„Religion und Leben“ – Karl Barths expressive Abrechnung mit dem Religionsunterricht am Beispiel des Gleichnisses vom verlorenen Sohnes (1917): „Nicht wahr, ihr meint doch nicht etwa: dazu sei ich ein Lump geworden und unter die Säue geraten, dazu habe ich mich zur Umkehr entschlossen, dazu habe mich mein Vater in die Arme genommen, und dazu das gemästete Kalb für mich geschlachtet, damit ihr nach zweitausend Jahren im Kanton Aargau eure Künste an mir beweisen könnt? Was hat eure Religion und Psychologie und Moral, was haben eure rührenden und niedlichen Bilder mit dem zu tun, was ich eigentlich zu sagen hätte?“

Religion und Leben[1]

Von Karl Barth

Es ist eine gemeinsame Verlegenheit, die uns hier zusammengeführt hat. Sie haben an uns zwei Pfarrer die Frage gerichtet: Was sollen wir mit unseren Religionsstunden anfangen? Und nun muß ich Sie als erste Antwort auf diese Frage darauf aufmerksam machen, daß Sie in uns keine sogenannten „Fachleute“ vor sich haben, die Ihnen aus einem über­legenen Wissen her­aus etwas darüber zu sagen vermöchten, was Sie sich nicht auch selbst sagen könnten. Glau­ben Sie uns vor allem, daß wir der gleichen Sache in der gleichen Verlegenheit gegenüberste­hen wie Sie. In der religiösen Frage gibt es keine „Fachleute“, sondern nur lauter Erstkläßler, Stümper und Laien. Und als solche möchten wir uns heute neben [438] Sie und ja nicht etwa als gottesgelehrte Referenten über Sie stellen. Der Unterschied zwischen Ihnen und uns könn­te höchstens darin bestehen, daß uns diese Verlegenheit wahrscheinlich noch ganz anders auf den Fingern brennt als Ihnen. Denn was für Sie das Rätsel und die Not von ein bis zwei wö­chentlichen Unterrichtsstunden ist, ist für uns das Problem unse­res ganzen Berufes, während Sie jedenfalls die äußere Möglichkeit haben, sich das Gewicht der Frage dadurch auf 0,01 Prozent zu ver­ringern, daß Sie in dieser einen Unterrichtsstunde unter der Flagge „Re­ligion“ unter der Hand ganz ruhig Sprache, Moral und Anstandskunde treiben, sind uns nur schon durch den Zwang, uns allwöchentlich minde­stens einmal mit der Bibel zu beschäftigen, solche Verwandlungskünste innerlich verboten, sind wir genötigt, dem Problem der Religion von vorne ins Gesicht zu sehen. Und während Sie sich über die Unruhe, die Ihnen der fatale Reli­gionsunterricht vielleicht trotzdem bereitet, hinwegtäuschen können, indem Sie sich mit umso mehr Eifer und Liebe den anderen sogenannten Fächern und Gebieten zuwenden, die ja ohne­hin vom Schulstandpunkt aus, d. h. unter dem Gesichtspunkt von Lehrplan, Inspektion und Examen so unendlich viel wichtiger sind, sind wir, zwar durch keine Kirchenbehörde und Kir­chenordnung, wohl aber wiederum innerlich und durch den Felsblock der Bibel, der unaus­weichbar auf unserem Wege liegt, gezwungen, die „Religion“ unser einziges Fach und Gebiet sein zu lassen – und hätten den Rückzug z. B. in die Moral, in die Gemeinnützigkeit, in die Politik oder auf Ihr Feld: in das Schul­wesen hinein unerbittlich mit der Strafe eines schlechten Gewissens und schließlich eines verfehlten Lebens zu bezahlen. So sind wir Pfarrer – glau­ben Sie uns das und legen Sie alle falschen Bilder, die Sie sich von unserem Beruf vielleicht bis dahin gemacht haben, zu den Akten! – mit der Religion nicht besser, sondern böser dran als Sie, nur schon darum, weil wir gezwungen sind, die Frage der Religion ganz sachlich und ernst zu nehmen. Und wenn Sie nun von uns erwartet haben, daß wir Ihnen in dieser Frage weiterhelfen möchten, so möchte ich jetzt die Sache vor allem umkehren und Ihnen sagen: wir sind Ihnen dankbar, daß Sie offenbar uns helfen wollen. Wir freuen uns, daß Sie durch die eine Unterrichtsstunde offenbar in die gleiche Verlegenheit gekommen sind wie wir durch unseren ganzen Beruf. Wir freuen uns, daß Sie die Ver­wandlungskünste, die dem Lehrer an sich mög­lich sind, und die Rückzugs-[439]linien, die ihm an sich offen sieben, offenbar auch satt be­kommen haben und der religiösen Frage von vorne ins Gesicht sehen wollen. Sonst waren Sie nicht hieher gekommen, wir freuen uns darüber, weil gerade wir zwei uns mit unserer Verle­genheit unter unseren Kollegen im Großen Ganzen ein wenig allein auf weiter Flur fühlen.

Sehen Sie sich doch um in unserem Volk und unter unseren Gebildeten: wie viele Menschen gibt es denn, denen die religiöse Frage ehrlich und ernstlich eine Frage ist? Da sind überall ruhige, sichere Leute, die nur den einen Wunsch haben, sich in ihrer Ruhe nicht mehr stören zu lassen, überall gemachte Standpunkte, bezogene Positionen, fix und fertige Weisheiten positiver oder negativer Art. Überall weiß man sich so wundervoll aus der Verlegenheit her­auszuhelfen. Und nirgends erlauben sich die Leute so sicher und bestimmt mitzureden und zu urteilen wie gerade in der reli­giösen Frage. Daß wir eine Unzahl verschiedener religiöser Standpunkte und Meinungen haben, ist wohl wahr, aber wie verwunderlich ist es doch, daß die Leute, wo und wie sie auch stehen mögen, von den Frei­denkern bis zu den Methodisten, im großen Ganzen alle einig sind in dieser unheimlichen Fertigkeit, die eigentlich gar kein Fragen und Suchen mehr kennt, die alle Verlegenheit scheinbar längst hinter sich hat. Ver­wundert es Sie nicht auch, daß es nicht mehr Menschen gibt, denen die religiöse Frage in so erschütternder Weise zu einer wirklichen Frage ge­worden ist, daß sie bekennen müßten: Ich stehe am Berg, ich weiß in dieser Sache nicht mehr aus noch ein?

