Karl Barth über die Selbsttötung (Kirchliche Dogmatik): „Wir werden mit dem Eindeutigen beginnen müssen: Selbsttötung als Betätigung einer ver­meintlichen, einer angemaßten Souveränität des Menschen über sich selbst ist Verlet­zung des Gebotes, ist Leichtsinn und Willkür, ist Frevel, ist Selbstmord. Sein Leben von ihm zu nehmen, ist Sache dessen, der es dem Menschen gegeben, nicht seine eigene Sache.“

Nachdem jüngst Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie in der F.A.Z. die Möglichkeit eines assistierten Suizids in kirchlichen Einrichtungen befürwortet haben, hier Karl Barths Text über die Selbsttötung aus der Kirchlichen Dogmatik III-4 als Beitrag zur Diskussion:

Über die Selbsttötung

Von Karl Barth

Dieselbe Frage bekommt letzte Schärfe, wenn wir sie nun auf die Möglichkeit der Selbsttö­tung im engeren und eigentlichen Sinn beziehen. Über das hinaus, daß der Mensch sich selbst in mögliche, vielleicht sichere Lebensgefahr bringen kann, kann er ja auch ein Letztes: er kann sich selbst von sich aus «das Leben nehmen» bzw. «den Tod geben», «Schluß machen». Er kann in dieser Hinsicht, was kein Tier zu können scheint, und es hat denn auch nicht an Stimmen gefehlt, die die Möglichkeit dieser spezifisch menschlichen Tat als eine Art Glorie des Menschen gepriesen haben. Sie bedeutet ja: er kann über sein Leben so frei disponieren, er ist in so strengem Sinn Subjekt seines Lebens, daß es für ihn nicht einmal einen Zwang gibt, es durchaus weiter leben zu müssen. Hat er zwar nicht die Macht, es unter allen Umstän­den fortzusetzen, kommt vielmehr die Stunde, in der er das wohl noch wollen, aber nicht mehr können wird, so hat er doch die Macht, in einer von ihm gewählten Stunde von sich aus dar­auf zu verzichten. Der deutsche Ausdruck: «sich das Leben nehmen» ist hier besonders auf­schlußreich. Das Leben ist ja der Mensch selbst in der Dauer seiner zeitlichen Existenz. Der Mensch kann sich also «sich selbst nehmen». Er kann sein eigenes Nichtsein wollen und voll­bringen. Beurteilt er sein Sein als eindeutig verfehlt oder sonstwie untragbar oder vielleicht ohne besonderen Grund als in sich wertlos, gefällt er sich ganz und gar nicht mehr, so kann er daraus die praktische Folgerung ziehen, sich selbst auszulöschen. Meint er in seiner menschli­chen Umgebung keinen Lebensraum, keine Geltung, keine Ehre zu haben, so kann [460] er ihr durch Selbsttötung ein für allemal den Rücken kehren. Selbsttötung ist ein letztes, radikalstes Mittel, sich selbst Recht und Freiheit zu verschaffen.

Man braucht offenbar gerade diesen ihren positiven Sinn nur durchzudenken, um sich ihrer tiefen Problematik sofort bewußt zu werden. Wer sich selbst tötet, scheint sich sich selbst gegenüber für letztlich souverän zu halten. In dieser letzten, höchsten Souveränität und zum Zweck ihrer Behauptung scheint er zu handeln: paradoxerweise, indem er sie wegwirft, indem er nicht mehr sein will, indem er wirksam dafür sorgt, daß er nicht mehr sein muß. Man ver­steht schon, daß ein Mann wie A. Schlatter («Christl. Ethik» 1914, S. 338 f.) von dieser Mög­lichkeit nur unter dem Titel «Die Abweisung des Selbstmordes» reden wollte: «Mit dem Gott erfassenden Glauben steht die Vernichtung des eigenen Lebens immer im Streit; denn sie ist Verzicht auf Gottes Hilfe, Griff nach der schrankenlosen Verfügungsmacht über uns selbst, Auflehnung gegen das beschiedene Los.» Man versteht auch das unbedingte Nein, für das sich die römisch-katholische Kirche und Ethik (nach einem gewissen Schwanken bei einigen älteren Kirchenvätern) seit Augustin in dieser Sache entschieden hat. Aus diesem unbedingten Nein hätte sie freilich auf keinen Fall, wie sie es ebenfalls getan hat, das unbedingte Verdam­mungsurteil über den Selbsttöter und seine nachträgliche kirchliche und bürgerliche Diskrimi­nierung folgern dürfen. Schlatter hat das bei ebenso großer sachlicher Entschiedenheit nicht getan, sondern ausdrücklich abgelehnt. Daß wirklich eine Empörung gegen Gott den Inhalt des unwiderruflich letzten Lebensaktes eines Menschen gebildet haben könnte, ist allerdings ein grauenerregender Gedanke. Aber wer gibt uns das Recht, den letzten Augenblick eines menschlichen Daseins den vorangehenden gegenüber zu isolieren und unsere Beurteilung eines Menschen nun gerade im Blick auf ihn zu vollziehen? Darüber hinaus wird aber auch gegen Schlatter zu fragen sein: ob wir auch nur dazu unbedingt aufgefordert und berechtigt sind, einen letzten Lebensakt dieses Inhaltes als Empörung gegen Gott zu beurteilen? woher wir eindeutig wissen oder auch nur als wahrscheinlich annehmen können, daß er wirklich in der Empörung gegen Gott geschehen ist? ob also wirklich jede Selbsttötung als solche auch Selbstmord ist? Kurz: der Grenzfall wird bei aller Klarheit in der Auslegung des Gebotes auch hier in Erwägung zu ziehen sein.

