Hans Joachim Iwand über die kirchliche Schriftauslegung: „Der Buchstabe der Schrift ist nun einmal diese Stelle, wo wir anklopfen dürfen und müssen, und ohne die Mühe um den Buchstaben wird die Gabe des Geistes nicht empfangen.“

Was Hans Joachim Iwand als Vorwort zum vierten Heft der von ihm herausgegebenen Predigtmeditationen für das Kirchenjahr 1946/47 geschrieben hatte, ist für die kirchliche Schriftauslegung unserer Zeit von Bedeutung:

Vorwort zum vierten Heft

Von Hans Joachim Iwand

Aus raumtechnischen Gründen muß der Gruß an die, welche uns durch Zuschriften in unserer Arbeit geholfen haben, diesmal kürzer ausfallen, als beabsichtigt war. Nur eins möge gesagt sein: die kritischen Stimmen, die uns erreichten, waren mit wenigen Ausnahmen auf einen Ton gestimmt: die Exegese mag richtig sein, aber es fehlt die konkrete Bezogenheit auf die Praxis. Ob man so zwischen einer an sich richtigen exp1icatio und einer auf einem anderen Blatt stehenden, aus irgendwelchen zeitlichen, psychologischen, materiellen und geistigen Nöten stammenden bzw. auf sie zu beziehenden applicatio unterscheiden darf? Wahrschein­lich wird, wo die applicatio nicht stimmt, auch die explicatio nicht stimmen. Denn auch die Richtung, in der das Wort Gottes uns trifft und anspricht, liegt in ihm selbst, das Wort behält sich auch in seiner ,,Anwendung“ selbst in der Hand.

Liegt also ein Mangel vor, dann ist dieser ein solcher der Auslegung selbst. Man soll ihn sich nicht verdecken und verhehlen, weder in der Meditation noch in der Predigt, indem man am Text vorbei die Belebung der Verkündigung zu gewinnen sucht. Wir möchten mit unserer Arbeit allen denen beistehen, die nun doch da anklopfen, wo einmal — wenn Gottes Gnade gibt — aufgetan wird, die dort suchen, wo die Verheißung des Findens uns gegeben ist. Der Buchstabe der Schrift ist nun einmal diese Stelle, wo wir anklopfen dürfen und müssen, und ohne die Mühe um den Buchstaben wird die Gabe des Geistes nicht empfangen. Allen aber, die noch zu glauben vermögen, daß die Bemühung um die Schrift die wahre und erstrangige Bemühung um die Erneuerung der Kirche sein müßte, grüße ich mit einem Satz aus Bengels Vorwort zu seinem Gnomon: „Scriptura ecclesiam sustentat: ecclesia Scripturam custodit. Quando viget ecclesia, Scriptura splendet: quando ecclesia aegrotat, Scriptura situm contrahit. Itaque Ecclesiae Scripturaeque facies simul vel sana solet apparere vel morbida: et ecclesiae constitutioni subinde respondet tractatio Scripturae. (Die Schrift erhält die Kirche und die Kirche hütet die Schrift. Blüht die Kirche auf, dann leuchtet die Schrift. Ist die Kirche krank, dann verstaubt die Schrift. So kommt es, daß das Angesicht der Kirche und das der Schrift immer zugleich entweder die Spuren der Gesundheit oder der Krankheit zu zeigen pflegt, und der Schriftgebrauch entspricht immer wieder dem Zustand der Kirche.)“[1]

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 94f.


[1] J. A. Bengel, Gnomon Novi Testamenti, ed. VIII. P. Steudel, Stuttgart 1887, Praefatio § 5, XIX.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s