Ernst Christian Achelis über die therapeutische Gabe des freien Gebets in der Seelsorge: „Wo die Gabe des freien Gebetes noch nicht oder überhaupt nicht gegeben ist, da schweige der Seelsorger, er seufze zu Gott, er lese einen Gebetspsalm oder ein gutes Gebet aus gutem Gebetbuch.“

Das mag sprachlich befremdlich klingen, was Ernst Christian Achelis seinerzeit in seinem Lehrbuch der praktischen Theologie bezüglich des freien Gebets als therapeutischer Gabe in der Seelsorge geschrieben hat. Und doch lassen sich manche Überlegungen beherzigen:

Über die therapeutische Gabe des freien Gebets in der Seelsorge

2. Die Gabe des Gebetes mit anderen und für andere. Denn nur in diesen beiden Formen tritt das seelsorgerliche Gebet auf: als Betätigung der Gebetsgemeinschaft und als Fürbitte. Überall ist’s unanwendbar, wo eine dieser beiden Formen nicht deutlich angezeigt ist. Aber nicht überall, wo Gebetsgemeinschaft und Fürbitte möglich ist, wird das Gebet erfordert; es ist falsch und führt zur Mechanisierung oder zu abergläubischem Mißbrauch des Gebets, wenn es z. B. bei jedem Krankenbesuch angewendet und zum eisernen Apparat desselben gemacht wird. Aber gleichwohl ist die Veranlassung zum Gebet häufig genug; sie zu erkennen und nicht zu versäumen, gehört zu dem aus Liebe zu Christus und seiner Gemeinde gebornen Takt des Seelsorgers. Wir finden Sterbende in freudiger, ergebener, oder auch in angstvoller Fassung des Gemütes; dort gilt es, die in Fieber Erregten durch Wort Gottes und Gebet zu beruhigen, hier die im Todesgram Erstarrten zu dem Herzen Gottes zu führen; dort gilt es, die in Todestraurigkeit zer­flossene Witwe oder die Kinder an dem Sterbebett des Vaters zu trösten, hier hat die Liebe des Seelsorgers mit dem harten Trotz des Sünders zu tun. Über das menschlische Mitgefühl mit der Not, so daß sie als eigene Not erfahren wird, ergieße sich der Geist gläubigen Ge­betes, und an der schreckensvollen Grenze menschlichen Vermögens nehme der Seelsorger mit seinen oder für seine Pfleglinge Zuflucht zu der in Christus verbürgten Gnade Gottes. Da kann der Argwohn hierarchischer Tendenz nicht aufkommen, und die Hartherzigkeit und Trostlosigkeit muß aufhören vor der Macht der Gebetsgemeinschaft und der Fürbitte. — Wie empfängt der Seelsorger die Gabe des Gebets? Es ist vom freien Gebet, nicht vom formulierten, zulesenden, Gebet die Rede, wie dies die alten K.O. uns meist, noch dazu in viel zu großer Ausdehnung, vorschreiben. Hochachtung gebührt der religiösen Scheu des jungen Seelsorgers, das freie Gebet zu verwenden und seine Herzensstellung zu Gott vor anderer Leute Ohren in direkter Zwiesprache mit Gott zu offenbaren. Allein diese Scheu, die Zierde des Jünglings, muß von dem Mann in Christo, welcher der Aufgaben des Hl. Amtes sich in Demut bewußt ist, überwunden werden, wenn er nicht mit einem Mangel bleibend zu kämpfen haben soll. Wo die Gabe des freien Gebetes noch nicht oder überhaupt nicht gegeben ist, da schweige der Seelsorger, er seufze zu Gott, er lese einen Gebetspsalm oder ein gutes Gebet aus gutem Gebetbuch, — aber kein künstliches Echauffement, keine handwerksmäßige Mache, keine Phrase! Noch eine Warnung, die leider nicht überflüssig ist: mißbrauche nicht zur Decke deiner Feigheit das Gebet, indem du das, was mahnend oder strafend du dem Pflegling zu sagen dich scheust, im Gebet vor seinen Ohren zu Gott aussprichst.

Quelle: Ernst Christian Achelis, Lehrbuch der Praktischen Theologie, 3. Aufl., Bd. 3, Leipzig: Hinrichs, 1911, S. 77f.

Hier der Text als pdf.

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