Ich wollte, ich könnte Ihnen sagen: wenigstens die Kirche, wo die Frage doch wahrhaftig brennend ist, ist der Ort, wo mit der Verlegen­heit, die sie uns bereitet, ernsthaft und ehrlich gerungen wird. Leider steht es aber umgekehrt so, daß die Kirche – die gleiche Kirche, die in einigen Wochen mit großem Pomp das Jubiläum Luthers feiern wird – der Ort ist, wo von diesem Ringen mit der großen Verlegenheit am wenigsten zu spüren ist, wo sie am erfolg­reichsten mit einem Schwall von altmodischen und neumodischen, erbaulichen und unerbau­lichen Betrach­tungen und Erwägungen zugedeckt wird. Es gibt denn doch zu denken, daß Eine von Ihnen mir einmal sagen mußte, es sei ihr etwas völlig Neues und wie eine Entde­ckung, daß auch ein Pfarrer ein nach der Wahr­heit suchender Mensch sein könne: Und wenn man nun gerade das und eigentlich nur das sein möchte – wenn man Pfarrer ist und Pfarrer bleibt aus dem einzigen Grunde, weil man spürt: die religiöse Frage wird dich nicht mehr los­lassen, sie wird dir als ernste, wirkliche Frage nachgehen, du magst machen, was du willst, du mußt nun die ganze Ver­legenheit, die sie dir bereitet, tragen und durchmachen – sehen Sie, da freut man sich eben, wenn Menschen zu einem kommen wie Sie jetzt zu uns und einem sagen: uns hat diese Frage auch angepackt und wir sind mit euch in Verlegenheit! Denn sehen Sie, wir sind nicht gerne Ein­siedler: nicht nur darum, weil niemand gerne allein steht, wenn er nicht muß, sondern auch darum, weil wir wissen, daß es zu eigentlichen, wirk­lichen Antwor­ten auf diese Frage nicht kommen kann, bevor viele Men­schen sich von ihr eigentlich und wirklich haben verlegen machen lassen. Da ist es wie ein Stücklein Morgenrot, ein Anzeichen von kommenden [440] Antworten und Lösungen, daß wir in Ihnen – worin wir uns hoffent­lich nicht irren – Men­schen vor uns haben, die fertig sind mit dem Fertigsein, denen die reli­giöse Frage eben mit uns zu einer Frage ge­worden ist. Sie werden nun wissen, wie Sie mit uns dran sind. Sie werden von uns nicht erwarten, daß wir Ihnen eine Sache leicht machen, die uns selbst sehr schwer fällt, wir werden Ihnen vielmehr als solche, die es noch böser haben als Sie, sagen: sie ist wirklich sehr schwer. Aber wir sagen Ihnen auch: es lohnt sich, es hat eine Ver­heißung, wenn ein Mensch es wagt, sie schwer und nicht leicht zu nehmen.

Also Religionsstunde! Wir wollen annehmen, Sie haben mit Ihren Kindern soeben die schöne und leicht zu erzählende Geschichte vom ver­lorenen Sohn, eines der zentralsten Stücke des Neuen Testamentes, behandelt. Es war Alles in Ordnung. Sie haben sich alle Mühe gegeben, „es“ den Kindern nahe zu bringen und es ist Ihnen gelungen. Sie haben eine Reihe von farbi­gen, anschaulichen Bildern zustande gebracht: der verlorene Sohn zu Hause, in der Fremde, unter den Säuen, auf der Heimkehr, schließlich wiederum zu Hause. Sie haben mit Psycholo­gie und Liebe die Gestalten des Vaters, des älteren, des jüngeren Bruders herausgearbeitet und jede für sich reden lassen. Sie haben schließlich den Ganzen – je nach Ihrem Geschmack und Ihrer Richtung – einen „reli­giösen Gehalt“ gegeben, eben jene „Es“, auf das es ja in der Reli­gions­stunde eigentlich abgesehen ist. Sie haben davon geredet, wie ein Mensch seine Fehler einsieht, bereut, gutmacht, und wieder ein braver Mensch wird. Oder davon, wie ein Ungläu­biger irre wird an der Welt, sich be­kehrt und seinen Gott wieder findet. Oder, fein modern-psychologisch-mystisch: wie der Mensch sich verlieren muß an die Reize der Außenwelt, um dann nach schwerem Leid sich selbst innerlich wieder zu finden. So etwa, nicht wahr, nur natürlich viel schöner und kindlicher gesagt als so. Sie werden ja schon gemerkt haben, daß das „es“, das gerade in dieser Geschichte steckt, „Stoff“ für viele Stunden bietet. Aber wir wollen an­nehmen, Sie seien für einmal fertig damit und blicken auf Ihre Arbeit zurück. Die Kinder waren aufmerksam und willig; vielleicht sind sie bei gewissen Partien Ihrer Erzählung vor Spannung auf die Bänke ge­standen, vielleicht wurden sie bei anderen bis zu Tränen ge­rührt, und auch während Sie jenes „es“, auf das es eigentlich ankommt, zu ent­wickeln ver­suchten, hingen alle die aufrichtigen, gescheiten, schlauen, hungrigen, sehnsüchtigen, vorsich­tigen, unergründlichen Kinderaugen mit einer merkwürdigen Erwartung an Ihrem Munde. Sie hörten viel­leicht, wie nachher eins zum anderen sagte: Oh, das is schön gsi! Sie ver­nehmen vielleicht von einer Mutter, wie das und das Büblein oder Mägdlein nach Hause gekommen sei, ganz voll von den Leiden und Er­fahrungen des verlorenen Sohnes. Sie meinen vielleicht selber einen guten Einfluß dieser Stunde zu verspüren auf die übrigen Unterrichts­stunden. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Leistung? warum sollten Sie nicht zufrieden sein? Es war wirk­lich Alles in Ordnung: innerlich und [441] äußerlich, pädagogisch und religiös; Ver­stand, Wille und Gemüt wurden gleichmäßig angeregt und der Erfolg, soweit Sie ihn wahrzu­nehmen vermögen, bestätigt Ihnen, daß Sie gute Arbeit getan haben. Es war eine Reli­gions­stunde, wie sie sein sollte. Sind Sie zufrieden?

