Heinrich Vogel über die Christologie in seinem EKL-Artikel: „Das neutestamentliche Zeugnis rühmt die Herrlichkeit des Heilandes und Herrn in einer überschwenglichen, jede Dogmatisierung übersteigenden und sprengenden Mannigfaltigkeit.“

Christologie III. Dogmatisch

Von Heinrich Vogel

Christologie ist die Lehre, daß ein bestimmter Mensch, Jesus von Nazareth, wie ihn uns das NT bezeugt, der Christus ist, wie ihn uns das AT verheißt. Als der Gesandte Gottes ist er der ewige Prophet, Hohe­priester und König des Gottesreiches, als der Gottes­sohn und Menschensohn der Mittler zwischen Gott und den Menschen, in dem die Heilsherrschaft Gottes für uns und die ganze Welt angebrochen ist und vollendet werden wird.

1. Die Frage nach Jesus Christus ist die von und in Jesus Christus gestellte Frage, die uns als die von ihm selbst Gefragten die Antwort hören läßt, die er selber ist. Wohl fragen wir auch nach Jesus Christus wie nach anderen Erscheinungen in der Welt- und Religionsgeschichte. Die Fragestellung der Christologie ist aber dadurch bestimmt, daß er selber uns fragt (Mt 16,13 ff.). Indem er uns in der Knechtsgestalt des von Gott in Frage Gestellten, am Kreuz dem Gericht Gottes an unserer Stelle preisgegebenen Menschen begegnet, stellt er uns zutiefst in Frage und macht es uns unmöglich, die Christusfrage in das Schema unserer Fragestellung zu pressen, sei sie religiöser, philosophischer, sozialer, nationaler oder anderer Art. Ihren Ursprung hat die Frage der Christologie darum auch nicht in irgendeinem Bedürfnis der Reflexion, in der die Kirche, die Glaubenserkenntnis hinter sich lassend, versuchte, spekulativ oder historisch- psychologisch das Geheimnis des Christus Jesus er­gründen zu wollen, sondern in der durch ihn und in ihm selbst gestellten Frage. Das tiefste Geheimnis dieser Frage ist, daß er selbst, indem er sich so zu dem an unserer Stelle von Gott in Frage gestellten Menschen machte, die Antwort Gottes für uns alle ist. Die von der Irrlehre versuchte, von der Welt ver­folgte, von dem verborgenen Gott angefochtene Kirche ist gerufen, diese Antwort immer von neuem zu hören, zu bekennen und der Welt zu ver­kündigen.

2. Der Name. Die Antwort Gottes ist bereits in dem zwiefach-einen Namen des Christus Jesus beschlossen. Jesus, das heißt der Heiland. Christus, das heißt der Herr. Wer den Namen Jesu Christi anruft und be­kennt, erbittet und bezeugt das in diesem Namen uns dargebotene Heil des Herrn über alle Herren, Mächte und Gewalten (Apg 4,12). Die Christologie hat es also nicht mit dem Begriff und Inbegriff einer Wahrheit zu tun, die mit irgendwelchen anderen Wahrheiten in Konkurrenz träte, vielleicht ihre Krönung und Summe bezeichnete, sondern mit der einen personalen Wahrheit, die diesen Namen hat. Es geht nicht um eine Idee, ein Ideal oder eine Weltanschauung, nicht um eine Religion wie andere Religionen auch, nicht einmal um das Christentum, sondern um Ihn, Christus selbst. —

Der Christustitel wird durch ihn, Jesus, als seinen einzigen legitimen Träger zu dem das Gottes­geheimnis dieses Menschen offenbarenden Namen. Das Zeugnis der alttestamentlichen Weissagung, wie es in dem Christusnamen befaßt ist, bezeugt den Gesalbten, der da kommen soll, als Gottessohn und als Menschensohn, als den König und als den Knecht, als den Hohenpriester und als das Opferlamm, als den Sprecher des Wortes und als das gesprochene Wort in einem und weist in all dem auf das Wort, dessen Fleischwerdung das NT in Jesus von Nazareth bezeugt. Das Zeugnis des NT, das Jesus von Nazareth als den rechtmäßigen Träger des Christus- namens und somit des Gottesnamens kundtut, gibt uns damit den in seiner Göttlichkeit unaussprech­baren Gottesnamen als den aussprechbaren und nach­sprechbaren des Bruders, der unser Heiland ist, kund. —

