Was würde ich ihn doch alles fragen wollen. Aber sein Gehör lässt nur noch Schreien an sich herantreten.

Was würde ich ihn doch alles fragen wollen. Aber sein Gehör lässt nur noch Schreien an sich herantreten. Und wenn er sich mir zuwendet – wo ich weit herabgebeugt ganz nahe an seinem Kopf bin –, verschwindet sein linkes Ohr immer wieder im weißen Kopfkissen. Ja, er bete jeden Morgen, bedankt sich, dass ich für ihn bete. Mit Schrott habe er gehandelt, komme ursprünglich aus der Gegend um Sigmaringen. Sein Dialekt macht sich bemerkbar. Die Arme sind mit Hämatomen bedeckt, er lächelt mich mit seinen 91 Jahren an. Woher ich komme? Aus Vöhringen. Da kenne er Musiker von früher. Spontan fällt mir die Familie Eckstein ein. Er selbst habe keine Musik gemacht. Auf dem Biografie-Blatt seiner Hospiz-Akte steht es: Sinti-Musik mag er. Mit 13 ist er nach Auschwitz gekommen, dort hat er seine zehn Geschwister und die Mutter verloren. Es finden sich doch noch die Funk-Kopfhörer. Jetzt darf noch einmal Django Reinhardt an sein Ohr treten. Der Lautstärkeregler wird es hoffentlich hergeben.

1 Kommentar

  1. Die Geschichte hat mich für einen Moment gehörlos gemacht für alles, was gerade um mich herum ist. Was für ein Leben, so teuer erkauft! Danke vielmals für’s Teilen.

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