Leszek Kolakowski, Bileam, oder das Problem der objektiven Schuld: „Erste MORAL: Schätzen wir die Stimme eines Tieres nicht gering – denn es weiß gelegent­lich etwas besser als wir. Zweite MORAL: Unwissenheit ist eine Sünde, und indem wir uns mit Unwissenheit recht­fertigen, fügen wir den alten Sünden eine neue hinzu.“

Leszek Kolakowski (1927-2009), der wohl bekannteste polnische Philosoph des 20. Jahrhunderts, hatte trotz kommunistischer Sozialisation immer auch ein Faible für Religionsphilosophie und ein feines Gespür für Ironie gehabt. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Polens 1966 und dem Lehrverbot 1968 emigrierte er ins Ausland. Im Frühjahr 1970 erhielt er, unter anderem auf Anregung von Jürgen Habermas, eine Berufung auf den Adorno-Lehrstuhl in Frankfurt a. M. Da die Fachschaft des dortigen Philosophischen Seminars ihm „mangelnde marxistische Linientreue“ vorwarf, nahm er aber stattdessen einen Ruf als Forschungsprofessor am All Souls College in Oxford an, dem er bis zu seinem Tod 2009 angehörte. Hier eine biblische Nacherzählung aus seinem Buch Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten (1965) in der Übersetzung von Wanda Bronska-Pampuch:

Bileam, oder das Problem der objektiven Schuld

Bileam, der Sohn Beors, unternahm im Auftrage Gottes in wichtigen Staatsgeschäften eine Dienstreise, und er ritt auf einer Eselin. Gott jedoch gefiel der Weg nicht, den er gewählt hatte, und er sandte einen Engel, Bileam aufzuhalten, Er bewirkte jedoch, daß der Engel mit dem bloßen Schwert nur der Eselin sichtbar war – was übrigens häufig geschieht. Als sie das Hindernis sah, handelte die Eselin vernünftig und wich aus dem Weg; Bileam, der den Engel nicht sah, verhielt sich ebenfalls vernünftig und schlug sie mit dem Stock, um sie zur Rück­kehr auf den Weg zu zwingen. Die Sache wiederholte sich dreimal, bis Gott schließlich der Eselin Sprache verlieh und sie schrie: „Was habe ich dir getan, daß du mich geschlagen hast nun dreimal?“

Bileam, über ihre Sprache nicht sonderlich verwundert, denn zu jener Zeit geschahen noch ganz andere Dinge, erwiderte wütend:

„Du machst dich lustig über mich! Schade, daß ich kein Schwert habe, sonst würde ich dich anders hernehmen.“

Gott, der durch das Maul des einfachen und unterwürfigen Viehs sprach, zögerte lange, dem Reiter zu sagen, worum es gehe. Viel lieber stritt er mit Bileam herum, der bereits weiß wurde vor Wut. Schließlich hatte er Mitleid mit beiden und machte den Engel auch für Bileam sicht­bar. Und da begriff dieser die Situation sofort. Der Engel jedoch begann zu schimpfen:

„Warum hast du das unglückliche Tier geschlagen? Diese Eselin“, schrie er, „hat dir das Leben gerettet. Wäre sie weitergegangen, hätte ich dich mit diesem Eisen erwürgt, aber sie hätte ich leben lassen.“

„Gnädiger Herr“, verteidigte sich Bileam, „wie hätte ich dich sehen können, wo du mir gar nicht erschienen bist?“

„Ich frage dich nicht, ob du mich gesehen hast“, schrie der Engel, „ich frage dich, warum du das unschuldige Tier geschlagen hast.“

„Aber mein Wohltäter“, sagte stotternd Bileam, „ich schlug sie, weil sie mir nicht gehorchte; jeder andere hätte das an meiner Stelle genauso gemacht.“