Wie merkwürdig: Sie sind nicht zufrieden! Ja, ja, Sie verstehen mich: natürlich sind Sie zu­frieden, wie man immer zufrieden ist, wenn man gute Arbeit hinter sich, wenn man sein Röß­lein wacker geritten hat. wie sollten Sie sich das nicht gönnen? Ich pflege mir das in solchem Glücksfall auch zu gönnen. Ich meine jetzt auch nicht das, daß Sie sich nachher natürlich sa­gen werden: da und da wird es das nächste Mal noch besser zu machen, wird eine mißver­ständliche Wendung zu unterlassen, ein nötiges Licht noch aufzusetzen sein. Selbstverständ­lich! Aber nicht­wahr, Sie kennen ein Gefühl der Unbefriedigung gerade nach solchen ganz gelungenen Stunden, das mit dieser selbstverständlichen Unvoll­kommenheit alles Irdischen nichts zu tun hat. Es ist Ihnen nicht wohl mit Ihrem verlorenen Sohn, und zwar nicht nur auf der Oberfläche, sondern ganz in der Tiefe Ihres Wesens, wo Sie sich über die Gründe kaum noch Rechenschaft zu geben vermögen. Alle Farbe und alle Wärme, die Ihr Unterricht hatte, und aller Eindruck, den Sie damit erzielt haben, vermag Sie nicht zu täuschen darüber, daß es da etwas geben möchte, dem Sie vielleicht noch nicht im Geringsten gerecht geworden sind. Sie bleiben allein zurück im leeren Schulzimmer, den Schall Ihrer eigenen Worte noch in den Ohren und eine Ahnung durchzuckt Sie, daß da irgendwo in der Mitte zwischen der soeben so eindrucksvoll erzählten Geschichte im Buche da auf dem Tisch und der draußen nach allen Seiten davonstür­menden Kinderschar – daß da irgendwo in der Mitte zwischen diesen zwei bekannten Größen eine Unbekannte steht, die Sie mit Ihrer ganzen vorzüglichen Religions­stunde nicht gefunden, ein Geheimnis, das Sie nicht entschleiert haben, an das Sie nicht ein­mal von weitem herange­kommen sind. Sie konnten nicht davon reden, weil Sie nicht daran denken. Sie denken nicht daran, weil Sie nichts davon wissen. Sie wissen nichts davon, weil wir alle eigentlich noch nichts davon wissen. Aber es ist da und macht sich geltend, indem es uns die Zufriedenheit mit der von uns vermeintlich geleisteten „religiösen Arbeit“ irgendwo an der Wurzel ab­schneidet. Es war so wahr, alles, was wir gesagt haben, aber eben nur allzu wahr, um ganz wahr zu sein. Es war so schön, aber eben nur allzu schön, um ganz schön zu sein. Es war so lebendig, aber eben nur allzu lebendig, um ganz lebendig zu sein.

Da sind noch einmal alle die fragenden, durchbohrenden Kinderaugen mit all dem, was diese Kinder hinter sich und vor sich haben in ihrem Leben; du hast uns eine Religionsstunde gege­ben, ja, es war wahr und schön und lebendig und wir sind dir dankbar dafür – aber was soll das eigentlich: Religionsstunde? Was willst du damit, wenn du uns solche Stunden gibst? Und was sollen wir, wir mit unserer Vergangenheit und Zukunft, wir mit unserem väterlichen und mütterlichen Blut in den Adern, wir in unserer Umgebung in unseren sozialen Verhältnissen, in unserer heutigen Zeit mitten im Weltkrieg – was sollen wir mit deinem „verlorenen Sohn“ anfangen? [442]

Und da ist noch Jemand, der dich auch etwas zu fragen hat, nämlich der „verlorene Sohn“ selber dort im Buch auf dem Tisch oder das, was im Buch von ihm übrig geblieben ist: Du hast eine Religionsstunde aus mir gemacht. Ja, ich bin eben unendlich geduldig. Es sind schon Tausende und aber Tausende von Religionsstunden über mich gehalten worden von Tausen­den und aber Tausenden von Lehrern und Pfarrern und nun hast du es auch wieder getan und ich lasse es mir ja gefallen, wie ja alle meinesgleichen – Abraham und Mose und der König David, die Hirten von Bethlehem, der barmherzige Samariter und der Zöllner im Tempel, der verleugnende Petrus und Saulus, der ein Paulus wurde – es sich beständig gefallen lassen müssen, daß man Religionsstunden, Predigten, Kinderlehren, Unterweisungen, Bibelstunden und Vorträge über sie hält. Es geht an mir und an uns Allen immer wieder in Erfüllung, was geschrieben steht: „Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Sche­rer und seinen Mund nicht auf­tut.“ Ich lasse mich ja immer wieder von euch brauchen: als „Text“, wie ihr Herren Pfarrer so schön oder als „Stoff“, wie ihr Herren und Fräu­lein Pädago­gen noch schöner sagt, als weißes Papier für eure religiösen, psychologischen und mystischen Schnörkel, als Stemmbalken für eure moralischen Turn- und Kletterübungen, als Leinwand für eure ästhetischen Malereien. Ihr könnt es ja auch fernerhin so halten mit mir, aber was wollt ihr eigentlich damit? Nicht wahr, ihr meint doch nicht etwa: dazu sei ich ein Lump ge­worden und unter die Säue geraten, dazu habe ich mich zur Umkehr entschlossen, dazu habe mich mein Vater in die Arme genommen, und dazu das gemästete Kalb für mich geschlachtet, damit ihr nach zweitausend Jahren im Kanton Aargau eure Künste an mir beweisen könnt? Was hat eure Religion und Psychologie und Moral, was haben eure rührenden und niedlichen Bilder mit dem zu tun, was ich eigentlich zu sagen hätte? So der Spruch und die Frage des „verlorenen Sohnes“ von seiner Seite!

