„Der Glaube sieht am besten im Dunkeln“ Søren Kierkegaards Trostwort für Joe Biden aus Erbauliche Reden in verschiedenem Geist (1847): „Wenn die Klugheit in der dunklen Nacht des Leidens keine Handbreit vor sich sehen kann, da kann der Glaube auf Gott sehen; denn der Glaube sieht am besten im Dunkeln.“

Nachdem Joe Bidens Sohn Beau mit 46 Jahren an einem Hirntumor gestorben war, postete Bidens Frau Jill an den Badezimmerspiegel folgendes Kierkegaard-Zitat „Der Glaube sieht am besten im Dunkeln.“ Es entstammt Søren Kierkegaards Rede über Jesu Heilandsruf „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Mt 11,30) aus seinen „Erbaulichen Reden in verschiedenem Geist“ von 1847. Der Kontext lautet wie folgt:

„Der Gläubige fühlt menschlich wie schwer das Lei­den ist, aber in der gläubigen Verwunderung darüber, daß es ihm gewinnreich ist, sagt er doch fromm: es ist leicht. Er kann es wohl nicht verstehen und sagt menschlich: es ist unmög­lich, aber er sagt es wieder in gläubiger Verwunderung darüber, daß es ihm gewinnreich ist. Wenn die Klugheit den Gewinn einsehen kann, da kann der Glaube Gott nicht sehen; aber wenn die Klugheit in der dunklen Nacht des Leidens keine Handbreit vor sich sehen kann, da kann der Glaube auf Gott sehen; denn der Glaube sieht am besten im Dunkeln.“

Hier der vollständige Text:

Rede über „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Matth. 11,30)

Von Søren Kierkegaard

Von den Pharisäern wird gesagt (Matth. 23,4): „Sie binden schwere und unerträg­liche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals, aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen.“ Und dies Verfahren wiederholt sich leider oft ge­nug in der Welt. Es wiederholt sich, wo es zwar zunächst aussieht, als habe auch nur der eine Teil die Last zu tragen, und der and­re sei frei – aber es doch in Wahrheit nicht so ist, weil ja doch der Eine soll tragen die Bürde des Herrschers der Andre die des Untertanen, der Eine die des Lehrers, der Andre die des Schü­lers, und so Jeder seine Bürde tragen soll, Keiner ausgenommen sein soll, auch nicht der Unabhängige; der soll die Bürde der Verantwortung tragen, wenn der Abhängige die der Pflicht trägt. Dasselbe pharisäische Verfahren wiederholt sich auch da, wo es gilt, daß Beide im gleichen Joch mit einander ziehen sollen. Da ist der Eine so geneigt nur die Bürden zu binden und dem andern aufzulegen; der Mann fordert alles von der Frau oder die Frau alles von dem Mann; man fordert alles von dem Freunde, dem Mitarbeiter und will selbst frei sein. Ja, nicht bloß das, auch das noch Traurigere zeigt sich, daß man durch Undankbarkeit, durch Unerkenntlichkeit, durch launisches und verdrossenes Wesen die Bürde überdies noch schwer zu tragen macht; daß man selbstsüchtig fordert der andere soll die Bürde tragen, und ihm das Tragen auch noch schwer macht. Das ist keine mißvergnügte und verdrossene Schilderung der Welt, wie sie jetzt ist, es ist im Gegenteil eine alte Erfahrung, die zu den verschiedensten Zei­ten gemacht wurde. So ist das Menschengeschlecht zwar von göttlicher Art aber auch mehr oder weniger entartet. Das merkt man am besten wenn man auf das Vorbild des Geschlechtes sieht. Wäre der Mensch nicht mit Gott verwandt, so könnte es für ihn ein solches Vorbild nicht geben; aber auf der andern Seite, grade wenn man auf das Vorbild sieht, zeigt sich das Verderben in desto lebhafterer Farbe; wenn man auf das Vorbild und seine Reinheit sieht, zeigt sich der Schatten des Verder­bens um so dunkler. Dies Vorbild ist der Herr Jesus Chri­stus. Er kam nicht „um sich dienen zu lassen“, nicht um die Last auf andere zu legen, er trug die Bürde, die schwere Bürde, die alle, jeder für seine Person am liebsten von sich schieben will; die Last der Sünde; die schwere Last, welche das ganze Menschengeschlecht nicht tragen konnte; die Sünde des Menschengeschlechts.

