Erving Goffman über primäre Rahmen (frames) zur Organisation von Alltagserfahrungen (Frame Analysis, 1974): „Wenn der einzelne in unserer westlichen Gesellschaft ein bestimmtes Ereignis erkennt, neigt er dazu – was immer er sonst tut seine Reaktion faktisch von einem oder mehreren Rahmen oder Interpretationsschemata bestimmen zu lassen, und zwar von solchen, die man primäre nennen könnte. … Ein primärer Rahmen wird eben so gesehen, daß er einen sonst sinnlosen Aspekt der Szene zu etwas Sinnvollem macht.“

Primäre Rahmen

Von Erwing Goffman

I

Wenn der einzelne in unserer westlichen Gesellschaft ein be­stimmtes Ereignis erkennt, neigt er dazu – was immer er sonst tut seine Reaktion faktisch von einem oder mehreren Rahmen oder Interpretationsschemata bestimmen zu lassen, und zwar von solchen, die man primäre nennen könnte. Dies deshalb, weil die Anwendung eines solchen Rahmens oder einer solchen Sichtweise von den Betreffenden so gesehen wird, daß sie nicht auf eine vor­hergehende oder »ursprüngliche« Deutung zurückgreift; ein pri­märer Rahmen wird eben so gesehen, daß er einen sonst sinn­losen Aspekt der Szene zu etwas Sinnvollem macht.

Primäre Rahmen können verschiedenen Organisationsgrad haben. Einige lassen sich sehr schön als ein System von Gegenständen, Postulaten und Regeln darstellen; andere – und zwar die meisten – scheinen keine deutliche Gestalt zu haben und führen nur zu einem Verstehen, liefern einen Ansatz, eine Perspektive. Doch wie hoch auch der Organisationsgrad sei, jeder primäre Rahmen ermöglicht dem, der ihn anwendet, die Lokalisierung, Wahrnehmung, Identifikation und Benennung einer anscheinend unbeschränkten Anzahl konkreter Vorkommnisse, die im Sinne des Rahmens definiert sind. Dabei sind ihm die Organisationseigenschaften des Rahmens im allgemeinen nicht bewußt, und wenn man ihn fragt, kann er ihn auch nicht annähernd vollständig beschreiben, doch das hindert nicht, daß er ihn mühelos und vollständig anwendet.

Im täglichen Leben in unserer Gesellschaft empfindet, ja macht man einen einigermaßen klaren Unterschied zwischen zwei gro­ßen Klassen primärer Rahmen: natürlichen und sozialen. Natür­liche Rahmen identifizieren Ereignisse, die als nicht gerichtet, nicht orientiert, nicht belebt, nicht geleitet, »rein physikalisch« gesehen werden; man führt sie vollständig, von Anfang bis Ende, auf »natürliche« Ursachen zurück. Man sieht keinen Willen, keine Absicht als Ursache am Werke, keinen Handelnden, der ständig auf das Ergebnis Einfluß nimmt. Bezüglich dieser Ereig­nisse ist kein Erfolg oder Mißerfolg vorstellbar; es kommen keine negativen oder positiven Sanktionen ins Spiel. Es herrscht voll­ständiger Determinismus, vollständige Determination. In gewis­sem Maße geht man davon aus, daß die unter einem solchen Schema wahrgenommenen Ereignisse reduktiv in solche eines »grundlegenderen« Rahmens übersetzbar seien, und daß gewisse Voraussetzungen wie etwa die Vorstellung von der Erhaltung der Energie oder von einer einzigen, nicht umkehrbaren Zeit auf alle zutreffen. Elegante Formen dieser natürlichen Rahmen finden sich natürlich in den physikalischen und biologischen Wissen­schaften. Ein alltägliches Beispiel wäre die Witterung gemäß einem Wetterbericht.

Soziale Rahmen dagegen liefern einen Verständnishintergrund für Ereignisse, an denen Wille, Ziel und steuerndes Eingreifen einer Intelligenz, eines Lebewesens, in erster Linie des Menschen, beteiligt sind. Ein solches Wesen ist alles andere als unerbittlich; man kann ihm gut zureden, schmeicheln, trotzen, drohen. Sein Tun kann man als »orientiert« bezeichnen: der Handelnde ist »Maßstäben« unterworfen, sozialer Beurteilung seiner Handlung auf Grund ihrer Aufrichtigkeit, Wirksamkeit, Sparsamkeit, Un­gefährlichkeit, Eleganz, ihres Takts, guten Geschmacks usw. Die Folgen lösen ständig Korrekturen aus, am deutlichsten, wenn die Handlung unerwartet blockiert oder in eine andere Richtung gelenkt wird, so daß besondere Korrekturbemühungen nötig wer­den. Es kommen Motive und Absichten ins Spiel, deren Unter­stellung die Auswahl eines der möglichen sozialen Rahmen er­leichtert. Ein Beispiel für eine orientierte Handlung wäre das Verlesen des Wetterberichts im Rundfunk. Es liegen hier also Handlungen vor, keine bloßen Ereignisse. (Wir schließen uns ei­nigen als grundlegend geltenden Unterscheidungen innerhalb der sozialen Sphäre an, etwa der zwischen Zielgerichtetheit bei Men­schen und bei Tieren; mehr darüber später.) Man verwendet den gleichen Ausdruck »Kausalität« für die blinde Naturwir­kung und die von einem Menschen beabsichtigte Wirkung; er­stere wird als unbegrenzte Kette verursachter und verursachender Wirkungen gesehen, letztere so, daß sie irgendwie mit einer bewußten Entscheidung beginnt.

