Otto Friedrich Bollnow über das Schweigen: „Jedes ausgesprochene Wort würde sofort erstarren und als beliebig verfügbare Münze abgenutzt werden, wenn nicht darin ein Rest des Unausgesprochenen mit enthalten wäre. Alles Reden ist nur echt, wo es an das Schweigen grenzt.“

Das Schweigen

Von Otto Friedrich Bollnow

Wenn das Gespräch zu Ende gekommen ist und wieder ermattet, nachdem es seinen Höhe­punkt erreicht hat, dann sinkt es, wie jedes gesprochene Wort, wieder zurück in das Schwei­gen, aus dem es hervorgegangen ist. Alles Sprechen ist bezogen auf das Schweigen. Sie gehö­ren zusammen wie Figur und Hintergrund. Dabei ist Schweigen nicht einfach ein Nicht­vorhandensein von Sprechen. Tiere schweigen nicht, und auch der Mensch schweigt nicht, wenn er, still für sich beschäftigt, in den meisten Zeiten des Tageslaufs nicht den Mund auftut. Von Schweigen kann man vielmehr nur da sprechen, wo der Mensch hätte spre­chen können oder sprechen sollen und wo er dennoch nicht spricht. Schweigen ist also selbst ein Tun, für das der Mensch verantwortlich ist. Wenn Blaise Pascal (1623-1662) einmal von dem »ewigen Schweigen dieser unendlichen Räume« spricht, das ihn schaudern macht (21940, S. 115), so sind hier die Räume als etwas gefaßt, das ihn in die Einsamkeit stürzt, weil es die Antwort verweigert. Schweigen ist Verweigerung des Sprechens und insofern immer auf ein mögliches Sprechen bezogen.

Das Schweigen ist wiederum ein sehr vielfältiges Phänomen. Es gibt die verschiedenen For­men, ein angebrachtes und ein unangebrachtes, ein vom Menschen gefordertes und ein ihm als Versagen, ja als Schuld anzurechnendes Schweigen, und jedesmal ist auch das Verhältnis zum ausgesprochenen Wort verschieden. Es gibt zunächst das einfache Schweigen der Dumpfheit, das zu bequem ist, den Mund aufzumachen. die einfache »Maulfaulheit«. Es gibt das Schwei­gen der Schüchternheit oder der Feigheit, das sich nicht durch ein offen ausgesprochenes Wort eine Blöße zu geben wagt. Es gibt aber auch das Schweigen als das ausdrückliche Ver­schweigen eines Wissens, etwa einer Schuld, weil man sich durch das offene Eingeständnis einer Strafe oder sonst einem Nachteil auszusetzen fürchtet, und weiterhin auch das auf Täu­schung bedachte Schweigen, das, ohne eine ausdrückliche Lüge auszusprechen, im andern eine falsche Vorstellung erwecken oder eine schon vorhandene falsche Vorstellung nicht be­richtigen will. Allen diesen Formen des Schweigens ist gemeinsam, daß sie, wenn auch in je verschiedener Weise, auf Sicherung des Daseins bezogen sind. Aber sie müssen überwunden werden, weil nur in ihrer Überwindung, in der dem Widerstand abgewonnenen freien Rede der Mensch dem diffusen Lebensuntergrund seine sittliche Substanz abgewinnt.

Aber es gibt auch Formen eines anderen, vom Menschen geforderten Schweigens. Da ist zunächst, als einfachster Fall, das Schweigen als Verschwiegenheit bei einem anvertrauten Geheimnis. etwa beim ärztlichen Berufsgeheimnis oder beim Beichtgeheimnis. Dieses wird mit Recht, mit der Standhaftigkeit verbunden, als hohe Tugend gepriesen. Da ist weiterhin das taktvolle Schweigen, das nicht in die Intimsphäre eines anderen Menschen einzudringen und nicht ohne Not an dessen Wunden zu rühren wagt. Es gibt aber auch, was wir zuletzt berühr­ten, das Schweigen, in dem das Gespräch wieder versinkt, wenn es nicht in leerem Geschwätz versanden soll, und es gibt das schweigende Einverständnis zweier Menschen, die sich im letzten verbunden wissen. Dies führt schon hinüber zu dem letzten Schweigen, dem Schwei­gen der Ehrfurcht, das dem Heiligen gegenüber verstummt (Bollnow 21958).

Bei allem aber bleibt die gefährliche Zweideutigkeit, die unaufhebbar mit dem Wesen der Sprache verbunden ist. Das mühsam den inneren Widerständen abgerungene Bekenntnis ist etwas anderes als leere Geschwätzigkeit, und herbe Verhaltenheit ist noch lange nicht man­gelnde Aufrichtigkeit. Die Schwierigkeit liegt aber darin, daß die Formen fließend ineinander übergehen. Zwischen der Feigheit, die das entscheidende Wort nicht wagt, und der Ehrfurcht, die vor dem großen Wort zurückschreckt, hegt eine schmale und niemals endgültig zu bestim­mende Grenze. Was in dem einen Fall verwehrt ist, kann in dem andern Fall geboten sein. Was im alltäglichen Leben auszusprechen taktlos wäre, kann in existentiellen Situatio­nen – wie bei Parzival im Anblick der Wunde des Anfortas – gradezu gefordert sein.

So ist das Verhältnis von Sprechen und Schweigen durch eine tiefe und unaufhebbare Span­nung bestimmt: Der Mensch verwirklicht sich und gewinnt seine geistig-sittliche Substanz nur, wenn er dem formlosen Untergrund des Lebens im formulierten Wort – und allgemein in den symbolischen Formen – die bestimmte Gestalt abgewinnt, wenn er im Ringen um das richtige Wort aus dem unsagbar Scheinenden einen schmalen Streifen der im Sagen zugäng­lich gemachten Wirklichkeit erobert. Aber jedes ausgesprochene Wort würde sofort erstarren und als beliebig verfügbare Münze abgenutzt werden, wenn nicht darin ein Rest des Unaus­gesprochenen mit enthalten wäre. Alles Reden ist nur echt, wo es an das Schweigen grenzt. Wenn die Tragödie meint, »der Rest ist Schweigen« (Shakespeare, Hamlet), so ist das nicht resignierend aufzufassen, als ob alles menschliche Bemühen in den Abgrund der Vergessen­heit fiele, sondern als Gefühl des Getragenseins von einem schweigenden Grund, aus dem alle Sprache hervorgeht.

Quelle: Von Otto Friedrich Bollnow, Der Mensch und seine Sprache, in: Kindlers Enzyklo­pädie Der Mensch. Hrsg. von H. Wendt/N. Loacker. Bd. 6: Sprache, Kunst und Religion. Zürich 1983, 17-56.

Hier der Text als pdf.

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