Und es wurde ihm schwer gemacht sie zu tragen; er wurde verlassen, verachtet, verfolgt, ver­höhnt, ja er wurde von den Sündern dem Tode überliefert, er wurde und wird von den Sün­dern als Feind angesehen – weil er ist der „Freund der Sünder.“ Doch trug er die Last, welche das Menschengeschlecht auf ihn legte, oder die er auf sich nahm; und nicht bloß dies, sondern sein ganzes Leben und jeder Augenblick darin war geopfert um die Lasten anderer zu tragen. Denn von ihm hörte man die Worte: „Kommet her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid“ (Matth. 11,28), aber niemals wurde gehört, daß er sagte: nein, heut habe ich keine Zeit, heute bin ich nicht gestimmt, da bin ich zum Gastmahl geladen; heute bin ich nicht aufgelegt, ich habe selbst Bekümmerung gehabt; heute habe ich die Geduld mit den Menschen verloren, ich bin so oft betrogen worden. Nein, irgend ein solches Wort hat man nicht aus seinem Mun­de gehört, sonst wäre ja auch, was die Schrift leugnet und was den Glauben erschütterte, Trug in seinem Munde erfunden – denn im Her­zen hätte er es doch nicht gemeint. Es war keines Menschen Leiden so schreck­lich, daß er wünschte nicht davon zu hören, damit es ihm nicht seine Freude stö­re, oder ihm Trauer errege; denn seine einzige Freude war den Leidenden Ruhe für ihre Seelen zu schaffen, und seine größeste Trauer war, wenn der Leidende sich nicht wollte helfen lassen. Wo Du ihn trafst, abseits wenn er Einsamkeit suchte oder im Tem­pel und auf dem Markt, wenn er lehrte: er war gleich bereit; er entschuldigte sich nicht damit, daß er Einsamkeit suche und entschuldigte sich nicht damit daß er beschäftigt sei. Wenn die, welche seine Nächsten waren, diese Stellung mißbrauchen und auf seine Zeit besondere Ansprüche machen wollten, da kannte er sie nicht; aber war es ein Leidender, den erkannte er an. Er kam, wenn ein Oberster nach ihm schickte, und wenn im Vorbeigehen eine Frau den Zipfel seines Gewandes anrührte, da sagte er nicht: halte mich nicht auf, nein, er blieb stehen. Und wenn die Jünger das Gedränge zurückhalten wollten, da verwies er es ihnen. – O, wenn es Weisheit ist, daß Jeder sich selbst der- Nächste ist, wie man nur allzu leicht meint, dann wäre Christi Leben Torheit; denn sein Leben ist so sehr Aufopferung, daß es war, als wäre er nur jedem Andern der nächste, aber sich selbst der fernste. Ist er nun unbedingt uns ewig das Vorbild: da laß uns von ihm lernen, wie er selbst dazu auffordert: „nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir.“ Lasset uns von ihm lernen die Lasten zu tragen, unsere eignen und die der Andern.

Leicht ist es freilich die Lasten pharisäisch auf andere zu legen, aber schwer sie selbst zu tra­gen. Leicht ist es in einem erhebenden Augenblick zu geloben die Last tragen zu wollen, aber schwer sie zu tragen. Wer versteht das besser als der Leidende, der seine Last zu tragen hat. Darum kann man genug Stöhnen und Kla­gen und Jammern hören; das braucht kein Leidender zu lernen, denn der Schmerz selbst erfindet die Klage und hat den Schrei gleich bei der Hand. Aber Schweigen und Dulden und sogar Freude in der Bitterkeit des Leidens finden, nicht bloß in der Hoffnung, daß es aufhören werde, sondern im Leiden selbst, gleichwie sich sonst die Trauer wohl in die Freude mischt: das ist wert zu lernen. Und diese Unterweisung ist grade enthalten in den vorgelesenen heiligen Wor­ten: mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Und wie es gesagt wird, so ist es, wenn es auch dem Leidenden vorkommen kann als wäre diese milde Rede eine harte Rede, schwer zu verstehen, so daß er verwundert fragt:

Wie kann die Last leicht sein, wenn das Leiden schwer ist?

Laß uns die Frage nicht stellen mit der ungläubigen Verwunderung, die im Aus­ruf die Leug­nung verhüllt, sondern mit der gläubigen Verwunderung, in welcher die Zuversicht ist, daß es immer mehr eine selige Verwunderung zu Preis und Anbetung wird.

Christus wollte die Menschen ja nicht aus der Welt in paradiesische Gegenden führen, wo gar keine Not und kein Elend wäre, nicht mit einem Zauberschlage das Erdenleben zu weltlicher Freude und Glückseligkeit machen. Das war nur jüdisches und wahrlich leichtfertiges Mißver­ständnis; nein, er wollte lehren, was er selbst durch sein Beispiel zeigt: daß die Last leicht ist, auch wenn das Leiden schwer ist. Die Last bleibt also im gewissen Sinn dieselbe, denn die Last ist grade das Leiden, das schwere Leiden und doch wird die Last leicht. Weil das Chri­sten­tum in die Welt gekommen ist, deshalb ist das Los der Menschen auf Erden nicht anders geworden als vordem. Ein Christ kann ganz dasselbe zu leiden haben wie andere Sterbliche – doch wird die schwere Last für den Christen leicht. Das wol­len wir zuerst bedenken und danach besonders erwägen, welche leichte Last der Christ besonders zu tragen hat.