Das Umsichtigste, was zu der Sache geschrieben ist, findet sich meines Erachtens in der «Ethik» von D. Bonhoeffer (1949, S. 111-116). Allgemein dürfte zu bedenken sein: Man kann nicht von Jedem, auch nicht von jedem Ethiker verlangen, daß er aus eigener Erfahrung wisse, was Anfechtung ist: «wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein.» In der Anfechtung ist der Mensch, allen Anderen und letztlich wohl auch sich selbst verborgen, einsam mit Gott im Gedränge der furchtbaren Frage, ob Gott mit ihm, ob Gott überhaupt für ihn sei, oder ob er sich selbst für einen Atheisten, das heißt aber für einen von Gott Verworfe­nen und Verlassenen halten müsse? Viele Theologen und theologische Ethiker wissen darum praktisch nicht oder nicht so recht, was Anfechtung ist, weil sie theoretisch, exegetisch, dog­matisch, auch als Seelsorger und Lehrer Anderer theoretisch nur zu gut darum wissen. Selbst­tötung geschieht aber auf alle Fälle, wo und weil sich ein Mensch – ob er sich darüber Re­chenschaft gibt oder nicht – in der Anfechtung befindet. Diese letztere Einsicht dürfte Jeder­mann, auch dem hartgesottensten theologischen Ethiker, zuzumuten sein, darum aber auch die Erinnerung: er könnte vielleicht letztlich doch nicht so genau wissen, was sich zwischen Gott und dem Selbsttöter nun eigentlich zugetragen hat, in welcher Entscheidung dieser dann zu seiner so bedenklichen Tat geschritten sein möchte. Als Selbstmörder? Mindestens die Bereit­schaft zu der Anerkennung, er könnte nun doch kein Selbstmörder gewesen sein, ist von Je­dem zu verlangen, der auch nur theoretisch weiß, was Anfechtung ist.

Wir werden mit dem Eindeutigen beginnen müssen: Selbsttötung als Betätigung einer ver­meintlichen, einer angemaßten Souveränität des [461] Menschen über sich selbst ist Verlet­zung des Gebotes, ist Leichtsinn und Willkür, ist Frevel, ist Selbstmord. Sein Leben von ihm zu nehmen, ist Sache dessen, der es dem Menschen gegeben, nicht seine eigene Sache. Wer hier nimmt, was ihm nicht gehört – in diesem Fall, um es wegzuwerfen – der tötet nicht nur, der mordet. Es gibt keinen Grund, der ihn dazu berechtigen und ermächtigen könnte. Denn schon das ist nicht des Menschen Sache, darüber zu entscheiden, ob sein Dasein gelungen oder verfehlt, tragbar oder untragbar, seine Fortsetzung für ihn möglich oder unmöglich, geschweige denn, ob es überhaupt ein Gut oder ob es als solches für ihn unbedeutend und wertlos sei. Darüber entscheidet in allen Stücken der Schöpfer, Geber und Herr des Lebens und niemand sonst. Eine Meinung – und also vielleicht eine negative Meinung – darüber zu haben, und auf Grund einer vielleicht negativen Meinung so etwas wie das Verlangen und den Wunsch, sterben zu dürfen – die nach Phil. 1, 23 sogar dem Apostel bekannte «Lust, abzu­scheiden» – kann keinem Menschen verwehrt sein, obwohl auch dieses Meinen und Wün­schen nur im Gehorsam, durch ihn bestimmt und begrenzt, eine rechte Sache sein kann. Sicher ins Unrecht setzt sich der Mensch aber dann, wenn er es sich gestattet, diese Meinung zu ei­nem Urteil zu verdichten und nun auch noch selber zu dessen Vollstreckung greifen zu wol­len. Sein eigener Richter zu sein, ist er nicht befugt; als solcher zu handeln ist er nicht frei und also nicht frei, sich «sein Leben zu nehmen». Gott kann es zurücknehmen. Aber solange er das nicht tut, solange der Mensch es also hat, ist es ihm als unberührbare Leihgabe gegeben. Von Gott gegeben und darum als seine Wohltat: es mag dem Menschen als Wohltat sehr un­kenntlich sein; es steht ihm aber darum doch nicht zu, ihm diesen Charakter abzusprechen. Von Gott gegeben und darum zum Gebrauch in seinem Dienst: es mag dem Menschen schwer oder unmöglich vorkommen, es in seinem Dienst zu leben; es steht ihm aber nicht zu, diesen Dienst zu kündigen oder ihm zu entlaufen. Von Gott und darum mit der Freiheit, es seinerseits zu bejahen: es mag diese Freiheit dem Menschen weithin zur Last fallen; es steht ihm aber nicht zu, sie als Souveränität, das heißt als Freiheit zu seiner Verneinung zu verstehen, sich in dieser gefälschten Freiheit zu seiner Vernichtung zu entschließen und dementsprechend zu handeln. Eine Selbstrechtfertigung, Selbstheiligung, Selbsterrettung, Selbstverherrlichung des Menschen kann in keiner Form gelingen und so auch in dieser nicht. Nostri non sumus sed Domini (Calvin). Selbsttötung als dieses Nehmen des eigenen Lebens ist eindeutig Selbst­mord.

Wir müssen uns beeilen, schon hier festzustellen: auch Selbstmord ist nicht etwa als solcher unvergebbare Sünde. Es gibt ja auch ganz andere Formen solchen Nehmens des eigenen Le­bens. Sie können viel törichter, viel boshafter sein als der Selbstmord. Man denke aber auch an Alles, was auf der Linie frevelhafter Tötung fremden Menschen-[462]lebens liegt! Wenn es Vergebung der Sünden überhaupt gibt – auch für diese Sünden anderer Form – dann auch für den Selbstmord. Die Meinung, daß gerade er unvergebbar sei, beruht auf jener falschen Ansicht, als ob nun gerade das zeitlich letzte, gewissermaßen an der Schwelle der Ewigkeit stattfindende Wollen und Tun des Menschen – weil es das letzte ist – für sein ewiges Ge­schick, für das Urteil Gottes über ihn, maßgebend, definitiv entscheidend sei. Aber das ist von keinem einzelnen Wollen und Tun des Menschen zu sagen und so auch von diesem nicht. Gott sieht und wägt das Ganze des menschlichen Lebens, er richtet das Herz und das nach seiner Gerechtigkeit, die die Gerechtigkeit seiner Barmherzigkeit ist: so im Zusammenhang mit dem Ganzen auch den Inhalt einer letzten Stunde. Auch ein Gerechter kann noch in seiner letzten Stunde gar sehr im Unrecht, auch ein von Herzen Glaubender kann auf seinem Sterbe­bett noch in tiefste Verwirrung und Ungewißheit gestürzt sein: auch ohne Selbstmord! Was würde aus ihm, wenn es gerade da keine Vergebung gäbe? Wenn aber für ihn, warum dann nicht auch für den Selbstmörder?