In unserer Gesellschaft geht man davon aus, daß intelligente Wesen in die Naturvorgänge eingreifen und deren Determiniert­heit ausnützen können, falls sie nur die natürlichen Zusammen­hänge berücksichtigen. Des weiteren geht man davon aus, daß, vielleicht mit Ausnahme der reinen Phantasie oder des reinen Denkens, alles, was jemand tun möchte, ständig natürlichen Ein­schränkungen unterworfen ist, und daß wirksames Handeln die Ausnützung statt Nichtbeachtung dieser Verhältnisse verlangt. Selbst wenn zwei Menschen im Kopf miteinander Dame spielen, müssen sie doch noch Mitteilungen über die Züge austauschen, was einen physikalisch wirksamen, willensgesteuerten Gebrauch der Stimme beim Sprechen oder der Hand beim Schreiben erfordert. Die Vorstellung ist also die, daß zwar Naturereignisse ohne intel­ligenten Eingriff erfolgen, intelligente Handlungen aber nicht er­folgreich sein können, wenn man sich nicht auf die Naturordnung einläßt. Damit läßt sich jedes Stück einer sozial orientierten Hand­lung teilweise innerhalb eines natürlichen Schemas analysieren.

Orientierte Handlungen lassen sich also anscheinend auf zweierlei Art verstehen. Die eine, die allen Handlungen mehr oder weniger gemeinsam ist, hat mit der offensichtlichen Beeinflussung der na­türlichen Welt in Übereinstimmung mit den besonderen Einschrän­kungen zu tun, die dem Naturablauf eigen sind; die andere Verstehensweise hat mit den besonderen Welten zu tun, in die der Handelnde verwickelt werden kann, und die eben recht verschie­denartig sein können. So bestehen bei jedem Damespiel zwei völ­lig verschiedene Grundlagen der Orientierung: die eine hat mit rein materiellen Dingen zu tun – mit der physischen Manipula­tion des Zeichenträgers, nicht des Zeichens; die andere mit der höchst sozialen Welt der Stellungen, die im Laufe des Spiels auf­treten, wobei ein Zug ebensogut durch die Stimme, eine Geste, durch die Post oder durch physisches Verschieben eines Steins mit der Faust, irgendeiner Kombination von Fingern oder dem rechten Ellbogen geschehen kann. Das Verhalten am Spielbrett läßt sich leicht aufteilen in Ziehen und physisches Bewegen von Steinen. Und man kann leicht unterscheiden zwischen einem ungeschickten Zug, der den strategischen Stellungen der beiden Spieler schlecht gerecht wird, und einer schwerfälligen Bewe­gung, die nach den örtlichen sozialen Maßstäben für physische Tätigkeiten schlecht ausgeführt ist. Man beachte, daß ein Er­wachsener mit einer neuen Prothese beim Damespielen sich der damit verbundenen physischen Leistung voll bewußt sein kann, nicht jedoch der normale Spieler. Entscheidungen über den näch­sten Zug sind problematisch und bedeutungsvoll; für das Bewe­gen des Steines, wenn die Entscheidung gefallen ist, gilt dagegen weder das eine noch das andere. Andererseits gibt es orientierte Tätigkeiten wie das Reparieren einer Abflußleitung oder das Keh­ren eines Gehwegs, bei denen sich fortgesetzte bewußte Bemü­hungen auf die Beeinflussung der materiellen Welt richten, wobei die Tätigkeit selbst zu einem »instrumentellen Vorgehen«, einer zu erledigenden Aufgabe, einer »rein nutzenorientierten« Hand­lung wird – ihr Zweck läßt sich nicht ohne weiteres von den dazu eingesetzten materiellen Mitteln trennen.

Alle sozialen Rahmen haben mit Regeln zu tun, aber auf ver­schiedene Weise. Ein Damezug etwa ist durch die Spielregeln bestimmt, von denen die meisten in einer zu Ende gespielten Partie auch angewandt werden; die physische Handhabung der Steine dagegen hat mit einem Rahmen für kleine Körperbewegungen zu tun, der – sofern man überhaupt von einem Rahmen sprechen kann – während einer Partie möglicherweise nur zu einem klei­nen Teil zutage tritt. Obwohl also die Regeln für das Damespiel und die für den Straßenverkehr recht gut in einem kleinen Büch­lein dargestellt werden können (und werden), gibt es einen Unter­schied: zum Damespiel gehört das Verstehen des maßgeblichen Ziels der Teilnehmer, während die Straßenverkehrsordnung nicht festlegt, wohin man fahren soll, und warum, sondern nur, welche Einschränkungen man dabei zu beachten hat.