Ich hoffe, Sie merken, ich rede bei dem allem nicht aus Büchern und nicht aus kritischer Be­obachtung Anderer, sondern aus meiner eigenen Erfahrung. Ich hoffe aber auch, daß Sie in meiner Erfahrung irgend­wie Ihre Erfahrung wiedererkennen: sonst wären Sie eben in mir an den Falschen geraten. Diese zwei Stimmen höre ich jedes Mal, wenn ich eine „gute“ Predigt oder eine „gute“ Unterweisung (was man so nennt) gehalten habe. Und ich hoffe von Ihnen, daß Sie diese zwei Stimmen auch hören, wenn Sie eine „gute“ Religionsstunde gehalten ha­ben: denn von den schlechten wollen wir hier gar nicht reden. Es ist die Stimme des Lebens, die aus unseren Kindern und Zuhörern stumm mit uns redet. Und es ist die Stimme des Le­bens, die sich ebenso stumm aus der Bibel gegen uns erhebt. Das Leben ist es, das uns von beiden Seiten interpelliert: was wir da eigentlich treiben mit unserer „Religion“. Und wenn wir deutlich hören, so reklamiert es wegen unseres Religionsbetriebes. Und wenn wir noch deutlicher hören wollen, so protestiert es sogar dagegen und erklärt uns, daß es, das Leben, nichts damit zu tun habe. Das Leben ist die große Unbekannte [444] in der Mitte, das Geheim­nis, an das wir nicht herankommen. Sehen Sie, da haben wir unser heutiges Problem: „Reli­gion und Leben“, was wir getrieben haben und treiben in Kirche und Schule, das ist im besten Fall irgend eine Sorte Religion. In Kirche und Schule! Ich kehre die Hand nicht um. Ich habe den Lehrern keine besonderen Vorwürfe zu machen wegen ihres Religionsunterrichts und ich glaube nicht, daß der kirchliche Unterricht, mein eigener inbegriffen, vor dem der Schule grund­sätzlich im Vorsprung sei. „Wir sind allzumal Sünder und ermangeln der Herrlichkeit Gottes.“ Denn wir sind allzumal Religionsleute. Das Leben aber will von Religion nichts wissen, weder das Leben in der Welt, noch das Leben in der Bibel. Die Ablehnung ist von beiden Seiten noch viel entschiedener und unerbittlicher, als ich es Ihnen soeben ange­deutet habe. Das Leben verachtet die Religion, denn die Religion hilft dem Leben nicht, sondern hindert es. Das Leben stößt uns von beiden Seiten zurück, wenn wir ihm mit Religion kom­men. Das Leben braucht keine Religion und keine Religionsleute. Viele Menschen merken das nicht; ich weiß nicht, soll man sie glückliche oder unglückliche Menschen nennen. Es hat auch ganze lange Zeiten gegeben in der Geschichte, in denen fast niemand das merkte oder merken wollte. Aber einzelne Men­schen haben doch immer gelebt, die es gemerkt haben: daß Religion uns nichts hilft, daß wir etwas Anderes brauchen und eigentlich suchen, die in aller Stille daran gelitten und darum gekämpft haben. Und dann gab es ein paarmal auch ganze Zei­ten: Pauluszeiten, Franziskuszeiten, Lutherzeiten, wo es wie der Schimmer von einem großen, allgemeinen Merken durch ganze Völker lief. Und es ist mir, gerade die heutige Zeit müßte nun eigentlich viele aufrichtige Menschen förmlich zwingen zum Merken und Merkenwollen. Und das ist hoffentlich die gemeinsame Ge­legenheit, die uns hier zusammengeführt bat, und aus der wir Sie nicht herausführen können und wollen, sondern in die wir Sie und uns erst recht und ganz tief hineinführen möchten, wir tun das mit gutem Gewissen, weil es für Sie und für uns und für alle Menschen nur die enge Pforte und den schmalen weg dieser großen Verlegenheit gibt, der ins Leben führt. Aber seien Sie ganz getrost: dieser Weg führt ins Leben.

Der Weg der Religion aber führt am Leben vorbei. Das muß nun zur Klarstellung der Lage ehrlich überdacht und ausgesprochen werden.

Religion ist Privatsache. Oder, mit Friedrich dem Großen zu reden: Es soll ein Jeder nach seiner Façon selig werden dürfen. Oder, vom Standpunkt der Religion selber aus geredet: im Glauben geht es um die Frage der Rettung und des Heils der einzelnen Seele. Oder noch schöner, moderner: Frömmigkeit ist ein persönliches Erleben Gottes, wir sagen tatsächlich immer das Gleiche mit allen diesen Sätzen, die heut­zutage in religiösen und nicht religiösen Kreisen sozusagen selbstverständ­liche Glaubensartikel geworden sind. Die Unzähligen, die diese Sätze nachsprechen, und zwar weithin mit Wärme und Überzeugung nachspre­chen, sind sich nicht bewußt, was für ein vernichtendes Urteil sie damit [444] über die Religion fällen. Aber es ist doch so. So geht die Religion am Leben vorbei. Denn das Leben ist eben keine Privatsache, wo es im Leben Privatsachen gibt, wie etwa den umzäunten Garten einer Villa, da handelt es sich um Krankheitserscheinungen: das empfinden schon unsere Buben und klet­tern mit einem gewissen höheren Recht gelegent­lich hinüber! Das Leben ist das Allgemeinste, das Umfassende, das Wahre. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Der Wald ist grün. Man hat Augen, Ohren und Füße und braucht sie. Man ist eben ein Mensch. Alle sind Menschen. Man lebt eben. Alle leben. Das ist das Leben. Und nun schlagen wir die Bibel auf und hören von Gott, wer ist Gott? Jedenfalls kein Gott der Privatsachen. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ „Ist Gott nur der Juden Gott? Nicht auch der Heiden Gott? wahrlich, auch der Hei­den Gott!“ „Er läßt seine Sonne scheinen über Gute und Böse und läßt regnen über Gerechte und Unge­rechte.“ Wir hören, wie Er seine Hand legt zuerst auf Einen, Abraham, aber durch diesen Einen sofort auf ein ganzes Volk und durch dieses eine Volk sofort auf die ganze Menschheit, wir hören von einer großen, allgemein­gültigen Doppeltatsache: In Adam alle Menschen Sünder, in Christus alle Menschen Gerechte! Sehen Sie da: das paßt zur Sonne, zum Him­mel, zur Luft, oder wenn man will, auch zum Weltkrieg, zum Milch­preis, zur Brot­karte – das ist eben Leben. Das Leben hat wohl auch seine persönliche „individuelle“ Seite, nämlich die, daß wir alle als Ein­zelne drinstehen oder vielmehr drinstehen sollten. Das Leben selber aber ist keine Privatsache, kein persönliches Erlebnis, sondern die herrlichste, nahelie­gendste Allgemeinheit, wie lebensfremd im tiefsten Grunde da­neben eine Angelegenheit, die nur eine persönliche ist: eine Sache be­sonderer Erfahrungen besonderer Menschen, ein Privat­bedürfnis und Privatunternehmen und Privatvergnügen schöner Seelen und solcher, die es werden wollen! Das können uns eben unsere Zuhörer, kleine und große, im Grunde einfach nicht abnehmen, auch wenn sie sich gelegentlich daran erbauen und begeistern. Sie können das nicht wichtig nehmen, weil sie im Grunde zu gut wissen, daß Privatsachen, persönliche Angelegen­heiten, eben nicht wichtig sind. Daran können wir selber im Grunde nicht glauben; das kommt uns selber im Grunde eher wie ein Traum vor. Daher unsere Unsicherheit bei aller unserer „religiösen Arbeit“. Die besteht ja doch nur darin, daß wir, statt die Fenster zu öffnen und die Sonne herein­scheinen zu lassen, im künstlich verdunkelten Raum mit Taschenlaternen hantieren. Und dann fällt uns eben noch die Bibel in den Rücken und sagt uns: Meint nur ja nicht, ich sei etwa auf eurer Seite – denn was ich meine, ist eben auch Leben und nicht Erleb­nisse schöner Seelen, Privat­erfahrungen und persönliche Angelegenheiten! – Eine solche Lage ist schon zum Verlegenwerden!