Aber der Ausblick auf Gottes Vergebung ist hier wie sonst keine Entschuldigung, geschweige denn eine Rechtfertigung der Sünde. Wer sich selbst in dem Sinne tötet, daß er sich das Le­ben, das nicht ihm gehört, nimmt, der übertritt das Gebot, der tötet nicht nur, sondern der mor­det, der sündigt also. Irgend eine Erlaubnis nach dieser Seite kann vom Gedanken an Gottes Vergebung her gar nicht in Frage kommen. Wir müssen vielmehr zunächst fortfahren mit der verschärfenden Feststellung: Gerade gegenüber dem Gott, der Sünden vergibt – der alle Sün­den, auch diese, vergeben kann – gerade gegenüber dem Gott, der dem Menschen in Jesus Christus gnädig ist, ist Selbstmord in dem jetzt beschriebenen Sinne tatsächlich Empö­rung, durch nichts zu beschönigen, zu entschuldigen, zu rechtfertigen. Gerade die Freiheit vor die­sem, dem allein wahren Gott, ist niemals Freiheit zum Selbstmord.

Stellen wir zunächst fest: Solid und unzweideutig wird man die Verwerflichkeit des Selbst­mordes überhaupt nur von der Erkenntnis her begründen können, daß der Schöpfer, Geber und Herr des Lebens der gnädige Gott ist, vom Evangelium und vom Glauben und also von kei­nem Gesetz her. Alle niedriger greifenden, alle abstrakt moralischen Einwände werden hier niemals zu einem wirklich gültigen und kräftigen Veto führen. Man bedenke, daß der Mensch, der mit dem Gedanken an Selbsttötung umgeht, sich auf alle Fälle so oder so in der Finsternis der Anfechtung befindet. Die Anfechtung besteht aber darin, daß ihm Gott als sein Gott ver­borgen ist, daß er in Gefahr und im Begriffe steht, im Abgrund der göttlichen Verwerfung oder – was auf dasselbe herauskommt – im Abgrund des Atheismus zu versinken, sich selbst allein, sich selbst als Souverän zu sehen, über sich – und nun also aus irgend einem [463] be­stimmten Grunde auch um sich, hinter sich und vor sich – eine schauerliche Leere. Da steht er als ein Souverän, der mit seiner Souveränität nichts mehr anzufangen weiß, der in seiner gan­zen Souveränität keine Zukunft mehr vor sich sieht! Und nun winkt ihm doch noch eine einzi­ge, letzte Möglichkeit, sie zu gebrauchen: die nämlich, mit sich selber, mit seinem Dasein Schluß zu machen. Und nun spielt er mit dieser Möglichkeit. Wer oder was wird ihn davor zurückhalten, sie in die Tat umzusetzen? Sicher kein Ideal, sicher keine noch so ernste bloße Forderung, sicher kein leeres Verbot, auch wenn es der Bibel entnommen wäre (in der man übrigens nach einem ausdrücklichen Verbot des Selbstmordes umsonst suchen würde!), und sicher auch kein in sich noch so schlüssiges moralisches Raisonnement. Das ist es ja: wenn der Mensch in der Anfechtung ist – in jener Leere über sich, hinter sich und vor sich – dann hat das Alles keinen Klang und kein Gewicht mehr, dann kann das Alles gegen das Locken jener Möglichkeit nicht aufkommen. Mag er sie dann heute von sich weisen, so kann sie sich ihm doch morgen und jederzeit aufs neue und mit verstärkter Kraft anbieten. Daß sie ihm zur Unmöglichkeit wird, daß er sie los wird, das kann das Gesetz in keiner seiner Gestalten aus­richten.

Ein Mensch in dieser Lage wird sich zum Beispiel bestimmt nicht durch die Erwägung vom Selbstmord abhalten lassen, sein Tun könnte eine Flucht und also Feigheit sein. Wer will denn darüber entscheiden, ob der Schritt in den Tod nun nicht doch noch größeren Mut erfordern kann als die Fortsetzung des Lebens? Wie, wenn sich dem Selbsttöter seine Tat geradezu als eine Großtat trotziger, vielleicht enthusiastischer Todesüberwindung darstellte? So ist wohl auch die Lehre des Aristoteles, daß die menschliche Gemeinschaft das Vorrecht auf das Leben des Einzelnen habe, noch keinem auf diesen Weg geratenen Menschen je ernstlich hemmend gewesen. Er könnte ja Gründe haben, ihr gerade dieses Vorrecht streitig zu machen, oder in Wahrung seines ja immerhin auch nicht zu bestreitenden relativen Rechtes als Einzelner zur Selbsttötung schreiten zu wollen. Und wie, wenn ihm bei dieser Tat gerade so etwas wie ein wohlverstandenes Heil der Gemeinschaft vorschweben sollte? Auch die Erwägung: Was tue ich meinen Nächsten, meinen Angehörigen und Freunden an, wenn ich das tue? wird für den, der in jener furchtbaren Einsamkeit auf den Gedanken der Selbsttötung geraten ist, nicht durchschlagend sein können. Und wie, wenn er sich eingeredet haben sollte, ihnen gerade damit in diesem oder jenem Sinn einen Dienst zu leisten? Aber auch das christliche Argu­ment, daß Selbsttötung ein Akt sei, der keine spätere Reue zulasse, könnte daran scheitern, daß Einer antworten möchte, es gäbe auch noch andere Leute, die in unbereuter Sünde stür­ben. Und wie, wenn er der aufrichtigen Meinung wäre, eben durch eine Selbstauslöschung den höchsten, köstlichsten und effektivsten Reueakt zu vollziehen? D. Bonhoeffer (S. 113) hat recht: «Nicht die Niedrigkeit der Motive macht den Selbstmord verwerflich. Man kann aus niedrigen Motiven am Leben bleiben und aus edlen Motiven aus dem Leben gehen.»

