Dramatische Interpretation zum Gottesknechtslied Jesaja 53: „Warum begibt sich diese Person freiwillig vor aller Augen auf die Bühne ihrer eigenen Hinrichtung? Warum setzt sie sich dieser Bloßstellung aus? Die Zuschauer rätseln. Während sie weiter hinschauen und sich nicht abwenden, beginnt sich ihre Wahrnehmung zu verändern. Sie spüren langsam, dass sie selbst in das Geschehen hineingezogen sind: Der dort unten erleidet, was sie selbst bedrückt: Krankheit, Leid und vor allem Schuld. Es ist, als entweiche alle negative Energie aus den Zuschauern, ströme in ihn hinein und entfalte in ihm ihre tödliche Wirkung. Im Anblick seines entstellten Leidens löst sich die Verneinung des eigenen Lebens. Das Geschehen an ihm wird zur Erlösung für die Zuschauer. So stimmen sie schließlich in den Chor der Erlösten ein.“

Dramatische Interpretation zum Gottesknechtslied Jesaja 53

Die Geschichte vom leidenden Gottesknecht vereint verschiedene Stimmen. Gerahmt wird sie von der Stimme Gottes, der vom Geschick seines Knechts spricht (52,13–15; 53,11b–12).

Das „Wir“ sind Zuschauer, die zugleich selbst betroffen sind: zunächst als Israel im Horizont der alttestamentlichen Prophetie, dann als Christen. Sie sehen eine unscheinbare Gestalt, der Böses und Schmerzvolles widerfährt – bis hin zur eigenen Tötung. Im Bild des Theaters säßen wir auf den Zuschauerrängen und blickten auf die Bühne, auf der diese Person vorgeführt wird. Zunächst regt sich Widerstand: Das will ich mir nicht ansehen; ich möchte wegschauen.

Doch eine erste Deutung des Geschehens tritt hervor: Der dort unten wird – so meinen die Zuschauer – für eigenes Vergehen von Gott bestraft, also aufgrund seiner Schuld hingerichtet. Der Tod erscheint so als sinnhaft, als Strafe für einen Missetäter, als Konsequenz eigenen Fehlverhaltens – und nicht als bloß unergründliches Schicksal.

Doch warum begibt sich diese Person freiwillig vor aller Augen auf die Bühne ihrer eigenen Hinrichtung? Warum setzt sie sich dieser Bloßstellung aus? Die Zuschauer rätseln. Während sie weiter hinschauen und sich nicht abwenden, beginnt sich ihre Wahrnehmung zu verändern. Sie spüren langsam, dass sie selbst in das Geschehen hineingezogen sind: Der dort unten erleidet, was sie selbst bedrückt: Krankheit, Leid und vor allem Schuld. Es ist, als entweiche alle negative Energie aus den Zuschauern, ströme in ihn hinein und entfalte in ihm ihre tödliche Wirkung. Im Anblick seines entstellten Leidens löst sich die Verneinung des eigenen Lebens. Das Geschehen an ihm wird zur Erlösung für die Zuschauer. So stimmen sie schließlich in den Chor der Erlösten ein: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen …“ (Jes 53,4ff).

Die ihm zugefügte Tötung erweist sich als dessen eigenes Opfer – als Hingabe seines Lebens für die Vielen, also auch für mich. Doch sein Opfertod endet nicht in endgültiger Vernichtung. Gott verliert seinen Knecht im tödlichen Unheil nicht aus dem Blick: Er rettet ihn aus dem Tod und erhöht ihn zum Herrn über alle (vgl. Phil 2,9-11).

Die Auferstehung von den Toten macht das Opfer nicht rückgängig, sondern überwindet den Opfertod. So tritt der einst Unscheinbare mit einer Lebens- und Herrschermacht hervor, die mir in seiner Gegenwart ewige Seligkeit eröffnet.

Das Erstaunliche dieser Geschichte ist die göttliche Lebensmacht im unmenschlichen Opfertod. Tödliche Hingabe und lebensschaffende Auferweckung sind untrennbar miteinander verbunden. In der Auferstehung gehört die stellvertretende Hingabe nicht der Vergangenheit an, sondern bleibt auch in der Gegenwart wirksam.

Hier mein Text als pdf.

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