Martin Luther über das Predigtamt (Der rechte Prediger): „Wo denn da einem Predi­ger der Bauch und zeitliches Leben lieber ist, der tut es nicht; steht wohl und wäscht auf der Kanzel, aber er predigt nicht die Wahrheit, tut das Maul nicht auf; wo es will übel gehen, da hält er inne, und beißt den Fuchs nicht.“

Über das Predigtamt/Der rechte Prediger

Von Martin Luther

Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrete sie und sprach. (Matthäus 5,1-2)

Da macht der Evangelist eine Vorrede und Gepränge, wie sich Christus gestellt habe zu Pre­digt, die er tun wollte: dass er auf einen Berg, und sich setzt, und seinen Mund auftut; dass man sieht, es sei sein Ernst. Denn das sind die drei Stücke, wie man sagt, so zu einem guten Prediger gehören. Zum ersten, dass er auftrete. Zum anderen, dass er das Maul auf, und etwas sage. Zum dritten dass er auch könne aufhören.

Auftreten ist, dass er sich stelle als ein Meister oder Prediger, der ist gerne tun soll, als dazu berufen, und nicht von ihm selbst kommt, sondern dient es gebührt ausfindig gehorsam, dass er sagen: ich komme nicht aus eigenem Vornehmen und Gutdünken, sondern muss es tun von Amts wegen.

Das ist wieder die gesagt, die uns bisher und noch so viel Plage und Marter anlegen, die Rot­tenbuben und Schwärmer, so hin und wieder in Landen irre laufen streichen, vergiften die Leute, ehe es Pfarrherr, und die im Amte der Obrigkeit sitzen, erfahren, und so ein Haus nach dem anderen schmeißen, wie sie eine ganze Stadt, danach aus der Stadt ein ganzes Land ver­giften. Solchen Schleichern und Streichern zu wehren, sollte man schlecht nicht zulassen je­mand zu predigen, denen es nicht befohlen und das Amt aufgelegt ist. Auch niemand sich unterstehen, ob er schon ein Prediger ist, wo er einen Lügenprediger hört in einer katholischen oder anderen Kirche, der die Leute verführt, wider ihn zu predigen. Auch nicht hin und wieder in die Häuser schleichen, und sonderliche Winkelpredigt anrichten, sondern daheim bleiben, und seines Amtes oder Predigtstuhls warten, oder stillschweigen, wo er nicht will oder kann öffentlich auf die Kanzel treten.

Denn Gott will nicht, dass man mit seinem Wort irre laufe, als treibe jemand der Heilige Geist, und müsse predigen, und also Stätte und Winkel, Häuser oder Predigtstühle suche, da er kein Amt hat. Denn auch S. Paulus selbst wollte nicht, ob er wohl zu einem Apostel von Gott berufen war, an den Orten predigen, da die anderen Apostel vorher gepredigt hatten. Darum steht hier, dass Christus frei öffentlich auf den Berg geht, als er sein Predigtamt anfängt, und bald danach spricht er zu seinen Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Matthäus 5,14) Und: „Man zündet kein Licht an, und steckt es unter einen Scheffel, sondern setzt es auf einen Leuchter, dass es leuchtet allen, die im Hause sind.“ (Matthäus 5,15) Denn das Predigtamt und Gottes Wort soll daher leuchten die Sonne, nicht im Dunkeln schleichen und meuchlings, als wenn man Blinde Kuh spielt; sondern frei am Tage handeln, und ihm wohl lassen unter die Augen sehen, dass beide, Prediger und Zuhörer, dessen gewiss seien, dass es recht gelehrt, und das Amt befohlen sei, dass es nicht verdächtig scheine. So tue du auch: wenn du im Amte bist, und Befehl Hass zu predigen, so tritt frei öffentlicher vor, und scheue niemand, auf das du könntest rühmen mit Christo: „Ich habe frei öffentlich gelehrt vor der Welt, und habe nichts im Winkel geredet“ (Johannes 18,20).