In jene Finsternis hinein leuchtet nur ein Licht, dieses aber durchdringend und siegreich – kein: «Du sollst leben!», sondern das: «Du darfst leben!», das kein Mensch dem anderen und auch Keiner sich selbst sagen kann, das aber Gott selber gesprochen hat und immer wieder spricht. Der Grund der Anfechtung besteht immer darin, daß der Mensch Gott nicht [464] mehr sprechen, ihn eben das nicht mehr sagen hört. Und darum wird der Weg, der einen Menschen in die Anfechtung hineinführt, immer der Weg des Gesetzes, die eitle, die gottlose Vorstellung sein: er müsse leben. Und nun will er – er, er! – leben, nun sieht er sich – und damit ist er, ob er es weiß oder nicht, schon mitten in der Anfechtung – als jenen Einsamen, als Souverän, nun hat er schon niemand und nichts mehr über sich, nun ist er, von jenem vermeintlichen Lebenmüssen getrieben, schon in eisiger Verlassenheit mit seinem souveränen Lebenwollen. Und wenn er nun bei irgend einem Anlaß in irgend einer Weise entdeckt, daß er im Grunde auch nichts um sich, hinter sich und vor sich hat, daß es also eine furchtbare Sache sei, leben zu müssen, und eine hoffnungslose Sache, leben zu wollen – und wenn er dann auch noch die Möglichkeit jenes letzten, höchsten Souveränitätsaktes entdeckt, jene angeblich so herrliche Freiheit, daß er sich gerade von diesem Lebenmüssen befreien, daß er seinen eige­nen Tod wollen und herbeiführen kann, um dann endlich nichts mehr wollen zu müssen, dann steht er vor dem Weg des Selbstmordes als dem vermeintlichen Ausweg aus der Anfechtung.

Was ist hier falsch? Laut des Evangeliums die Voraussetzung des Ganzen: Du mußt ja gar nicht, du darfst ja leben! Leben ist ja von Gott geschenkte Freiheit. Lebenwollen ist ja das Wollen dieses Gedurften, das Wollen in dieser Freiheit, in der der Mensch gerade nicht Sou­verän und gerade nicht einsam ist, sondern Gott als den Schöpfer, Geber und Herrn seines Lebens beständig und unter allen Umständen über sich hat. Warum willst du Souverän sein wollen und damit einsam sein, und dann sicher so oder so lauter Leere um dich her entdecken, dann verzweifeln und zuletzt an Selbstmord denken müssen? Das Alles – die Souveränität, die Einsamkeit, die Leere, die Verzweiflung, der Selbstmord – wäre ja nur für dich, wenn du leben müßtest, wenn Leben nicht von Gott geschenkte Freiheit wäre! Das Alles wäre für dich, wenn es dir aufgetragen wäre, dir selbst helfen zu müssen, wenn du von irgendwoher unter dem Druck stündest, dein Leben in deine eigene Hand zu nehmen, dein eigener Meister zu sein und irgend etwas Bedeutendes aus dir zu machen, dich selbst zu rechtfertigen, zu heili­gen, zu retten, zu verherrlichen – um dann irgend einmal und irgendwie einsehen zu müssen, daß du damit nicht durchkommst. Aber damit ist es ja von der Wurzel aus nichts: Gott ist dir ja gnädig. Was folgt daraus? Daß du einfach davon leben darfst und, weil er Gott ist, auch leben kannst, daß er dir gnädig ist. Daß du es also einfach annehmen darfst: Er ist Souverän und nicht du. Er hat und trägt die Verantwortung für dein Leben und nicht du selbst. Er macht daraus, was er will, nicht, was du wollen zu müssen dir einbildest. Er führt es zum Ziel; nicht von deinem Gelingen oder Mißlingen hängt das ab. Er rechtfertigt, heiligt, rettet und verherr­licht dich: nicht von dir ist das verlangt. Von dir ist gerade nur das verlangt, daß du es dabei sein Bewenden haben lassest, [465] daß du ihm gehorsam seist, indem du seine freie Gnade annimmst und gelten läßt. Und dann bist du bestimmt nicht, nie und unter keinen Umständen allein. Dann findest du dich von ihm umgeben von allen Seiten, dann kannst du nicht ver­zweifeln: gerade nicht an dir selbst, nicht an deinem Leben, wie verfehlt und unglücklich oder wie unnütz und überflüssig es sich dir auch darstelle. Es ist – du selbst bist Gottes Eigentum und darum sind alle Engel Gottes mit dir, darum gibt es Vergebung, Hilfe, Hoffnung für dich: unerschöpflich, grenzenlos, nie versagend. Darum kannst du dein Leben nicht wegwerfen wollen, werde aus ihm, was da wolle. Nur als Einer, der leben muß, könntest du – in ohn­mächtiger Auflehnung gegen dieses vermeintliche Müssen – auf diesen Gedanken kommen. Du bist aber frei, es zu leben. So kommt diese Auflehnung für dich nicht in Frage!

Wenn Gott selbst mit einem Menschen so redet, dann ist das das Licht in der Finsternis seiner Anfechtung und der rechte Ausweg aus ihr. Gott selbst, der wahre Gott: der Gott, der dem Menschen in Jesus Christus gnädig ist, redet immer so mit ihm. Daß er so mit ihm redet, daß sein Wort Evangelium, Freiheits- und Freudenbotschaft ist, das unterscheidet es von allen Menschenworten und von allen Worten anderer, falscher Götter. Wo es laut und gehört wird, da gibt es keinen Selbstmord, da ist er nicht nur verwerflich, sondern schon verworfen.

