Thomas Bruhnke über die Werbung für den Pfarrerinnennachwuchs. „Lasst uns nicht mit sicheren Gehältern, ordentlicher Pension und der Freiheit, vielleicht nicht in einem Pfarrhaus wohnen zu müssen, werben, sondern mit der Freude, die Gott ausbreiten will.“

Mittlerweile suchen die evangelischen Landeskirchen aktiv den Beruf der Pfarrerin bzw. des Pfarrers zu bewerben. In Bayern wurde im Herbst umfangreiches Werbematerial an die Pfarrämter versandt. Thomas Bruhnke, Pfarrer in Heiligenstadt, hatte sich daraufhin brieflich an das Landeskirchenamt gewandt:

Liebe Schwester Sch., lieber Bruder H.,

heute kam mit der Post Ihr „Werbepaket“ mit Faltblättern und Postkarten. Herzlichen Dank für die Zusendung.

Ich habe vor allem den Text im Faltblatt sehr genau gelesen und möchte nun dazu etwas schreiben:

Sie informieren sachlich und werbend mit Fakten, Möglichkeiten/Chancen usw., schreiben über das Studium, die „Freiheiten“ (Auslandsstudium, eigene Schwerpunkte usw.), auch ein wenig zum Vikariat und zur Praxis. Das ist m.E. gut so.

Sie schreiben nicht über Berufung (!) und über das, was die Bibel dazu sagt. Das fehlt mir! „Talent“ ist Ihr Begriff, den halte ich auch nicht für verkehrt, im Gegenteil, aber er ist nicht „vollständig abbildend“, was die Kirche braucht, weil es Jesus Christus so will. Jesus Christus ruft, seine Gaben einzubringen …!

Die Überschrift zum „Fangen“ heißt: „Was willst Du mal erreichen?“ Und als Antwort steht da „Menschen“. Gut gemacht, aber ich hadere irgendwie damit, denn die Frage ist eine „Karrierefrage“, es geht auch um „Selbstverwirklichung“ (die ja in gewisser Weise sogar positiv ist), und die Antwort ist „ganz unten“. Ja, unter dem „Menschen“ steht noch „Werde Pfarrer in …“ Wirklich toll gemacht. Doch schon hier sollte der Rufende genannt werden: Jesus Christus. Um ihn geht es doch als „verbindende“ Mitte unseres Lebens. Gut, vielleicht muss Werbung so sein … das ist nicht mein Metier …  Könnte eine Frage, wenn nicht als Titel, so denn doch im Text stehen, die das in den Blick nimmt: „Hörst Du Jesu Stimme, hörst Du sein Werben?“

Doch bevor ich mich weiter „ausbreite“, etwas zu mir: Ich selbst habe nie evangelische Theologie studiert (!), sondern […] (ergänze zusammenfassend: für eine andere Kirche).

Über das Theologiestudium, genauer über die Studierendenbegleitung habe ich mir viele Gedanken gemacht, weil ich so oft „frustrierte Pfarrer und Pfarrerinnen“ erlebt habe, auch solche, die irgendwann ihren „Job“ gemacht haben, aber das Feuer brannte nicht mehr. Ich habe Pfarrer und Pfarrerinnen erlebt, die ungeachtet ihres Talents sich „Nischen“ gesucht haben, in denen sie noch ganz da sind, aber mehr eben nicht.

Als ich noch Student war (mit der Freiheit, in Münster, Freiburg, Trier und abschließend wieder in Münster zu studieren), hatte ich in Münster sehr viel Kontakt mit den Studenten der Evangelischen Fakultät, und ich fand es schade, wie „dürftig“ sie begleitet wurden, ein geistliches, nicht frömmelndes, aber zutiefst in Christus verankertes Leben zu führen. Ja, da gab es Beratung, ein paar „Theologentreffen“ und für die Eifrigen auch mal Rüstzeiten.  So habe ich es später, als ich in den evangelischen Pfarrdienst ging, wieder erlebt bei Praktikantinnen und Praktikanten sowie Vikaren und Vikarinnen, die ich kennengelernt habe.

Da ging es oft darum, „Träume zu verwirklichen“, aber nicht darum, auf einem Weg zu sein, sich immer mehr von Christus formen zu lassen und Menschen für Christus zu begeistern, sie auf dem Glaubens(!)-Weg zu begleiten usw. Auch viel soziales Engagement stand im Vordergrund (was ich keineswegs schlecht beurteilen will, aber es ist weder alles noch die Grundlage). „Berufung“ war nie Thema, ein Erspüren, wie Christus um einen wirbt und in Krisen auch ringt. Auch das Studium bringt ja Krisen mit sich in der Begegnung mit kritischen Inhalten, die man vielleicht aus seiner Kindheit und Jugend so nicht kannte.

