Søren Kierkegaard, Der »Professor« der Theologie: „Der »Professor« drückt aus, dass die Religion ein gelehrtes Problem ist; der Professor ist die größte Satire auf den »Apostel«.“

Der »Professor« der Theologie

Von Søren Kierkegaard

O fürchterliche Tiefe der Verwirrung, o fürchterliche, durch Beharrung verhärtete Irreführung. Von Generation zu Generation diese Hunderte und Aberhunderte von Professoren – in der Christenheit, also denn doch wohl Christen, zumal sie ja Professoren der Theologie waren. Sie haben Bücher geschrieben, und wiederum Bücher über die Bücher, und Bücher, um Über­schau zu halten – da gab es wieder Zeitschriften, welche nur darüber schrieben, und die Buch­druckereien gediehen, und viele viele Tausende fanden Nahrung … und das Leben keines ein­zigen dieser Leihdiener ähnelte auch nur im entferntesten einer wahren christlichen Existenz – ja, keinem einzigen von ihnen fiel es ein, das Neue Testament zu nehmen, es geradezu und einfältig zu lesen und sich selbst vor Gott die Frage vorzulegen: »Ähnelt denn mein Leben auf irgendeine, wenn auch noch so entfernte Weise dem Christi, so daß ich mich einen Nachfolger nennen dürfte – ich, Professor der Theologie, Ritter des Danebrog, geehrt und angesehen, mit festem Gehalt und freier Dienstwohnung und Verfasser mehrerer gelehrter Schriften über die drei Missionsreisen des Paulus – ?«

Im Neuen Testament finden sich Stellen, aus denen man beweisen kann, daß es seine Richtig­keit hat mit Bischöfen, Priestern, Diakonen (wie wenig auch die heutigen der ursprünglichen Zeichnung ähneln), aber man finde doch im Neuen Testament die Stelle, wo vom »Professor der Theologie« die Rede ist! Weshalb muß man unwillkürlich lachen, wenn man zu jener Stel­le, daß Gott gesetzt hat etliche zu Propheten, andere zu Aposteln, andere zu Vorstehern der Gemeinde – weshalb muß man unwillkürlich lachen, falls hinzugefügt würde: etliche zu Pro­fessoren der Theologie? Weshalb könnte da fast ebenso gut stehen: Gott hat gesetzt etliche zu Kanzleiräten?

Der »Professor«, das ist eine spätere christliche Erfindung – ja eine spätere christliche, denn sie wurde ungefähr zu der Zeit gemacht, da das Christentum zurückzugehen begann, und der »Höhepunkt« des »Professors« wurde gerade zu unserer Zeit erreicht – da das Christentum völlig abgeschafft ist.

Was drückt der »Professor« aus? Der »Professor« drückt aus, daß die Religion ein gelehrtes Problem ist; der Professor ist die größte Satire auf den »Apostel«. Man ist – Professor (wes­sen?) dessen, was ein paar Fischer in die Welt gesetzt haben: oh, treffliches Epigramm. Daß das Christentum die Welt solle überwinden können: ja, das hat der Stifter selbst vorausgesagt, und das glaubten die »Fischer«. Aber das Siegeszeichen: daß das Christentum in dem Maße siegen solle, daß es Professoren der Theologie gäbe – das hat der Stifter nicht vorausgesagt, es sei denn, das wäre dort geschehen, wo davon die Rede ist, daß der »Abfall« eintreten wird.

Quelle: Sören Kierkegaard, Tagebücher, 4. Band, übersetzt von Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1970, S. 146-148.

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