Albrecht Goes‘ Predigt über Jesaja 42,1-8: „Wag dich in eines der großen Kinderzimmer und bau mit dem Lego-Baukasten ein Haus; sieh nicht weg von den gekrümmten Fin­gern der Kinder, die nur mit Mühe ein Steinchen halten kön­nen; trau dich, ihrem Lächeln zu begegnen, auch wenn es zu­weilen ein wunderliches Lächeln ist, und verstehe die Wunde als ein Zeichenwort für dein Leben: wenn du diesen Anteil am »geknickten Rohr« nicht in dir Gestalt gewinnen läßt, dann wird etwas in dir, in deinen Künsten und Fähigkeiten, zu der eleganten Routine, die der Teufel holen soll.“

Der Knecht macht keinen Lärm. Predigt über Jesaja 42,1-8

Von Albrecht Goes

Siehe, das ist mein Knecht — ich halte ihn — und mein Auser­wählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbrei­tet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, daß du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker. Ich, der Herr, das ist mein Name. (Jesaja 42,1-8)

Der Knecht macht keinen Lärm. Das ist eine Predigtüberschrift. Aber kaum, daß wir den Satz aussprechen, zögern wir, und schon das Wort »Knecht« will uns nicht leicht über die Lippen kommen. Gibt es das noch: den Knecht? Es gibt den Arbeit­nehmer, und der macht einigen Lärm, etwa in seiner Gewerk­schaft, und er muß ja wohl einigen Lärm machen. Es gibt den feierlichen englischen Titel »The knight«, das ist der Adlige, der dem König zur Verfügung steht, und da wir denn schon an England denken, an Shakespeares Dramen oder an die großen englischen Romane, so kommt uns der »Butler« in den Sinn, der, wissend und zuverlässig, eine Tugend vor allen anderen zu erhalten und zu entwickeln hat, sie heißt: Lautlosigkeit.

Aber ist sie denn erlaubt? Muß man nicht für eine gute Sache Lärm machen? Ist es denn nicht wahr, daß mehr Unheil entstehen kann aus dem ängstlichen Schweigen der braven Leute als aus dem Treiben der weniger Braven je entstehen könnte?

Da war — das ist der Hintergrund unsres Textes — dieses Volk in Gefangenschaft, und es war doppelter Gefahr ausge­setzt: der Gefahr, gleichgültig und müde zu werden, und der anderen, noch größeren Gefahr: angezogen, geblendet, ver­führt zu werden von dem Glanz babylonischen Götterdienstes, von den offenbaren Zeichen der Macht und Herrlichkeit. Muß da der Bote nicht Posaune blasen, in Ruf und Strenge, in Ja und Nein? Aber der Knecht — so heißt es hier — macht keinen Lärm. Er tut gerade das nicht, was man als das Gebot der Stunde verstehen möchte. Und doch geschieht durch sein Da­sein etwas.

Wer ist der Knecht? Und was geschieht?

Wer ist der Knecht? Man hat viel an dieser Stelle gerätselt: ist ein bestimmter Einzelner gemeint, eine Stimme, die stell­vertretend steht für die Stimme Israels? Die Christenheit dann hat alle diese Jesajakapitel, bis hin zu dem großen dreiundfünfzigsten Kapitel gelesen als Texte, die auf Christus deuten. Wie immer wir lesen und deuten: der Knecht ist der, durch den das Göttliche in der Welt vernehmlich wird, auf göttliche Weise. Der, der das verwirklicht, was sich ereignet, wenn über einem gesagt ist: »Ich habe ihm meinen Geist gegeben.«

Auf welche Weise wird das Göttliche in der Welt vernehm­lich? So, daß das geschieht, was hier geschieht: daß die Schwa­chen, die geknickten Rohre, die glimmenden Dochte einen ha­ben, der für sie ist, unbedingt für sie. In dem Augenblick, in dem wir das aussprechen, ist ein Weltnein mit ausgesprochen. Ein Weltnein zu all den Möglichkeiten und Versuchen, souve­rän, herrlich und smart durch diese Welt zu kommen, dessen gewiß, daß Macht sich am liebsten mit Macht verbündet. Wenn das eine Weise in der Welt ist — und das ist ja eine Weise in der Welt — so ist es doch nicht die göttliche Weise.

Und dann lesen wir: »Die Inseln warten auf seine Weisung.« Das heißt: die Abgeschnittenen, die Fernen und die Fernsten, hier werden sie Recht empfangen. Wir denken unwillkürlich sogleich an unsre unruhigen, bitter umkämpften Inseln, an Vietnam zuerst, und erfahren vom biblischen Zeugnis neu, was wir insgeheim wohl wissen: daß alle Hilfsmächte, sie kommen, woher sie kommen, nichts bessern und helfen, wenn sie nicht dem Recht geben: daß Menschen verschiedener Meinung, ver­schiedenen Weltverständnisses einander aushalten müssen und nur dann einander aushalten können, wenn sie erkennen: alles gesetzte Recht ist begrenztes Recht, keine Ideologie hat einen Absolutheitsanspruch — und heiße sie noch so schön.

