Biographisches zu Paul Schempp von Siegfried Hermle: „Schempps kompromißlose, an der Theologie Luthers orientierte Haltung machte den Umgang mit ihm nicht eben leicht. Neben seinen bis heute beispielhaften Predigten bleiben seine leidenschaftlichen Appelle an die Kirche, sich ganz an Jesus Christus auszurichten, und seine bohrenden Fragen nach der christlichen Freiheit bis heute herausfordernd konkret und sollten immer wieder neu zu Gehör gebracht werden.“

Paul Schempp

Von Siegfried Hermle

Aus einer vom württembergischen Pietismus geprägten Handwerkerfamilie stammend, erhielt Schempp am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart eine humanistische Ausbildung, die ihm – nachdem er im Juli 1918 noch zum Militärdienst eingezogen worden war – ein Studium der evangelischen Theologie als Stipendiat am Evangelischen Stift in Tübingen ermöglichte. Während seines Studiums suchte er vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit der Theologie Martin Luthers, ein Thema, das ihn nicht mehr loslassen sollte. Nach der mit zahlreichen Ortswechseln verbundenen Vikariatszeit, während der Schempp zweimal um Beurlaubung bat, um sich über seinen künftigen Dienst als Pfarrer klar zu werden, kam Schempp als Repetent ans Evangelische Stift nach Tübingen (1927 Vorlesung „Das Wesen der Theologie Luthers“). In seiner grundlegenden, als Examensarbeit gefertigten Studie, „Luthers Stellung zur Heiligen Schrift“, stellte Schempp mit Nachdruck heraus, daß nach Luther die Schrift den Anspruch erhebe, Gottes Wort zu sein, und da Christus Inhalt und Mitte der Schrift sei, sei dieser „Eindeutigkeit, Einheit und Allgemeinverständlichkeit“ gegeben (Theologische Entwürfe, 31).

Nach einer kurzen Zeit als Religionslehrer in Bad Cannstatt wurde Schempp Stadtpfarrer in Waiblingen. Da er die zwangsweise Einziehung der Kirchensteuern ablehnte – seiner Ansicht nach könne die Kirche nur die Waffen des Wortes, aber keine Gewalt nach weltlichem Recht anwenden –, legte er dieses Amt schon nach wenigen Monaten nieder und übernahm eine Religionslehrerstelle am Olgastift in Stuttgart. Engagiert beteiligte sich Schempp im folgenden an der Diskussion um die Neufassung der Kirchengebete, und ab 1933 war er einer der entschiedensten Gegner jener Pfarrer, die eine Synthese von Christentum und Nationalsozialismus anstrebten und bereit waren, die äußere Gestalt und Theologie der Kirche um ihrer zukünftigen Wirksamkeit willen zu verändern. Schempp, Mitherausgeber der 1933 gegründeten „Blätter zur kirchlichen Lage“ und der diese 1934 ablösenden „Evangelische(n) Theologie“, wurde am 9. September aus dem Staatsdienst entlassen. Er war wegen Ausführungen denunziert worden, die er im Rahmen einer Versammlung gemacht hatte, bei der sich die Opposition gegen die „Deutschen Christen“ sammelte.

Als Pfarrer in Iptingen trat Schempp – zunächst zusammen mit anderen Mitgliedern der „Kirchlich-theologischen Arbeitsgemeinschaft“ und später mit den Freunden in der „Sozietät“ – in zahlreichen Worten und Erklärungen gegen die „Deutschen Christen“ auf. Das große Ansehen, das er sich erworben hatte, zeigte seine Teilnahme an den Synoden der Bekennenden Kirche in Barmen (Mitarbeit im lutherischen Konvent) und Berlin-Dahlem 1934 wie auch daran, daß er 1935 zu Vorlesungen an die neu gegründete Kirchliche Hochschule Wuppertal-Elberfeld eingeladen wurde. Besonders erwähnenswert erscheint ein offener Brief Schempps an den Reichsbischof vom 27.7.1935, in dem er eindringlich darauf hinwies, daß „die Rechtmäßigkeit einer Kirche“ keinesfalls an der „Berufung auf die gültige staatliche Anerkennung“ hänge, sondern allein „an der biblischen Ausrichtung ihrer Verkündigung zu messen“ sei (Schäfer 4, 229).