Unbegreiflich wundersam ist es, daß bereits in dem ebenso göttlichen wie menschlichen Namen die Person, der Weg und das Werk Jesu Christi befaßt sind. Der Träger dieses Namens wird den Weg gehen, der durch diesen Namen schon vorgeschrieben ist, und das Werk vollbringen, das nur von dieser Person zu leisten ist. Zuletzt und an der entschei­denden Stelle dürfen wir also mit den Aussätzigen, Dirnen und Verlorenen des NT alle unsere Er­kenntnis, auch die der ganzen Christologie reduzieren auf die Anrufung und Anbetung seines Namens.

3. Die Person. Mit der Alten Kirche setzen wir ein bei dem Geheimnis seiner Person, das schlechterdings einzigartig und keinem Personverständnis im ge­samten menschlichen Bereich vergleichbar ist. Die Christologie der Alten Kirche, zu der sich auch die Väter der Reformation bekannt haben, hat den Versuch nicht gemacht, an dem die Leben-Jesu-Forschung des 19. Jh.s gescheitert ist, nämlich, dem Geheimnis der Person Jesu Christi im Schema des Verständnisses beikommen zu wollen, das wir von der Persönlich­keit, dem Selbstbewußtsein, dem Ichzentrum und der Personalität des Menschen haben oder zu haben meinen. Die Christologie versteht den Ursprung der Person Jesu Christi von oben her. Dabei ist beides ent­scheidend: a) Er wurde nicht erst der Sohn Gottes, sondern war und ist es von Ewigkeit. So wenig Gott Vater werden kann, so wenig Sohn und so wenig Geist. Der Sohn ist Gott wie der Vater, wie der Geist Gott ist. Die Sohneswürde ist kein nach­träglich erworbenes, wohl gar durch unsern Glauben verliehenes Attribut. b) Seine Menschwerdung ist allein von oben her als das Wunder der freien Herab­lassung Gottes zu uns Menschen zu verstehen. Das und nichts anderes besagt die Geburt aus Maria der Jungfrau, bei der der Heilige Geist nicht an Stelle eines menschlichen Vaters fungiert (so versteht es der Mythos), sondern als der Schöpfer wirkt. Damit ist der Irrtum ausgeschlossen, als ob ein Mensch, und sei er noch so rein und vollkommen, zur Würde des Christus avanciert wäre. So wie die Christologie sich dazu bekennt, daß Jesus Christus wahrhaft göttlich und wahrhaft menschlich für uns geschichtlich existent wurde, so bekennt sie seine wahre Gottheit und Menschheit.

Dabei ist es entscheidend, daß sie der Versuchung widersteht, der in der altkirchlichen Durchdenkung des Geheimnisses nicht scharf genug widerstanden wurde, daß wir nicht außer und ohne Christus wirklich wissen, was das ist: Gottheit und Menschheit. Wer und was Gott ist, und wiederum, wer und was der Mensch ist, wird für uns, die wir uns selbst unsere Bilder von Gott und dem Menschen machen, erst in Jesus Christus offenbar. Wiederum gibt Gott uns die Antwort nicht in Gestalt eines neuen Gottesbildes und Menschenbildes, sondern in der Knechtsgestalt Jesu Christi so, daß wir die Wahrheit nur hören und glauben können. Für die Christologie Erkenntnis ist es nun ebenso entscheidend, die wirkliche und wahre Menschheit Jesu Christi zu respektieren wie die wirkliche Gottheit. Dabei handelt es sich so wenig um ein dialektisches Spiel mit Begriffen, daß es vielmehr um die Anerkenntnis seines Mittlergeheim­nisses geht. Der Mittler, der an unsere Stelle trat und für uns eintritt, kann er nur sein als der, der ganz zu Gott und ganz zu uns gehört. Die Begriffe, in denen die Kirchenlehre davon redet (zwei Naturen in einer Person), sind gewiß unzulänglich, wollen aber das Geheimnis nicht eigentlich begreifen, sondern es vielmehr gegenüber seinen Verfälschungen ehren und wahren.