Religion ist Innerlichkeit. Man kann auch sagen: Religion ist ein Seelenzustand. Oder: Reli­gion ist Idealismus. Oder: Religion ist Geistesleben. Oder man kann mit Schleiermacher ge­lehrt sagen: Religion ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit. Oder mit anderen Moder­nen: Gefühl des Unendlichen. Ganz wie Sie wollen, orthodox oder frei­sinnig ausgedrückt, Sie verstehen schon, was gemeint ist: ein innerer Zu-[445]stand des Menschen, das ist Religion. Sie sprechen damit ein zweites, ebenso vernichtendes Urteil über sie aus. So geht die Religion am Leben vorbei. Innerlichkeit, Seele, Idealismus, Geist, Gefühl – was ist das? Jedenfalls nicht Leben! Ja, das Leben hat freilich auch eine innerliche, seelische, geistige Seite. Alles Äußer­liche ist hervorgegangen und geht beständig hervor aus dem Innerlichen. Es ist die Seele und ihre Ge­setze – denken Sie an die wunderbare Erfüllung der Mathematik in der Natur! – die sich den Körper schafft. Es ist die Idee, der Geist, der das Sein in Millionen von Erscheinun­gen aus sich entläßt und der sich selber immer wieder in ihnen findet. Und wun­derbar: es ist in der Tat unsere eigene Innerlichkeit, die Seele, der Geist des Menschen, in welchem der ganze Kosmos des Lebens sich spiegelt, der ihn in sich enthält und be­greift, ohne den nichts ist, was ist. Aber wohlverstanden: Begriffe ohne Anschauungen sind leer (Kant). Das Leben ist lauter äußerlich gewordene Innerlichkeit, schöpferischer Geist, erzeu­gende Seele, Tat und Ereignis gewordenes und werdendes Gefühl, oder nach dem gewaltigen Zeugnis der Bibel von Christus: Wort, das Fleisch geworden ist. Leben ist das Wandeln der Gestirne, der Aufbau des Jura und der Alpen, das werden der Bergkristalle – das ist reines Leben aus dem Schöpfergeiste Got­tes. Leben ist das Schleichen und Nagen und Zehren der Krankheiten, und der Kampf, den der Arzt dagegen führt, ist der Klassenkampf von oben, den die Bourgeoisie seit Jahrhunderten erfolgreich geführt hat, und der Klassenkampf von unten, den das Proletariat nun immer ernst­licher anzutreten beginnt, ist der Taktschritt der Soldaten und das Rollen der Haubitzen und Munitionskolonnen und der ganze Weltkrieg – das ist ge­störtes und zerstörtes und mit sich selber ringendes Leben aus dem vom Geiste Gottes abge­fallenen Geiste des Menschen. Aber auch es ist Leben. Und Leben ist, wenn wir nun wieder die Bibel aufschlagen wollen, Christus, dem Abraham verheißen und von den Propheten er­hofft, Christus und Alles, was mit Ihm und um Ihn her geschehen ist, die ganze sichtbare und greifbare Offenbarung der Urheimat und der Urwahrheit des Menschendaseins, das Aufstehen der Lahmen, das Sehend­werden der Blinden, die Austreibung der bösen Geister, seine eigene Auferstehung von den Toten. Das ist das neue Leben aus dem Geiste der Gnade Gottes, der sich selber mit dem Menschengeiste wieder versöhnt hat. Sehen Sie: das ist Leben. Charakte­ristisch für das Leben ist eben immer das Hervorbrechen der Innerlichkeit ins Äußerliche, das Körper­werden der Seele, das Gestaltannehmen des Geistes. Darin sind die Welt und die Bibel wiederum ganz einig. Aber wiederum sind beide nicht einig mit der Religion, wie lebens­fremd: ein bloß geistiges Leben, eine reine Innerlichkeit, ein Gefühl, das nichts als Gefühl ist, ein Idealismus, der in sich selber schwingen will, und das ist doch eben die Religion! Wundert es Sie, daß unsere schönsten Religionspredigten und Religionsstunden, mögen sie so wir­kungsvoll verlaufen wie sie wollen, zum vornherein und als solche Totgeburten, Fehlschläge, Lufthiebe sind? Oh, unsere Zuhörer haben eben feine Ohren und einen feinen Verstand, fei­ner, als sie selber wissen! Es ist ihnen selbstverständlich, daß bloße Innerlichkeiten und See­lenzustande etwas genau so Unwichtiges sind wie bloße Privatange-[446]legenheiten. Darum können sie unser Reden im Grunde nicht wichtig nehmen. Das Volk liebt seine Idealisten, sagt man. Ja, aber es glaubt ihnen mit Recht kein Wort. Darum sind auch wir selber unserer Sache so unsicher. Darum suchen wir diesem Gespenst der Religion zu entrinnen, wenn wir nur könnten. Darum sehnt sich so mancher tüchtige Lehrer ganz mit Recht von den lustigen Idealitäten der Religionsstunde weg nach den Versteinerungen und ausgestopften Vögeln der Naturkunde oder auch nur nach dem beruhigenden Rhythmus des Stundenplans: „Spra­che–Rechnen–Sprache“. Darum konnten ihnen, wie ich hörte, sogar die großen Gelehrten in Aa­rau, die sonst Alles wissen, in Bezug aus den fatalen Religionsunterricht so wenig nützliche Ratschläge mit auf den Weg geben. Es ist da wirklich wenig zu raten. Die Welt bedankt sich für bloße Innerlichkeiten und die Bibel bedankt sich erst recht dafür, wir stehen in einem Kreuzfeuer. Wir sind in keiner beneidenswerten Lage.