Im Jahre 1936 hob dann eine lebhafte Kontroverse mit dem württembergischen Oberkirchenrat an. Schempp warf der Kirchenleitung und insbesondere Landesbischof Wurm vor, sie würde durch ihre Politik zur Spaltung der Bekenntniskirche beitragen. Vor allem aber geißelte Schempp die „Bürokratenstruktur“ der Kirche mit zunehmend harten Worten. Die seiner Ansicht nach kleinlichen Bemerkungen des Rechnungsprüfungsamts waren ihm ein weiteres Anzeichen dafür, daß „die Landeskirche eine bis ins Letzte rein weltliche Einrichtung, eine Religionsfirma, aber keine Kirche“ sei (Schäfer 6, 515). Eine anstehende Visitation lehnte er ab, da er mit dem Dekan genausowenig Gemeinschaft haben wolle wie mit der Kirchenleitung. Die grundsätzliche Seite des Konflikts machte Schempp in einem Schreiben an den zuständigen Prälaten deutlich: Während eine lutherische Kirche „in der Verkündigung streng gebunden und in den Ordnungen und Zeremonien frei und aller gewaltsamen Einigung feind“ sei, herrsche in der württembergischen Kirche in der Verkündigung Freiheit und Chaos, in ihren Zeremonien und Ordnungen hingegen sei sie „Gesetzen nach staatlichem Muster, einem Verwaltungsapparat nach staatlichem Muster, einem Rechtsgefüge nach staatlichem Muster vollständig unterworfen“. Zahlreiche Vermittlungsversuche scheiterten, so daß ein 1938 eingeleitetes Disziplinarverfahren im März 1939 für Schempp den Verlust aller pfarramtlichen Rechte und die Entlassung aus dem Dienst der Landeskirche brachte. Schempp jedoch weigerte sich, sein Amt aufzugeben, und die Gemeinde stellte sich zunächst einmütig hinter ihren Seelsorger. Als die Einberufung Schempps zur Wehrmacht im September 1939 eine Versehung des Pfarramtes immer schwieriger werden ließ und die Amtsführung des von der Kirchenleitung eingesetzten Stellvertreters neue Konflikte brachte, wurde nochmals intensiv versucht, den „Fall Schempp“ beizulegen. Obwohl Wurm die Aufhebung der Dienstentlassung in Aussicht gestellt hatte, brachten die Verhandlungen – selbst nach Einschaltung der Vorläufigen Kirchenleitung der DEK in Berlin – kein Ergebnis. Da Schempp im Januar 1943 aus der Landeskirche ausgetreten und seine Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, sehr gering war, wurde seine Position schließlich auch von wohlmeinenden Freunden kaum mehr verstanden. Schließlich gab Schempp, der im Januar 1943 nach Kirchheim gezogen war, im November 1944 sein Amt zurück.

Nach Kriegsende trat Schempp der reformierten Gemeinde in Stuttgart bei und unterstützte dort den Gemeindepfarrer. Zugleich tat er sich als Publizist und freier Schriftsteller hervor, übernahm den Vorsitz der württembergischen „Sozietät“ und der „Kirchlich-theologischen Arbeitsgemeinschaft Deutschlands“. Seine im Mai 1945 gefertigte Schrift „Der Weg der Kirche“ – deren Erscheinen verhindert wurde – war ein leidenschaftlicher Appell für eine Kirche, die sich in ihrer Verkündigung und Organisation ganz an ihrem Herrn, an Jesus Christus, orientiert. Die Sehnsucht nach „dem Tag des Herrn“ müsse alle „Sehnsucht nach der guten alten Zeit“, nach der „Volkskirche“, überwiegen (23). Doch blieb diese Mahnung ebenso ungehört wie die von ihm geschriebene und zusammen mit den Freunden von der Sozietät verabschiedete Erklärung vom 9.4.1946. In dieser trat im ersten Punkt ein weiterer Aspekt der Theologie Schempps hervor, den er mit prophetischer Klarheit schon während der Zeit des Nationalsozialismus betont hatte: Die Kirche habe Schuld auf sich geladen, da sie dem Ausschluß der „Nichtarier“ nicht widersprach und der „Massenermordung von Unschuldigen“ nicht widerstand. Man sei „mutlos und tatenlos zurückgewichen, als die Glieder des Volkes Israel unter uns entehrt, beraubt, gepeinigt und getötet worden sind“ (Der Weg der Kirche, 25). Für Schempp war die Beziehung der Kirche auf das Judentum eine unabdingbare Voraussetzung jeder angemessenen Rede von der Kirche und von daher mahnte er ein Durchdenken des christlich-jüdischen Verhältnisses an. Nicht nur in seinen Predigten und Reden, sondern auch in den zahlreichen Veröffentlichungen über biblische Themen und Gegenwartsfragen trat Schempp als ein Theologe hervor, der die frohe Botschaft von Jesus Christus in der säkularen Welt zu Gehör bringen und ihre Relevanz aufzeigen wollte.

Nach einem klärenden Gespräch mit Wurm im November 1948 wurde Schempp wieder erlaubt, vertretungsweise in evangelischen Kirchen zu predigen; im Jahre 1949 übernahm er dann mit Zustimmung der Landeskirche eine Stelle als Religionslehrer am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart. 1955 verlieh ihm die Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Bonn die Würde eines Doktors, drei Jahre später berief sie ihn zum Professor für praktische und systematische Theologie. Doch Schempp konnte nur wenige Monate lehren (Vorlesung: „Das Wort Gottes als Verkündigung“); er starb nach einer schweren Krankheit am 3.6.1959 in Bonn.