Fassen wir zusammen. Man tendiert dazu, Ereignisse im Sinne primärer Rahmen wahrzunehmen, die bestimmte Beschreibungen der Ereignisse liefern. Die Sonne geht auf – ein Naturereignis; man läßt die Jalousie herunter, um sich gegen das, was aufgegan­gen ist, zu schützen – eine orientierte Handlung. Wenn ein Un­tersuchungsbeamter nach der Todesursache fragt, möchte er eine Antwort nach dem natürlichen Schema der Physiologie haben; fragt er nach der Todesart, so möchte er eine auf dramatische Weise soziale Antwort haben, die etwas beschreibt, was durchaus zu einem Vorsatz gehören kann.

Der Gedanke des primären Rahmens ist also der erste Begriff, den wir brauchen; ich wünsch­te, er wäre brauchbarer. Zum Bei­spiel besteht die unangenehme Tatsache, daß man in jedem Au­genblick seiner Tätigkeit im allgemeinen mehrere Rahmen an­wendet. (»Wir warteten, bis der Regen aufhörte, und begannen dann das Spiel von neuem.«) Natürlich steht manchmal ein be­stimmter Rahmen im Vordergrund und liefert eine erste Antwort auf die Frage »Was geht hier eigentlich vor?« Die Antwort: ein Ereignis oder eine Handlung, die mittels eines primä­ren Rahmens beschrieben ist. Dann kann man anfangen, sich um die mikro­analytischen Fragen zu kümmern, was mit »wir«, »es«, »hier« gemeint ist, und wie es zu der unterstellten Einigkeit kommt.

Jetzt ist eine weitere Überlegung notwendig. Wenn zwei Koordi­natenachsen als der Rahmen genommen werden können, innerhalb dessen ein gegebener Punkt zu identifizieren ist, oder wenn man an ein Schachbrett als das System denkt, innerhalb dessen ein Zug stattfindet, so ist der Begriff des primären Rahmens hin­reichend klar, wenn auch selbst hier die Frage der Abhängigkeit eines bestimmten Rahmens von unserem Verstehen derartiger Rahmen besteht. Betrachtet man ein paar gewöhnliche Ereignisse im täglichen Leben, etwa einen beiläufigen Gruß oder die Frage eines Kunden nach dem Preis einer Ware, so ist die Feststellung des Rahmens, wie bereits bemerkt, sehr viel problematischer. Hier haben nun die Autoren der Tradition, von der ich ausgehe, stillschweigend gepaßt. Wenn man hier von »Alltagsleben« oder, wie Schütz, von der »Welt der klar bewußten praktischen Reali­täten« spricht, so ist das einfach ein ungezielter Schuß. Wie schon gesagt, es kann eine Vielzahl von Rahmen ins Spiel kommen oder auch gar keiner. Doch um weiterzukommen, wollen wir wenigstens vorläufig die Arbeitshypothese einführen, daß die Handlungen des täglichen Lebens verstehbar sind wegen eines (oder mehrerer) primärer Rahmen, die ihnen einen Sinn verleihen, und daß die Aufdeckung dieses Schemas weder eine triviale, noch, so wollen wir hoffen, eine nicht zu bewältigende Aufgabe ist.

Bei der Beschreibung primärer Rahmen habe ich mich bisher auf diejenigen beschränkt, die vom einzelnen (ausdrücklich oder je­denfalls der Wirkung nach) zugrundegelegt werden, wenn er sich ein Bild davon machen will, was vor sich geht, wobei natürlich seine speziellen Interessen als gegeben anzunehmen sind. Der ein­zelne kann gewiß mit seinen Deutungen »unrecht« haben, das heißt, sie können fehlgeleitet, von der Wirklichkeit abgelöst, un­passend usw. sein. Mit solchen »falschen« Deutungen werden wir uns ständig beschäftigen. Hier möchte ich lediglich die Auffas­sung erwähnen, daß der einzelne in unserer Gesellschaft in vielen Fällen mit dem Gebrauch bestimmter Rahmen Erfolg hat. Die Bestandteile und Vorgänge, die er bei seiner Deutung einer Handlung annimmt, sind oft auch diejenigen, die der Handlung selbst eignen – und warum auch nicht, das soziale Leben ist ja selbst oft so organisiert, daß es der einzelne verstehen und sich auf es einstellen kann. Es wird also eine Entsprechung oder Isomorphie behauptet zwischen der Wahrnehmung und der Organisation des Wahrgenommenen, obwohl es im allgemeinen viele richtige Organisationsgrundsätze gibt, die für die Wahrnehmung bestimmend sein könnten, es aber tatsächlich nichtig sind. Das ist, Wie für viele in unserer Gesellschaft, so auch für mich eine sinn­volle Behauptung.

II

Zusammengenommen bilden die primären Rahmen einer sozialen Gruppe einen Hauptbestandteil von deren Kultur, vor allem insofern, als sich ein Verstehen bezüglich wichtiger Klassen von Schemata entwickelt, bezüglich deren Verhältnissen zueinan­der und bezüglich der Gesamtheit der Kräfte und Wesen, die von Schemata entwickelt, bezüglich deren Verhältnissen zueinander nach diesen Deutungsmustern in der Welt vorhanden sind. Man muß sich ein Bild von dem oder den Rahmen einer Gruppe ihrem System von Vorstellungen, ihrer »Kosmologie« zu machen versuchen, obwohl das ein Gebiet ist, das auch genaue Analytiker gewöhnlich gern an andere weitergereicht haben. Und man beachte, daß in einem Gebiet wie den Vereinigten Staaten diese kognitiven Elemente nicht bei jedermann gleich sind. Menschen, die sonst ganz ähnliche Vorstellungen haben, unterscheiden sich womöglich doch in ein paar Annahmen wie der Existenz eines zweiten Gesichts, einer göttlichen Lenkung und ähnlichem. (Der Glaube an Gott und die Heiligkeit seiner hiesigen Stellvertreter dürfte heute eine der stärksten Quellen der Uneinigkeit in unserer Gesellschaft bezüglich letzter Kräfte sein. Aus Taktgefühl ver­zichten die Sozialwissenschaftler gewöhnlich auf eine Diskussion dieser Fragen.)