Wir streiften die merkwürdige Tatsache, daß der Selbstmord nirgends in der Bibel ausdrück­lich verboten wird. Eine beschwerliche Tatsache für alle, die sie moralisch verstehen und anwenden wollten! Sie bietet aber zu diesem Problem etwas viel Besseres durch ihre Dar­stellung von drei großen Selbstmördern: von Saul, dem ersten König Israels (1. Sam. 31, 4 f., vgl. KD II, 2 S. 404-434), von Ahithophel, dem zu Absalom übergegangenen Ratgeber Da­vids (2. Sam. 17, 23) und von Judas, der Jesus ausgeliefert hat (Matth. 27, 5, Act. 1, 16 f., 25, vgl. KD II, 2 S. 508-563). Die Figur des Siebentagekönigs Simri, der nach 1. Kön. 16, 18 den Königspalast zu Thirza über seinem Kopf anzündete und mit ihm unterging, braucht hier eben nur erwähnt zu werden. Man bemerke, daß in den Erzählungen von jenen drei hervorgeho­benen Selbstmördern kein Wort des Tadels über ihren Selbstmord als solchen fällt. Es wird von ihnen nur eben berichtet: sie endeten, indem sie sich selbst ihr Ende setzten. Alle drei stehen tief im Schatten der biblischen Darstellung. Er ist aber auch abgesehen von der Art ihres Endes durchaus nicht der Schatten besonderer Schlechtigkeit. Die Schilderung Sauls im ersten Samuelsbuch redet von vielen sehr ansehnlichen Zügen und nur von, wie man denken möchte, verhältnismäßig leichten Vergehungen im Leben dieses Mannes: sein Gegenspieler David hat nach den Texten entschieden viel gewaltiger gesündigt als er. Auch Ahithophel wird jedenfalls nicht diffamiert, sondern als ein anerkannt kluger Staatsmann dargestellt. «Wenn Ahithophel damals einen Rat gab, so galt es, wie wenn man Gott befragte; so galt jeder Rat Ahithophels bei David wie bei Absalom» (2. Sam. 16, 23). So ist aber auch Judas nach den Texten durchaus nicht der Ausbund von Bosheit, den man oft aus ihm gemacht hat. Hat Jesus nicht auch ihn zum Apostel erwählt und berufen? Ist die Tat seiner Überlieferung Jesu wirklich schwerwiegender als die dreimalige Verleugnung des Petrus? Die Übersetzung von παραδοῦναι mit «verraten» erweckt schon technisch und erst recht moralisch Vorstellun­gen, die dem, was er wirklich getan hat, nicht entsprechen. An offenbar aufrichtiger Reue über seine Tat, an offenem Bekenntnis seiner Sünde und am Versuch, sie wieder gutzumachen, hat Judas es nicht fehlen lassen. [466]

Der Schatten, der auf diesen drei Gestalten liegt, ist der Schatten des göttlichen, nicht eines menschlichen Gerichtes. Man kann alle drei eigentlich nur als Sünder an der freien Gnade Gottes erkennen. Nur?! Darum offenbar ist besonders Saul im Alten Testament und ist im Neuen Testament Judas (in eigentümlicher Verwandtschaft mit der Figur des Ahithophel) eine so hervorgehobene Gestalt, weil sie als Sünder gerade am Bund als solchem, gerade an der freien Gnade Gottes und so als im Gericht Gottes Verworfene dastehen: Saul, der gerade nur ganz unscheinbar, in Form von zum Teil menschlich ganz respektablen Handlungen, deren Fehlerhaftigkeit übrigens auch er alsbald bereut und bekennt, sichtbar macht, daß er im Stil der fremden Völker in eigener Souveränität statt in Anerkennung der Souveränität Gottes König sein will und eben damit sich als König Israels und als der mit diesem Amt betraute Mensch unmöglich macht – Ahithophel, dessen ganze Klugheit doch nicht Weisheit ist, indem er sie in Verkennung des von Gott Erwählten in den Dienst der zum vornherein verlorenen Sache des Empörers stellt – Judas endlich, der in seinem Verhältnis zu Jesus nur den einzigen, aber entscheidenden Fehler begeht, daß er ihm zwar nachfolgen, sich selbst aber ihm gegen­über vorbehalten, daß im Grunde auch er souverän sein und bleiben wollte. Darum konnte und mußte Jesus ihm dann endlich und zuletzt auch feil sein um 30 Silberlinge, konnte und mußte er der Mann werden, der den Stein ins Rollen brachte: das Geschehen auf den Weg, der Jesus zuerst vor das Synedrium, dann vor Pilatus, endlich nach Golgatha führte. Darum, in dieser Selbstherrlichkeit der in Jesus erschienenen freien Gnade Gottes gegenüber, ist Judas der große Sünder des Neuen Testamentes. In dieser Selbstherrlichkeit konnte er sich selbst zu­grunderichten. Sein Selbstmord ist das konsequente Ende seines Weges. Alle drei Männer sind Repräsentanten der bis in den Kreis der 12 Apostel hineinreichenden Sünde des erwähl­ten Volkes Israel, die in der Verschmähung der Treue und Barmherzigkeit seines Gottes be­stand: eben der Sünde, für deren Sühnung Jesus am Kreuz gestorben und die er in seiner Auf­erstehung als abgetan offenbart hat. Eben diese Sünde charakterisiert, bestätigt, offenbart dar­um den Ausgang dieser drei Männer im Selbstmord. Wer sich der Gnade Gottes verweigert und als sein eigener Herr und Meister existieren will, der ist auf einem Wege, an dessen Ende er sich nur noch, wie Saul es getan hat, in sein eigenes Schwert stürzen oder, wie Ahithophel und Judas es taten, hingehen und sich erhängen kann. So groß, so einschneidend, so folgen­schwer ist des Menschen Schuld an Gott: eben die Schuld, die Jesus nicht stehengelassen, sondern auf sich selbst genommen, mit seinem Leben bezahlt und also getilgt hat. In dieser Sünde, deren Art schließlich im Selbstmord offenbar wird, widersetzt sich der Mensch dem Erbarmen Gottes. Und gerade dieser Sünde hat sich Gottes dem Menschen in Jesus erwiese­nes Erbarmen seinerseits widersetzt und hat sie siegreich aus dem Felde geschlagen.

Das ist der Beitrag der Bibel zum Problem des Selbstmordes. Sie hat damit indirekt aber nur um so deutlicher gesagt, wo und unter welcher Voraussetzung Selbstmord unmöglich, ausge­schlossen ist: eben von Gottes Gnade, von Jesu Kreuz und Auferstehung her, wo die Sünde des Aufruhrs gegen Gottes Gnade ein für allemal gesühnt und abgetan, wo Gott als der Schöp­fer, Geber und Herr des Lebens grundlegend und abschließend Ja gesagt hat zum Menschen. Selbstmord ist unmöglich und ausgeschlossen vom Evangelium her, in welchem dieses gött­liche Ja allem menschlichen Nein gegenüber überlegenen Widerspruch einlegt. Alles Andere schafft es nicht. Das Evangelium, aus Gottes eigenem Mund vernommen, schafft es unwider­stehlich: Selbstmord ist keine Möglichkeit.