In die Gefängnisse — das ist das dritte, was hier zu sagen ist — in Finsternis und Kerker dringt die Stimme. Und gemeint sind hier alle die Gefängnisse, die sich der Menschenhaß erbaut, und auch alle, die goldene Gitterstäbe haben und sich selbst nicht als Gefängnisse erkennen.

Treiben wir Historie? Sprechen wir von Israel und Babylon? Nein. Wir haben eines zu treiben: das Evangelium. Wir haben zu sagen, daß diese Botschaft uns meint, einfältig und begrenzt, daß sie aber unüberhörbar und genau uns einbezieht. So daß keiner, wenn hier vom Knecht die Rede ist, sagen dürfte, er sei da nicht angeredet. Du bist in dem Teil von dir, der ins Ewige gerufen ist, an diesem Knechtsdienst beteiligt.

Und so spreche ich drei Dinge aus, die unsren Stand in der Welt aus der menschlichen Weise in die göttliche Weise hin­einrufen. Ohne Lärm, doch nicht ohne Tat.

Geknicktes Rohr und glimmender Docht warten auf uns. Es gibt eine bestimmte Erweiterung unsres Lebens in der Welt, die uns durch diese Erkenntnis zuteil wird und durch diesen Auftrag, durch diesen und keinen anderen. Leben soll sich verbünden mit allem, was stark und heiter und zukunftverheißend ist; das wissen wir in uns selbst. Aber außer diesem Bünd­nis braucht es einen Anteil an geschwächtem, verstörtem, ge­ringem Leben. Ihn mußt du dir suchen, denn er tritt dir nicht sogleich in den Weg. Aber du wirst ihn dir finden. Geh durch eine so rührige Leineweberstadt wie die Stadt Bielefeld mit ihren festlichen Hallen; aber dann versäume es nicht, in die Straßenbahn zu steigen und nach Bethel hinauszufahren. Wag dich in eines der großen Kinderzimmer und bau mit dem Lego-Baukasten ein Haus; sieh nicht weg von den gekrümmten Fin­gern der Kinder, die nur mit Mühe ein Steinchen halten kön­nen; trau dich, ihrem Lächeln zu begegnen, auch wenn es zu­weilen ein wunderliches Lächeln ist, und verstehe die Wunde als ein Zeichenwort für dein Leben: wenn du diesen Anteil am »geknickten Rohr« nicht in dir Gestalt gewinnen läßt, dann wird etwas in dir, in deinen Künsten und Fähigkeiten, zu der eleganten Routine, die der Teufel holen soll. Dein Baukasten­spiel in Bethel oder was es nun sei, das holt der Teufel nicht; das bewachen alle Engel.

Und was ist es mit den »Inseln«, die auf das Recht warten und die Weisung empfangen? Ich will es so übersetzen: unser Leben, und gerade auch unser geistliches Leben wird auf eine unerträgliche Weise gemütlich-harmlos, wenn wir nicht begrei­fen, daß zu allem dem, was uns vertraut ist, immer neu hinzu­zutreten hat: der ganz Feme, der ganz Fremde, der Unver­traute. Unser Kollegenkreis, unser Chor, unsre Mittwochsge­sellschaft, unsre Kirchengemeinde in der Weihnachtsfeier: man darf derlei schätzen und pflegen, aber Leben verdirbt, wenn darüber »die Inseln« vergessen werden. Auch diesen Fremden werden wir nicht gleich finden. Wir werden auch nicht Lärm machen, um seine Aufmerksamkeit zu erwecken. Genug, wenn wir mitten in der Sorge um das Vertraut-Anvertraute wach bleiben für dieses Unvertraute, für das wir jede Vokabel des Glaubens neu lernen müssen; für diesen Menschen, für den wir kein Wort, auch kein biblisches Wort, ungeprüft, unverarbeitet weitergeben können, für den zu arbeiten aber unser Leben — am Leben hält.

Und die Gefängnisse? Zumal die goldenen Gefängnisse der Macht, der Eitelkeit, des Geltungsbedürfnisses, an denen wir mit so seltsamem Eifer bauen? Wie, wenn wir einander ermu­tigten, die Bauarbeiten zu verlangsamen, sie einzustellen? Wie, wenn der Knecht ohne Lärm uns ermächtigte, das zu tun, was dem Gefangenen im Gefängnis zu tun erlaubt ist: zu schlafen, zu schlafen, um zu erwachen, und im Erwachen zu erfahren, daß der eine wahre und treue Knecht die Gefängnisse — wie es im Neuen Testament heißt -»gefangen geführt« hat? Du wirst dich schon wieder neu zimmern, Gefängnis heute, Gefängnis morgen, du hast ja Helfer genug, die bauen, auch Helfer in uns. Aber mein letztes Haus sollst du nicht sein. Einer, der kei­nen Lärm macht, ist unterwegs, gerade zu deiner Tür — und er schiebt den Riegel zurück.

Quelle: Albrecht Goes, Kanzelholz. Dreißig Predigten, Hamburg: Friedrich Wittig, 1971, S. 83-87.

Hier die Predigt als pdf.

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