Theophil Wurms Hirtenbrief vom 1. August 1944: „Wer unter Gott lebt und diesen Gott durch Jesum Christum seinen Vater nennen darf, muss auch in dem Toben menschlicher Lei­den­schaften und im Zerstörungswerk moderner Technik einen von Gott gewollten Sinn er­blicken.“

Da stand der schwerste Bombenangriff auf die Stuttgarter Altstadt am 12. September 1944 durch die britische Royal Air Force noch aus, als Theophil Wurm (1868-1953), Landesbischof der Evangelische Landeskirche in Württemberg, in seinem Hirtenbrief vom 1. August 1944 die Kriegsereignisse als ein „Got­tesgericht über eine von Größenwahn befallene Menschheit“ beschrieb und dabei auf die alttestamentliche Prophetie Bezug nahm: „Sie sollen an Krankheiten sterben und weder beklagt noch begraben werden, sondern sollen Dung werden auf dem Lande, dazu durch Schwert und Hunger umkommen, und ihre Leichname sollen der Vögel des Himmels und der Tiere auf Erden Speise sein.“ (Jeremia 16,4)

Hirtenbrief Landesbischof Wurms

Großheppach, 1. August 1944

Liebe Amtsbrüder!

Neue schwere Schläge haben unser Württemberger Land und Volk getroffen. Stuttgart, seit siebenhundert Jahren seine Hauptstadt und der unbestrittene Mittelpunkt seines geistigen Lebens, ist durch wiederholte furchtbare Nachtangriffe ein Trümmerfeld geworden. Unge­zählte Volksgenossen haben Obdach und Habe verloren, viele auch Leben oder Gesundheit. Die Daseinsbedingungen sind ganz primitiv und sehr hart geworden. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung wird ein Unterkommen im Lande suchen müssen.

Für die Evangelische Kirche und für das kirchliche Leben bedeutet die Zerstörung der Haupt­stadt einen ganz schweren Verlust. Die Stuttgarter Gemeinde hat auch in der Epoche der Indu­strialisierung, des beschleunigten Bevölkerungszuwachses und der damit zusammen­hängen­den schweren sozialen, sittlichen und religiösen Krisen nicht bloß von einer ehrwür­digen, durch Namen wie Rieger, Dann, Ludwig und Wilhelm Hofacker, Albert Knapp, Karl Gerok, Friedrich Braun, die Prälaten Kapff, Burk, Weitbrecht, Römer bezeichneten Tradition gelebt, sondern eine starke missionarische und organisatorische Kraft entfaltet. Wie Stuttgart im deutschen Buchhandel den nächsten Platz nach Leipzig behauptete, so war es im christlichen Schrifttum führend, vor allem durch die Bibelanstalt, die Evangelische Ge­sellschaft, den Philadelphia- und Missionsverlag, die Verlage Steinkopf und Belser. Die musica sacra fand eine hervorragende Pflege in der Hochschule für Musik und in zahllosen erhebenden Auffüh­rungen, zu denen sich vor allem in der nun zerstörten Stiftskirche eine große Gemeinde zu­sammenfand. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges hat auch die kirchliche Bautätigkeit nicht geruht und neben neuen Kirchen auch eine Reihe von trefflich ausgestatteten Gemeinde­häusern geschaffen. Die beiden Diakonissenhäuser, die übrigen christ­lichen Liebeswerke und die kirchlichen Wohlfahrtseinrichtungen für die Kinderwelt und die heranwachsende Jugend haben trotz mancher Erschwerungen von außen sich behaupten und ausdehnen können.

Das alles ist jetzt dahin, mit den Denkmälern der Vergangenheit auch die Schöpfungen der Neuzeit! Das Schwabenland und besonders auch das evangelische Württemberg ist ins Herz getroffen!

Unter den deutschchristlichen Schriften, die vor dem Kriege erschienen, führte eine den Titel: Das Gottesgespenst des Alten Testaments. Von den Abschnitten aus den alttestamentlichen Propheten, in denen die furchtbaren Katastrophen der damaligen Welt geschildert wer­den, hieß es, daß sie nur als Erzeugnis der blutrünstigen Phantasie des jüdischen Geistes ver­stan­den werden könnten. Heute sehen wir, wozu auch die nichtjüdischen Völker im Namen des „Rechtes“, der „Wahrheit“, der „Freiheit“ fähig sind. Wer hätte es für möglich gehal­ten, daß Schilderungen wie Jer. 16,4 von den unbegrabenen Toten bei uns schauerliche Wirk­lichkeit werden könnten? Der Wettlauf der Technik ist ein Wettlauf zum Tode geworden.