Man kann sich an dem Einzelproblem des Selbstmordes klarmachen, wie nötig es ist, daß die Kirche es wagen muß, sich das Evangelium von der freien Gnade Gottes immer wieder neu anzueignen und es in immer neuen Zungen zu verkündigen. Auch in unserer heutigen Zeit und Situation, von der man ja oft behauptet hat, nicht der reformatorische Glaube an den gnädigen Gott, sondern der allgemeine Glaube an die Existenz eines Gottes überhaupt sei das, was ihr fehle und nottue! Daß es im Ganzen mehr protestantische als katholische Selbstmörder gibt, erklärt sich teils aus der äußerlich abschreckenden Wirkung jener rigorosen Stellungnahme der römischen Kirche, teils auch aus der [467] soziologischen Struktur der vorwiegend katho­lischen Länder (unter denen Frankreich freilich eine Ausnahme macht).

Aber die Statistik stellt hier noch vor weitere Fragen: Wie kommt es, daß sich zum Beispiel die Einwohnerschaft Deutschlands in den Jahren 1820 bis 1878 kaum verdoppelt, die Zahl der Selbstmorde aber im selben Zeitraum vervierfacht hat? daß der Selbstmord unter den germa­nischen Völkern so ungleich viel häufiger vorkommt als unter den romanischen und slawi­schen? in den niederdeutschen Volksteilen so viel häufiger als in Süddeutschland und am Rhein? Bei Männern drei- bis viermal so oft als bei Frauen? in den Großstädten viel öfters als auf dem Lande? unter Gebildeten mehr als unter Ungebildeten? und (dies offenbar ein bei diesem Anlaß sich bemerklich machender biologischer Faktor) in den Sommermonaten mehr als im Winter? Das scheint aus allen diesen Angaben hervorzugehen: gerade die äußere und innere Aktivierung, Intensivierung, Differenzierung und Komplizierung, aber wohlverstan­den: auch die Idealisierung und Mystifizierung des menschlichen Lebens, die man die moder­ne Zivilisation nennt, wurde – gewiß nicht zur Ursache zunehmender Selbstmorde, wohl aber zum sozialen Klima, in dem der Selbstmord vorzugsweise gedeihen konnte. Wenn der deut­sche Nationalsozialismus nicht etwa als eine Entartung, sondern als eine Spitzenerscheinung und Blüte des spezifisch modernen autonomen Menschentums zu verstehen ist, dann ist auch das kein Zufall, daß gerade seine prominentesten Gestalten gerade so aus dem Leben geschie­den sind, wie es geschehen ist.

Es bleibt aber im Blick auf das Alles bei jenem konfessionellen Vergleich doch der Stachel der Tatsache, daß gerade die evangelische Kirche, ihre Verkündigung, Unterweisung und Seelsorge mit der modernen Entwicklung und mit der durch sie begünstigten seelischen Bean­spruchung, Selbstüberhebung und endlichen tiefen Enttäuschung samt der daraus resultieren­den Selbstgefährdung des Menschen der Neuzeit offenbar nicht Schritt gehalten hat. Darum mußte sie wohl auch den beiden in großem Rahmen unternommenen Kollektivselbstmord­versuchen des souveränen modernen Menschen im zweiten und fünften Jahrzehnt unseres Jahrhunderts so ohnmächtig gegenüberstehen! Sie hat das Wort, das dem Selbstmord Halt gebietet, aber sie muß es erst wieder sprechen lernen, wenn es wirksam werden soll.

Also: vom Evangelium her ist es klar gegen alle stoische Vernünftelei: exitus non patet und gegen alle moderne Sentimentalität: es gibt keinen «Freitod». Selbstmord ist nur verwerflich. Es ist wohl so, daß es uns an der Kraft gebricht, das in der Tiefe seiner christlichen Begrün­dung und darum in seiner ganzen Notwendigkeit und Wirksamkeit auszusprechen. Wir müs­sen uns aber klar sein darüber, daß wir in Schwachheit oder in Kraft etwas Anderes zu dieser Sache nicht zu sagen haben.

Wenn das unzweideutig feststeht, dann ist freilich zum Schluß die Erinnerung an den Grenz­fall unvermeidlich: die Erinnerung, daß nicht jede Selbsttötung an sich und als solche auch Selbstmord ist. Selbsttötung muß ja nicht notwendig ein Nehmen des eigenen Lebens sein. Ihr Sinn und ihre Absicht könnte ja auch eine bestimmte, allerdings extremste Form der dem Menschen befohlenen Hingabe seines Lebens sein.

Wir lesen Röm. 12, 1 die Ermahnung, «eure Leiber als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlge­fälliges Opfer hinzugeben». Kann es ausgeschlossen sein, daß das bei bestimmt vorliegender Forderung für einen bestimmten Menschen in bestimmter Lage bedeuten muß, daß er sich selbst, daß er sein Leben in den Tod zu geben hat? Wir lesen Kol. 3, 5: «So tötet nun (νεκρώ­σατε ) eure Glieder, die auf Erden sind.» Kann es ausgeschlossen sein, daß das für bestimmte Menschen in besonderem Dienst auch einmal wörtlich zu verstehen sein möchte? [468]

Wer will es nun eigentlich für ganz und gar unmöglich erklären, daß der gnädige Gott selbst einem Menschen in der Anfechtung damit beisteht, daß er ihn diesen Ausweg wählen heißt? Daß er ihn also in der ihm von Gott geschenkten Freiheit wählen und begehen darf und soll? Daß er das nicht als falscher Souverän und nicht in jener Verzweiflung über die Leere seines Daseins, nicht im Sinne einer letzten, höchsten, meisterlosen Selbstbehauptung, sondern im Gehorsam tut? Wer will nun eigentlich wissen, daß Gott ein Leben, das ja ihm gehört, nicht auch einmal in dieser Form aus den Händen des Menschen zurückverlangen könnte? Und wer will bestreiten, daß der Mensch es dann in derselben Dankbarkeit und Freudigkeit mit eigenen Händen herzugeben hat, in der er es, wenn es so Gottes Wille ist, bis auf weiteres behalten darf? Kann also die Gleichung «Selbsttötung ist Selbstmord» absolut gesetzt werden? Muß man nicht damit rechnen, daß die Tat eines Selbsttöters kein Frevel und also nicht Mord, daß sie im Glauben und also im Frieden mit Gott getan sein könnte?