„Schiebe die Schuld nicht auf die anderen“, tobte der Engel weiter, „wir sprechen von dir und nicht von den anderen. Sie widersetzte sich dir, weil ich es ihr befahl. Indem du sie schlugst, widersetztest du dich mir, der ich dein Vorgesetzten bin, und auch Gott, der mich gesandt hatte und der ein noch höherer Vorgesetzter ist.“

„Aber verehrter, geliebter, geehrter Herr“, jammerte Bileam, „ich habe dich doch nicht gese­hen, wie konnte ich also …“

„Du bist wieder bei einem anderen Thema“, unterbrach ihn der Engel, „ihr seid alle gleich. Jeder sündigt und sagt, er habe nichts gesehen. Man müßte die Hölle schließen, wollte man solchen Ausflüchten Glauben schenken. Du hast objektiv gesündigt, verstehst du? Du hast dich Gott objektiv widersetzt.“

„Ich verstehe“, sagte Bileam traurig und demütig. Er stand auf dem Weg, klein, fett, unglück­lich, und wischte sich den Schweiß vom kahlen Kopf. „Ich verstehe, ich bin ein objektiver Sünder, also überhaupt ein Sünder. Ich habe erstens gesündigt, weil ich dich nicht sah. Ich habe zweitens gesündigt, weil ich das unschuldige Tier schlug. Ich habe drittens gesündigt, weil ich entgegen Gottes Verbot weiterreiten wollte. Ich habe viertens gesündigt, weil ich mit dir stritt. Ich bin ein Gefäß der Sünde, unreiner Abfall, für den die Hölle noch eine Wohltat wäre. Ich habe sehr gesündigt, Herr. Habe Mitleid, Herr. Alles kommt von dieser verdammten Heftigkeit.“

„Na gut, hör schon auf mit deinen Rechtfertigungen“, brummte der Engel, schon ruhiger geworden, „reite jetzt weiter.“

„In welche Richtung, Herr?“ fragte Bileam.

„In die gleiche, in die du rittest“, erwiderte der Engel.

Bileam stöhnte auf und weinte: „Du wolltest mich doch gerade aufhalten, Herr.“

„Das habe ich schon, und jetzt kannst du weiterreiten“, erwiderte der Engel.

„Wozu hast du mich dann angehalten, Herr?“

„Hör auf zu philosophieren, Sünder, Gott wollte es so.“

Resigniert setzte Bileam sich auf die Eselin, die sogleich lostrottete und sagte:

„Schließlich bin ich die am meisten Geschädigte; mein Herr hat lediglich eine moralische Unannehmlichkeit erfahren, mir aber tut der Buckel weh.“

Dann entfernten sich die beiden.

Diese Geschichte läßt viele moralische Schlußfolgerungen zu, aber wir werden nicht alle anführen. Es sei nur folgendes erwähnt: Wäre der Engel für Bileam sichtbar gewesen, hätte dieser die Eselin gewendet, die sicher gehorsam vom Wege abgewichen wäre. Aber dann, hätte er nicht verdienstvoll handeln können – denn was ist es für ein Verdienst, einem sicht­baren Hindernis auszuweichen? Ein Verdienst ist es nur, einem unsichtbaren auszuweichen. Das jedoch wollte er eben nicht tun.

Erste MORAL: Schätzen wir die Stimme eines Tieres nicht gering – denn es weiß gelegent­lich etwas besser als wir.

Zweite MORAL: Unwissenheit ist eine Sünde, und indem wir uns mit Unwissenheit recht­fertigen, fügen wir den alten Sünden eine neue hinzu.

Dritte MORAL: Es spricht gegen den gesunden Menschenverstand, den gesunden Menschen­verstand zum Streit mit dem absoluten Verstand zu benutzen.

Vierte MORAL: Von der objektiven Schuld kann uns nicht einmal Gott befreien.

Fünfte MORAL: So sind die Folgen, wenn zwei sich vernünftig verhalten, aber jeder von anderen Voraussetzungen dabei ausgeht.

Hier der Text als pdf.

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