III

Der Begriff des primären Rahmens, so unbefriedigend er auch ist, ermöglicht doch sofort die Betrachtung von fünf wohlunterschie­denen Punkten und deren Bedeutung für unser Gesamtverständnis des Weltlaufs.

1. Erstens der »Komplex des Erstaunlichen«. Etwas geschieht oder wird hervorgebracht, das beim Beobachter Zweifel an seiner allgemeinen Auffassung von den Dingen weckt, denn es scheint, daß man zur Erklärung des Vorgangs neuartige Naturkräfte oder Steuerungsmöglichkeiten zulassen muß, wobei an letzteren womöglich neuartige Wesen beteiligt sind. Hierher gehören scheinbare Besuche aus oder Verbindungen mit dem Weltraum, religiöse Heilungswunder, die Beobachtung von Meeresungeheu­ern, Schwebeerscheinungen, Pferde mit mathematischen Neigungen, Weissagen, Verbindung mit den Toten, und so weiter. Wie gesagt, aus diesen erstaunlichen Vorkommnissen würde das Be­stehen außergewöhnlicher Naturkräfte und Steuerungsmöglich­keiten folgen; zum Beispiel astrologische Einflüsse, das zweite Ge­sicht, außersinnliche Wahrnehmung und ähnliches. Es fehlt nicht an Büchern, die nach dem Motto »Ob Sie es glauben oder nicht« ausführlich über »noch unerklärte« Vorgänge berichten. Gele­gentlich erregen auch Wissenschaftler Aufsehen, indem sie »ernst­haftes Interesse« für außersinnliche Wahrnehmung, fliegende Untertassen, Einflüsse der Mondphasen usw. zeigen. Viele Privat­personen erinnern sich an mindestens ein Ereignis, das sie ver­nünftig nie ganz erklären konnten. Doch im allgemeinen erwar­ten die Menschen in unserer Gesellschaft beim Auftreten eines erstaunlichen Ereignisses, daß bald eine »einfache« oder »natür­liche« Lösung gefunden wird, die das Geheimnis aufklärt, die Sache in den Bereich der gewohnten Kräfte und Wesen einglie­dert und die übliche Unterscheidung zwischen Naturerscheinun­gen und orientierten Handlungen wieder zum Tragen bringt. Ohne Zweifel sträuben sich die Menschen erheblich gegen eine Veränderung ihres Systems von Rahmen. Öffentliches Aufsehen – oder zumindest ein leichter Wellenschlag – entsteht durch ein Ereignis, das sich anscheinend der herkömmlichen Kosmologie nicht fügt. Es sei ein Beispiel aus der Presse angeführt:

Alamasco, Colo. – Die Autopsie eines Pferdes, dessen Besitzer glaub­ten, es sei von den Insassen einer fliegenden Untertasse getötet wor­den, zeigte, daß bei ihm Bauchhöhle, Gehirn- und Rückenmarksraum leer waren.
Der Pathologe, ein Spezialist aus Denver, der ungenannt bleiben wollte, meinte, das Fehlen der Organe der Bauchhöhle sei unerklär­lich.
Zeugen der Autopsie am Sonntagabend auf der Ranch, wo der Ka­daver gefunden wurde, waren vier Mitglieder der Denverer Gruppe des Nationalen Ausschusses zur Untersuchung von Erscheinungen im Luftraum. …
Als der Pathologe die Schädelhöhle des Pferdes ansägte, fand er sie leer. »Es hätte auf jeden Fall eine ganze Menge Flüssigkeit in der Schädelhöhle sein müssen«, sagte der Pathologe. …
Die Eigentümer sagten, sie glaubten, das Pferd sei von Insassen einer fliegenden Untertasse getötet worden. Mehrere andere Personen im Tal von San Luis, wo kürzlich nicht weniger als acht Beobachtungen unbekannter Flugobjekte an einem Abend gemeldet wurden, erklär­ten, sie seien derselben Ansicht …[1]

Und man erwartet eine Auflösung folgender Art:

Moskau (AP) – Eine russische Hausfrau, die vor sieben Jahren in der ganzen Welt mit ihrem angeblichen »Fingersehen« Aufsehen er­regt hatte, wurde jetzt nach einer sowjetischen Zeitung als Betrügerin entlarvt.
Fünf Wissenschaftler, die Frau Rosa Kuleschowa untersuchten, ka­men zu dem Schluß, daß sie durch Löcher in ihrer Augenbinde ge­blickt hatte.
Frau Kuleschowa, in ihrer Heimatstadt eine Berühmtheit, machte sich einen internationalen Namen, als ihre angebliche Fähigkeit, mit ihren Fingerspitzen zu sehen, 1963 durch die sowjetische Presse an die Öf­fentlichkeit gebracht wurde.
Der Ausschuß schrieb, Frau Kuleschowas Behauptungen seien 1963 irrtümlich geglaubt worden, als sie von sowjetischen Wissenschaftlern untersucht wurde, die farbiges Licht auf ihre Hände fallen ließen, während ihre Augen auf verschiedene Weise bedeckt waren.
Doch die Leuchtmaschine gab »Quietsch- und Rasselgeräusche« von sich, so schrieben die Ausschußmitglieder, die dazu beitrugen, sie über die nächste Farbe zu informieren …[2]

Nocheinmal: in unserer Gesellschaft wird allgemein die sehr be­deutsame Annahme gemacht, daß alle Ereignisse – ohne jede Ausnahme – in das herkömmliche Vorstellungssystem hinein­passen und mit seinen Mitteln bewältigt werden können. Man nimmt das Unerklärte hin, aber nicht das Unerklärliche.

2. Kosmologische Interessen – in gewissem Sinne die umfas­sendsten, die man haben kann – fördern eine harmlose Unter­haltung: die Vorführung von Kunststücken, d. h. die Aufrecht­erhaltung von Orientierung und Beherrschung der Situation durch ein willensbegabtes Wesen unter anscheinend fast unmög­lichen Bedingungen. Hierher gehören die Leistungen von Jon­gleuren, Seiltänzern, Kunstreitern, Wellenreitern, Skiakrobaten, Messerwerfern, Wasser-Kunstspringern, Autofahrer-Akrobaten und neuerlich Weltraumfahrern, welch letztere von allen den größten Auftritt haben, wobei sie freilich den Ruhm mit der ame­rikanischen Technik teilen müssen. Man könnte hier auch die Kunststücke nennen, die der einzelne seiner Physiologie beibrin­gen kann, etwa wenn eine Funktion wie Blutdruck oder Schmerz­reaktion unter willkürliche Kontrolle gebracht wird. Man be­achte, daß »Tierakte« bei den Kunststücken eine wichtige Rolle spielen. Dressierte Seehunde, Delphine mit sozialem Verhalten, tanzende Elefanten und akrobatische Löwen sind alles Beispiele für die Möglichkeit gewöhnlicher orientierter Handlungen, die von andersartigen Wesen ausgeführt werden, so daß das Augenmerk auf die in unserer Gesellschaft gezogene Trennungslinie zwischen Mensch und Tier gelenkt wird. So auch, wenn Tiere auftauchen, die zu nützlichen Tätigkeiten abgerichtet worden sind, die man als dem Menschen vorbehalten ansieht, etwa wenn ein Schimpanse auf der Straße größte Bestürzung auslöst, weil sein Betreuer ihm beigebracht hat, einen offenen Sportwagen zu steuern, und er selbst dabei scheinbar auf dem Nebensitz schläft, oder wenn eine Gruppe Schimpansen von einem australischen – Farmer bei der Ernte eingesetzt werden. Man könnte hinzufügen, daß manche wissenschaftliche Forschung auf dem gleichen Interesse beruht, nämlich genau festzustellen, wo die Grenze zwi­schen Tier und Mensch im Hinblick auf die Fähigkeit zu orien­tiertem Handeln zu ziehen sei.

Es verdient festgehalten zu werden, daß der Komplex des Erstaunlichen (in der Form verrückter Kerle) und die Kunststücke eng mit Zirkus-Zwischennummern Zusammenhängen, als wäre es eine soziale Funktion des Zirkus (und neuerdings des Meeres­schauen), für ihre Besucher zu klären, worin die Ordnung und die Grenzen ihrer grundlegenden Rahmen bestehen. Kunststücke kommen auch in varieteähnlichen Vorführungen in Nachtklubs vor (die jetzt sehr selten geworden sind), ebenso die Fähigkeiten von dressierten Hunden, Artistengruppen, Jongleu­ren, Zauberern – und darauf kommen wir später zurück – Geisterbeschwörern. Was nun der Zuschauer von solchen Aufführungen auch haben mag, es unterliegt keinem Zweifel, daß Fragen, die ins Kosmologische hineinreichen, den Laien im täglichen Leben beschäftigen und nicht etwa nur Labor- und Feldforscher.

3. Nehmen wir jetzt »Schnitzer (bzw. Patzer = muffings)«, nämlich Fälle, in denen der Körper oder ein anderes Objekt, das sicherer Steuerung zu unter­liegen schien, sich plötzlich selbständig macht, vom Kurs ab­weicht oder sich anderweitig der Kontrolle entzieht, so daß es ausschließlich unter die Herrschaft der Naturkräfte gerät, wo­durch geordnete Lebensverhältnisse durcheinander geraten. So kommt es dazu, daß man »als dummer Junge dasteht« oder – wenn die Rede hätte sinngeleitet sein sollen – daß man »ins Fett­näpfchen tritt«. (Der Grenzfall wäre der, daß überhaupt kein Tadel mehr übrigbleibt, etwa wenn die Ursache dafür, daß je­mand eine Tasse Tee verschüttet hat, ausschließlich in einem Erdbeben gesehen wird.) Der Körper bleibt hier ein natürliches, kausales agens, ist aber kein zweckgeleitetes, soziales mehr. Ein Beispiel:

Fünf Menschen wurden gestern verletzt – zwei davon schwer –, als ein Kraftfahrer die Herrschaft über sein Fahrzeug verlor und auf einen vielbenutzten Gehweg in Haight-Ashbury geriet.
Der Fahrer, der 23jährige Ed Hess, wohnhaft Cole Street 615, wurde in fast hysterischem Zustand nach Park Station gebracht, wo gegen ihn ein Verfahren wegen Tragens einer versteckten Waffe und des Verdachtes des Besitzes gefährlicher Drogen eingeleitet wurde.
»Ich konnte den Wagen nicht anhalten«, schrie er. »Überall waren Leute – vier, sechs, acht Menschen – aber, mein Gott, ich konnte nichts dafür.« …
Zeugen berichteten, das Fahrzeug sei auf der Haight Street in west­licher Richtung gefahren und kurz nach der Kreuzung mit der Masonic Avenue über den Bordstein und in die Fenster des New-Lite-Supermarkts gerast und noch 15 Meter über den Gehweg geschleu­dert.
»Ich wollte ihnen doch nichts tun«, schluchzte er [Hess], »aber sie waren überall um mich herum – links, rechts, überall.«[3]

Man beachte, daß ein Kunststück vorliegt, wenn man einen Ver­lust der Herrschaft ohne weiteres hätte erwarten und auch ent­schuldigen mögen; ein Schnitzer liegt vor, wenn keine besondere Bemühung zur Aufrechterhaltung der Herrschaft als notwendig angesehen wird, diese aber trotzdem verlorengeht.

Das anscheinende Kontrollzentrum für eine Tätigkeit liefert eine Perspektive beim Versagen der Kontrolle und überhaupt einen Hinweis darauf, wie wir verschiedenartige Tätigkeiten unter­scheiden. Manche Handlungen werden als eine bloße Tätigkeit der Glieder angesehen, etwa wenn man sich die Augen reibt, ein Streichholz entzündet, einen Schuh zuschnürt oder ein Tablett balanciert. Andere werden in eine Fortsetzung der Glieder hin­einverlegt, etwa das Fahren eines Autos, das Zusammenrechen von Heu oder die Handhabung eines Schraubenziehers. Schließ­lich gibt es noch Tätigkeiten, die im Körper oder einer Fortset­zung von ihm ihren Ausgang zu nehmen und zuletzt etwas zu lenken scheinen, was der anfänglichen Kontrolle ganz offensicht­lich nicht mehr unterliegt, etwa wenn ein Golfball, ein Kautabak­priem oder eine Rakete in ihrem Ziel landet. Die erstgenannte Fähigkeit wird vermutlich durch die primäre Sozialisation ver­mittelt, die anderen beiden durch die Sozialisation des Erwach­senen, insbesondere die Berufsausbildung. Man beachte, daß eine der Folgen dieses Lernprogramms die ist, daß sich die Welt in einen Ort verwandelt, der deutlich sozialen Rahmen folgt und mit ihrer Hilfe verstehbar ist. Erwachsene Städter bewegen sich ja vielleicht monatelang, ohne einmal die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren oder auf die Wirkungen aus der Um­welt nicht vorbereitet zu sein – weil die gesamte natürliche Welt durch öffentliche und private Vorkehrungen unter Kontrolle gebracht ist. Jedenfalls richtet sich das Interesse neuerdings auf Sportarten wie Schlittschuh- und Skilaufen, Reiten und Wellen­reiten, die es jung und alt ermöglichen, mittels mühsam beherrsch­ter Fortsetzungen des Körpers wieder zu bewußter Körperbeherr­schung zu kommen. Ein Wiedererwerb alter Fähigkeiten, begleitet – wie eh und je – von vielen Schnitzern, jetzt aber in einem neuen Kontext, dem des Spiels – Angstbewältigung für die Begüterten. Man beachte auch die offenbare Anziehungskraft von Schwänken nach der Art von Laurel und Hardy, in denen man­gelndes Können und Schnitzer ganz massiv dargestellt werden, und von Berg- und Talbahnen und anderen schwindelerregenden Bewegungsweisen auf Jahrmärkten, bei denen man die Herrschaft über sich selbst unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen verlieren kann.

4. Als nächstes betrachten wir den »Zufall«, worunter hier ein bedeutsames Ereignis verstanden werden soll, das als zufällig entstanden gesehen wird. Jemand, der seine Handlungen ord­nungsgemäß unter Kontrolle hat, wird mit dem natürlichen Ge­triebe der Welt auf eine Weise konfrontiert, die vorauszusehen man nicht von ihm erwarten konnte, und die Folgen stellen sich ein. Oder mehrere Menschen, die nichts miteinander zu tun haben und deren jeder seine Handlungen ordnungsgemäß unter Kontrolle hat, bringen zusammen etwas Unvorhergesehenes hervor, das von Bedeutung ist – und dies, obwohl die Beiträge der einzelnen zu diesem Ergebnis völlig unter ihrer Kontrolle stehen. Man spricht hier von Zufall, Glück oder Pech usw. Weil niemand verantwortlich gemacht wird, liegt so etwas wie ein natürlicher Rahmen vor, außer daß die Bestandteile, auf die die Naturkräfte wirken, hier sozial geleitete Handlungen sind. Man beachte auch, daß zufällige Folgen als erwünscht oder unerwünscht empfunden werden können. Für letzteres ein Beispiel:

