehren, jeweils diesen, den rechten Weg, von den andern, den falschen Wegen zu unterschei­den. Dem rechten Weg, dem Weg Gottes, folgen die »Bewähr­ten«; »Frevler« sind, die sich, auf ihrem eigenen Weg beharrend, weigern, jenen zu betreten, »Sünder«, die ihn immer wieder verfehlen. Der eigentliche Kampf der Weisung gilt demgemäß den Frevlern, wogegen der »gute« und »redliche« Gott die Sünder immer wieder »im Weg unterweist« (25, 8), ihnen also hilft, zu diesem zurückzufinden.

Von diesen einfachen Voraussetzungen der weisenden Hymnen und Lieder aus erklären sich die Leitworte dieses Psalms, um die er sich aufbaut. Es sind die Worte »Weg«, »Weisung«, »Be­währte«, »Frevler«, »Sünder«. Zugleich wird deutlich, warum das Wort »Frevler« ebenso häufig vorkommt wie »Bewährte« und »Sünder« zusammen. Die Wiederkehr der Leitworte ist ja ein grundwichtiges Kompositionsgesetz der Psalmen, dessen Be­deutung sowohl eine dichterische – rhythmische Entsprechung von Lautwerten – als auch ganz besonders eine hermeneutische ist: Der Psalm deutet sich selbst, indem er durch Wiederholun­gen auf das zu seinem Verständnis Wesentliche hinweist. Darum lehnt er es oft ab, wie eben hier, einen bestimmten Gegenstand sprachlich zu variieren, und scheut sich nicht, wie eben hier im Endteil, dieselbe führende Bezeichnung in drei aufeinanderfol­genden Sätzen zu wiederholen: es kommt, sagt er damit, darauf an, zu erkennen, was die »Frevler« im Bezug auf »Weg« und »Weisung«, auf »Bewährte« und »Sünder« sind.

Was aber mich, wenn ich die Psalmen aufschlage, anregt, einen Blick auf diesen zu werfen, ist unverkennbar etwas anderes: es ist das Wort, mit dem er und also der Psalter beginnt. Es ist etwa zu übersetzen mit »Oh die Seligkeit« oder »Oh das Glück!« Der Psalmist ruft: »Oh das Glück des Mannes…«. Das ist kein Wunsch und keine Verheißung, es geht nicht darum, daß der Mann Glück verdiene oder daß er gewiß sein dürfe, glücklich zu werden, sei es noch in diesem irdischen Leben, sei es in einem anderen, künftigen, sondern es ist ein freudiger Ausruf und eine begeisterte Feststellung: wie glücklich ist doch dieser Mann! Der Psalm handelt vom Glück, genauer: vom wahren Glück; er handelt von dem wahrhaft glücklichen Menschen. Dieser Zusatz »wahr, wahrhaft« wird zwar hier nicht ausgesprochen, wie das etwa geschieht, wenn in einer philosophischen Betrachtung von dem tugendhaften Menschen gesagt wird, er habe das wahre Glück. Aber selbstverständlich will auch der Psalmist auf die Tatsache eines Glücks hinweisen, das nicht offen vor aller Augen liegt, ja das vielleicht nicht einmal so recht glaubhaft ist, weil die allgemeine Erfahrung davon nichts weiß, dagegen vom Unglück des in diesem Psalm beschriebenen Mannes einige Kenntnis hat. Auch der Psalmist will offenbar sagen: Merkt auf, da gibt es ein heimliches, von den Händen des Daseins selber verstecktes Glück das alles Unglück auf- und überwiegt – ihr seht es nicht, aber es ist das wahre, ja das einzig wahre Glück. Darum kann er es wa­gen, entgegen dem alltäglichen Anschein, der ein Mißlingen des Guten in Fülle aufweist, zu erklären, alles, was dieser tue, ge­linge. Vielleicht hat er sogar im Sinn, dem Mann selbst, von dem er spricht, gegen Anwandlungen eines Hiobszweifels das Herz zu stärken, indem er ihm hilft, zwischen dem Scheinglück und dem wahren zu unterscheiden, und ihn lehrt, die urtiefe Schicht des wahren größer zu entdecken und mächtiger zu füh­len. Und doch – es ist ihm, dem Psalmisten, offenbar um etwas anderes zu tun als dem Philosophen, der uns sagt, die Tugend sei ihr eigener Lohn. Gewiß, beide Sprüche haben etwas miteinan­der gemeinsam, aber was sie gemeinsam haben, ist nicht das Ent­scheidende, und wenn man dem Psalmisten den Spruch des Phi­losophen vortrüge und erläuterte, er würde doch ratlos dastehen und den Kopf schütteln. Denn das, was er eigentlich meint, wird durch alles, was ihm der Philosoph über den Selbstgenuß des sitt­lichen Menschen zu sagen vermöchte, gar nicht berührt. Was er von der Lebensführung des Mannes meint, von dem er spricht, kann durch ethische Werte nicht erfaßt werden, und was er von seinem Glück meint, ist in einer anderen Sphäre behaust als in der der Zufriedenheit eines Menschen mit sich selbst. Beides, diese Lebensführung und dieses Glück, transzendiert seinem Wesen nach sowohl das Ethos wie das Selbstbewußtsein. Beides ist nur von dem Umgang eines Menschen mit Gott, von dem Grundthema des Psalmenbuchs aus zu verstehen.

