Bonhoeffer über die Erinnerung in seiner Meditation über Psalm 139 (1939/40): „Aus der Erinnerung und Wiederholung lebt Glaube und Gehorsam. Erinnerung wird zur Kraft der Gegenwart, weil es der lebendige Gott ist, der einst für mich gehandelt hat und mich heute dessen vergewissert.“

In den Losungen 2020 wird für den 2. August folgendes Bonhoeffer-Zitat angeführt: „Aus der Erinnerung und Wiederholung lebt Glaube und Gehorsam. Erinnerung wird zur Kraft der Gegenwart, weil es der lebendige Gott ist, der einst für mich gehandelt hat und mich heute dessen vergewissert.“ Es stammt aus Bonhoeffers Meditation über Psalm 139 von 1939/40 und bezieht sich auf seine Auslegung von Vers 16:

Vers 16. Ich habe meine Lust an deinen Satzungen und will deiner Worte nicht vergessen.

Woran liegt es, daß meine Gedanken so schnell von Gottes Wort abweichen und daß mir zur nötigen Stunde das nötige Wort oft nicht gegenwärtig ist? Vergesse ich denn zu essen und zu trinken und zu schlafen? warum vergesse ich Gottes Wort? Weil ich noch nicht zu sagen vermag, wie es der Psalm sagt: Ich habe meine Lust an deinen Satzungen. Woran ich meine Lust habe, das vergesse ich nicht. Vergessen oder nicht, das ist (nicht) Sache (des Verstandes, sondern) des ganzen Menschen, des Herzens. Woran Leib und Seele hängt, das kann ich nie vergessen. Je mehr ich die Ordnungen Gottes in Schöpfung und Wort zu lieben beginne, desto gegenwärtiger werden sie mir zu jeder Stunde sein. Gegen das Vergessen schützt nur die Liebe.

Weil Gottes Wort in der Geschichte und d. h. in der Vergangenheit zu uns gesprochen hat, darum ist die Erinnerung, die Wiederholung des Gelernten täglich nötige Übung. Wir müssen jeden Tag aufs neue zurück zu den Heilstaten Gottes, um vorwärts gehen zu können. Darum warnt die Schrift immer wieder aufs ernsteste vor dem Vergessen: „Vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103, 2). „Hüte dich, daß du nicht des Herrn vergissest, der dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthaus, geführt hat“ (Deut 6, 12 lies das Kapitel!). „Halt im Gedächtnis Jesum Christum“ (2 Tim 2, 8). Aus der Erinnerung und Wiederholung lebt Glaube und Gehorsam. Erinnerung wird zur Kraft der Gegenwart, weil es der lebendige Gott ist, der einst für mich gehandelt hat und mich heute dessen vergewissert. Das Vergangene an und für sich ist gleichgültig. Weil aber in der Vergangenheit etwas Entscheidendes „für mich“ geschah, darum wird aus Vergangenem Gegenwart für den, der das „für mich“ im Glauben ergreift; „denn das Wort: ‚für euch‘ fordert eitel gläubige Herzen“ (Luther). [526]

Weil mein Heil nicht in mir selbst, sondern außerhalb meiner selbst liegt, weil meine Gerechtigkeit allein die Gerechtigkeit Jesu Christi ist, weil mir das nur im Worte verkündigt werden kann, darum ist Erinnerung und Wiederholung nötig um der Seligkeit willen, darum bedeutet Vergessen soviel wie aus dem Glauben fallen.

In der täglichen Erinnerung an Jesus Christus aber wird mir zugesagt, daß Gott mich von Ewigkeit her geliebt und mich nicht vergessen hat (Jes 49, 14 ff). Weiß ich aber, daß Gott mich nicht vergißt, weil er mich liebt, so freue ich mich und neue Liebe zu Gottes Treue in seinem Wort erfüllt mich und ich lerne zu sagen: ich will deiner Worte nicht vergessen.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 525f.

Hier der Text als pdf.

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