Wirklich Mensch ist Jesus Christus als der vom Weibe geborene, unter das Gesetz getane, arme und obdachlose, versuchte und angefochtene, leidende und sterbende Christus. Indem er sich im Gehorsam gegen den Willen des Vaters so zu unserm Bruder macht, ist er der wahre Mensch, nicht im Sinne eines unmittelbar anschaulichen Idealbildes, sondern für den Glauben, der in ihm das Ebenbild Gottes wiederhergestellt erkennt.

Wirklich Gott ist er als der mit dem Vater wesenseine Sohn, in dem als dem Menschgewordenen sich Gott selbst uns offenbart, erschließt, hingibt und mitteilt. Wie es aber für die Aussagen von seiner wahren Menschheit wesentlich ist, daß sie verhüllt ist durch den Anblick des bis zur Unkenntlichkeit entstellten, nicht nur von den Menschen erniedrigten, beleidigten, ge­folterten, verhöhnten und gekreuzigten, sondern von Gott selbst verlassenen und verfluchten Menschen, so ist es für die Erkenntnis seiner wahren Gottheit entscheidend, daß die Allmacht Gottes sich unter der Ohnmacht, die Barmherzigkeit unter dem Zorn, die Heiligkeit unter dem Fluch offenbart und erweist. Im Gegensatz zu allen metaphysischen Dichtungen und zu jedem Versuch, die Gottheit des Christus Jesus direkt schauen zu wollen, im Gegensatz also auch zu so vielen Dar­stellungen der christlichen Kunst, ereignet sich die Gegenwart Gottes, des Allmächtigen, Barmherzigen und Heiligen, in Jesus Christus unter dem Deckel des Gegensatzes, so daß allein der Glaube des durch Gott selbst überwundenen und erleuchteten Menschen bekennen kann: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16).

Die Tiefe des Geheimnisses liegt da, wo wir vor der Gemeinschaft von Gott und Mensch in ein und derselben Person stehen. Der Eingang des Glutballs, der Sonne in ein Staubkorn muß unserer Vernunft eher möglich erscheinen als diese Vereinigung von Gott und Mensch in dem Mittler. Die Erkenntnis wird hier keinesfalls sich anmaßen dürfen, aufzudecken, wie dies möglich ist. Ihre Aussagen werden einmal im Zeichen des anbetenden Scheiterns, andererseits des Wächterdienstes vor dem Geheimnis gegenüber den Verfälschungen zur Rechten und zur Linken stehen. So will es verstanden sein, wenn das Bekenntnis von Chalcedon einerseits nein sagte zu jeder Vermischung und andererseits zu jeder Tren­nung von göttlicher und menschlicher Natur, vielmehr den einen Mittler in seiner wahren Gottheit und Menschheit bekannte. Das Erkenntnisringen der Kirche hat die durch das Geheimnis gezogene Grenze nicht immer respektiert und an mehr als einer Stelle den Anschein erweckt, als ob wir mit den Begriffen des Göttlichen und des Menschlichen wie mit bekannten Größen in unserem Denken operieren könnten. Dennoch gilt es, wirklich anzuerkennen, daß das Leiden und Sterben nicht nur von einem bloßen Menschen Jesus, sondern von dem einen, ganzen Gottmenschen ausgesagt wird, wiederum Allmacht, Heiligkeit und Barmherzigkeit nicht nur von diesem Gottessohn an sich, sondern wirklich von dem Menschgewordenen. Das Werk Jesu Christi ist auf. der ganzen Linie seines menschlichen Tuns und Leidens Gottes Werk, und das so, daß Gott gerade in diesem menschlichen Tun und Leiden wirkt. Wie wollten wir die Offenbarung des All­mächtigen in der Ohnmacht, des Heiligen in der Fluchtiefe des Lebendigen im Tode, des Liebenden im Zorngericht verstehen, wenn wir nicht mit den lutherischen Vätern seine Menschheit teilhaben ließen an den Wesensherrlichkeiten seiner Gottheit? Gerade in dieser Gemeinschaft von Gott und Mensch kraft der Einheit seiner Person ist er der Mittler.