Amman, Jordanien – Eine Ehrensalve wurde gestern einem palä­stinensischen Partisanen zum Verhängnis. Er wurde von einer verirr­ten Kugel getötet, als Partisaneneinheiten bei der Beisetzung der Opfer eines israelischen Luftangriffs am Sonntag mit ihren Geweh­ren in die Luft schossen.[4]

Der Begriff des zufälligen Zusammentreffens hat offensichtlich et­was Problematisches an sich, als hätte der, der ihn als Erklärung verwendet, gewisse Zweifel an einer so simplen Lösung, oder be­fürchtete solche Zweifel bei anderen. Das wird besonders deut­lich, wenn sich ein bestimmter Zufall zum zweiten oder dritten Male beim gleichen Gegenstand oder der gleichen Person oder Personengruppe ereignet. Und man wird auch kaum umhin können, einen Sinn zu erkennen, wenn das Opfer oder der Nutz­nießer des Zufalls einer prominenten Personenklasse angehört, die nur ein Mitglied hat.

Die Begriffe des Schnitzers und des Zufalls besitzen erhebliche kosmologische Bedeutung. Da wir glauben, daß sich die Welt gänzlich im Sinne von Naturereignissen und orientierten Tätig­keiten sehen läßt und jedes Vorkommnis ohne weiteres in die eine oder die andere Kategorie paßt, so wird deutlich, daß es eine Möglichkeit geben muß, mit Versehen und Schlamperei zu Rande zu kommen. Die in der Kultur liegenden Begriffe des Schnitzers und des Zufalls erfüllen diese Aufgabe; sie ermögli­chen es der Bevölkerung, Ereignisse zu verkraften, die sonst ihr Analysesystem in Frage stellen würden.

5. Der letzte Punkt hat mit dem Trennungsproblem zu tun, das sich in »Anspannung« und Witzemachen ausdrückt. Wir werden hier durchweg zu zeigen versuchen, daß der einzelne das von ihm Gesehene ziemlich vollständig in dem offiziell geltenden Rah­men unterbringen kann. Doch diese Fähigkeit hat eine bestimmte Grenze. Gewisse Effekte strahlen von einer Sichtweise, die auf die Ereignisse ohne weiteres anwendbar ist, auf eine völlig an­dere, nämlich die offizielle, aus. Das bestdokumentierte Beispiel ist vielleicht die langsame Entwicklung des selbstverständlichen Rechts der Ärzte, dem nackten menschlichen Körper in natür­licher statt sozialer Sichtweise gegenüberzutreten. So war es in England erst um das Ende des 18. Jahrhunderts so weit, daß Ge­burten nach ärztlicher Untersuchung in einem nicht verdunkelten Operationsraum und – wenn ein männlicher Arzt zugegen war – ohne darübergebreitete Decken stattfinden konnten. Selbst heute noch ist die gynäkologische Untersuchung etwas nicht ganz Unproblematisches; man bemüht sich besonders, die Sache unter solchem Vorzeichen ablaufen zu lassen, daß sexuelle Deutungen ausgeschlossen sind. Ein anderes Beispiel sind die Schwierig­keiten derer, die die Mund-zu-Mund-Beatmung bei Unglücks­fällen fördern möchten; der Mundkontakt läßt sich offenbar nicht so leicht von seinen rituellen Bedeutungen trennen. Ähnlich bringt man es fertig, sich von Orthopäden und Schuhverkäufern die Füße berühren zu lassen, doch vorher sorgt man dafür, daß weggewaschen wird, was rituell verunreinigen könnte. Oder nehmen wir den Sensei, den Karatelehrer; wenn seine Schüler die entsprechende Stellung einnehmen, kann er gewöhnlich wichtige Punkte ihres Körpers zweckgerichtet berühren, ganz wie ein Arzt, um unmittelbar festzustellen, ob die richtige Muskelspannung vorhanden ist. Nun betrachte man die Frage der Grenzen einer solchen physikalistischen Rahmung, die bei weiblichen Schülern entsteht:

Wenn der Sensei die Runde macht, um unseren »Stand« zu prüfen, indem er die Gesäß- und Schenkelmuskeln berührt, dann läßt er uns einfach aus. Nach drei Monaten machte er es schließlich bei der Fünfzehnjährigen, aber uns ältere Frauen meidet er nach wie vor wie die Pest. Es scheint klar, daß der fünfundzwanzigjährige Sensei uns nicht anders denn als Frauen sehen kann, die man nur zu einem einzigen Zweck berühren kann.[5]