Dem Christen, der sich durch die Heilige Schrift den Blick schärfen läßt, ist es nicht möglich, solche Ereignisse lediglich unter dem Gesichtspunkt menschlichen Handelns, mensch­licher Schuld und menschlichen Leides zu betrachten. Wer unter Gott lebt und diesen Gott durch Jesum Christum seinen Vater nennen darf, muß auch in dem Toben menschlicher Lei­den­schaften und im Zerstörungswerk moderner Technik einen von Gott gewollten Sinn er­blicken. Mit derselben Bestimmtheit, mit der wir eine durch rein körperlich-materielle Ur­sachen her­vorgerufene Krankheit als einen Ruf Gottes an uns erkennen, hören wir auch im Krieg und seinen Auswirkungen Gottes Stimme an uns und alle Menschen, die in dieses Kämpfen, Lei­den und Sterben mit hineingezogen sind. Und so wenig die Betrachtung der Krankheit als eine Heimsuchung Gottes uns hindert, sie mit den Mitteln des menschlichen Verstandes und Wil­lens zu bekämpfen, so wenig hindert uns die Beurteilung der Kriegser­eignisse als eines Got­tesgerichts über eine von Größenwahn befallene Menschheit, alles auf­zubieten, was zum Schutz der Heimat, des Vaterlandes, des Lebens und Eigentums dient. [422]

Manchen unter uns macht es zu schaffen, daß der Hagel der feindlichen Geschosse die Stätten der Anbetung, der Verkündigung und der Liebestätigkeit genau so trifft wie die der Sinnenlust und der Zuchtlosigkeit. Aber wieder ist es die Heilige Schrift, die uns auf solche Fragen die rechte Antwort gibt. Ist ein Prophet wie Jeremia, ist die kleine echte Gottes­gemeinde des Al­ten Bundes irgendwie verschont geblieben von den Schlägen des Gerichts, die das Volksgan­ze trafen? Heißt es nicht in einem der Apostelbriefe, daß das Gericht an­fangen müsse am Hau­se Gottes? Viel wunderbare Bewahrungen und Rettungen haben Gottes Kinder damals wie heute verzeichnen dürfen. Aber wie der vom Himmel gesandte Hohepriester sich solida­risch fühlte mit der ganzen Menschheit und besonders auch mit dem Volk, das ihn peinigte und verstieß, so soll die Welt auch heute spüren, daß die Gemeinde Jesu Christi keinen Augen­blick ihre Verbundenheit mit dem Volksganzen vergißt. Nur wenn wir in priesterlicher Für­bitte für Deutschland einstehen, dürfen wir auch mit dem Zeugen­mut des Propheten auf Sünde und Schuld hinweisen und zur Einkehr und Umkehr mahnen. Dabei werden wir besonders und in erster Linie an die eigene Untreue denken, an unsere Versäumnisse im klaren Zeugnis und im Einstehen für die, die um ihres klaren Zeugnisses willen zu leiden haben, wie an das Unheil, das fleischlicher Eifer und liebloses Urteilen immer wieder anrichtet. Wahrlich, es ist schwer, heute den rechten Weg zu finden und den rechten Ton zu treffen! Aber wir dürfen ja den bitten, der nach dem Jakobuswort dem, dem es an Weisheit mangelt, einfältig gibt und es niemand aufrückt.

Der kürzlich heimgerufene Tim Klein hat aus reicher Lebenserfahrung ein Wort hinter­lassen, das gerade heute, wo uns so viel unverstandenes Geschehen zu schaffen macht, helfen kann: „Gott verlangt, indem er sich offenbart, nicht, daß wir ihn verstehen; er will nur, daß wir ihn lieben!“ Ja, lieben wollen wir den, der uns aus der Fülle seiner Gnade und Weisheit jeden Tag wieder aufrichtet; klammern wollen wir uns an ihn, wie der Prophet ausruft:

„Ach Herr, unsere Missetaten haben’s ja verdient; aber hilf doch um Deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, damit wir wider Dich gesündigt haben.

Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer; warum stellst Du Dich, als wärest Du ein Gast im Lande und ein Fremder, der nur über Nacht drinnen bleibt?

Warum stellst Du Dich als ein Held, der verzagt ist und als ein Riese, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, wir heißen nach Deinem Namen; verlaß uns nicht!“ (Jer. 14, 7-9)

In herzlicher Verbundenheit

Euer Landesbischof D. Wurm

Quelle: Joachim Beckmann (Hrsg.), Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1933-1944, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 2. Auflage, 1976, S. 421f.

Hier der Text als pdf.

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