Religion ist Gesinnung. Nehmen Sie sich bitte wiederum die Freiheit, mehr an eine mora­li­sche oder verstandesmäßige oder mehr an eine gläubige oder doch allgemein andächtige Ge­sinnung zu denken; ganz wie es Ihrer Art entspricht. Sie dürfen statt Gesinnung, wenn es Sie freut, auch Stimmung sagen. Und Sie dürfen dieser Gesinnung oder Stimmung wiederum jeden beliebigen Inhalt geben, der irgendwie als Religion an­gesprochen werden kann. Sagen Sie stolz mit Goethe: Religion sei „Ehrfurcht vor dem, was über uns ist“, oder sagen Sie, wie die glatte Theologie unserer Tage herausgefunden hat: Frömmigkeit sei Ergebung, denken Sie an die biedere „Hochachtung vor dem Höchsten“, die vermut­lich Ihre Groß- und Urgroßeltern aus Zschokkes „Stunden der Andacht“ schöpften, oder steigen Sie, wenn es Ihnen besser zu­sagt, mit Carlyle aus das hohe Roß des „Arbeiten und nicht Verzweifeln“! Es bleibt immer irgendwie dabei, daß der Mensch zu allerlei Tatsachen außer ihm, zu Gott, Welt und Mitmen­schen von sich aus eine Stellung beziehen möchte. Sie sprechen damit zum drittenmal das Ur­teil über die Religion. So geht eben die Religion am Leben vorbei! Denn im Leben spielen die Gesinnungen und Stimmungen an sich gar keine Rolle. Der Kosmos des Lebens wird gebildet von Kräften, Mächten und Gewalten. Leben ist die Kraft des Wassers, des Feuers, der Elektri­zität und der chemischen Sub­stanzen. Leben ist der Kampf ums Dasein, der durch die ganze Natur hindurchgeht mit all den dunkeln Greueln und mit all den Lebenswundern in sei­nem Gefolge. Leben sind die Anlagen und Fähigkeiten und Leiden­schaften, die wir durch Verer­bung in unserem Blut mit auf die Welt gebracht haben. Leben ist das unheimliche Wim­meln der Infusorien im Wassertropfen. Und Leben ist das ebenso unheimliche Wimmeln in un­se­rem eigenen Unterbewußtsein. Leben sind die ungeheuerlichen Mächte des Imperialis­mus, Kapitalismus und Militarismus, von deren Rasen jetzt das Weltgebäude erzittert, und Leben ist die Gewalt aus der Tiefe im Sozialismus, die sich jenen entgegenzuwerfen versucht. Leben ist aber zweifellos auch die geheimnisvoll abseits stehende, mit dem Prunk der Jahr­hunderte bekleidete Macht der römischen Papstkirche. Verworrenes, verwirrtes, vielleicht toll und fürchterlich gewordenes Leben das Alles, aber Leben, weil es Kraft ist. Leben ist Dyna­mik. Und noch einmal schla-[447]gen wir die Bibel auf und sind, indem wir sie unter diesem Ge­sichts­punkt zu lesen versuchen, ganz betroffen, zu finden, was das doch für ein Lebens­buch, beinahe hätte ich gesagt: Naturbuch sondergleichen ist. „Liebe ist stark wie der Tod und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken.“ Von solcher Dyna­mik ist die Bibel ganz voll, wir müssen es nur wieder besser merken lernen, wir armen mittel­europäischen Gesinnungsmenschen, die wir sind! Es ist geradezu wunderbar, wie es da be­ständig von Realität zu Realität geht. Und wahrhaftig, wenn wir es wieder lernen würden, aus diesem realen, dynamischen Sinn der Bibel heraus zu reden, so würden wir am Leben nicht mehr vorbeireden. Denn der große Kampf, der durch dieses ganze Buch hindurchgeht, ist doch wirklich nicht der Gegensatz zweier Ge­sinnungen oder Stimmungen. Sondern da sind es eben auch Kräfte, Ge­walten, Herrschaften, die miteinander ringen, und zuletzt das Reich – hören Sie es? das Reich! – Gottes, das siegreich durch Alles hindurch­bricht. Ein Reich wird nicht mit Gesinnungen und Stimmungen aufge­richtet, wohl aber mit Kräften. Lesen Sie dazu einmal die klassische Stelle im fünften Kapitel des Römerbriefs: „Es herrschte der Tod von Adam her auch über die, welche nicht gesündigt haben nach dem Vor­bild der Übertretung Adams.“ Verstehen Sie: „herrschte“ – herrschte, entfesselt durch die ebenso mächtige, ein für allemal und für alle gültige Gewalt der Sünde. Das heißt real gedacht. Und dann auf der ande­ren Seite das Evangelium, die Freudenbotschaft. Sein Inhalt eine neue Ge­sinnung? Nein, antwortet Paulus Röm. 1, aber die Dynamis, die Kraft Gottes zur Errettung, „wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade übermächtig geworden.“ Jesus, der Bringer einer neu­en Lebens­stimmung à la Goethe oder Carlyle oder Johannes Müller? Nein, vor einer neuen Stimmung ist noch niemand erschrocken; von Jesus aber heißt es: sie entsetzten sich, denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten. Neue Stimmungen machen nichts anders in der Welt, von Jesus aber heißt es: es ging Kraft von ihm aus, die heilte Jedermann. Und der Sinn des in Christus erschienenen Gottesreiches? Die Stiftung und Verbreitung einer neuen Sorte von Andacht oder Ansicht? Nein, sondern (Luk. 1) „er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und läßt die Reichen leer. Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf“. Sehen Sie, das heißt eben wiederum real gedacht. Jawohl, Paulus sagt: Kraft Gottes zum Heil Allen, die da glauben! und das Näm­liche steht auf allen Seiten der Bibel zu lesen. Es ist selbst­verständlich: das Leben hat auch eine Gesinnungsseite, wie es eine Privatseite, eine innerliche Seite hat. Die Kräfte, von denen die Bibel redet, sind lauter geglaubte, d. h. vom Menschen bejahte und ergriffene Kräfte, wie ja auch die psychischen und geschichtlichen Kräfte, die die Welt regieren – denken Sie noch einmal an Imperialismus, Krieg, Sozialismus, Alkoholismus – offenkundig den Stempel menschlicher Zustimmung und Willensbejahung tragen. Es geschieht etwas mit dem [448] Menschen und – wie man sich auch seine Freiheit denken mag – er läßt es geschehen, er sagt Ja dazu. Er glaubt entweder an Gott oder an den Teufel, zu seinem Heil oder zu seinem Ver­derben. Was soll ich sagen vom Glauben? Glauben ist eben das viel Tiefere und Radikalere, das entscheidend hinter den Stellungnahmen des einzelnen Menschen steht. Glaube ist selbst schon Kraft, göttliche oder dämonische Kraft. Glaube ist das Ja oder Nein des Menschen, das jenseits aller Gesinnungen und Stimmungen steht, durch das er sich den Mächten, die über ihm sind, zu eigen gibt oder verweigert. Gerade weil der Glaube selber das zentrale Element in der Dynamik des Lebens ist, ist er der Bibel so wichtig. Aber nicht das ist ihr wichtig, was für eine Gesinnung der Mensch schließlich hat – sie kennt schlechte Menschen, die unter der Herrschaft Gottes, und sie kennt auch gute Menschen, die unter der Herrschaft des Bösen stehen —, sondern eben das Ringen der Mächte und Gewalten über ihnen. Und nicht das ist ihre Verkündigung, daß es ideale, tüchtige, ernste, ehr­fürchtige Menschen geben wird – das soll und wird es auch geben —, sondern: daß Gott siegt und sein Reich kommt. Die Bibel und die Welt verstehen sich wiederum ausgezeichnet. Aber zwischen ihnen und der Religion wird es auch hier zu keiner Verständigung kommen. Die Religion geht als Gesinnung und Stim­mung am Leben, in dem es auf Kräfte und Gewalten ankommt, vorbei. Religion ist etwas Le­bensfrem­des. Etwas von der Last dieser schiefen Lage haben wir in Kirche und Schule zu tragen, wir predigen Gesinnung, wir machen Stimmung. Vielleicht gelingt es uns, aber was soll das eigentlich? Ja, wenn wir ge­waltig reden würden und nicht wie die Schriftgelehrten, ja, wenn Kraft von uns ausginge – aber „Ehrfurcht vor dem, was über uns ist“, „Er­gebung“, „Arbeiten und nicht Verzweifeln“, das kommt doch im Leben nicht in Betracht, das kann doch, auch wenn wir noch so tiefen Eindruck damit machten, niemand ernst nehmen. Es ist eben auch nichts Ernstes. Ernst sind nur Kräfte. Darum hat doch z. B. der Kapitalismus die Reli­gion nie ernst genommen, sondern ganz ruhig Kirchen und Schulen gebaut ohne die geringste Furcht, daß von daher jemals eine ihm gefährliche Gegenkraft sich erheben könnte. Darum nimmt der Militarismus die Religion so wenig ernst, daß er ganz ruhig Feldprediger anstellt, die auf Feldkanzeln zwischen zwei Geschützen ihre Gesinnungssprüchlein sagen dür­fen, wie die Spatzen, die zwischen den Zähnen eines Krokodils herum­hüpfen. Das militä­ri­sche Ungeheuer weiß eben ganz genau, daß es von den wackeren Feldpredigern nichts Böses zu befürchten hat. Es wird keine Kraft von ihnen ausgehen. Darum sagt der Sozialismus ganz freundlich: Religion ist Privatsache!, nimmt auch ganz duldsam Notiz von uns paar sozialde­mokratischen Pfarrern ohne eine Spur von Furcht vor den Kräften, die von daher ins Spiel kommen und die seinen Kräften eines Tages ernstliche Konkurrenz machen könnten. Religion nimmt man doch nicht ernst! Die Vorstellung, daß sie etwas Reales sei, etwas mit wirklichen Kräften zu tun haben könnte – diese Vorstellung gibt es einfach nicht in der Welt und wenn wir uns auf den Kopf stellten. Glauben Sie, das wissen im Grunde schon Ihre Büblein und Mägdlein, geschweige denn alle die Gemeinderäte, Bauern, Fabrikarbeiter und Dra-[449]go­ner, die unsere Zuhörerschaft (oder auch Nicht-Zuhörerschaft) bilden. Die sind alle viel zu schlau, um es nicht zu merken, daß das nichts ist: Gesinnung und Stimmung. Und wir selber merken es eben auch. Und vor allem die Bibel hat es gemerkt, und der „verlorene Sohn“, den wir zu einem Gesinnungsstücklein und Stimmungsbild gemacht haben, lacht uns aus und er­klärt uns den Krieg. Und so stehen wir noch einmal im Kreuz­feuer und unsere Lage wird äußerst kritisch.

