Søren Kierkegaard über die Anfechtung in seiner Rede über die Bestätigung des inwendigen Menschen: „Es war ihm, als wäre das äußerliche Glück nur dazu da, das innerliche Leiden zu umfrieden, auf daß er noch nicht ein­mal in der Widerwärtigkeit der Welt eine Linderung finde; es war ihm, als wäre es Gott selber, der seine gewaltige Hand auf ihn legte, als wäre er ein Kind des Zorns, und doch konnte er es nicht näher verstehen oder sich erklären, wieso.“

Die Anfechtung

Von Søren Kierkegaard

Betrachte ihn, den Versuchten, der da geprüft ward in der Anfechtung Not. Vielleicht hast du ihn recht selten ge­sehen; denn die Anfechtung kommt ja nicht immer unter sichtbaren Zei­chen. Es ist nicht eigentlich Übelgelingen gewesen, darinnen er geprüft ward; die Menschen verließen ihn nicht, vielmehr, in äußerlicher Hinsicht war alles freund­lich und schön. Doch seine Seele saß in der Not, und dieweil diese nicht in äußerlichen Dingen lag, konnte er der Men­schen Trost nicht suchen. Äußerlich gelang ihm alles, und dennoch war seine Seele in Angst, ohne Vertrauen und Frei­mut. Er suchte nicht in dem Äußerlichen seinen Frieden, seine Ruhe, und dennoch war und blieb sein Herz be­schwert. Da sank der inwendige Mensch in ihm zu Boden, es war ihm, als wäre das äußerliche Glück nur dazu da, das innerliche Leiden zu umfrieden, auf daß er noch nicht ein­mal in der Widerwärtigkeit der Welt eine Linderung finde; es war ihm, als wäre es Gott selber, der seine gewaltige Hand auf ihn legte, als wäre er ein Kind des Zorns, und doch konnte er es nicht näher verstehen oder sich erklären, wieso. Da empörte in ihm sich sein Innerstes, da tat er, was da in einer alten Erbauungsschrift steht, da »rühmte er sich, daß er verloren sei«, und daß es Gott selber sei, der ihn in die Verdammnis gestürzt habe. Da ward der inwendige Mensch in ihm zu Eis. – Indes ein Mensch, in dessen Seele der inwendige Mensch sich ankündigte in jener Besorgnis, von der wir reden, er ließe die Besorgnis dennoch nicht fahren. Fände er gleich die Erklärung nicht, er fände doch die Erklärung, daß er warten solle auf die Erklärung. Er fände doch die Erklärung, daß Gott prüfe, er fände doch den Trost: wo Gott prüfe, da werde die Zeit freilich gar so lang, aber Gott könne alles wieder einholen, denn für ihn ist ein Tag wie tausend Jahre. Da ward er denn stiller in seiner Not. Er floh nicht den Schmerz der Anfechtung, dieser wurde ihm ein Vertrauter, ein vermummter Freund, wenn er auch nicht begriff, wieso, wenn er auch sein Den­ken vergeblich anstrengte, um sein eignes Rätsel zu erklä­ren. Eben in dem Maße aber, in dem seine Besorg­nis zu­nahm, aber auch zunahm an Stille und Demut, so daß er, wie sehr er auch litt, allezeit erwählte, bei der Anfechtung zu bleiben, viel lieber als daß er irgend an andrer Stelle in der Welt wäre, da brach zuletzt das Zeugnis hervor in der vollen Gewißheit des Glaubens; denn wer Gott glaubt wider den Verstand, er wird bestätigt in dem inwendigen Menschen. Ihm diente die Anfechtung zu einer Bestätigung in dem inwendigen Menschen, er lernte von allem das Schönste, das Seligste, daß Gott ihn liebe; denn welchen Gott prüft, den liebet er.

Aus der Rede über die Bestätigung des inwendigen Menschen (Drei erbauliche Reden 1843).

Quelle: Søren Kierkegaard, Gesammelte Werke. 5. und 6. Abteilung: Die Wiederholung / Drei erbauliche Reden 1843, über. von Emanuel Hirsch, Düsseldorf/Köln: Eugen Diederichs, 21967, S. 144f.

Hier der Text als pdf.

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