Am deutlichsten wird dies am Ende unseres Gedichts, wo mit einer abschließenden Präzision der Weg der Bewährten und der Weg der Frevler einander gegenübergestellt werden. Von diesem, dem Weg der Frevler, wird gesagt, er »verliere sich«. Das heißt: die Menschen, die ihn gehen, machen irgendwo, an irgendeinem Punkte ihrer Bahn, die Erfahrung, daß das, was sie all die Zeit für einen Weg hielten, keiner ist, daß dieser vermeintliche Weg nirgends hinführt, und nun können sie weder vor- noch rück­wärts blicken, ihr Leben ist weglos geworden. Wem dergleichen gesagt würde, ohne daß er unseren Psalm gelesen hätte, der müßte erwarten, nun vom Weg der Bewährten das Entgegenge­setzte zu hören, also daß dieser seinen Charakter als Weg mehr und mehr offenbare, bis endlich das vordem nur in der Ahnung gefaßte Ziel in gewaltiger Sicherheit vor den Augen des Gehen­den aufleuchtet. Aber nicht das ist es, was der Psalmist an dieser entscheidenden Stelle sagt. Er sagt vielmehr, daß Gott den Weg der Bewährten »kenne«. Dem gewöhnlichen Sprachgebrauch nach verstanden, bietet dieser Satz keinen rechten Sinn. Wie soll die Tatsache, daß Gott diesen Weg kennt, jener entsprechen, daß der Weg der Frevler sich verliert? Die Erklärer, die hier diesen Sprach­gebrauch beibehalten, mühen sich umsonst, über die Schwierig­keiten hinwegzukommen. Ich lese etwa in einem wissenschaft­lichen Kommentar, damit, daß der Wandel der Frommen »vor Gott aufgedeckt« sei (wie die aramäische Übertragung die Stelle wiedergibt), sei gewährleistet, daß sie bestehen werden. Als ob nicht der Weg der Gottlosen vor Gott ebenso aufgedeckt wäre! Wir können hier nur dann Klarheit gewinnen, wenn wir uns ver­gegenwärtigen, daß das hebräische Verb »erkennen, kennen« in seiner sinnlichen Urbedeutung zum Unterschied von den abend­ländischen Sprachen nicht der Sphäre der Betrachtung, sondern der des Kontakts angehört. Der entscheidende Vorgang für das Erkennen ist beim biblischen Hebräisch nicht, daß man einen Ge­genstand betrachtet, sondern daß man mit ihm in Berührung kommt. Diese Grundverschiedenheit entfaltet sich im Bereich des seelischen Verhältnisses zu anderen Wesen, wo die Tatsache der Gegenseitigkeit alles verwandelt: im Mittelpunkt steht hier nicht das Einander-Wahrnehmen, sondern der Wesenskontakt, der »Umgang«. Dieses Thema des »kennenden« Umgangs steigert sich nun aber zu einer eigentümlichen, nichts anderm vergleichbaren Höhe, wo von der Beziehung Gottes zu den von ihm Erwählten die Rede ist: zu den Kündern, die er entsenden will (Exodus 33, 12; Jeremia 1, 5), zu Israel, das er für seinen Auftrag zubereitet (Amos 3, 2; Hosea 13, 5), oder auch einfach zu den schlichten und getreuen Menschen, die sich einzig seinem Schutze anver­trauen (Nahum 1, 7; Psalm 31, 8; 37, 18). Durch seinen Kontakt mit ihnen holt Gott sie aus der Fülle der Lebewesen heraus um mit ihnen zu kommunizieren; dieses sein anrührendes, anfasendes »Erkennen« meint ein Herausholen, und als Herausgeholte stehen sie nun im Umgang mit ihm. In dem Psalmvers, von dem ich spreche, aber kommt noch etwas Besonderes, nur hier Ge­sagtes, hinzu: es heißt hier nicht, daß Gott die Bewährten, die Frommen kenne, sondern daß er ihren Weg kennt. Der Weg, der Lebens-Weg dieser Menschen ist so beschaffen, daß sie in jedem seiner Stadien den göttlichen Kontakt neu erfahren. Und zwar erfahren sie ihn, wie es eben dem Charakter eines wirklichen Weges entspricht, in jedem Stadium in der diesem spezifisch ge­mäßen Art und Weise. Ihre Erfahrung des göttlichen »Kennens« ist keiner Naturerfahrung ähnlich: es ist eine echt biographische Erfahrung, das heißt, das, was man so erfährt, erfährt man durch den Gang des eigenen, persönlichen Lebens, durch das jeweils er­lebte Schicksal. Möchte dieses Schicksal, außerhalb des Umgangs mit Gott betrachtet, noch so grausam und widrig erscheinen, von seinem »Kennen« durchstrahlt ist es »Gelingen«, wie alles Tun dieses Menschen, auch sein Fehlschlagen, auch sein Scheitern Ge­lingen ist. Oh Glück des Mannes, der den von Gott gewiesenen und von Gott »gekannten« Weg geht!