Es ist hier nicht die Rede von leichten und schweren Lasten, sondern davon daß ein und die­selbe Last schwer ist und doch auch leicht. Von diesem Verwunderli­chen ist die Rede; denn ist es wohl ein größeres Wunder Wasser in Wein zu ver­wandeln, als daß die schwere Last schwer bleibt und doch leicht ist? Inzwischen reden wir doch wohl auch so. Denn wenn ein Mensch auch beinahe unter der schweren Last erliegt, die er trägt, aber die Last das liebste ist, was er besitzt, da sagt er doch in gewissem Sinn, daß die Last leicht ist, denn er will sie gern tra­gen. Das ist in der Welt geschehen. Es wurde mit Abscheu gesehen, wenn der Geizige sich fast tot schleppt an dem Schatze, den er trägt, während er doch diese schwere Last für leicht achtet, weil der Schatz ihm alles ist. Es ist mit innerer Er­hebung gesehen, wenn ein Mensch trägt, was ihm in edlem Sinn das liebste in der Welt ist. Wenn einer in Wassernot fast sinkt unter dem Gewicht der Gelieb­ten, die er retten will: da ist gewiß die Last schwer und doch, frag ihn nur da­nach, doch so unbeschreiblich leicht. Ungeachtet sie Zwei in Lebensgefahr sind, und die Andere auf ihm lastet, ist er doch wie ein Einzelner, der sein Leben ret­ten will; er redet also, als wäre die Last gar nicht da, er nennt sie sein Leben und er will sein Leben ret­ten. Wie geht diese Verwandlung vor. Ob nicht so, daß ein Gedanke eintritt. Die Last ist schwer, sagt er, und steht still; da tritt der Gedanke ein und er spricht: nein, o nein, sie ist doch leicht! Ist er zweizüngig, weil er so spricht? O nein, wenn er in Wahrheit so spricht, dann liebt er in Wahrheit. Also durch die Kraft des Gedankens, durch die Kraft der Liebe geht die Verwandlung vor sich.

„Mein Joch ist sanft“! Ist man ein Glücklicher, oder wohl richtiger gesagt, ein Leichtsinni­ger: da kann man leicht den Kopf stolz in den Nacken werfen und das Haupt aufrecht tragen. Aber wer unter der schweren Last des Leidens geht, der weiß leicht nichts anderes als unter dem Gewicht zu seufzen, und auch der fin­det sich, der das Haupt hängen läßt und in sprach­loser und gedankenloser Ver­nichtung verstummt. Gedankenlos – ja, denn der Fehler ist ja grade, daß er nicht einen einzigen Gedanken hat, mit dessen Hilfe er wenigstens an der Last heben könnte. Ein Gedanke gehört dazu; wenn er immer nötig ist, so wohl besonders hier – um den Menschen vom Tier zu unterscheiden. Es ist deshalb ein schönes und erhebendes Wort eines edlen Mannes, der bei den irdischen Kämpfen nur eins verlangt: gib mir einen großen Gedanken. Und so kann es manche herrliche und kostbare Gedanken geben, die, wenn sie auch das Joch nicht leicht machen, so doch die Last können heben helfen. Das kann tun der Gedanke an bessere Zeiten die man gehabt hat oder an bessere Zeiten, die man erhofft; der Gedanke an ei­nen Menschen, den man liebt, oder an einen Menschen, den man bewundert; der Gedanke an das was man einem Andern schuldet, oder der Gedanke an das was man sich selbst schuldet. Aber hauptsächlich ist es doch nur ein Gedanke, ein einziger, der den Aus­schlag gibt, ein Gedanke, der gläubig die schwere Bürde leicht macht, dieser Gedanke ist: daß es gewinnbringend ist, daß das schwere Leiden gewinnbringend ist.

Aber daß das schwere Leiden gewinnbringend ist, das muß geglaubt werden; se­hen kann man es nicht. Hinterher kann man vielleicht sehen, daß es gewinnreich gewesen ist, aber in der Leidenszeit kann man es nicht sehen und auch nicht hö­ren, ob auch noch so viele und noch so liebreich es einem wiederholten: es muß geglaubt werden. Der Gedanke des Glaubens gehört dazu und die innerliche, zu­versichtliche, wiederholte Aussprache dieses Gedankens bei sich selbst; denn ist das Wort die bindende Macht, daß man durch ein Wort sich ewig bindet, so ist auch das Wort die lösende Macht, die das Joch der Sklaverei löst, so daß der Gläubige frei unter dem Joch geht, die das Band der Zunge löst, so daß die Stummheit aufhört und die Spra­che mit Anbetung zurückkehrt. Es muß geglaubt werden. Die Freude zu sehen, wenn sie einen rings umgibt, das ist nicht schwie­rig – aber wenn man lauter Elend um sich sieht, da gläubig die Freude um sich zu sehen: ja, das ist in seiner Ordnung. Das ist in seiner Ordnung hinsicht­lich des Gebrauchs des Wortes Glaube, denn Glaube bezieht sich immer auf das was nicht gesehen wird, auf das Unsichtbare und das Unwahrscheinliche; und es ist auch in seiner Ord­nung, daß der Mensch Glauben hat.