4. Der Weg. Der Weg des Christus Jesus ist eben der Weg des Mittlers. Er, der als der Menschensohn der Gottessohn ist, „muß“ den ihm im ewigen Ratschluß Gottes vorgeschriebenen Weg gehen; aber dieses Muß ist in Einheit mit seinem „Ich will“ (die Leidens­ankündigungen). Das mit seiner Person in eins gehende Geheimnis seines Weges ist aber ein zwie­faches, das die Kirchenlehre durch die Aussage von den zwei Ständen, dem der Erniedrigung und dem der Erhöhung, bezeichnete. Sein Weg steht einmal im Zeichen der Bewegung von oben nach unten, von Gottes Herrlichkeit in den tiefsten Abgrund unserer Verlorenheit, und wiederum von unten nach oben, aus dem Abgrund der Gottverlassenheit in die Gottesherrlichkeit. Im Gegensatz zu der transzen­denten Richtung unserer religiösen Sehnsucht, die doch das Licht, in dem Gott wohnt, nicht erreicht, ist sein Weg bestimmt durch die göttliche Bewegung der Deszendenz, ja der Kondeszendenz, in der Gott zuuns herabsteigt und als der Menschgewordene unsere vom Todesfluch unseres Abfalls gezeichnete Ge­schichte zu seiner Geschichte macht.

Dieser Weg des Gehorsams, der in einem Obdach­losenasyl dieser Welt anhebt und durch Hunger und Armut, Versuchung und Anfechtung bis in das letzte Leiden am Fluchholz des Gesetzes führt, ist gekenn­zeichnet durch Selbstentäußerung und Selbst­erniedrigung (Phil 2,5 ff.). Das Wort (der Logos), das mit Gott wesenseins ist, wurde ja nicht nur Mensch, sondern Fleisch (sárx; Jo 1,14), das heißt, daß in dem Sohn Gott selbst der vom Todesfluch der Sünde geschlagenen Existenz inexistent wurde. Die in den messianischen Heilstaten für die Augen des Glaubens durchbrechenden Strahlen seiner göttlichen Vollmacht stehen im Zeichen eben desselben Für-uns-Seins, das ihn an unserer Stelle den Weg des Todesgehorsams gehen läßt. Der ganze Weg wird an unserer Stelle gegangen. Das kulminiert am Kreuz in der Tiefe der realen Gottverlassenheit, die in ihrer Eigentlichkeit nur Er rein durchleiden kann, der Gott nie verlassen hat.

Das Ja-Wort, das der Vater zu dem Sohn spricht, indem er ihn als diesen bis in das Grab und die Hölle Gehorsamen vom Tode auferweckt und in seiner Herrschaft offenbart und bestätigt, ist alles andere als ein Mythos, auch nicht das Ergebnis einer gläubigen Interpretation des Kreuzes. Die in das Geheimnis widerspruchsvoller Berichte gehüllte Zeit seiner unmittelbaren Selbstvergegenwärtigung für die Seinen ist im eminenten Sinne die durch die Gegenwart des offenbaren Herrn bestimmte Freudenzeit. Sie findet mit der Himmelfahrt als der Erhöhung zur Rechten Gottes ihr Ende, deren Ab­schied zugleich die Zeit der Kirche als die Advents­zeit der Mission in der Geduld des Glaubens, des Liebens und des Hoffens eröffnet. Von einem Weg Jesu Christi ist also nicht nur in bezug auf den historischen Weg zwischen Krippe und Kreuz zu reden, sondern auch in der Zeit zwischen Himmel­fahrt und. Wiederkunft, in der er, der im Wort und Sakrament Gegenwärtige, mit seiner Gemeinde unterwegs ist, bis er sie an das Ziel gebracht hat, an dem er bereits ist. So wie er aber in der Zeit seiner Erniedrigung an unsere Stelle trat, so tritt er, der­selbe, als der Erhöhte für uns ein. Dies sein Eintreten, das in der Kirche geglaubt, gepredigt und gepriesen wird, ist das Geheimnis der Welterhaltung bis auf den Tag der Neuschöpfung, ja auch noch das Zentrum der Neuen Welt Gottes.