Der Weg ist von Gott gewiesen, in seiner »Weisung«, der Thora. Dieser Gott ist ein weisender, das heißt, ein Gott, der zwischen dem wahren Weg und den falschen unterscheiden lehrt. Seine Weisung, die Unterscheidungslehre, ist uns gegeben. Es genügt aber nicht, sie anzunehmen: wir müssen an ihr »Lust haben«, wir müssen an ihr mit einer Leidenschaft hangen, die an Mächtigkeit allen Leidenschaften der »Frevler« überlegen ist. Und es genügt nicht, sie passiv zu lernen: wir müssen immer wieder »über ihr murmeln«, müssen ihr lebendiges Wort ihr nachsprechen, müssen mit unserem Sprechen in sein Gesprochensein eintreten, so daß es von uns heute in unserer heutigen biographischen Situation neu gesprochen ist und so fort und fort in ewiger Aktualität. Wer so mit eigner Tätigkeit dem offenbarenden Gott dienstbar wird, der ist – mag er auch von Natur kargem Erdreich entsprossen sein – an die Wassergräben der Weisung verpflanzt: nun erst kann sein eignes Wesen gedeihen, reifen und Frucht tragen, und das Gesetz, wonach im Leben der Lebewesen Gezeiten des Grünens und Gezeiten des Welkens einander ablösen, gilt für ihn nicht mehr — sein Saft kreist beständig in unverminderter frische fort.

Diesen im Wege Gottes Beständigen stehen jene beiden andern Menschenklassen gegenüber, die Sünder, ein Wort, das dem ur­sprünglichen hebräischen Wortsinn nach die das Ziel oder den Weg Verfehlenden bedeutet, und die Frevler. Es kommt wesent­lich darauf an, diese beiden Klassen voneinander zu unterschei­den; die parallelistische Form zielt ja hier wie so oft nicht auf bloße Entsprechung, sondern auf Ergänzung ab. »Frevler« ist hier wirklich die Bezeichnung einer Menschenart, einer dauernden Beschaffenheit, »Sünder« hingegen bezeichnet eher einen Zustand, eine Anwandlung, die den Menschen jeweils überkommt, ohne zur Anhaftung zu werden. Die Sünder verfehlen jeweils den Weg Gottes, die Frevler widerstreben ihm ihrer konstitutiven Grund­haltung nach. Der Sünder tut Böses, der Frevler ist böse. Darum wird nur von ihnen, nicht auch von den Sündern, gesagt, ihr Weg verliere sich und sie seien wie Spreu, die ein Wind verweht. Und wenn es von diesen wie von jenen heißt, sie »bestünden nicht«, so doch mit einem fundamentalen Unterschied: die Frevler be­stehen nicht »im Gericht«, die Sünder aber nur nicht »in der Ge­meinde der Bewährten«. In dem »Gericht« geht es um die Exi­stenz schlechthin: weil der böse Mensch seine Existenz negativiert hat, geht er im Nichts auf, sein Weg ist sein Gericht. Anders die Sünder: mit ihrem Nichtbestehen ist nicht die Entscheidung einer höchsten Instanz gemeint, es ist nur eine menschliche Gemein­schaft, die ihnen keinen Bestand gewähren kann, um nicht den eignen Bestand in Frage zu stellen. Aber der Eingang in diese Ge­meinschaft ist ihnen nicht verschlossen. Sie brauchen nur die Um­kehr zum Gottesweg zu vollziehen, von der der Psalm uns zu ahnen erlaubt, daß sie ihnen nicht bloß offen steht, sondern daß sie auch im Herzensgrund nach ihr verlangen, sich nur eben nicht stark genug dazu fühlen oder vielmehr wähnen. Ist sie denn aber den Frevlern verschlossen? Sie ist es nicht – so dürfen wir wohl die Betrachtung des Psalms fortsetzen – von Gott aus, aber sie ist es von ihnen selber aus, denn zum Unterschied von den Sün­dern wollen sie nicht umkehren können. Darum eben verliert sich ihr Weg.

Hier freilich bricht vor uns heutigen Psalmdeutern die Frage auf, der weder dieser noch ein anderer Psalm noch irgendein Men­schenwort die Antwort weiß: Wie kann der böse Wille sein, da Gott ist? Der aufbrechende Abgrund dieser Frage dringt weit unheimlicher noch als selbst der der Hiobsfrage zum Dunkel des göttlichen Geheimnisses vor. Der Psalmendeuter steht davor und verstummt.

Quelle: Martin Buber, Werke, Bd. 2, Schriften zur Bibel, München-Heidelberg: Kösel-Lambert Schneider, 1964. S. 984-990.

Hier der Text als pdf.

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