Vom Glauben ist gesagt, daß er kann Berge versetzen. Aber schwerer als ein Berg kann auch das schwerste Leiden nicht sein; der stärkste Ausdruck, welchen die Sprache hat, ist ja viel­mehr: das Leiden liegt auf einem wie Bergeslast! Aber wenn der Leidende doch glaubt, daß ihm das Leiden gewinnreich ist, ja da ver­setzt er Berge. Und so gibt es wohl solche, die bei jedem Schritt, den sie tun, Ber­ge versetzen, jeden Tag, den sie leben, Berge versetzen. Um den Berg zu versetzen muß man darunter gehen, wie ja der Leidende unter der schweren Last geht; das ist das Schwere. Aber die Ausdauer des Glaubens unter dem Leiden, der Glaube daran, daß es ihm gewinnreich ist, erhebt den Berg und versetzt ihn. Ein Leiden­der kann vielleicht die liebreiche, die teilnehmende, die ermunternde Rede eines Andern hören: es ist Dir gewinnreich; aber deswegen kann er noch nicht Berge versetzen. Ein Gefangener kann draußen die Stimme der Geliebten hören, aber deshalb wird er nicht frei; seine Gefangen­schaft wird zuweilen nur schwerer. Der Leidende kann diese Stimmen hören, aber wenn er nicht in seinem Innern dieselbe Stimme hört, kann er den Berg nicht versetzen. Er kann in seiner Verzweiflung jene Stimmen gar nicht hören wollen, aber das hilft ihm noch weniger den Berg zu versetzen. Kann er dagegen glauben, daß es ihm gewinnreich ist, da versetzt er den Berg. Denn nicht wahr, dieser ungeheure Berg steht ihm im Wege, er wollte so gerne einen andern Weg gehen oder den Berg fort haben, aber wenn es ihm gewinnreich ist, dann ist ja der Weg gebahnt, dann ist er ja auf seinem Wege. Daß es gewinnreich ist, gibt, wenn ich so sagen darf, dem Berge Füße zum gehen. Der kunstreiche Heide hat gesagt: gib mir einen Punkt außerhalb, und ich will die Erde bewegen; der Edle hat gesagt: gib mir ei­nen großen Gedanken: o, das erste läßt sich nicht tun und das andere hilft nicht ganz. Nur eins kann helfen aber das kann nicht ein anderer geben: glaube, und Du sollst Berge versetzen! Glaube, daß das Joch Dir gewinnreich ist. Dies gewinn­bringende Joch ist Christi Joch. Aber welches ist das Joch? Ja, das kann äußerst verschieden sein, aber nur das ist Christi Joch, von dem der Lei­dende glaubt, daß es ihm gewinnreich ist. Die Christen sind nicht freigemacht von den menschli­chen Leiden, wie diese in der Welt bekannt sind; nein, aber wer das Leiden so trägt, daß er glaubt, das Joch ist gewinnreich, er trägt Christi Joch. Menschlich gesprochen ist kein neues Leiden dazu gekommen, aber auch kein altes fortge­nommen; insofern ist alles unver­ändert; und doch ist er nun gegeben dieser gro­ße Gedanke, und doch ist nun gefunden die Stätte außerhalb der Erde: Der Glau­be. Nicht die Klugheit hat dies erfunden mit ihrer klein­lichen und geschwätzigen Geschäftigkeit um Gewinn und Vorteil, nein, es ist der wortkarge Glaube, der den Gewinn glaubt. Man kann mit Hilfe der Klugheit durch die Welt kriechen, manche Widerwärtigkeiten umgehen, andere sich aus dem Sinne schlagen, für andere Rat finden, aber das alles ist ebenso we­nig Glaube, als es ist – Berge versetzen.

Wenn dann der Glaube den Gewinn festhält und den Berg versetzt, da ist die Freude des Glau­bens so groß, daß wirklich das Joch leicht ist. – Wenn ein Mäd­chen nur einen einzigen Wunsch hat aber in Hoffnungslosigkeit verborgen, da kann sie sagen: es ist unmöglich. Das kann bedeuten, daß sie den Wunsch nicht mehr in Hoffnungslosigkeit verbergen sondern in Hoffnungslosigkeit vergessen will. Wenn sie aber gegen die Hoffnung den Wunsch in ihrer Seele bewahrt und er erfüllt wird: da ruft sie wohl grade am Tage der Freude: es ist ja unmög­lich. Mit diesem Worte grüßt sie die Gewißheit mit dem frohesten Gruß glückseliger Verwun­derung; es währt wohl lange bis sie ihr Herz überreden kann zu sagen: es ist gewiß, weil es ihr unbeschreiblich lieber ist jeden Tag die Gewißheit zu grü­ßen mit dem Wort: es ist unmöglich! Ist sie deshalb leichtsinnig, daß sie mit der Gewißheit spielte; ist sie undankbar, daß sie die Gewißheit nicht zu werten wüß­te? Nein sie ist erkenntlich, denn das ist grade Erkenntlichkeit, jeden Tag der Gewißheit wieder mit Verwunderung zu beginnen; sie ist demütig und demütig gläubig. Ihre Verwunderung ist die des Glaubens, und daß sie dabei bleibt sich zu verwundern ist Treue gegen die Macht, welche das Unmögliche möglich macht. Sieh, die fünf törichten Jungfrauen sind ein Bild der törichten Erwartung; aber laß uns die Parabel etwas verändern. Wir nehmen also die fünf klugen, welche die Lampe der Erwartung brennend hielten und mit dem Bräuti­gam hineingingen – wenn sie da gleich als die Türe geschlossen wurde, gesagt hätten: nun ist alles gewiß und entschieden – ob da nicht in einem andern Sinn ihre Lampe gleichsam erloschen wäre. Aber der Glaube, der hält die Lampe bren­nend; wenn es die Erwar­tung gilt, hält er sie brennend bis zum letzten; und wenn die Erfüllung gekommen ist, da hält er sie brennend und vergißt niemals, daß es unmöglich war. Wer dagegen nur ungeduldig das Joch schwerer fand, als es schwer war, der bleibt sich gleich, wenn das Joch ihm leicht ge­macht wird, er zeigt sich als Fälscher, als kläglicher Fälscher, der behauptet leicht zu verste­hen; was er unmöglich verstehen konnte.