5. Das Werk. Mit innerster Notwendigkeit sind wir bereits zu dem Werk Jesu Christi vorgestoßen, das ja eben auf diesem Wege allein durch diese Person voll­bracht werden konnte und vollbracht wird. So wie er der Sohn ist, so ist er der Gesandte (Jo). Sein Sohnsein, seine Person und sein Amt gehören in eins. Auf Grund des alttestamentlichen Christuszeugnisses hat bereits die Alte Kirche das Amt und Werk des Jesus Christus in der dreifachen Gestalt des Pro­pheten, des Hohenpriesters und des Königs gesichtet, a) Er ist nicht ein Prophet wie andere Propheten auch, von menschlichen Religionsstiftern ganz zu schweigen, sondern er ist der Offenbarer, in dem Gott sich selbst offenbart. Er ist dies, indem er, im Gegensatz zu uns allen, selber das Wort ist, das er spricht, so wahr er auch nicht nur der Lehrer und Meister der Jüngerschar war, sondern der eine Lehrer und Prophet seiner Gemeinde bleibt, der ihr durch den Heiligen Geist das Wort der Offenbarung hörbar macht, das er, Jesus Christus, selber ist.

b) So wie er der Sprecher des Wortes und das ge­sprochene Wort in einem ist, so der Hohepriester und das geopferte Lamm, im Gegensatz zu jedem, auch zu dem prototyp versiegelten Opfer in der Zeit des Alten Bundes. Das von ihm in stellvertretender Selbsthingabe vollbrachte Werk hat einen zwiefachen Aspekt, den der Versöhnung und den der Erlösung. Beides ist schlechterdings nicht voneinander zu scheiden, wenngleich in der Erkenntnis der Kirche bald das eine, bald das andere eine besondere Unter­streichung erfuhr. In beidem handelt es sich nicht um eine von der Person abstrahierbare Wahrheit, son­dern um die Versöhnung und Erlösung, die durch die Person und in ihr selbst für uns Wahrheit wurde.

In der Versöhnung, die Gott in Christus für die dem Fluch ihrer Gottesfeindschaft verfallene Welt sieg­haft in Kraft setzt, geht es zutiefst und zuletzt um die Versöhnung Gottes selbst, um jene Stillung seines Zornes, der nicht etwa als eine anthropomorphe, die Göttlichkeit Gottes verkennende, mythische Vor­stellung verstanden sein will. Unserer religiösen Logik zum Trotz und zum Spott, der Anfechtung aber zum Trost, wird in dem Stellvertretungs­geschehen, in jenem tröstlichen Wechsel und Tausch zwischen Christus und uns (Luther), der Sieg der Barmherzigkeit Gottes über seinen Zorn verkündigt (2Kor 5,18-21). So wahr dieser Mensch Jesus als auf unserer Seite stehend die Sühne von unendlich qualitativem Gewicht leistet, so wahr ist es eben derselbe, ganz auf Gottes Seite stehende Sohn Gottes, der die Gnade mitten im Gericht den Endsieg be­halten läßt. Der gesamte rationalistische, aber auch religiöse Protest gegen die Unmöglichkeit und Un­verantwortlichkeit dieses Gottessieges verkennt das, Mysterium der Stellvertretung.

Die andere Seite ist bezeichnet durch die Erlösung des verlorenen Menschen, der seine Gotteshörigkeit vertauscht hat mit der Versklavung unter die gott­feindlichen Verderbensmächte Satan, Sünde, Tod. Dabei ist es entscheidend, die Befreiung zu allererst als die Befreiung vom Fluch des Gesetzes zu ver­stehen; denn nur über den Menschen, der das Gesetz nicht erfüllt, üben Satan, Sünde und Tod eine Macht, die keineswegs autonomen und ursprünglichen Charakter hat, sondern der Entmächtigung und Ver­nichtung durch den Erlöser verfällt. Die Erlösung ist ja, so wie sie kraft des Opfers der Selbsthingabe die Befreiung von den Verderbensmächten ist, so die Befreiung zur Gotteskindschaft, deren neues Sein und Wesen zwar verborgen, aber so real ist wie das Für-uns-Sein des Christus Jesus (Kol 3,3 u. 4).

c) Nur in Einheit mit dem prophetischen und ins­besondere dem so zentralen hohenpriesterlichen Amt kann die Königsherrschaft Jesu Christi recht erkannt werden. Dreierlei ist entscheidend: 1. Die Aussage, daß er der Herr, der kýrios (Phil 2,11) ist, will in göttlicher Qualität gehört sein. Er ist nicht ein Herr wie andere Herren, vielleicht ihr oberster, sondern der Herr, wie Gott der Herr ist, und so der König der Könige (Offb 1,5). 2. Seine in der Selbstpreis­gabe an die Niederlage in tiefster Ohnmacht be­währte und offenbarte Macht erweist sich gerade darin als göttlich, daß sie in der Ohnmacht die Entmächtigung der Mächte sieghaft vollführt. 3. Sei­ne Herrschaft, deren Reichweite so universal ist wie das Gottsein Gottes und den ganzen Kosmos umschließt, will in der Zwischenzeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft in ihrer Verborgenheit von der Ge­meinde geglaubt und der Welt bezeugt sein, um erst in der letzten Epiphanie des Christus unmittelbar und unwidersprechbar in Gericht und Gnade evident zu werden.