Und nun? Ja und nein! Nun wissen wir alle hoffentlich zweierlei: was der Fluch ist, unter dem wir zu seufzen haben, Sie in Ihrer Religions­stunde und wir in unserem ganzen Beruf – und was die Freiheit ist und die Erlösung, zu der wir einmal durchbrechen sollten. Der Fluch ist die völlige Lebensfremdheit dessen, was man Religion heißt. Die Er­lösung ist das Leben selbst, das uns bei unseren Betrachtungen im­mer wieder von weitem gegrüßt hat. Ich hoffe, es sei Ihnen allen recht wohl geworden dabei, von Einem, den der Schuh ebenso drückt wie Sie, oder noch mehr, gehört zu haben, wo es uns fehlt. Ich könnte mir zwar denken, daß man mir nun antworten möchte: Nein, nicht wohl ist es mir bei alledem geworden, sondern nun fühle ich mich erst recht und ganz tief unbefriedigt und beunruhigt. Sie dürfen mir das nachher ganz ruhig sagen, denn ich bin es gewöhnt, das zu hören. Ich wiederhole aber mit vollem Bedacht: ich hoffe, es sei Ihnen bei all dem wohl geworden! Denn sehen Sie, es ist nun einmal so: in der religiösen Frage kann es uns erst dann wohl werden, wenn wir einmal wirklich und in der Tiefe unbefriedigte Menschen geworden sind. Vom Zöllner im Tempel heißt es auch nicht, daß er befriedigt in sein Haus hinabging, sondern gerecht­fertigt – von Gott gerechtfertigt! Was könnte ich Ihnen da Besseres wünschen, als daß Ihnen etwas von der großen Unbefriedi­gung: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ auch in dieser Stunde wirklich aufgegangen sein möch­te? Glau­ben Sie es mir: die von Gott Gerechtfertigten sind nicht die ruhigen, sondern die unruhigen Menschen. Wir wissen nun, wo­her wir kommen, wo wir stehen und wo es mit uns hinaus will, wenn wir nämlich hinauswollen! Wir stehen in einem Tunnel. Der Eingang ist hinter uns zu­gefallen und wenn wir nicht ersticken und verhungern wollen, werden wir wohl die Wande­rung durch das lange, schwarze Loch, das vor uns liegt, und das ins Leben führt, unter die Füße nehmen müssen. Ich verspreche Ihnen: der andere Eingang ist nicht zugefallen. Ich sehe von weitem ein großes Licht. Wir brauchen uns nicht zu fürchten.