Doch auf die Erfüllung der Hoffnung muß man warten, auf den Gewinn des Lei­dens braucht man nicht zu warten, wenn man ihn nicht will sehen, sondern ihn will glauben: Das läßt sich gleich tun. Deshalb ist auch der Glaube, daß das schwere Leiden gewinnreich ist, etwas weit Vollendeteres als die Erwartung ei­nes glücklichen Ausfalls. Denn der glückliche Ausfall kann ausbleiben, aber der Gläubige glaubt, daß ihm das Leiden gewinnreich ist, und der Gewinn kann ja nicht ausbleiben – wenn er da ist. Der Gläubige fühlt menschlich wie schwer das Lei­den ist, aber in der gläubigen Verwunderung darüber, daß es ihm gewinnreich ist, sagt er doch fromm: es ist leicht. Er kann es wohl nicht verstehen und sagt menschlich: es ist unmög­lich, aber er sagt es wieder in gläubiger Verwunderung darüber, daß es ihm gewinnreich ist.

Wenn die Klugheit den Gewinn einsehen kann, da kann der Glaube Gott nicht sehen; aber wenn die Klugheit in der dunklen Nacht des Leidens keine Handbreit vor sich sehen kann, da kann der Glaube auf Gott sehen; denn der Glaube sieht am besten im Dunkeln. Wenn die Klugheit den Leidenden tröstet, da sagt sie: „es wird wohl wieder gut in eini­ger Zeit“ und damit geht sie, wie der Arzt, der zu dem Kranken sagt, „in einiger Zeit“ und geht, während der Kranke bleibt und wartet. Aber wenn der Glaube tröstet, da setzt er sich zu ihm und sagt: „Das Leiden ist Dir gewinnreich, glaube es nur. Ich gehe nicht fort, ich bleibe hier, daß Du Dich an mich halten kannst; und so wahr wie ich bin, ich, der Glaube, so wahr ist der Gewinn da.“ So ist es – auch wenn der Glaube angefochten wird, und es ist als fände er nicht Gnade bei Gott, als würde die Prüfung nur größer, und der Gläubige mißmutig seinen Glau­ben bereuen möchte und als wäre der viel glücklicher, der gleichgültig hinlebt und sich niemals mit Gott einläßt, sondern behaglich den breiten Weg, oder die gepriesene Mittelstraße geht und niemals unter dem Joch auf dem schmalen Weg des Glaubens vordringt. Doch wer so lebt, was er auch sonst sein mag, er ist kein Christ, denn für den Christen ist das Joch gewinnreich; er glaubt es. – Einer trägt ein eisernes Joch, ein anderer ein hölzernes Joch, ein dritter ein golde­nes Joch, ein vierter das schwere Joch, aber nur der Christ trägt – das gewinnreiche Joch!

„Meine Last ist leicht.“ Was ist nämlich Sanftmut andres als die Kunst die schwere Last leicht zu tragen, gleichwie Ungeduld und Grämlichkeit die Kunst ist, die leichte Last schwer zu tragen.

Es ist ein herrliches Wort in der Sprache und in mannichfachen Verbindungen, das Wort Mut und ist eine herrliche Sache. Der Mut ist immer auf der guten Sei­te, der Gute ist immer mutig, nur der Böse ist feige, und der Teufel zittert. Da ist der Heldenmut, der kühn den Gefahren trotzt, der Edelmut, der sich hochherzig über das Unrecht erhebt, der Gleichmut, der geduldig Leiden trägt: aber der sanf­te Mut, welcher das Schwere leicht trägt, ist doch die wunderbarste Zusammen­setzung. Es ist nicht wunderbar mit Eisenstärke hart das Härteste fassen, aber wun­derbar ist es mit Eisenstärke sanft das allerschwächste fassen können oder das Schwere leicht nehmen.

Und zur Sanftmut fordert Christus seine Jünger auf: lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Ja er war sanftmütig. Er trug ja die schwere Last, die weit die Kraft des Menschengeschlechts überstieg; und wenn einer zur selben Zeit, da er die schwerste Last trägt, Zeit und Willigkeit und Teilnahme und Aufopferung hat sich unaufhörlich um Andere zu bekümmern, Andern zu helfen, Kranke zu heilen, Elende zu besuchen, Verzweifelte zu retten: trägt er da nicht die Last leicht? Er trug die schwerste Bekümmerung, die Bekümme­rung um das gefallene Geschlecht, aber er trug sie so, daß er den glimmenden Docht nicht auslöschte, das geknickte Rohr nicht zerbrach.

