Karl Steinbauers Passionsbesinnung von 1939: „Da ist der Herr stehen geblieben, hat sich umgedreht und sie zur Besinnung gerufen und gesagt: Ihr guten Leut, überlegt ihr euch auch, was das heißt mir nachfolgen? Ihr meint, das Nachlaufen ist Nachfolge.“

Da war Karl Steinbauer schon einmal für sechs Monate im Gefängnis in Weilheim/Oberbayern inhaftiert, bevor er 1938 als Pfarrverweser nach Senden-Ay kam. Die folgende Passionsbesinnung für das Evangelisches Gemeindeblatt für den Kirchenbezirk Leipheim hatte er noch am Samstag, 14. Januar 1939 in den Briefkasten geworfen, bevor er dann nach dem SA-Überfall auf das Pfarrhaus am 15. Januar inhaftiert und zweieinhalb Monate später ins KZ Sachsenhausen verbracht worden ist:

… gehorsam zum … Kreuz. Darum … erhöht

Von Karl Steinbauer

… und ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht …“ (Phil. 2,8)

Weder gehen wir in die Zeit hinein, in der die Gemeinde des Gekreuzigten sich mit besonde­rer Sammlung besinnt über seinen Weg ans Kreuz. Wieder stehen wir in der Zeit, in der die Gemeinde in besonderem Ernst und Bereitschaft den Ruf des Gekreuzigten hören soll: „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“.

Den Herrn ruft der Gehorsam gegen das Wort und den Auftrag seines Vaters ans Kreuz.

Uns, die Gemeinde des Gekreuzigten ruft der Gekreuzigte selber unter das Kreuz.

Der Herr Christus konnte sich seinen Weg nicht selber wählen oder eigenmächtig heraussu­chen. Über seinem Weg steht: Er ward gehorsam … zum Kreuz.

Wir können uns unsern Weg nicht heraussuchen. Es geht nur um Gehorsam oder Ungehor­sam. Ob wir seinem Ruf unter das Kreuz folgen wollen oder nicht. Darum steht über unserm Weg seine bange und doch so werbende und lockende Frage: Wollt ihr auch weggehen?

Der Herr Christus hatte nicht vor den Folgen seines Weges Angst. Wie sollte und konnte er für die Folgen eines Weges Angst haben, den das Wort und der Auftrag seines Vaters ihn ge­hen heißt. Er hatte nur Angst vor dem Ungehorsam. Er wollte nichts tun und hat nichts getan, was er nicht sah den Vater tun.

Der Herr hat niemals einen Zweifel darüber gelassen, daß sein Weg ans Kreuz geht. Die Lei­densverkündigungen ziehen sich durch seine ganze Verkündigung.

Der Herr hat niemals einen Zweifel darüber gelassen, daß er für seine Jünger, für die Verkün­diger seiner Kreuzesbotschaft und für seine ganze Gemeinde keinen andern Weg durch die Welt gibt als unterm Kreuz.

Es ist notwendig. daß wir alle, die wir uns Christen heißen, uns besinnen, ob wir den Preis zahlen wollen und können, der von einem Christen verlangt wird.

Ein Haus bauen ist nicht schwer. Schwer wird’s erst, weil es was kostet. Darum, wenn einer ein Haus baut, muß er sich überlegen, ob er die Kosten aufbringen kann. Sonst wird er zum Gespött und macht bankrott. (Lk. 14)

Dem Herrn Christus sind schon zu seinen Lebzeiten die Menschen in großen Massen nachge­laufen. Da ist der Herr stehen geblieben, hat sich umgedreht und sie zur Besinnung gerufen und gesagt: Ihr guten Leut, überlegt ihr euch auch, was das heißt mir nachfolgen? Ihr meint, das Nachlaufen ist Nachfolge. So einfach ist’s nicht. Ihr wißt alle gut, ein Haus bauen, das ist leicht, solange man nicht daran denkt, was das Bauen kostet. Hinter mir drein laufen ist leicht, solange es nichts kostet. Der Christenglaube, die Christusnachfolge kostet, und kostet gar nicht wenig: Es kostet das Kreuz! Und diese Summe in Kleingeld umgewechselt heißt: Wer Vater – Mutter – Sohn – Tochter – Weib – Kind – Brüder – Schwestern – auch dazu sein ei­gen Leben, mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. (Lk. 14, 26 u. 27; Matth. 10, 37 u. 38)