Schempps kompromißlose, an der Theologie Luthers orientierte Haltung machte den Umgang mit ihm nicht eben leicht. Neben seinen bis heute beispielhaften Predigten bleiben seine leidenschaftlichen Appelle an die Kirche, sich ganz an Jesus Christus auszurichten, und seine bohrenden Fragen nach der christlichen Freiheit bis heute herausfordernd konkret und sollten immer wieder neu zu Gehör gebracht werden.

Quellen: Nachlaß derzeit noch in Privatbesitz, demnächst wohl im LKA Stuttgart

Werke: (Auswahl) Der Anruf Gottes. Eine Erklärung der ersten Bitte des Vaterunsers, 1949; Gesammelte Aufsätze (TB 10), hg. von Ernst Bizer, 1960; Briefe. Ausgewählt und hg. von Ernst Bizer, 1966; Christenlehre in Frage und Antwort (SKTSW 9), 1963; Theologische Entwürfe (TB 50), hg. von Richard Widmann, 1973; Erhebet euere Häupter. Rundfunkreden 1946-1950, hg. von Ernst Bizer, 1960; Die Geschichte und Predigt vom Sündenfall. 1. Mose 3 aufs neue ausgelegt, 1946; Gottes Wort am Sarge. 25 Grabreden, 1938; Gottes Wort zur Trauung. 25 Traureden, 1940; Predigten aus den Jahren 1939-1955, hg. von Ernst Bizer, 1955; Der Volkserzieher. Gedanken zur Erziehungsreform, 1947; Der Weg der Kirche (29. Mai 1945). Dokumentation über einen unerledigten Streit, hg. von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienst u. a., 1985. – Herausgeber von „Blätter zur Kirchlichen Lage“ und „Evangelische Theologie“. – Zahlreiche Texte Schempps in: Gerhard Schäfer, Landeskirche Bd. 2-6

Literatur: Zum Gedächtnis an Dr. Paul Schempp (SKTSW 11), Bad Cannstatt 1959; Ernst Bizer, Ein Kampf um die Kirche. Der „Fall Schempp“ nach den Akten erzählt, 1965; Richard Fischer, Paul Schempp und sein Kampf um die Kirche. Zum „Fall Schempp“. Eine erweiterte Besprechung des Buches Ein Kampf um die Kirche, in: BWKG 66/67 (1966/67), 319-372; Gerhard Schäfer (Hg.), Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 1-6, 1971-1986 (vgl. bes. Bd. 2, 220-224; Bd. 4, 23-30, 228-237; Bd. 6, 507-671, 1221-1337); Paul Schempp zum Gedächtnis III, Dokumentation eines Gedenktages zum 20. Todestages von Paul Schempp am 4.6.1979 in Iptingen (maschinenschriftlich); Martin Widmann, Zum Gedenken an Paul Schempp (1900-1959), in: Evangelische Theologie 42 (1982), 366-381; ders., Paul Schempp und die kirchlich-theologische Sozietät in Württemberg – Ihre Anfragen und Memoranden zum Weg der Kirche, in: Dokumentation einer Studientagung zum Ertrag der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg am 19.9.1984 in Bietigheim (maschinenschriftlich); ders., Paul Schempp (1900-1959), in: Ulrich Karl Gohl/Christoph Weismann (Hg.), Die Suche hat nie aufgehört. Die Tübinger Nicaria 1893 bis 1983. 1983, 138-143; Siegfried Hermle, Die Kirche am Scheideweg. Eine Ausarbeitung Paul Schempps aus dem Jahre 1934, in: Evangelische Theologie 51 (1991), 183-197; Martin Widmann, Die Geschichte der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg, in: Karl-Adolf Bauer (Hg.), Predigtamt ohne Pfarramt?, 1993, 110-190; ders., Paul Schempp – Hermann Diem – Kurt Müller – Alfred Leikam – Georges Casalis: Der Vorschlag eines Neuanfangs im Jahre 11 nach Barmen für die Kirche Jesu Christi in Deutschland, anderswo, in: Rainer Lächele/Jörg Thierfelder (Hg.), Das evangelische Württemberg zwischen Weltkrieg und Wiederaufbau (QFWKG 13) 1995, 89-112; Sören Widmann, Paul Schempp (1900-1959), im: Rainer Lächele/Jörg Thierfelder (Hg.), Wir konnten uns nicht entziehen. 30 Biographien zu Kirche und Nationalsozialismus in Württemberg, 1998, 351-377.

Quelle: Baden-Württembergische Biographien 2 (1999), 399-402.

Hier der Text als pdf.

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