6. Der Herr der Zeit. Für die gesamte Erkenntnis der Person, des Weges und des Werkes Jesu Christi ist es entscheidend, zu bedenken, daß er derselbe ist und sein wird, der er war. Was von Gott selbst gilt, gilt von Ihm, in dem Gott sich als der Herr der Zeit offenbart (Offb 1,8 u. 17). Der damals und dort in das Fleisch Gekommene, Gekreuzigte und Auferstandene, er und kein anderer, ist der im Wort und Sakrament Gegenwärtige, und derselbe (Hebr. 13,8) ist der Kommende, auf dessen Verheißung hin die Gemeinde des Advents betet: „Ja komm, Herr Jesu“ (Offb 22,20). Jede Historisierung seiner Person, seines Weges und seines Werkes scheitert an dieser Selbigkeit des lebendigen Herrn der Zeit ebenso wie die spekulativen Versuche, die ihrem Wesen nach eine zeitlose Wahrheit mit seinem Namen meinen decken zu können.

Das neutestamentliche Zeugnis rühmt die Herrlichkeit des Heilandes und Herrn in einer überschwenglichen, jede Dogmatisierung übersteigenden und sprengenden Mannigfaltigkeit. Gerade in der anbetenden An­erkenntnis des alle unsere Erkenntnisbemühungen und -aussagen demütigenden Herrengeheimnisses der Wahrheit, die Jesus Christus heißt und ist, wird die Christologie Erkenntnis mit dem Apostel danach trachten: „… zu erkennen die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus“ (Eph 3,19).

Lit.: Aus der unübersehbar großen Lit. drei besonders wichtige Schriften zum Geheimnis des Gott-Menschen: Athanasius: Über die Menschwerdung d. Logos — Anselm: Cur Deus Homo — Kierkegaard: (Climacus) Philosophische Brocken — Zur luth. Ch.: Luther: Vom Abendmahl Christi Bekenntnis — Ders.: Ausl. d. Jo u. d. Gal. — Chemnitz: De duabus naturis — Heinr. Schmidt: Die Dogmatik d. ev.-luth. Kirche — Zur reform. Ch.: Heinr. Heppe: Reform. Dogmatik.

K. Adam: Jesus Christus, 7. Aufl. 1946 (kath.) — P. Althaus: Die christl. Wahrheit, 3. Aufl. 1952 — D. M. Baillie: Gott war in Christo, 1951, dt. 1955 — K. Barth: KD, 1932ff. (die christol. Kapitel) — E. Brunner: Der Mittler, 4. Aufl. 1947 — LA Dorner: Entwicklungsgesch. d. Lehre v. d. Person Christi, 1845-1854 — W. Elert: Der christl. Glaube, 2. Aufl. 1941 — Fr. Gogarten: Die Verkündigung Jesu Christi, 1948 — R. Guardini: Der Herr, 9. Aufl. 1953 (kath.) — K. Heim: Jesus der Herr, 4. Aufl. 1955 — Ders.: Jesus d. Weltvollender, 3. Aufl. 1952 — E. Hirsch: Jesus Christus der Herr, 1926 —- Jesus Christus im Zeugnis d. Hl. Schrift u. d. Kirche, 1936 (Sammelband) — A. Schweitzer: Gesch. d. Leben-Jesu-Forschung, 1906, 6. Aufl. 1951 — B. Skard: Inkarnasjonen, Oslo 1951 — W. Temple: Christus veritas, London 1924 — G. Thomasius: Christi Person u. Werk, 1886 — H. Vogel: Christologie I, 1949 — Ders.: Gott in Christo, 1951 — E. Vogelsang: Der angefochtene Christus bei Luther, 1932.

Quelle: EKL2, Bd. 1 (1961), Sp. 774-781.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s