Vor einiger Zeit habe ich mal in einer Zeitschrift Folgendes als Leserbrief geschrieben, als Reaktion auf einen Artikel über das „Auslaufmodell Pfarrer“:

In den vielen Debatten um angemessene Strukturen in den Kirchen geht es auch um den Pfarrberuf, um „Aufgabenzuschnitte“ usw. Der Pfarrberuf, … ist er ein Auslaufmodell, weil wir selbst als Pfarrer und Pfarrerinnen nicht klarkommen in den unzulänglichen Gegebenheiten? Ich höre mehr Klagen im Umfeld als denn Freude …

Wir haben den schönsten Beruf in der Welt. Wir dürfen mit Menschen aller Altersgruppen in den unterschiedlichen Konstellationen (Ehe, Familie, Beruf, Gemeindegruppen, Gottesdienste usw.) und Lebenssituationen zusammen sein und sie begleiten und fördern auf ihrem Weg mit Gott und – weil Jesus Gemeinde wollte – in der Gemeinde „mitten in der Welt“.

Wir machen viele Fehler. Wir tragen unseren Schatz in zerbrechlichen (oder „angedepperten“) Gefäßen (2 Kor 4, 7). Auch unserer Unzulänglichkeit will sich der Herr bedienen. Wer darf schon so arbeiten in unserer Welt, in der man sonst gut, effizient, aalglatt sein muss im Betrieb …, um den Arbeitsplatz zu behalten?

Wir wollen dienen, zur Verfügung stehen. Sind mal initiativ, mal geduldig abwartend, finden mit Gottes Hilfe die richtigen Worte in Predigt oder Seelsorge oder Evangelisation, vielleicht aber auch mal nicht. Und all das will unser Herr nutzen, das eine wie das andere.

Wir dürfen Mitarbeiter fördern für einen Dienst in unseren Gemeinden oder der Diakonie, wir scheitern in manchem und sehen zugleich Gottes große Treue und wie er doch Menschen für sich gewinnt.

Wir dürfen gabenorientiert arbeiten, wenn wir uns dafür mit Freude öffnen, dass andere anderes können und besser können. Ja, und nicht selten ist es viel, bisweilen zu viel. Und das klage ich ihm auch, aber eben IHM, dass er mir darin den Weg zeige, dass ich lerne mich zurückzunehmen, nicht allzu wichtig usw. … Und die Strukturen gebende Kirche soll auch wissen, dass es oft viel, bisweilen zu viel ist … aber die Freude am Dienst steht doch im Vordergrund.

Paulus schreibt 2 Kor 1, 24: Gehilfen zu eurer Freude! Wunderbare Zusammenfassung für unseren Dienst.

Lasst uns nicht mit sicheren Gehältern, ordentlicher Pension und der Freiheit, vielleicht nicht in einem Pfarrhaus wohnen zu müssen, werben, sondern mit der Freude, die Gott ausbreiten will; lasst uns nicht über Strukturen, Geldmangel, Arbeitszeiten usw. klagen. Wenn der Herr auch mich berufen hat, hat er etwas vor, wovon ich vielleicht nichts weiß, außer dem, was ich in der Bibel lese, dass er den Menschen nachgeht, denn keiner soll verloren gehen. Vertrauen auf Jesus Christus! Dem will ich nachspüren, wie er mich da gebrauchen will um seinet- und der Menschen willen.

Was ich mir für unsere Kirche und ihren Nachwuchs wünsche:

  • Kommen Sie in die Pfarrkapitel und anschließend in die Jugendgruppen vor Ort. Schicken Sie Theologiestudenten und -studentinnen dorthin. Wir brauchen nicht zuerst Papier, sondern etwas „zum Anfassen“, also überzeugende, begeisterte, ja „sprühende“ Personen.
  • Regen Sie die im Dienst stehenden Pfarrerinnen und Pfarrer an, im Jugendgottesdienst (oder auch Gemeindegottesdienst) über Berufung in den geistlichen Dienst zu sprechen / zu predigen. (dabei, v.a. im Gemeindegottesdienst, darf auch für den Lektoren- und Prädikantendienst etwas gesagt werden, aber das ist ein eigenes Thema)
  • Begleiten Sie junge Leute im Übergang von der Schule zu einem nächsten Schritt durch „Orientierungsrüsttage“. Entsprechende Einladungen und Informationen braucht es vor Ort.
  • Wer als Theologiestudent für die Landeskirche gemeldet ist, sollte mehr als nur „begleitet“ werden. Es sollte m.E. verbindlich sein, an Rüstzeiten oder Exerzitien, an Gemeinschaftstagen teilzunehmen usw. Wir brauchen geistlich durchdrungene Menschen, die von Christus so begeistert sind, dass sie es aushalten, in unzulänglichen kirchlichen Gegebenheiten zu leben und zu dienen. Wir brauchen dienende Persönlichkeiten, die sich selbst nicht so wichtig nehmen und nicht in Krisen „untergehen“, wenn sie persönliches Scheitern erleben. Dafür braucht es ja Deutungen aus dem Glauben …
  • Junge Theologen, die bereits verheiratet sind, müssen auch für ihre Ehe „Rüstzeug“ bekommen.
  • Die Praktika sollten verschiedene Aspekte berücksichtigen: Stadt und Land, Schule / Diakonie.
  • Initiieren Sie regelmäßige Gebete für „Berufungen in den geistlichen Dienst“

Vielleicht tun Sie all das ja, und ich weiß nur zu wenig darüber. Dann sehen Sie es mir bitte nach. Ich will nicht kritisieren, sondern – falls mein Blick nicht ganz unrichtig ist – zum Ergänzen anregen.

Ich habe mich schon manchmal gefragt, ob ich im Ruhestand noch etwas anderes oder Neues anpacke. Neben der allgemeinen Rüstzeitarbeit /Exerzitien wäre hier doch ein spannendes Feld.

Ich wünsche Ihnen viel Phantasie und Heiligen Geist für Ihren Dienst in diesem Bereich unserer Kirche.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Thomas Bruhnke
Pfarrer

2 Kommentare

  1. Sehr schön! Margot Kässmann und Dorothe Sölle und Ehemann gehörten immer zu meinen Vorbildern.Auch Joan Chittiser eine amerikanische Benediktinerin,die ein Buch schrieb:“Weisheit der Weltreligionen“.Auch die Ehefrau von H Bedford Strohm und die Ehefrau von Prof KP Jörns,evTheol/Soziologie,die beide Psychotherapeutinnen sind und gewiss die Not der Menschen kennen und vor allem,wie man dabei helfen kann,Kirchlicherseite noch Eugen Drewermann,auch Psychotherapeut,nicht zu vergessen die ev und kath Hochschulgemeinden.voller junger Leute,die noch nicht aufgegeben haben auf menschennähere Formen des Christusglauben im 21.Jhrhundert zu hoffen,zB auch die Gotteskrise“anerkennen und Diskussionen über Gottesbilder oder Gottesdefinitionen zulassen,zB Pater Richard Körner „Gott,95 Thesen“,der sogar einem Freund mit dem er fast deckungsgleiche Ansichten hat,zugesteht,mit derselben Soziallehre und Wohlwollen für alle guten Willens,nur ohne eine Gottesvorstellung weiter zu leben……..Selbst wäre ich auch sehr froh,einen solchen (Bibel)-Kreis zu finden,einen historischen „Bibel als Tagebuch der Menschheit“,Gerlinde Baumann die Bibel–was man glauben kann, g.B „Ewiges Leben“ und evtl auch Diskussionen mit KP Jörns…..Nahtodberichte und Kritik liegen mir sehr am Herzen,weil das Weiterleben in einem wie immer gestalteten Jenseits ist mein sicherster Glaube,dazu Christus,Sokrates,Seneca–alle von der Staatsmacht ermordet……..Wenn aus Ihrem Mailkreis ein solcher Kreis entstünde würde es mich freuen.Vielleicht wenn Sie mehr verschiedene Themen ansprechen könnten,obwohl ich auch Ihrer Meinung bin,daß die Politik am wichtigsten für das Zusammenleben oder dessen Grundlagen auf der Erde ist.Und das ursprünglichste Grundbedürfnis des Menschen,nämlich Kultur (Lit/Musik/Philosophie und Religionen)zu schaffen sollte wieder mehr Sielraum bekommen,anstelle der jetzigen Dekadenz aus Materialismus und Sexismus. herzliche Grüße!

  2. Das ist ein Wort! Gewissermaßen die Pia Desideria des 21. Jahrhunderts.

    Im Gegensatz zu Frau Mutzenbauer im voranstehenden Kommentar halte ich allerdings dafür, Seelsorge und Psychotherapie trotz der sprachlichen Nähe der beiden Begriffe nicht zu vermengen und zu vermischen. Auch Politik und Kultur halte ich nicht für Kernaufgaben des pastoralen Berufs und Amts.

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