Aber glauben Sie nur ja nicht, das sei nun eine leichte, quasi metho­dische Frage, auf unseren Kanzeln und Kathedern die Religion durch das Leben zu ersetzen. Sie wissen es ja jetzt: was man Religion nennt, ist eine verlorene Position, auf die wir uns nie mehr mit Sicherheit und gutem Gewissen werden stellen können. Sie haben gewiß alle mit mir die Absicht und den guten Willen, diese Position zu räumen. Und nun möchten wir wohl alle gerne vom Leben reden können auf unseren Posten: [450] von der gesunden Allgemeinheit und Körperlichkeit und Kräftigkeit des Lebens – vom Leben, wie es war in den Armen Gottes und wie es nun ist unter den plumpen, brutalen Fingern von uns Menschen, und wie es wieder werden darf in Christus. Dieses Leben, seine gewaltige Tatsache und Geschichte meinten und suchten wir ja doch eigentlich schon bisher bei all unserem herzlich ungeschickten Predigen und Unterrich­ten und brachten es doch nicht weiter als bis zu einem merkwürdigen Stottern und Phan­tasie­ren und vielleicht Schelten, weil uns gerade dieses Größte dunkel vorschwebte. Und wenn wir in unserer ganzen Tätigkeit ein paar wirk­lich gute Momente hatten, dann waren es solche, in denen aus unserem Religionspredigen und Religionsunterrichten heraus – uns selbst viel­leicht kaum bewußt – etwas vom Leben hervorblitzte und hinüberblitzte zu unseren großen oder kleinen Zuhörern, wie der Weihnachtsbaum durch eine Türspalte in das dunkle Zimmer. Aber nun fragen Sie mich ja nicht: wie macht man es, um mehr solcher Momente zu haben? Wie erzählt man die Geschichte vom verlorenen Sohn so, daß das Leben, jenes Ge­heimnis in der leeren Schulstube, in der Mitte zwischen den Kindern und der Bibel, dabei zu seinem Rechte kommt? was sollen wir mit unserer Religionsstunde anfangen? Fragen Sie mich das nicht! Ich müßte sonst denken, daß Sie mich nicht verstanden haben. Was wollte ich Ihnen auch darauf antworten? Ich könnte ja nur sagen: Das weiß ich auch nicht. Das ist meine eigene innere Not und Arbeit von einer Woche zur anderen. Ich weiß nur das, daß ich immer aufs neue und im­mer stärker darum ringen muß, das Leben (das Leben in der Welt und das Leben in der Bi­bel!) selber erst zu sehen, zu verstehen, zu begreifen. Die Not der Welt so anzuschauen, daß ich davon reden kann als von meiner eige­nen Not und den Sieg und die Freude in der Bibel so, daß ich davon zeugen kann als Einer, der nicht nur davon gelesen, sondern der sie als Wahrheit gehört und gesehen bat. Das ist die Antwort, die ich mir gebe. Und das Suchen nach dieser Antwort nimmt mich so in Anspruch, daß ich daneben für die Fräglein: wie soll ich predigen und unterrichten? wirk­lich keine Zeit habe. Ist diese Antwort nicht inhaltsreich genug? Aber Sie müssen sie sich selber geben, wie ich sie eben nur mir sel­ber geben kann. Ich bitte Sie: Suchen Sie nach dieser Antwort – suchen Sie sel­ber danach! Alles andere, was ich Ihnen dazu sagen könnte, wären Flau­sen. wenn wir das Leben selber schon gesehen hätten, würde es uns leichter fallen, davon zu reden. Aber ich habe noch wenige Menschen getroffen, die es von weitem gesehen haben. Wir alle und unsere großen und kleinen Zuhörer stecken noch wie in einem dicken Panzerturm und immer wieder treiben wir und sie Religion, Reli­gion, Religion und wol­len nicht merken, daß es sich um Leben, Leben, Leben handelt. Denn Religion ist dem Menschen, allen Menschen, etwas gar Natürliches, Naheliegendes, Leichtes und Bequemes. Und das Leben erscheint uns als etwas gar Hohes, Fernes, Fremdes und Schwieriges, obwohl es doch das uns allen Natürlichste ist. Denken Sie nicht, die falsche Einstellung, in der wir alle uns noch befinden, werde so schnell abgetan sein, ge­schweige denn, daß wir so schnell davon Gebrauch machen werden können. Eine neue Grundlage des Religionsunterrichts eignet man sich nicht an [451] wie eine neue Rechnungsmethode. Es wird noch ganz anderer Schüsse bedürfen, bis jener Panzerturm einmal zerbrochen ist.

Aber wenn Sie die innere Arbeit, durch die es u. a. auch jener neuen Grundlage entgegengeht, aufnehmen wollen – dann seien Sie ganz mutig und freudig: wir werden das Leben sehen und wir werden dann auch einmal vom Leben zeugen dürfen. Und nun wollen wir noch einmal den verlorenen Sohn für uns alle reden lassen: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater geben.“

Quelle: Evangelische Theologie 11 (1951/52), Heft 10/11, S. 437-451.


[1] Zu einem Beitrag zu unseres Freundes Günther Dehn Ehrung aufgerufen, meinte ich es mit jenem Schrift­ge­lehrten halten zu sollen, der, einem Hausherrn verglichen, aus seinem Schatz auch einmal Altes hervorbringen darf. Das hier zum erstenmal Abgedruckte ist ein Vortrag, den ich Dienstag, den 9. Oktober 1917, im Konfir­mandensaal des Pfarrhauses zu Safenwil vor einer kleinen Konferenz von eifrigen jungen Lehrerinnen – sie werden unterdessen ihrerseits würdige ältere Damen geworden sein – gehalten habe. Das letzte Jahr des ersten großen Krieges war der weltgeschichtliche Hintergrund dieser Rede. Für Günther Dehn – wir sind uns erst zwei Jahre später an der unvergeßlichen Konferenz von Tambach begegnet – mag dieser Text mit allen seinen Vor­aussetzungen eine freundliche Erinnerung an die Zeit unseres ziemlich dynamischen Aufbruchs zu noch größ­eren Taten sein, weiteren Lesern mag er eine hübsche theologiegeschichtliche Belehrung bieten: so rumorte es damals jedenfalls (der am Anfang erwähnte andere Pfarrer war Eduard Thurneysen!) auch in mir. konnte dann der hier schon mehrfach anklingende „Römerbrief“ in seiner ersten Fassung ans Licht kommen. Man kann sich von heute her verschiedene Keime auf das damals Gesagte machen. Das zu tun sei nun aber dem Scharfsinn und der Nachsicht unseres Jubilars und der anderen Leser überlassen!

Hier der Text als pdf.

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