Wie das Vorbild war, so muß der Nachfolger auch sein. Trägt einer seine schwere Bürde, aber sucht dabei auch die Hilfe des Andern und legt etwas davon auf ihn; oder trägt einer seine schwere Bürde, aber hat dann auch genug mit sich allein zu tun um die Last zu tragen: dann trägt er wohl die Last zum teil oder ganz, aber er trägt sie nicht leicht. Wenn einer alle seine Kräfte zusammennehmen muß, wenn er keinen Gedanken, keinen Augenblick andern geben kann, dann trägt er es wohl, aber er trägt es nicht leicht; er trägt es vielleicht geduldig, aber er trägt es nicht sanftmütig. Mut und Edelmut kann man sehen, auch den Gleichmut an der An­strengung mit der er sich bewahrt, aber die Sanftmut macht sich unsichtbar – sie sieht so leicht aus, und ist doch so schwer. Aber es ist wirklich so, daß durch Sanftmut die schwere Last in frommer Weise wirklich leicht wird, gleichwie es eine traurige Wahrheit ist, daß durch Ungeduld die leichte Last wirklich schwer wird.

Wenn so der, welcher nicht weiß wovon er morgen leben soll, nach der Vor­schrift des Evan­geliums (denn Christus kam nicht um die Nahrungssorgen abzu­schaffen) nicht bekümmert ist um den morgenden Tag, da trägt er ja die schwere Bürde leicht. Wer geduldig beschließt die schwere Bürde zu tragen, so lange es sein soll, so trägt er sie doch nicht leicht. Da sieht der Geduldige auf die Zukunft, und sieht wie schwer sie ist, wenn er sie auch schweigend tragen will, aber die Sanftmut bekümmert sich auch nicht wegen des morgenden Tages. Die Sanft­mut zieht hurtig den Blick zurück und sieht deshalb nicht die Zukunft als wäre sie endlos lang. Sie nennt das Zukünftige den morgenden Tag, und sieht deshalb das Zukünftige so kurz wie möglich; so vorsichtig und besonnen geht sie mit dem Zukünftigen um. Läßt man den Blick lang hin auf die Zukunft sehen, da sieht er Nebel, die schreckende Gestalten annehmen; sieht man ganz kurz darauf, so kann man den Nebel nicht sehen und auch nicht das Schre­ckende; deshalb glückt es der Sanftmut, auch für den morgenden Tag nicht bekümmert zu sein. Heißt das nicht die schwere Bürde des Künftigen leicht tragen.

Wenn so der Sklave nach der Vorschrift des Evangeliums (denn Christus kam nicht um die Sklaverei abzuschaffen, wenn sie auch durch das Evangelium auf­hören muß), darüber nicht bekümmert ist und nur wählt frei zu werden, wenn es ihm geboten wird: da trägt er die schwe­re Bürde leicht. Wie schwer die Bürde ist, weiß der Unglückliche am besten und die menschli­che Teilnahme weiß es mit ihm. Wenn er seufzt unter der Bürde wie die Menschlichkeit mit ihm, da trägt er die Last schwer; wenn er geduldig sich in sein Schicksal findet, und geduldig auf die Freiheit hofft, da trägt er doch nicht die Last leicht: Aber der Sanftmütige, der Mut hat recht an die Freiheit des Geistes zu glauben, er trägt die schwere Last leicht; er gibt weder die Hoffnung auf die Freiheit auf, noch wartet er auf sie. Der Sanftmütige behandelt die entschei­dende Frage nach der Freiheit so leicht; denn er sagt: es bekümmert mich nicht ein geborener Sklave zu sein, aber kann ich frei werden, dann will ich das lieber wählen. In seine Fesseln beißen heißt sie schwer tragen, der Fesseln spotten heißt auch sie schwer tragen; geduldig die Fesseln tragen heißt auch noch nicht sie leicht tragen, aber als geborner Sklave die Fes­seln der Sklaverei tragen wie ein Freier eine Kette tragen kann: das heißt sie leicht tragen.

Und so ist die Sanftmut immer. Wie man zuweilen mit Verwunderung sieht, was die Sparsam­keit aus einem Pfennig machen kann, so ist die Sanftmut stark darin mit kleinem das Schwere leicht zu machen. Der Sanftmütige ist nicht ängstlich sondern freimütig, er ist nicht zweifelnd sondern stark im Glauben, er atmet im Glauben gesund und frei und doch ist sein Mut so still, daß wie lauter Kleinigkeit aussieht, was er zu tragen hat. Es ist ja so, daß der Mensch der Aufgabe das Gepräge gibt durch die Weise wie er sie anfaßt. Dieselbe Gefahr, die wohl auch ein Verzagter überwindet, wird sichtbar größer, wenn ein Mutiger sie überwindet. Dasselbe Unrecht, das von einem Zweideutigem getragen wird, wird sichtbar größer, wenn der Gerech­te es trägt. Derselbe Sprung den ein Flie­hender tut von der Angst getrieben, wird sichtbar größer, wenn ihn ein Tänzer mit Leichtigkeit tut. Und so macht der Mut die Gefahr groß und überwindet sie; Edelmut macht das Unrecht niedrig und erhebt sich darüber; Geduld macht die Bürde schwer und trägt sie, aber Sanftmut macht die Last leicht und trägt sie. Deshalb ist es, menschlich geredet, undankbar sanftmütig zu sein. Denn die Sanftmut geht so still hin, daß keiner auf das Schwere aufmerksam wird; auch der selbst, welcher die Last auf den Sanftmü­tigen legt, es nicht recht zu wissen bekommt. Der sanftmütige Sklave verbirgt so das Unrecht seines Herrn durch seine Sanftmut; denn es sieht ja aus als hätte es der Sklave sehr gut bei dem Herrn, und er hat es auch so – durch seine Sanftmut. Wenn ein Reisender sieht wie ein Sklave seufzt unter seiner Last, da wird er aufmerksam, seine Teilnahme erwacht, und er gibt eine flammende Schilderung von den Schrecken der Sklave­rei; auf den sanftmütigen Sklaven wird er nicht aufmerksam, er würde vielleicht sogar glauben, der Herr wäre so gut. Wenn so die stille Frau alle Schwierigkeiten und Launen und Kränkungen, vielleicht die Untreue des Mannes sanftmütig trägt – ja wenn irgendwo diese sanftmütige Frau lebt, da sieht man nur einen glücklichen Ehestand, da sieht man nur einen ge­liebten Mann und eine Frau, die glück­lich ist in ihrem Hausstand, glücklich durch ihren Mann. Ja, selig ist sie; wenn auch nicht glücklich durch ihren Mann, so ist sie doch selig durch ihre Sanftmut.

„Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Ja, Christus war sanft­mütig. Wenn er nicht Sanftmut gehabt hätte, dann wäre er auch nicht gewesen, der er war, aber dann hätte er auch nicht so viel gelitten, dann wäre die Welt selbst erschrocken vor dem Unrecht, das sie ihm antat, aber seine Sanftmut bedeckte die Schuld der Welt. Er rief nicht sein Recht an, er klagte nicht darüber wie sie gegen ihn sündigten; noch im letzten Augen­blick sagte er: Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Bedeckt er da nicht ihren Frevel, der weit weit geringer erscheint, wenn er so davon redet, während er doch in anderm Sinn weit fürchterlicher wird, weil er gegen die Sanftmut frevelt. Da Petrus ihn dreimal ver­leugnete, und Christus bloß sanftmütig ihn ansah: bedeckt da diese Sanftmut nicht des Petrus Schuld und macht sie weit geringer. Höre doch nur: zu verraten seinen Herrn dreimal in dem Augenblick, da er verraten ist, in der Macht seiner Feinde verhöhnt und verspottet! Du er­schrickst, wenn Du aufmerk­sam darauf wirst, nicht durch die Schilderung sondern nur durch die Aussage. Christi Sanftmut dagegen hindert einen aufmerksam zu werden, wie tief der Fall war. Diese Sanftmut sollen wir lernen von ihm, und diese Sanftmut ist das deut­lichste Kenn­zeichen des Christen. „So Dir Jemand einen Streich gibt auf Deinen rechten Backen, dem bie­te den andern auch dar.“ (Matth. 5,39). Es ist nicht Sanftmut, wenn Du wieder schlägst, und es ist auch nicht Sanftmut, wenn Du Dich in das Unrecht findest und es für das nimmst, was es ist; aber es ist Sanftmut, daß Du die linke Backe hinhältst. Edel­mut trägt auch das Unrecht, aber er macht eigentlich, daß es größer aussieht, wenn er sich darüber erhebt; Gleich­mut trägt auch das Unrecht, aber macht es nicht geringer als es ist; nur die Sanftmut macht es kleiner. Laß es vor unsern Augen geschehen. Wenn der erste Schlag gefallen ist, da wendet sich Deine Auf­merksamkeit auf das Unrecht, und Du siehst es an dem Hochherzigen und siehst es an dem Geduldigen; aber wenn der Sanftmütige mit stillem Sinn die Linke hinkehrt, trägt er das Unrecht so leicht, daß Du auf den Täter weniger aufge­bracht bist. Es ist nicht Sanftmut, wenn Du Deinem Feinde vergibst, aber wenn Du es sieben mal sieben und siebzig Mal tust, das ist Sanftmut, denn der Sanft­mütige ist so bereit zu vergeben, daß es fast aussieht, als verlangte er nach dem Vergeben, und der Sanftmütige der demütig weiß, daß die Verge­bung im Himmel von seiner Vergebung abhängt, verlangt wirklich seinem Feinde zu verge­ben.

Die Sanftmut trägt also die schwere Bürde leicht, und auch die schwere Bürde des Unrechts so leicht, daß es ist, als würde die Schuld geringer. Diese Sanftmut kennt das Heidentum nicht. Sie hat eine in christlichem Sinn herrliche Eigen­schaft, sie hat keinen Lohn auf Erden; und sie hat eine noch herrlichere Eigen­schaft: daß ihr Lohn groß ist im Himmel.

Wir haben nun davon gesprochen, wie der Christ die schwere Bürde leicht trägt, wie er die Bürde, die er gleich den andern zu tragen hat, als Christ leicht trägt. Der welcher das gewinn­bringende Joch, und der welcher schwerbeladen doch die leichte Last trägt: der ist ein Christ.

Aber wenn Christus die leichte Last seine Last nennt, so kann man dabei auch ganz besonders an eine Last denken, welche er seinen Jüngern aufgelegt hat. Er hat ihnen ja aufgelegt die menschlichen Bürden leicht zu tragen, aber zugleich eine leichte Bürde, die eigens für die Christen da ist. Welches ist sie? Laß uns erst so fragen: welches ist von allen Lasten die schwerste? Doch wohl das Sündenbe­wußtsein; darüber werden wir nicht streiten. Aber wer das Sündenbewußtsein fortnimmt, und gibt dafür das Bewußtsein der Vergebung: der nimmt ja die schwere Bürde fort und gibt dafür die leichte.

