Von Martin Buber
Rabbi Schmelke (st. 1778) ist der große Prediger der Schule. Die Predigt war sein Element, weil er an die verwandelnde Wirkung des Wortes glaubte; und er glaubte an sie, weil er an die Göttlichkeit des echten Wortes glaubte. Die Predigt betrachtete er in tief religiöser Konzeption als die Handlung, durch die das Gebet der Gemeinde zu seiner höchsten Reinheit und Kraft gesteigert wird. Darum forderte er darin immer wieder zwei Dinge von den Betern: zum ersten, daß sie sich zur wahren Gemeinde einen, alles Trennende, Hemmende mit Strömen der Liebe hinwegspülen und sich zu einem einigen Wesen zusammenschließen, um der Einung der Gottheit die Stätte zu bereiten; zum zweiten, daß sie ihr Gebet von allen Sonderwünschen ablösen, sich über all ihr Bedürfen erheben und die ganze Macht ihres Selbst in das eine Begehren versammeln, daß die Einung Gottes und seiner Schechina geschehe. So auch betete er selbst und wurde von seiner Intention verzückt: mitten im Gebet kam er aus allen Bahnen des Gedächtnisses und der Gewohnheit und sang neue, nie gehörte Melodien. Ein Mann dieser Art und dieser Forderung mußte, als er aus seiner Gemeinde Ritschiwel nach dem dem Chassidismus ganz fremden Nikolsburg in Mähren kam, stetes Ärgernis erregen. Auf manches unverkrustete Gemüt übte er tiefe Wirkung; aber die Mehrheit der aus ihrer wohlgeregelten Ruhe Aufgestörten wandte alles auf, um ihm das Leben in ihrer Gemeinde zu verleiden. Die Legende hat in verschiedenen Lesarten die Begebenheit erhalten, wie Rabbi Elimelech, der jüngere Mitschüler Rabbi Schmelkes, ihn besuchte und den Bürgern von Nikolsburg in einer derben Witzpredigt die Wahrheit sagte, sie seien einem so edlen Arzt kein geziemender Gegenstand, da müsse zuvor er, der Bader Elimelech, sie in seine Roßkur nehmen: und schon schleuderte er ihnen, einen nach dem andern ins Auge fassend, die Namen all ihrer heimlichen Laster und Verkehrtheiten zu. Rabbi Schmelke hätte dergleichen nicht vermocht, schon weil ihm die Schwächen des einzelnen Menschen nicht wichtig genug waren. Seine Grundhaltung zu den Menschen, auch zu seinen Feinden, war eben jene strömende Liebe, die er predigte. Sein Gebet und seine Menschenliebe waren es, die auf seine Schüler und Freunde (sein Lehrhaus war auch in Nikolsburg eines der Hauptzentren der Bewegung) und durch sie auf viele einen tiefen Einfluß übten.
Aus Bubers Geleitwort zu »Der große Maggid und seine Nachfolge«.
Quelle: Martin Buber, Chassidismus II: Theoretische Schriften, Werkausgabe 17, Gütersloh 2016, S. 82f.
Vielleicht eine Gottesdefinition:die Göttlichkeit des echten Wortes“ entspricht dem Begriff „Gott“ auch im säkularen Bereich