Es dürfte auf der Hand liegen, daß der menschliche Körper und seine Berührung bei der Frage der Aufrechterhaltung von Rahmen eine Rolle spielt, ganz wie seine verschiedenen Abfallprodukte und unwillkürlichen Bewegungen bei Spannungen bezüg­lich der Grenzen eine Rolle spielen. Denn es scheint, daß der Körper wegen seines ständigen Vorhandenseins nicht in einem einzigen primären Rahmen behandelt werden kann. Es scheint unvermeidlich, daß uns unsere Deutungsfähigkeit instandsetzt, schließlich z. B. zwischen einem Arm, der einem Auto ein Signal gibt, und einem, der einem Freund einen Gruß zu winkt, zu un­terscheiden, und dies beides von den Bewegungen beim Verscheu­chen von Fliegen oder beim Sich-Aufwärmen. Diese Unterschei­dungen wiederum scheinen mit der Tatsache zusammenzuhängen, daß jede Ereignisart nur ein Bestandteil einer ganzen Ereignis­sprache ist, deren jede zu einem bestimmten Rahmen gehört. Und was hier für die westliche Gesellschaft gilt, gilt wahrscheinlich auch für jede andere.

IV

Ein allgemeiner Gesichtspunkt ist hier zu betonen. Die primären natürlichen und sozialen Sichtweisen, die den Mitgliedern einer Gesellschaft wie der unsrigen zu Gebote stehen, betreffen nicht nur die an einer Handlung Beteiligten, sondern sehr stark auch bloße Zuschauer. Es scheint, man kann kaum auf etwas blicken, ohne einen primären Rahmen ins Spiel zu bringen und damit Vermutungen darüber anzustellen, was vorher geschah und was jetzt geschehen dürfte. Ist jemand lediglich bereit, einen Blick auf etwas zu werfen und sich dann anderem zuzuwenden, so ent­springt das nicht allein einem Mangel an Interesse; das Einen-Blick-Werfen selber scheint ermöglicht zu werden durch die ra­sche Bestätigung, die der Blickende erhalten kann, und die ihm die Gewißheit gibt, daß die vorher bereitliegenden Perspektiven zutreffen. Denn ohne Zweifel ist ein wichtiges Motiv die Ermitt­lung der Motivationsrelevanz des Ereignisses für die anderen An­wesenden. Die bloße Wahrnehmung ist also ein viel aktiveres Ein­dringen in die Welt, als man sich fürs erste vielleicht vorstellt.

Bergson kommt dieser Betrachtungsweise nahe in seiner schönen Arbeit Das Lachen:

Komisch ist jede Verkettung von Handlungen und Ereignissen, die uns die Illusion des Lebens und das deutliche Gefühl eines mecha­nischen Arrangements zugleich verschafft.[6]
Starrheit, Automatismus, Zerstreutheit, Ungeselligkeit, all das durch­dringt sich innig, und aus all dem baut sich die Komik des Charak­ters auf.[7]
Wir lachen jedesmal, wenn eine Person uns wie eine Sache erscheint.[8]

Bei dem Hinweis, man lache oft, wenn man vor einem Menschen stehe, der nicht in jeder Hinsicht der Vorstellung von mensch­licher Orientiertheit entspricht, bleibt Bergson aber stehen, statt die darin enthaltene Folgerung zu ziehen, nämlich: Wenn jemand geneigt ist, über mangelhaft orientiertes Verhalten zu lachen, dann muß er offenbar schon immer die Stimmigkeit des normalen Verhaltens in vollem Umfang erkannt haben und darin nichts Lächerliches gefunden haben. Kurz, die Beobachter tragen ihre Bezugssysteme aktiv in ihre unmittelbare Umwelt hinein, und das verkennt man nur, weil die Ereignisse gewöhnlich diese Bezugssysteme bestätigen, so daß die Hypothesen im glatten Hand­lungsablauf untergehen. Wenn etwa eine richtig angezogene Frau den Rahmen eines Spiegels auf einer Versteigerung genau betrachtet und dann zurücktritt, um zu prüfen, ob der Spiegel ein unverzerrtes Bild gibt, so können andere Anwesende sie leicht als jemanden sehen, der eigentlich gar nicht gesehen worden ist. Wenn sie aber den Spiegel benutzt, um ihren Hut zurechtzurücken, dann kann den anderen Anwesenden klar werden, daß im­mer schon ein ganz bestimmtes Hinsehen erwartet wurde, und daß der Gegenstand an der Wand weniger ein Spiegel als ein zum Verkauf angebotener Spiegel war; und diese Erfahrung kann sich umkehren, wenn die Frau einen Spiegel in einem Ankleidezimmer kritisch mustert, statt sich selbst darin zu betrachten.

Quelle: Erving Goffman, Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, übers. v. Hermann Vetter, Frankfurt a.M.: Suhrkamp,1977, S. 31-51 (ohne Anmerkungen).


[1] San Francisco Chronicle, 10.10.1967.

[2] The New York Times, 11.10.1970.

[3] Bericht in San Francisco Chronicle, 19.4.1968.

[4] San Francisco Chronicle, 6.8.1968.

[5] Susan Pascale u. a., »Self-Defense for Women«, in Robin Morgan, Hrsg., Sisterhood is Powerful (New York: Random House, Vintage Books, 1970), S. 474.

[6] Henri Bergson, Das Lachen, dt. v. Julius Frankenberger und Walter Fränzel (Jena: Diederichs, 1914), S. 48.

[7] Ebenda, S. 99.

[8] Ebenda, S. 42.

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