Es ist klar: das sind gefährliche Fragen. Scheinen sie nun nicht doch wieder eine Türe zu öffnen, die endgültig geschlossen bleiben müßte? Aber mit welcher Begründung dürfte man es eigentlich unterlassen, sie zu stellen? Sie sind sicher ein erlaubter und gebotener Trost im Gedanken an andere, vielleicht an nahestehende Menschen, die man diesen dunklen Weg mußte gehen sehen. Diejenigen jedenfalls sollten sich über diese Fragen nicht entrüsten, die, wenn es etwa um das Problem des Krieges oder der Todesstrafe geht, ohne viel Zögern zu der Feststellung bereit sind, daß es zum Töten anderer Menschen einen göttlichen Auftrag und Befehl geben könne! Ist das eigene Leben des Menschen so köstlich, daß gerade es ihm mit der Auflage anbefohlen wäre, ihm nie und unter keinen Umständen das anzutun, was er unter bestimmten Umständen dem Leben Anderer anzutun die Freiheit und den Befehl zu haben meint: ihm ein Ende zu setzen? Warum soll der Grenzfall, in welchem Töten kein Mord ist, gerade hier nicht in Frage kommen?

Simson hat nach Richt. 16, 30 mit vollem Bewußtsein zusammen mit den Philistern auch sich selbst getötet. Aber was wäre das für eine Exegese, die ihn deshalb mit Saul, Ahithophel und Judas in einem Atemzug nennen würde? Simson war ein für unsere Begriffe sehr problema­tischer Heiliger. Aber das Alte Testament hat ihn nicht in den Schatten, sondern ans Licht gestellt, und noch Hebr. 11, 32 wird er zusammen mit einigen anderen ähnlich rauhen Gestal­ten des Richterbruches in einer Reihe mit Abraham, Mose, David und Samuel als Einer aus der «Wolke von Zeugen» (Hebr. 12, 1) für den neutestamentlichen Glauben aufgeführt! Ein Selbstmörder war er im Sinne der Bibel bestimmt nicht.

Vorsicht ist hier nach beiden Seiten geboten: gegen eine im Grunde mutwillige Leugnung der Möglichkeit des Grenzfalles, aber auch gegen ein natürlich erst recht mutwilliges Rechnen damit, daß der Grenzfall da und da ohne weiteres gegeben sein möchte. Er kann gegeben sein, aber er wird immer ein seltener, ein außerordentlicher Fall sein. Es gibt so viele andere For­men der dem Menschen gebotenen Lebenshingabe und Selbstaufopferung, so viele viel näher liegende und unzweideutigere Anwendungen von Röm. 12, 1 und Kol. 3, 5, so viel zuerst und ohne die hier vorliegenden Bedenken in Betracht zu ziehende Möglichkeiten gan­zen Gehor­sams und [469] Einsatzes. Mag diese, die Simsonsmöglichkeit, allerdings auch einmal in Be­tracht kommen, so doch sicher nur am äußersten Rand, wenn alle anderen zuvor mit letztem Ernst geprüft sind und wenn es sich dann erweisen sollte, daß es Gottes Wille ist, daß nur noch diese ergriffen werden kann und nun wirklich auch ergriffen werden soll. Sollte man sie ausschließen dürfen? Aber sollte man nicht wissen, daß unter Tausenden und Tausenden wohl nicht Einer gerade zu diesem fremdartigen Tun wirklich und legitim berufen sein dürfte? (Wir werden dieser Frage zu gedenken haben, wenn wir nachher von der Möglichkeit des Tötens fremden Lebens zu reden haben werden; sie wird dort wahrlich nicht in. geringerer Strenge gestellt werden müssen!) Zu dieser Vorsicht gehört nun auch, daß man sich einerseits vor Augen hält: es gibt (nicht etwa nur supponierte, sondern geschichtlich wirkliche) Situationen, im Blick auf die der Gedanke sich tatsächlich aufdrängt, ob da der Grenzfall der nicht nur erlaubten, sondern gebotenen Selbsttötung nicht gegeben gewesen sein möchte – daß man sich aber anderseits wohl zu hüten haben wird, solche Situationen gewissermaßen zu klassifi­zieren und dann so etwas wie Rechtssätze aufstellen zu wollen: in dieser und dieser Art von Situationen sei dieser Grenzfall tatsächlich gegeben. Können wir es Gott nicht verwehren, in bestimmter Situation einem Menschen tatsächlich die Freiheit, die Erlaubnis und den Befehl zur Selbsttötung zu geben, die dann als solche kein Selbstmord sein wird, so steht es uns doch auch nicht zu, darüber zu disponieren, in welcher Art von Situationen er dies auf alle Fälle tun, in welcher Klasse von Umständen Selbsttötung also nicht Selbstmord, sondern ein Akt des Gehorsams, mit dem Gebot der Ehrfurcht vor dem Leben in Übereinstimmung sein wird. Eben solches Disponierenwollen dürfte nämlich schon als solches die Grundform des Leicht­sinnes sein, der hier auf keinen Fall walten darf.