Doch weshalb eine Last nennen, ob auch eine leichte? Ja, wenn einer nicht ver­stehen will, daß die Vergebung doch auch eine Last ist, die getragen werden soll, ob auch eine leichte Last, da nimmt er die Vergebung eitel. Die Vergebung soll nicht verdient werden, so schwer ist sie nicht; aber sie soll auch nicht eitel ge­nommen werden – so leicht ist sie auch nicht. Die Ver­gebung soll nicht bezahlt werden, so teuer ist sie nicht – denn sie kann nicht bezahlt werden; aber sie soll auch nicht wie ein nichts hingenommen werden, dazu ist sie zu teuer erkauft. Sieh hier gilt es wieder Sanftmut um zu glauben, um die leichte Last der Verge­bung zu tragen, um die Freude der Vergebung zu tragen. Es kann Fleisch und Blut schwer fallen die leichte Last zu tragen; aber wird die leichte Last schwer, da macht es der aufrührerische Sinn, der nicht glauben will; wird dage­gen die leichte Last so leicht, daß sie gar nicht eine Last heißen kann, dann hat der Leichtsinn sie eitel genommen. Vergebung, Versöhnung mit Gott ist eine leichte Last, aber doch grade wie die leichte Last der Sanftmut; denn sie ist für Fleisch und Blut die schwerste noch schwerer als das Sündenbewußtsein, denn sie ist zum Ärgernis. Wie daher der Christ an der Sanftmut kenntlich sein soll, so ist auch das eigentlich Christliche so, daß es nur in Sanftmut geglaubt werden kann. Jede schwermütige oder leichtsinnige Übertrei­bung ist gleich ein Wahrzei­chen, daß der Glaube nicht recht zur Stelle ist. Denn Christus kam nicht zur Welt um das Leben im Sinn des Leichtsinns leicht zu machen, auch nicht um es schwer zu machen im Sinn der Schwermut, sondern um die leichte Last auf den Gläubigen zu legen. Der Leichtsinnige will alles vergessen sein lassen, er glaubt vergebens; der Schwermü­tige will nichts vergessen sein lassen, er glaubt verge­bens. Aber wer Glauben hat, der glaubt, daß alles vergessen ist, doch so daß er eine leichte Last trägt – denn trägt er nicht die Erinne­rung daran, daß es ihm ver­geben ist! Der Leichtsinnige will sogar diese Erinnerung vergessen sein lassen, ihm ist alles vergeben und vergessen. Aber der Glaube sagt: Denke daran, daß es vergeben ist. Man kann ja auf verschiedene Weise vergessen; man kann verges­sen, weil man an anderes zu denken hatte; man kann gedankenlos und leicht­sinnig vergessen; man kann alles vergessen glauben, weil man selbst vergaß; aber die ewige Gerechtigkeit kann und will nur auf eine Weise vergessen – durch Ver­gebung. Aber dann darf ja der Glaube auch nicht ver­gessen, er muß im Gegenteil beständig gedenken, das; es ihm vergeben ist. Der Schwermütige will nicht vergessen; er will nicht gedenken, daß es ihm vergeben ist; er will sich der Schuld erinnern, deshalb kann er nicht glauben. Aber von der Vergebung soll ja ein neues Leben in dem Gläubigen ausgehen, dann kann also auch die Verge­bung nicht zu vergessen sein. Es ist nur nicht mehr das Gesetz der Zuchtmeister zu Christus, sondern die Vergebung durch Chri­stus ist der milde Zuchtmeister, der nicht an das Vergessene erinnern will, aber doch in soweit daran erinnert, daß er sagt: denke doch daran, daß es vergeben ist. Es ist nicht vergessen aber es ist in Vergebung vergessen. Jedes Mal wenn Du an die Vergebung gedenkst, da ist es ver­gessen; aber wenn Du die Vergebung vergißt, da ist es nicht vergessen und die Vergebung ist verspielt.

Ist dies nicht doch eine leichte Last? Weißt Du, mein Zuhörer, es anders zu erklä­ren, so erklä­re es mir. Ich weiß es nicht anders als die schwierige Rede so mit einfältigem Glauben zu verstehen. Denn es ist doch eine schwierige Rede die so verschiedene Worte zusammensetzt: leicht und – Last. Es ist eine schwierige Re­de, o aber ein Menschenleben hat ja auch Schwie­rigkeiten. Und die schwere Rede ist zu verstehen und die Schwierigkeiten des Lebens sind zu tragen, ja leicht zu tragen für den Christen – denn ihm ist das Joch gewinnbringend und die Last leicht.

Quelle: Søren Kierkegaard, Zwölf Reden, hrsg. v. A. Bärthold, Halle: Julius Fricke, 21886. S. 23-43. Vgl. Søren Kierkegaard, Erbauliche Reden in verschiedenem Geist 1847, Gesammelte Werke, hrsg. v. Emanuel Hirsch u. Hayo Gerdes, 18. Abteilung, Gütersloh 1983.

Hier Kierkegaards Rede als pdf.

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