Sprichst du aber: wie, soll denn niemand nichts lehren, es geschehe denn öffentlich? Oder, sollte ein Hausvater in seinem Hause sein Gesinde nicht lehren, oder ein Schüler oder anderen bei sich halten, der ihnen vorlese? Antwort: trauen ja, das ist auch wohlgetan, dazu ein rechter Mann und Stätte dazu. Denn ein jeder Hausvater ist schuldig, dass er sein Kind und Gesinde ziehe und lehre, oder lehren lasse. Denn er ist in seinem Hause als ein Pfarrherr oder Bischof über sein Gesinde, und ist ihm befohlen, dass er darauf sehe, was sie lernen, und für sie ant­wortet. Aber das gilt nicht, dass du solches außer deinem Hause tun wolltest, und von der selbst in andere Häuser oder zu Nachbarn eindringen. Sollst auch nicht leiden, dass irgendein Schleicher zu dir kommen, und in deinem Hause ein Sonderliches mache mit predigen, das ihn nicht befohlen ist. Kommt aber einer in ein Haus oder Stadt, so heiße man ihn, dass er ein Zeugnis bringe, dass er bekannt sei, oder Siegel und Brief zeige, dass er einen Befehl habe. Denn man muss nicht allen Streichern glauben, die sich des Heiligen Geistes rühmen, und sich damit hin und her in die Häuser schleichen. Kurz, es heißt: das Evangelium oder Predigt­amt soll nicht im Winkel, sondern hoch empor auf dem Berge, und frei öffentlich an Licht sich lassen hören das ist eines, das hier Matthäus anzeigen will.

Das andere ist, dass er seinen Mund auftut. Das gehört (wie gesagt) auch zu einem Prediger, dass er nicht das Maul zuhalte, und nicht allein öffentlich das Amt führe, dass jedermann schweigen müsse, und ihn auftreten lasse, als den, der göttlich Recht und Befehl hat, sondern auch das Maul frisch und getrost auftue, das ist: die Wahrheit, und was ihm befohlen ist, zu predigen; nicht schweigen noch mummele, sondern ohne Scheu und unerschrocken bekenne und frei heraus sage, niemand angesehen noch geschont, es treffe, wen oder was es wolle.

Denn das hindert einen Prediger gar sehr, wenn er sich umsehen will, und sich dabei beküm­mern, was man gerne hört oder nicht, oder was ihm Ungunst, Schaden oder Gefahr bringen möchte; sondern, wie er hoch auf dem Berge, an einem öffentlichen Orte, steht, und frei um sich sieht, so soll er auch frei reden, und niemand scheuen, ob er gleich mancherlei Leute und Köpfe sieht, und kein Blatt vor das Maul nehmen, weder gnädige noch zorniger Herren und Junker, weder Geld, Reichtum, Ehre, Gewalt, noch Schande, Armut, Schaden ansehen, und nicht weiterdenken, denn dass er rede, was sein Amt fordert, darum steht er da.

Denn Christus hat das Predigtamt nicht dazu gestiftet und eingesetzt, das es diene, Geld, Gut, Gunst, Ehre, Freundschaft zu erwerben oder seinen Vorteil damit zu suchen, sondern, dass man die Wahrheit frei öffentlich an den Tag stelle, das Böse strafe und sage, was zur Seelen Nutz, Heil und Seligkeit gehört usw. Denn Gottes Wort ist nicht darum hier, dass es lehre, wie eine Magd oder Knecht im Hause arbeiten soll und sein Brot verdienen, oder ein Bürger­mei­ster regieren, ein Ackermann pflügen oder Heu machen. Summa: es gibt und zeigt nicht zeit­liche Güter, dadurch man dieses Leben erhalte, denn solches hat die Vernunft vorhin alles einem jeglichen gelehrt, sondern das will es lehren, wie wir sollen kommen zu jenem Leben, und heißt dich dieses Lebens brauchen, und den Bauch hier nähren, so lange es währt, doch, dass du wissest, wo du bleiben und leben sollest, wenn solches aufhören muss.

Wenn nun solches angeht, dass man predigen soll von einem anderen Leben, danach wir sol­len trachten, und um deswillen wir des nicht sollen achten, als wollten wir hier ewig bleiben, so fängt dann Hader und Streit an, das ist die Welt nicht leiden will. Wo denn da einem Predi­ger der Bauch und zeitliches Leben lieber ist, der tut es nicht; steht wohl und wäscht auf der Kanzel, aber er predigt nicht die Wahrheit, tut das Maul nicht auf; wo es will übel gehen, da hält er inne, und beißt den Fuchs nicht. Siehe, darum hat Matthäus das Gepränge vorher beschrieben, dass Christus, als ein rechter Prediger, auf den Berg geht und den Mund frisch auftut, die Wahrheit lehrt, und straft beide, falsche Lehre und Leben, wie wir hören werden.

Aus den Wochenpredigten über Matthäus 5-7 (1530-1532), WA 32, 302,18-305,3.

Hier der Text als pdf.

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