Ambrosius erzählt (De virg. III, 7) nicht nur ohne alle Kritik, sondern in geradezu begeisterter Diktion das Martyrium der hl. Pelagia in der Nähe von Antiochia: vacua praesidio, sed Deo plenior flieht sie vor den Verfolgern, die ihr entweder ihren Glauben oder ihre Keuschheit rauben wollen, gefolgt von ihrer Mutter und ihren Schwestern, in der Richtung auf einen reißenden Fluß, der ihren Lauf aufhält, dafür aber eine andere Rettung diesen Frauen darbie­tet: Quid veremur? inquiunt. Ecce aqua, quis nos baptizari prohibet? Et hoc baptisma est, quo peccata donantur, regna quaeruntur. Et hoc baptisma est, post quod nemo delinquit. Excipiat nos aqua, quae regenerare consuevit. Excipiat nos aqua, quae virgines facit. Excipiat nos aqua, quae coelum aperit, infirmos tegit, mortem abscondit, martyres reddit. Sie bitten Gott, er möchte es nicht zulassen, daß sie im Tode auch nur äußerlich getrennt würden, sed sit una constantia, una mors, una etiam sepultura, sie raffen ihre Kleider zuchtvoll zusammen, reichen sich die Hände wie zum Tanz (tanquam choros ducerent) und stürzen sich in den Fluß, wo seine Fluten am bewegtesten und am tiefsten sind, die Mutter mit dem letzten Aufschrei: Has tibi hostias, Christe, immolo, praesules castitatis, duces itineris, comites passionis. Kein Zwei­fel: eine in ihrer Weise großartige Legende! Ähnlich haben sich Euseb von Cäsarea, Hierony­mus, Chrysostomus zugunsten der Selbsttötung gerade von Frauen in dieser Situation ausge­sprochen. Es war nun gewiß weise, wenn Augustin (De civ. Dei I, 16-27) eine [470] generelle Gutheißung, Erlaubnis oder Weisung in der Richtung der Selbsttötung auch im Blick auf diese Situation abgelehnt hat: weder der Glaube noch die seelische, noch auch, recht verstanden, die leibliche Keuschheit dieser Frauen, konnte durch die Drohung fremder, sündiger Gewalttat so gefährdet sein, daß man allgemein sagen dürfte, daß Selbsttötung in diesem Falle erlaubt und geboten sei (l. c. 8 u. 25). Immerhin hat auch er (l. c. 26) den entscheidenden Vorbehalt ge­macht – doch nicht nur mit Rücksicht auf die Autorität der Kirche, die ja solche Frauen heilig gesprochen hat, sondern sichtlich auch in sachlicher Erwägung: Quid, si enim hoc fecerunt, non humanitus deceptae, sed divinitus iussae, nec errantes, sed oboedientes? Auch er hat an Simson erinnert, von dem man doch etwas Anderes nicht annehmen dürfe. Er hat interessan­terweise auch an den Soldaten erinnert, der, dem Befehl seines Vorgesetzten gehorsam, töten muß und soll. Cum autem Deus iubet, seque iubere sine ullis ambagibus intimat, quis obse­quium pietatis accuset? Wenn man also lese, «Du sollst nicht töten!», so müsse eben das dennoch geschehen, wenn es der befiehlt, dessen Befehl nun einmal nicht mißachtet werden darf. Man sehe freilich zu, daß das Vorliegen solchen göttlichen Befehles dann nicht doch irgendwie zweifelhaft sein möchte! Ein der Ansicht jener älterer Kirchenväter absolut entge­gengesetztes Urteil hat also auch Augustin nicht ausgesprochen – «Niemand weiß, was im Menschen vorgeht, außer der Geist des Menschen, der in ihm ist» (1. Kor. 2, 11) – sondern schließlich nur das festgehalten wissen wollen: bloß um zeitlichen Beschwerden zu entgehen, oder bloß aus Angst vor der Drohung fremder Sünde, oder bloß aus Verzweiflung über die eigene, aber auch bloß aus Sehnsucht nach dem Tode darf niemand sich selbst töten, sondern Selbsttötung, hinter der nur solche menschlichen Motive stünden, würde als Eigenmächtigkeit unter den Begriff des Mordes fallen.

Und nun wäre es wohl nicht gut, mit geringerer Umsicht nach beiden Seiten an die in unseren Tagen leider auch wieder aktuell gewordene Frage zu denken: ob Einer sich selbst töten darf und soll, der in Gefahr steht, unter der Folter seine Freunde, die gute Sache zu verraten und damit direkt oder indirekt auch seinen Glauben zu verleugnen? Er kann die Freiheit dazu, wenn Gott sie ihm gibt, in der Tat haben. Und dann soll er freudig und entschlossen, nicht mit lädiertem, sondern mit intaktem Gewissen von ihr Gebrauch machen. Aber eben: dann und nur dann! Selbstverständlich gegeben wird diese Freiheit auch in solcher Situation niemals sein. Dieselbe Reserve nach beiden Seiten wird aber auch in anderen Fällen angemessen sein, in der vielleicht noch einleuchtendere Gründe dafür sprechen könnten, daß der Grenzfall ge­geben sei – oder umgekehrt: in denen es an einleuchtenden Gründen zu dieser Annahme je­denfalls für Dritte zu fehlen scheint. Nicht das größere oder geringere Gewicht der mensch­lichen Gründe entscheidet in dieser Sache – geschweige denn das, was Dritte als solche Grün­de meinen wahrnehmen zu können und gutheißen oder ablehnen zu sollen, sondern ganz al­lein das Urteil Gottes, auf das ein Jeder in jeder wirklichen oder denkbaren Situation nach Erwägung aller menschlichen Gründe und Gegengründe letztinstanzlich hören muß. Es kann trotz starker menschlicher Gründe für die Selbsttötung dagegen und bei ebenso starken menschlichen Gegengründen dafür entscheiden. Augustin hatte recht: Gottes Befehl – wenn er so oder so vorliegt – muß so oder so gehorcht werden.

Die Möglichkeit des Grenzfalls ist hier wie sonst die besondere Möglichkeit Gottes selbst. Und niemand darf sich bloß einreden, daß er für ihn gegeben sei. Es ist immer schon vernünf­telnder Leichtsinn, wenn man sich das einreden will. Das kann dem Menschen gerade nur ge­sagt sein. Tötet er sich, ohne daß ihm das gesagt ist, dann ist sein Tun Mord – den Gott ihm vergeben kann, aber Mord, den der Mensch gerade im Glauben an den gnädigen Gott, der Sünden vergibt, nicht erhobenen Hauptes begehen wollen kann. Es wird besser sein, wenn wir nun doch diese Warnung das letzte Wort zu dieser Sache sein lassen.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. III,4 (Zollikon-Zürich 1951), § 55 Freiheit zum Leben, Seiten 459-470.

Hier Barths Text als pdf.

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