Manch einer ist seelenvergnügt Jahr um Jahr hinter dem Herrn Christus dreingelaufen. Auf einmal wird er von ihm gefragt: Weißt du auch, was das kostet in meiner Nachfolge zu ste­hen? Den Gehorsam zum Kreuz! Den Gehorsam bis zum Tod! Kannst du sagen: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib …?

Und wenn der Gehorsam in den Tod führt? – Dann gehen wir eben in Gottes Namen in den Tod, der durch den Gehorsam gerade ins Leben führen wird. In der Bibel steht es doch: Er war gehorsam – zum Kreuz! Er war gehorsam zum Tod! Darum! Ja, darum, nur darum, weil er gehorsam war, nach gar nichts gefragt hat als nach dem Gehorsam, und eben nicht nach den Folgen, sondern die Folgen Gott überlassen hat: Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. Hier beginnt nun plötzlich eine neue verhei­ßungsvolle Geschlechterreihe des Gehorsams, und jetzt wird der Gegenangriff gemacht, die Offensive des Gehorsams gegen den Ungehorsam und der Ungehorsam wird aufgerollt. Die­ser völlige Gehorsam dieses Einen hat der ganzen Welt ein neues Gesicht gegeben. Hier wird die alte Welt, die Welt des Ungehorsams und der Sünde, die Welt der Selbständigkeit und der Gottlosigkeit aus den Angeln gehoben. Sein Weg zum Kreuz ist die große Kundgebung des Gehorsams wider den Ungehorsam. Vor aller Welt will er es demonstrieren, und wir sollen es ihm glauben: Gehorsam gegen das Wort Gottes ist das einzig wirklich Beständige und kann durch nichts, auch nicht durch gewaltsamen Tod vernichtet werden. Gehorsam ist immer Leben! Gehorsam zum Kreuz, zum Tod am Kreuz ist Auferstehung! Wer nach anderem fragt als allein nach dem Gehorsam gegen das Wort Gottes, der verleugnet den, der uns das Leben durch seinen Kreuzgehorsam wiedergebracht hat.

Er der gehorsam war zum Tod, so bis zum Tod am Kreuz, und der darum erhöht ist zur Rech­ten Gottes, ruft dich und mich zum gleichen Gehorsam zum Kreuz, zum Gehorsam bis zum Tod. Willst du gar noch angesichts des Kreuzes Christi hören auf die Einflüsterungen: Sollte Gott gesagt haben?! und dich vom Allbetrüger abermals um den Gehorsam betrügen lassen?

„Unterweise mich den Weg deiner Befehle, so will ich reden von deinen Wundern“. (Ps. 119,27). Wer dem Wort Gottes gehorsam nachfolgt, der läuft in lauter Wunder und in Freude hinein. „Ich wandle fröhlich, denn ich suche deine Befehle“ (Ps. 119,45). Das ist das Zeichen. daß wir auf dem rechten Weg sind, wenn die Freude am Herrn immer völliger wird. Dabei gedenken wir der Apostel, die sich des Kreuzes und der Trübsale gerühmt haben. Wir haben acht darauf und wissen, daß es keine leichte, keine Oberflächen-Freude ist, sondern eine gar ernste, tiefe Freude ist; denn sie ist Kreuzes-Freude.

Vom Kreuz rufst du: Es ist vollbracht!
Das Kreuz hast du zum Sieg gemacht!
Durchs Kreuz den Satan umgebracht!
Halleluja!

Quelle: Evangelisches Gemeindeblatt für den Kirchenbezirk Leipheim (Sitz: Neu-Ulm), 18. Jahrgang, Nr. 2, 1. Februar 1939, S. 1-2.

Hier die Passionsandacht als pdf.

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